20.09.2004

MUSEENKunst des Erbens

An diesem Dienstag eröffnet in Berlin die mit vielen schönen Leihgaben auftrumpfende „Friedrich Christian Flick Collection“ - die Gegner des Sammlers nutzen den Rummel für neue Angriffe.
Beim wichtigsten Kunstereignis des Jahres wären sehr viele Menschen gern dabei; deshalb wird es in zwei Schichten zelebriert. Die ersten 3000 Vernissage-Gäste sollen um 19 Uhr eintreffen, der zweite geladene Schwung darf sich so gegen 22 Uhr blicken lassen.
Das Publikum kann sich auf allerhand gefasst machen, etwa auf bunt-bedeutungsschwere Ästhetik, die sich auch als Störfaktor versteht. So lässt es zumindest die Einladungskarte vermuten, auf der ein Neonkunstwerk mit dem Titel "Doppeltes Stochern im Auge" abgebildet ist - autsch.
Am Dienstag wird in Berlin die "Friedrich Christian Flick Collection" eröffnet. All jene, die zur 19-Uhr-Runde gehören, werden ver-
mutlich fünf angekündigten Rednern zuhören, darunter außer Sammler Flick auch Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Berlin in Nehmerlaune: Es geht um viel, auch um viel Kunst. Flick, Enkel und Erbe des Großindustriellen Friedrich Flick, verleiht für die nächsten sieben Jahre seinen riesigen, 2500 Werke umfassenden und angeblich über 200 Millionen Euro teuren Kunstbestand an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Betreut wird die Sammlung vom Museum Hamburger Bahnhof.
Direkt neben dessen klassizistischem Bau wurde sie auch untergebracht, in einer weitläufigen ehemaligen Speditionshalle, die der Mäzen auf eigene Kosten zum Ausstellungshaus hat umbauen lassen. Beide Gebäude sind nun durch eine schlauchähnliche Architektur verbunden. Zur Feier der Übergabe zeigt man an beiden Orten eine eindrucksvolle Auswahl der Flick-Leihgaben.
Etwa die hübsch vermüllte Chaos-Landschaft aus Sperrholz, Plastikutensilien und Baseballkorb, die der kalifornische Künstler Jason Rhoades eigens für die Schau neu drapiert hat, die geheimnisvoll eisige Malerei des Belgiers Luc Tuymans, die angerauten Objekte des Österreichers Franz West und die Serie "Soldiers" des deutschen Fotografen Wolfgang Tillmans. Der Amerikaner Paul McCarthy hat die pornografisch angehauchte Version eines Saloons fabriziert, der nun hoch und wuchtig im Zentrum des Hamburger Bahnhofs steht.
Den Rummel um den Ausstellungsstart wollen auch Flicks Gegner nutzen.
Das Fritz Bauer Institut - renommiertes Forschungszentrum zum Holocaust - lädt am Tag vor der Eröffnung in die Freie Universität Berlin ein. Dort werden am Montag ehemalige Zwangsarbeiterinnen öffentlich schildern, was sie einst in den Sprengstofffabriken Friedrich Flicks erleben mussten.
Von Micha Brumlik, dem Leiter des Fritz Bauer Instituts, stammen auch Idee und Vorwort zu einem noch rasch gedruckten Buch, das ebenfalls an diesem Montag vorgestellt wird. Verfasst wurde es vom Berliner Journalisten Peter Kessen, der Titel lautet: "Von der Kunst des Erbens. Die Flick-Collection und die Berliner Republik". Institutschef Brumlik greift in harten Worten Flick und auch die Bundesregierung an: "Namentlich der Kanzler und seine Kulturstaatsministerin" reihten sich mit der unkommentierten Ausstellung der Flickschen Kunst in die "politische Tradition der Verleugnung ein", behauptet Brumlik.
Für den Samstag ist auf Initiative der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst eine Podiumsdiskussion angesetzt, die sich mit Flick und der "Kunst des Sammelns" beschäftigen will. Bei diesem Anlass soll eine weitere Publikation präsentiert werden. Und eine bereits seit zwei Jahren laufende Ausstellung im Prenzlauer Berg Museum zum Thema Zwangsarbeit wurde um Beiträge zur Geschichte der Flickschen Unternehmen erweitert und in der vergangenen Woche vom Berliner Kultursenator Thomas Flierl neu eröffnet.
Dabei ist unstrittig, dass es Berlin bislang an solch Aufsehen erregender Gegenwartskunst und an den vielen auf dem internationalen Markt hoch gehandelten Künstlernamen fehlte, wie sie Flick bietet. "Wenn wir als Museum solche Mittel zur Verfügung hätten wie Herr Flick, dann hätten wir ähnliche Kunst erworben", schwärmt Eugen Blume, der Leiter des Hamburger Bahnhofs. Die Qualität der Kollektion stehe außer Frage.
Blume ist für die Erstpräsentation zuständig, und er hat sich vorgenommen,
den "Charakter dieser Sammlung deutlich zu machen". Es war seine vielleicht allzu ambitionierte Idee, die Werke nach Themen zu bündeln, deren Titel die Kunst gleich noch mal irritierender erscheinen lassen sollen; Tillmans Soldaten etwa, die im Kellergeschoss der Speditionshalle hängen, gehören zum Kapitel "Heimat".
Erstaunlich an der Debatte um die Leihgabe der Flick-Collection, die der in der Schweiz lebende Kunstfreund zwei Tage nach seinem 60. Geburtstag einweiht, ist unter anderem, dass sie erst lange nach Bekanntwerden von Flicks Berlin-Vorhaben einsetzte.
Dann wurde die Kontroverse umso heftiger: Seit Monaten befinden sich die Feuilletons im Erregungszustand. Salomon Korn, der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden, nannte Flicks Projekt einen Versuch der "Weißwäsche" von "Blutgeld". Auch Flicks Schwester Dagmar Ottmann hat Stellung bezogen - gegen ihren Bruder.
Stets wird Flick vorgehalten, dass er trotz der Verbrechen seines Großvaters Friedrich Flick nicht in den so genannten Zwangsarbeiterfonds eingezahlt hat. Es ist ein Streit, von dem die "New York Times" meint, er "spaltet Berlin".
Die Nervösität der Streitenden ist jedenfalls groß. Die "taz" monierte jüngst, der "Widerstand gegen Flick" sei "bisher eher mau". Das klang, als hoffte man auf mehr handfesten Krawall.
Auf der anderen Seite hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Gastgeber und Nutznießer der Sammlung sich erst provokant spät und dann meist abwiegelnd in die Diskussion eingemischt, außerdem wesentliche Details ihres Deals mit Flick nur zögerlich bekannt gemacht: Als anrüchig gilt Kritikern unter anderem die Absprache, Flick dürfe jederzeit Werke aus der Kollektion abziehen und verkaufen.
Gegner des Projekts haben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zuletzt noch etwas anderes vorgehalten: Einige von deren Mitarbeitern, etwa Museumsleiter Blume, hätten akzeptiert, dass Flick ihnen schon mal ein Flugzeug zur Verfügung gestellt oder die Flugkosten übernommen hat, wenn sie im Dienste seiner Sammlung nach Zürich, Wien oder New York gereist sind; auch für Hotelrechnungen und diverse Mahlzeiten sei er aufgekommen. Es habe eine parlamentarische Anfrage gegeben, bestätigt eine Sprecherin der Stiftung - "es gab den Verdacht einer persönlichen Vorteilnahme, und wir haben diesen Verdacht entkräftet".
Der Vorwurf spiegelt womöglich die ganze Berliner Schizophrenie. Denn ist es nicht eben das, was man von einem Mäzen erwartet: dass er Schatzkammern und Geldbörse öffnet und seine Freigiebigkeit beweist? ULRIKE KNÖFEL
* Mit Werken von Franz West und Martin Kippenberger.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 39/2004
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