05.03.1958

LANDWIRTSCHAFTDer Stall ist offen

Vor der II. Konferenz der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) des Bezirks Cottbus berichtete jüngst ein Kollege Seidel, mit welchen Schwierigkeiten- er als Vorsitzender der LPG Eichow zu kämpfen hat: "Es gab auch in unserem Ort die Frage, überstehen denn die Rinder überhaupt die Offenhaltung in den Wintermonaten? Und es gab auch noch andere Argumenten, die auf einer Welle durchgegeben wurden, die dem Gegner dient."
Kollege Seidel aber brachte seine Bauern dazu, auf ihn und nicht auf die Argumente des Gegners am Rundfunk zu hören: "Es gab sogar Verbesserungsvorschläge von werktätigen Einzelbauern, die uns halfen, schneller, besser und billiger zu bauen. Dafür haben wir natürlich das Richtfest gemeinsam gefeiert, und alle Vorurteile über einen Rinderoffenstall gingen dann beim Takt eines Rheinländers unter."
Nicht überall in der "Deutschen Demokratischen Republik" ist das agrarpolitische Problem, das der Kollege Seidel vor den Cottbusser LPG-Delegierten anrührte, bisher auf so harmonische Weise gelöst worden wie in Eichow. Seit der Erste Sekretär des SED-Zentralkomitees, Walter Ulbricht, auf der 33. Plenarsitzung des ZK im Oktober vergangenen Jahres der Landwirtschaft parteiamtlich die Aufgabe zuwies, zukünftig vorwiegend Offenställe zu errichten, ist die Debatte um Für und Wider dieser Maßnahme noch nicht zum Abschluß gekommen.
Nächst der "sozialistischen Umgestaltung" der Landwirtschaft und dem vermehrten Anbau von Mais und Zuckerrüben sollider Bau von Offenställen dazu beitragen, das Ziel des zweiten Fünfjahrplans zu erreichen, nämlich "die Steigerung der Erträge der tierischen Produktion und die weitere Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung aus eigenem Aufkommen".
In seinem Offenstall-Referat vor dem SED-Zentralkomitee hatte Ulbricht gesagt: "Wenn alle Genossen ... über die Fragen (der Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion) in Versammlungen sprechen und in offenem Meinungsaustausch Unklarheiten beseitigen ..., dann wird es gut vorwärtsgehen." Die Funktionäre der Einheitspartei machten deshalb aus dem Offenstall eine Art von sozialistischer Errungenschaft, für die, es gilt, sich kämpferisch einzusetzen.
In Offenställen lebt das Vieh praktisch im Freien Die Tiere werden in einer überdachten Remise untergebracht, die nach einer Seite, meistens nach Süden, offen ist, und können sich innerhalb des überdachten Raumes und auf einem Auslaufplatz vor dem Stall frei bewegen. Sie haben freie Futterwahl an der Rauhfutterraufe, an den Gärfutterbehältern und an der Tränke.
Die Vorteile dieses Systems stellen sich nach Meinung der "Brandenburgischen Neuesten Nachrichten" so dar: "Bis 1960 sind in der DDR etwa 310000 Milchkühe unterzubringen, von denen 70 Prozent in Offenställen gehalten werden sollen. Dadurch werden wir 66 Prozent der Kosten und rund 64 Prozent des sonst (für Massivställe) benötigten Baumaterials einsparen. Der Aufwand an Baukosten Würde bei der alten Bauweise 650 Millionen Mark betragen, beim Bau der Offenställe jedoch nur 217 Millionen Mark. An Holz kann unsere Republik bei der Schaffung der Offenställe 41000 Festmeter einsparen. Hinzu kommen noch 194000 Tonnen Zement, 13000 Tonnen Stahl und 338 Millionen Stück Mauersteine, die frei werden und nun anderswo verwertet werden können."
Die agronomischen Rechner in der "DDR" haben noch einen anderen Gewinn ausgetüftelt: Nach ihren Überlegungen sinkt der menschliche Arbeitsaufwand je Tag und Kuh in der Offenstallhaltung auf elf Minuten. "Der werktätige Einzelbauer muß im Durchschnitt 40 Minuten täglich aufwenden, um eine Kuh zu füttern, zu entmisten und zu melken. Dieser Unterschied zwischen elf und vierzig Minuten macht im Jahr 17 ganze Arbeitstage aus. Setzt man für den Wert einer Arbeitsstunde 1,50 Mark ein, so verbraucht der Einzelbauer je Tier im Jahr 261 Mark. Das Mitglied einer Viehwirtschaftsbrigade in der LPG, die einen Offenstall besitzt, spart zum Wohle aller Mitglieder der Genossenschaft den entsprechenden Betrag ein."
Folgerten die "Brandenburgischen Neuesten Nachrichten": "Dieses Beispiel beweist einmal die grundsätzliche Überlegenheit der sozialistischen Großproduktion und zum anderen die höhere Rentabilität der Offenstallanlagen."
Nun sind Offenställe freilich keine Erfindung, die den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der Sowjetzone zu danken wäre. Erster Offenstall-Pionier war vielmehr der Tiroler Bauer Grat aus Tannheim an der Vils, der 1950 den Einfall hatte, seine Kühe in einen halb offenen Stall zu stellen. Das Experiment sprach sich herum, und seither stellen Agrarwissenschaftler beiderseits der Zonengrenze Offenstall-Untersuchungen an- Viele westdeutsche Landwirte haben schon Offenställe eingerichtet.
Den Wirtschaftsplanern der "Deutschen Demokratischen Republik" erschien die neue Stallidee als Ausweg aus der allgemeinen Versorgungsmisere. So fand der Offenstall sogar einen würdigen Platz im "Gesetz über den zweiten Fünfjahrplan zur Entwicklung der Volkswirtschaft in der DDR", und bald zogen SED-Propagandisten durch das Land, um die Bauern zu animieren, ihren Stall offen zu lassen. Das Ministerium für Land- und Forstwirtschaft des Bauernparteilers Hans Reichelt gab ein Merkblatt "Hinweise zur Errichtung von Milchviehoffenställen" heraus.
Zugebaute Offenställe
Bald aber sah sich beispielsweise die SED-Zeitung "Das Volk" veranlaßt, ihre bäuerlichen Leser zu ermahnen, sie müßten den Offenstallbau ernster nehmen: "In der LPG Mannstedt, Kreis Sömmerda, hat man schon vor einiger Zeit mit dem Bau eines Offenstalles begonnen, aber das Projekt wurde von der Aufbauleitung nicht mit den Genossenschaftsbauern diskutiert, und sie wissen heute noch nicht, wie es in der Endausführung aussehen und funktionieren wird. Gerade die Überzeugungsarbeit ist das wichtigste."
In einigen Kreisen, so klagte "Das Volk", sollen "zugebaute Offenställe und andere Gebilde entstehen, nur keine wirklichen Offenställe. Die Bauten in Westhausen, Kreis Gotha, in Bargern, Kreis Weimar, oder Weberstedt, Kreis Bad Langensalza, sind keine überzeugenden Beispiele für den Offenstall."
Die Zeitung empfahl, es ebenso zu machen, wie beim Rat des Bezirkes, wo unter der Leitung von Sonderbeauftragten "operative Gruppen" gebildet wurden, "denen der Kreiszootechniker, Kollegen der Abteilung Aufbau, des Entwurfsbüros, der Energieversorgung, Wasserwirtschaft und des Referats LPG angehören".
Auch anderswo will es mit den Offenställen nicht recht vorangehen. Schrieb die "Leipziger Volkszeitung": "In der LPG Podelwitz wußte außer dem Vorsitzenden kein Mitglied, auch der Buchhalter nicht, wo der Stall gebaut werden soll." Und der "Schweriner Volkszeitung" klagte der Genosse Tesch, Erster Sekretär der Betriebsparteiorganisation im Wittenberger Nähmaschinenwerk: "Nur müßten wir wenigstens von der Zeichnung her wissen, wie so ein Stall eigentlich aussieht."
Die Bezirks-Agronomen erließen Aufrufe, alle Kreise sollten "den Wettbewerb von Kreis zu Kreis aufnehmen", damit die sowjetzonalen Kühe schon zum Frühjahr in die neuen Offenställe einziehen können. Im Kreis Schwerin wurden zwischen den Betrieben und deren Paten-LPG Hilfsverträge abgeschlossen. So errichteten Arbeiter der Schweriner Klement-Gottwald-Werke einen Offenstall für ihre Patenbauern in Leezen. Eisenbahner, Bahnpolizisten, Jugendliche, Soldaten und sogar Angehörige einer sowjetischen Truppeneinheit legten ebenfalls Hand an. "Für das Herrichten des Dachstuhls ist vorgesehen, Genossen der Kampfgruppe mit heranzuziehen", meldete die "Schweriner Volkszeitung".
Kollege Seidel aus Eichow aber konnte den Funktionären der LPG-Konferenz des Bezirks Cottbus in der vorletzten Woche berichten, die ihm unterstellten Kühe würden in Bälde die Vorzüge eines Offenstalls genießen können, nachdem beim Richtfest alle Vorurteile im Rheinländer-Takt untergegangen waren.
Auch ein letztes Gegenargument seiner Bauern hat er inzwischen ausräumen können, das Argument, die Offenställe würden mit Rundholz gebaut, "und das wäre doch kein schöner Stall, das wäre doch nichts für die Tiere".
Antwortete Kollege Seidel: "Ich bin der Meinung, daß sich unser Rindvieh sehr schnell an das Rundholz gewöhnen wird."

DER SPIEGEL 10/1958
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