30.04.1958

KWAI-MARSCHPfiffe auf dem Golfplatz

Schon am ersten Drehtag zu dem Film "Die Brücke am Kwai" haderte Regisseur David Lean mit unerwarteten Schwierigkeiten: Der Marsch der zerlumpten englischen Kriegsgefangenen, der den Film eröffnet, entsprach nicht seinen Vorstellungen. Die zweihundert Statisten marschierten holprig und ohne Schwung.
Zwanzigmal ließ der Regisseur die Szene wiederholen, aber immer wieder trotteten die Komparsen ohne das kecke Selbstbewußtsein an der Kamera vorbei, das gerade durch das exerziermäßige Marschieren der äußerlich verwahrlosten Kriegsgefangenen zum Ausdruck kommen sollte.
"Vielleicht sollten wir einen Marsch pfeifen", schlug einer der Statisten vor. Lean war einverstanden, aber dennoch ratlos: "Es gibt bei uns in England mindestens 150 Märsche. Ich kenne nur einen." Er pfiff die ersten Takte dieses Marsches, die Marschierer pfiffen mit, und Mitte dieses Monats, fünf Wochen nach der Uraufführung des Films mit der gepfiffenen Marschmelodie, sah sich der Kritiker Karl Korn von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu der Feststellung gedrängt: "Wir haben einen neuen Fall von kollektiver Besessenheit durch eine Melodie ...
Dabei entpuppte sich kurioserweise die Bundesrepublik Deutschland als das Zentrum des Kwai-Erfolges. Die Schallplatten-Firma Philips, die das Original-Filmarrangement des Pfeifmarsches herausbrachte, verkündete einen neuen Absatzrekord in Deutschland: Sie verkaufte binnen sechs Wochen über 600000 Platten mit dem "March from the River Kwai".
Nachdem Philips-Verkaufschef Schrade allein aus Bremen 30000 Bestellungen an einem einzigen Vormittag erhalten hatte, spannte er zusätzlich Pressereien in Holland und in Norwegen ein, um die phänomenale Nachfrage befriedigen zu können. Schrade: "In einem halben Jahr haben wir mit Sicherheit die 1-Millionen-Grenze erreicht. Die Verkaufszahlen werden auf jeden Fall die Absatzzahlen in den USA und in allen europäischen Ländern übertreffen."
Die Schlager-Experten verzeichneten mit Verwunderung, daß zum erstenmal seit dem Auftauchen des Sportpalast-Walzers eine gepfiffene Melodie ohne Text zum Weltschlager geworden ist. Die Schlager-Industriellen in dem Land mit dem zweitgrößten Kwai-Platten-Erfolg - Frankreich - haben allerdings schon den Mangel behoben, der dem Marsch bei der Filmpremiere noch anhaftete: Dank der Privat-Initiative der französischen Schlagersängerin Annie Cordy ("Freddy") wurde die. alte Marschmelodie buchstäblich über Nacht mit einem Text ausgestattet.
In einer Vorführung des Kwai-Films am 15. Februar hatte die Cordy sich daran erinnert, daß sie die von den Gefangenen gepfiffene Melodie schon einmal als junges Mädchen, bei ihrem ersten Ball im Jahre 1934, gehört hatte. "Gepackt durch die Melodie und durch die Erinnerungen, rannte ich sogleich nach Filmschluß zum Telephon", berichtet die Cordy. Sie klingelte den Textdichter Robert Chabrier aus dem Bett und pfiff ihm durchs Telephon die Melodie vor: Er müsse, bat die Cordy, seinern Schlaf entsagen und bis zum Morgen des nächsten Tages einen ansprechenden Text verfassen. Noch in derselben Nacht reimte Chabrier:
Hello, le soleil brill, brill', brill'
tu reviendras bientôt
Là-bas dans ton village
Aux verts cottages
Plein de chants d'oiseaux . . .
(Hallo, die Sonne scheint, scheint, scheint. Du wirst bald zurückkehren, dort zu deinem Dorf, mit den grünen Hütten, erfüllt von dem Gesang der Vögel.)
Mit diesem. Text, in dem noch die Rede von Schottland und von einer Hochzeit ist, begab die Cordy sich am nächsten Morgen in das Büro des künstlerischen Leiters der Pariser Schallplattenfirma Pathé-Marconi. Der Sängerin gelang es mit Geduld und Energie, den Direktor Sclingand und das für Neu-Aufnahmen zuständige Büro davon zu überzeugen, daß der von Robert Chabrier zu der Melodie eines vorläufig unbekannten Komponisten gedichtete Text, gesungen von Annie Cordy, ein großer Schlager werden würde.
Das für Neu-Aufnahmen zuständige Büro setzte sich mit dem für Nachforschungen zuständigen Büro in Verbindung, und man begann Erhebungen darüber anzustellen, wer wann wo die Melodie komponiert habe und wer die Rechte an dieser Melodie besitze. In emsiger Arbeit wurde noch im Laufe desselben Tages festgestellt, daß die Melodie keineswegs - wie vermutet - von dem Komponisten des Kwai-Films, Malcolm Arnold, stammte, obwohl der für die Filmmusik einen "Oscar" erhalten hatte. Die Rechercheure der Pariser Schallplattenfirma brachten vielmehr in Erfahrung:
> Der Marsch wurde von dem englischen Kolonialoberst F. J. Ricketts (Künstlername: Kenneth J. Alford) komponiert, der bereits vor Jahren verstarb;
> er hatte die Melodie in den ersten Kriegstagen des Jahres 1914 geschrieben und sie unter dem Titel "Colonel Bogey March" herausgebracht*;
> Ricketts wurde zu den Anfangstakten der Melodie durch einen groben Wächter inspiriert, der ihn - weil er einen Golfplatz unberechtigt betreten hatte - mit diesem Pfiff herbeizitierte, zur Rede stellte und vom Platz verjagte. Ricketts eilte daraufhin nach Hause, um den melodischen Pfiff des Grobians zu einem Marsch auszuweiten;
> die Rechte des Musikstückes besitzt Ricketts Witwe, die noch heute in Südafrika lebt.
Den Pariser Schallplattenleuten gelang es noch am selben Tage, mittels Ferngespräch das Einverständnis der Komponistenwitwe zu einer mit Chabriers Text angereicherten Neuproduktion einzuholen. Bereits am 27. Februar erschien die von Annie Cordy besungene Kwai-Platte auf dem französischen Schallplattenmarkt, und binnen zehn Tagen wurden 11000 Exemplare von der Neufassung der 44 Jahre alten Melodie abgesetzt. Damit begann jene Kettenreaktion, die zwangsläufig nach jedem Schallplattenerfolg einsetzt:
> Das für die Streichorchester zuständige Büro von Pathe-Marconi arrangierte den "Colonel Bogey March" für ein Streichorchester;
> das für die Trompeten zuständige Büro folgte mit Bogeys Vertrompetung;
> das für die Sängerin Yvette Girand zuzuständige Büro brachte eine Girand -Gesangsplatte heraus;
> das für Ziehharmonikas zuständige Büro ist gerade dabei, den Colonel-Bogey -Marsch als Ziehharmonikaweise aufzunehmen;
> das für den italienischen bel canto zuständige Büro hat bereits den Sänger Renato Carosone für eine neue Colonel -Bogey-Version engagiert;
> das für Flöten zuständige Büro wird am 7. Mai mit einem von dem Solisten Roger Bourdin zart geflöteten "Colonel Bogey March" nachhinken.
Ähnlich reagierten die Schallplattenwerke in Deutschland. Die Firma Polydor engagierte Helmut Zacharias, damit er die Marschmusik mit seiner "Zaubergeige" spiele, die Firma Electrola brachte eine Aufnahme des englischen Orchesters Ron Goodwin auf den Markt, und bei Teldec (Telefunken/Decca/RCA) war man so sehr von dem heraufrollenden Kwai-Boom überwältigt, daß man die Melodie nicht nur als Marsch, sondern zusätzlich auch noch im Takt der Merengue arrangierte, einem dem Samba ähnlichen Modetanz.
Die Spitzenposition aber hält nach wie vor die Originalversion aus dem Film, das von dem amerikanischen big-band-leader Mitch Miller gespielte Arrangement. Philips-Verkaufsleiter Schrade ist überzeugt: "Wenn der Colonel-Bogey-Marsch instrumental in herkömmlicher Marschmusik-Art gespielt und nicht gepfiffen worden wäre, so wäre er niemals ein Schlager geworden."
Der Verkaufserfoig dieser "neuen Masche mit Trommel und Pfeifen" (Schrade) fasziniert die deutschen Schallplatten-Industriellen so sehr, daß nunmehr in fast allen Schallplatten-Studios bewährte Schlager im Marschtakt hervorgekramt werden. Sie sollen, mit Trommeln und Pfeifen neu arrangiert, schon in der nächsten Verkaufsstaffel angeboten werden.
* "Colonel Bogey" (Oberst Bogey) wird im Golfsport der imaginäre "fehlerfrei spielende gute Durchschnittsspieler" genannt, dessen angenommene Leistung als Norm ("Einheit") für die Zahl der Schläge einer Platzrunde zugrundegelegt wird. Die Einheits- ("Bogey"-) Zahl gibt die Mindestzahl der Schläge an, die ein guter Durchschnittsspieler bei fehlerfreiem Spiel für eine Runde Golf auf einem bestimmten Golfplatz benötigt. "Bogey 70" bedeutet beispielsweise, daß der imaginäre "Colonel Bogey" 70 Schläge benötigen würde.

DER SPIEGEL 18/1958
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