27.09.2004

WAHLKAMPFSolo für Tante

George W. Bush mobilisiert die Familie - seine Tante Nancy schickt er nach Frankfurt.
Plötzlich grelles Licht, der Kameramann hat die Spotlampe angeknipst, die Frau in dem Sessel zuckt zusammen. "Oje, bitte, müssen Sie mir mit all diesen, diesen Dingern, diesen Lampen und Kameras denn so nah kommen?"
Die Frau blinzelt, ihre Stimme klingt zitterig und gereizt: "Muss das wirklich sein?"
Die Herren in den dunkelblauen Anzügen schauen verlegen. Suite 4406 liegt im obersten Stockwerk des Marriott-Hotelturms zu Frankfurt am Main, Executive Floor, Panoramablick über Frankfurt am Main, draußen rauscht der Regen.
Und das mit den Fernsehkameras, den Lampen und Medien - das muss wirklich sein. Weil Wahlkampf Krieg ist, wird einer von ihnen später sagen.
Die Frau in dem Sessel hat graue Locken und geschwollene Hände, gesprenkelt mit braunen Altersflecken. Die N-tv-Reporterin, die vor ihr hockt und mit dem Mikro fuchtelt, trägt ein kurzes T-Shirt und ein glitzerndes Bauchnabelpiercing. "Also, warum sind Sie hergekommen, Mrs. Bush?"
Die alte Dame in dem Sessel setzt sich gerade. Räuspert sich. "Ich bin hier, um den Amerikanern in Europa zu sagen, dass der derzeitige Präsident ein sehr guter Präsident ist. Jawohl. Und dass er ein prima Junge ist. Und dass ich das weiß, weil er schließlich mein Neffe ist und auch der Präsident ..." Der Anfang war gut einstudiert, am Ende hat sie sich ein bisschen verhaspelt.
Sie blickt starr an der Kamera vorbei.
Und wie oft haben Sie Kontakt?
"Ich rufe ihn ab und zu an, im Weißen Haus werde ich immer gleich durchgestellt, die Telefonistinnen kennen mich alle noch, das ist nett." Sie versucht zu lächeln.
Und was halten Sie von Michael Moore, der die Politik ihres Neffen so kritisiert?
Die Augen der alten Frau, eben noch aufgerissen, werden splitterschmal.
"Michael Moore? Ein Arsch."
Die Herren in den dunkelblauen Anzügen schauen aus dem Fenster, Wolken fliegen, Regen fällt. Man hat es eben nicht immer in der Hand.
Um 12.05 Uhr landete die Lufthansa-Maschine LH 4213 aus Paris auf dem Frankfurter Flughafen. Passagierin in der Business Class: Nancy Bush Ellis, 78 Jahre alt, geborene Bush, verwitwet, mager und zäh, die Inge Meysel des amerikanischen Wahlkampfs, wohnhaft in Boston, wo sie manchmal in die Oper geht. Schwester des 41. Präsidenten der USA und Tante des 43., der nicht nur ein prima Junge ist, sondern vor allem ein Politiker mit Mumm. Der Einzige, der in einer Welt der Feiglinge und Drückeberger den Terroris-ten Einhalt gebietet. "Es sind kranke, böse Typen."
Was wissen Sie über die Hintergründe des Terrorismus, Mrs. Bush?
"Nicht viel ..." Sie räuspert sich. "Eigentlich nichts."
Vor rund drei Wochen kam Diana Kerry, Schwester von John F. Sie stieg in München ab und warb für ihren Bruder und die Demokraten. Die Vereinigung der "Republicans Abroad Europe", der in Europa lebenden Anhänger der Republikaner, musste also handeln. Robert R. Pingeon, republikanischer Chairman aus Paris, 53 Jahre alt, Firmenberater, ein schmaler, kultivierter Herr, rief in der Wahlkampfzentrale an: "Schickt uns einen Bushi, irgendeinen!"
Die meisten Auslandsamerikaner leben in Kanada und Mexiko, jeweils etwa eine halbe Million. In Europa sind es schätzungsweise 2,7 Millionen Amerikaner, in Deutschland wohl 120 000, sagt Pingeon. Das macht etwa 80 000 Wähler, das macht 40 000 potenzielle Republikaner-Wähler, das macht Deutschland zum Swing-State. "Hier könnte es sich diesmal entscheiden", sagt Pingeon.
Die Bush-Zwillingstöchter Jenna und Barbara brauchte man für die Jungwähler daheim, schon um den Kerry-Töchtern Vanessa und Alex entgegenzutreten. Unabkömmlich war auch Jeb, der jüngere Bruder, der den Bundesstaat Florida halten soll; und Jebs Sohn George P., glutäugig, gut aussehend, der Ricky Martin der Bush-Dynastie, wurde nach Mexiko entsandt.
Für Europa, "old Europe", blieb da nur noch die Tante.
Und so sitzt sie hier, Nancy Bush Ellis, sie nestelt an einem bunten Tuch, das in ihrem Schoß liegt und erklärt die Weltformel der Bush-Familie in einem Satz. Es gibt Böse und Gute, kranke, böse Terroristen, die es wagten, Amerika anzugreifen - und es gibt ihren Neffen.
Abends zum Wahlkampf-Dinner sind weniger Gäste gekommen als geplant, nur 32 sitzen an den 4 runden Tischen. Nach der Vorspeise tritt Nancy Bush ans Rednerpult. Kann sein, dass viele ihren Neffen für dumm halten. Aber das sei er nicht, erstens war er in Yale, zweitens in Harvard, drittens sei er ein unverwüstlicher Optimist.
Der Applaus klingt höflich. Sie verabschiedet sich früh, Wahlkampf ist Krieg, und der geht morgen weiter.
RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 40/2004
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