27.09.2004

BUNDESWEHRAn Härte gewöhnt

Auch in Deutschland lernen Elitetruppen, wie man eine Geiselhaft übersteht. Ein Teilnehmer berichtet, dass es bei früheren Lehrgängen nicht immer ohne Gewalt und Psychoterror abging.
Für den Lehrgang waren nur Elitesoldaten zugelassen. Fit, gestählt und immer bereit, über sich hinauszuwachsen, so mussten die Männer sein. Doch was dann im Keller der Kaserne geschah, ging auch dem Härtesten an die Substanz.
Die Ausbilder stülpten dem Gefangenen einen dichten, doppelt genähten Jutesack mit Mist über den Kopf, voller Hühnerdreck - der riecht am schlimmsten. "Man musste aufpassen, dass der Mann psychisch nicht umkippt", erinnert sich Uwe von Schoenfeldt, 43.
Schoenfeldt hat in den achtziger Jahren als Ausbilder an der Internationalen Fernspähschule, damals im württembergischen Weingarten, gedient. Dort wurden jene Elitesoldaten geschult, die hinter den feindlichen Linien kämpfen sollten. Mehrmals nahm er an dem Härtelehrgang "Resistance to Interrogation" teil - einem Überlebenstraining, das dazu diente, Elitesoldaten auf Geiselhaft und Gefangennahme vorzubereiten. Ein Training aber auch, sagt Schoenfeldt, in dem "wir Methoden lernten, die wir später auch selbst anwenden konnten". So war der Mann, der die Bundeswehr mittlerweile verlassen hat, kaum überrascht, als die Folterbilder aus dem Gefängnis Abu Ghureib im Irak bekannt wurden. Manche der dort dargestellten Szenen kannte er nur zu gut - er hatte sie in den Kursen geübt.
Gab es also auch in Deutschland indirekt ein Foltertraining, in Form von Übungen zum Überleben in Gefangenschaft? Bekamen insofern auch deutsche Soldaten das Rüstzeug mit, um Menschen zu quälen, aus eigener Überforderung, aus Sadismus oder um wichtige Informationen zu bekommen?
Klaus Dieter Wendeborn, von 1982 bis 1992 Leiter der Spähschule, sagt, dass "alles, was bei uns im Keller passiert ist, streng legal war". Normales Elitetraining eben: Stundenlanges Stehen an der Wand, die Leute der Kälte aussetzen, sie zu desorientieren, all das, so Wendeborn, zähle zu den Methoden, "um Gefangene vor einem Verhör gefügig zu machen".
Spezialkräfte müssten sich eben auch "an Härte gewöhnen". Er selbst habe einmal 54 Stunden in der Kälte an einer Wand stillgestanden, bis "mir die Kniescheiben gewackelt haben". Doch der Oberstleutnant a. D. sagt auch, dass die Führung nicht immer wissen könne, "was in jeder Phase der Ausbildung passiert". Nicht jeder junge Ausbilder bewahre die Ruhe. Er wisse schon, dass es immer Leute gebe, die "geil auf Macht" seien, sagt der Offizier im Ruhestand. Deshalb habe er stets Wert darauf gelegt, dass "das, was wir machen, nicht geil oder Fun ist, sondern ein hochgradig ernsthafter Auftrag".
Bei den Elitetruppen der Bundeswehr - Kampfschwimmern, Fallschirmjägern, dem Kommando Spezialkräfte (KSK) - gehört ein "Verhörlehrgang" gestern wie heute zum Routineprogramm. "Folterlehrgang" heißen die Kurse im Soldatenjargon.
In der Vergangenheit haben sich Teilnehmer eines solchen Spezialtrainings mehrfach über die enormen Belastungen beschwert. Besonders das Rollenspiel einer gespielten Geiselnahme eines Busses mit Soldaten sorgte vor zwei Jahren für Verärgerung, als die "Angreifer" allzu hart mit den Bundeswehrleuten umgegangen waren. Das sei aus der Welt, sagt Bundesverteidigungsminister Peter Struck, seither habe es keine offizielle Beschwerde mehr gegeben: "Ein deutscher Soldat foltert niemanden."
Ähnlich entschlossen äußerte sich am vergangenen Dienstag der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags, Willfried Penner (SPD). Der demokratisch verfasste Staat müsse "Abstand wahren zu Folter und Folterern. Auch deutsche Soldaten dürfen einen Befehl, zu foltern, nicht befolgen".
Die Verhörausbildung beim Bund ist streng geregelt. Die "KSK-Ausbildungsweisung 15/98" besagt, dass zum Schutz der Gefangenen eine "enge Dienstaufsicht" durch Vorgesetzte zu erfolgen habe.
Das KSK-Papier bezieht sich auf die Genfer Konvention über die Behandlung
von Kriegsgefangenen sowie eine Vereinbarung der Nato. In dem KSK-Dokument steht, dass kein Gefangener nackt ausgezogen werden und niemand einem höheren Lärmpegel als 85 Dezibel ausgesetzt werden darf.
Doch wie sieht die Wirklichkeit in den Geiselhaft-Kursen aus? Was geschieht in internationalen Lehrgängen, wenn Vorgesetzte aus anderen Ländern das Kommando haben?
"Geben Sie einem dieser Feldwebel, der ein bisschen sadistisch ist, freie Hand, und man wird sehen, welches Vergnügen es ihm bereitet, Macht auszuüben", sagt ein hochrangiger deutscher Offizier der Fallschirmjäger. Er selbst hatte, trotz der zu erwartenden Schmach, einen Lehrgang in England abgebrochen, als dieser ihm zu heftig wurde. Natürlich gelten auch in Großbritannien offiziell die Nato-Vorschriften. "Aber wenn der Chef zur Kontrolle kommt, wird alles schnell geändert", behauptet der Bundeswehrmann. Und ergänzt: An diesem Geheimtraining habe sich bis heute nichts geändert.
Auch in Weingarten waren bis in die neunziger Jahre Kameraden aus den USA, aus Großbritannien, der Türkei und anderen Ländern zusammengezogen. Dabei, so versichert Uwe von Schoenfeldt an Eides statt, ging man beim Übungsbetrieb über die Grenzen der Nato-Regeln hinaus: "Beim Training wurden oft die eigentlich gültigen Vorschriften gebrochen."
Zunächst wurden die Soldaten ohne Nahrung in einem fremden Gebiet ausgesetzt. Sie wurden mit Hunden gehetzt. Wieder eingefangen, folgte im Keller der Kaserne das Weichkochen der Lehrlinge: nackt ausziehen, Lärm, abspritzen mit kaltem Wasser. Wer sich bewegte, erhielt leichte Schläge auf die Außenseite der Knie und den Ellenbogen, das schmerzt extrem und hinterlässt keine Spuren.
Danach wurde einer der Gefangenen aus der Gruppe gerissen. Bald darauf hörten die Zurückgebliebenen heftige Schmerzensschreie - vom Tonband. Nach 16 Stunden Stillstehen kam die Hühnermist-Haube. Essen gab es schon mal aus der Toilettenschüssel, wenn überhaupt. Ausgehungerte Delinquenten wurden mit dem Geruch gebratener Zwiebeln gequält. Derart zermürbt, folgte das Verhör, immer wieder unterbrochen von Schlägen. Dabei wurden Szenen gestellt, wie man sie aus Abu Ghureib kennt: Soldaten mussten sich hinknien und direkt in das geifernde Maul eines bellenden Schäferhunds blicken.
Auch in Weingarten seien Frauen zum Einsatz gekommen, um den Stolz der Männer zu brechen. Wenn der Soldat - verdreckt, geschlagen, erniedrigt - kurz vor dem Zusammenbruch war, erschienen Vernehmerinnen: ein weiterer Schlag gegen das Selbstwertgefühl des Gequälten.
Ist es abwegig anzunehmen, dass Soldaten irgendwann selbst die Verhörmethoden anwenden, die sie als Ausbilder oder Teilnehmer solcher Lehrgänge miterlebten? Und gehört es nicht zur menschlichen Natur, im Stress unvorhersehbar zu reagieren?
Das seien überflüssige Fragen, erklärt Wendeborn. Wer Männer in fremde Einsatzgebiete schicke, müsse dafür sorgen, dass sie "ihre Ausbildungsmethoden beherrschen", sagt der ehemalige Chef der Fernspähschule. Das gesamte Programm müsse nur "streng reglementiert" werden, denn es werde "immer wieder Menschen geben, die aus dem Ruder laufen".
Auch unter seinem Kommando seien solche Ausfälle in Weingarten passiert. Einmal sei ein Soldat mit einem Stuhl auf einem Misthaufen ausgesetzt worden. Ein anderes Mal habe ein Lehrgangsteilnehmer sein neu erworbenes Wissen allzu forsch eingesetzt. Zurück in seiner Heimatkaserne, habe er ein Verhör geführt, in dem er einem Opfer einen Strick um den Hals gelegt und gedroht habe, es zu erdrosseln. Der Mann sei umgehend bestraft worden.
Heute finden die internationalen Überlebenslehrgänge im badischen Pfullendorf statt. Streng überwacht von Videokameras und einem neutralen Beobachter. Der Leiter der Schule, Oberst Fritz Urbach, sagt, er lege seine "Hand dafür ins Feuer, dass hier keiner mehr übers Ziel hinausschießt".
Noch Mitte der neunziger Jahre hatte es Beschwerden gegeben, als sich weibliche Inquisitoren aus den USA über die Geschlechtsteile männlicher Gefangener, die sich nackt ausziehen mussten, lustig gemacht hatten - wie die US-Soldatin Lynndie England in Abu Ghureib.
DOMINIK CZIESCHE, UDO LUDWIG, ALEXANDER SZANDAR
Von Dominik Cziesche, Udo Ludwig und Alexander Szandar

DER SPIEGEL 40/2004
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