27.09.2004

AUSWÄRTIGES AMTKrimis aus den Katakomben

Nach Entdeckung eines vergessenen Widerständlers drängt Joschka Fischer darauf, das gestörte Verhältnis seines Amtes zur eigenen Nazi-Vergangenheit zu klären.
In "zwei schlaflosen Nächten" habe er den 400-Seiten-Wälzer verschlungen, bekannte Außenminister Joschka Fischer nach seinem Sommerurlaub. Das Buch lese sich "wie ein spannender Agentenroman".
Der Krimi, der dem Chef der deutschen Diplomaten die Nachtruhe raubte, handelt von einem vergessenen Nazi-Gegner namens Fritz Kolbe, der während des Zweiten Weltkriegs im Auswärtigen Amt (AA) arbeitete - und die Geschichte ist wahr.
Im August 1943 hatte sich der kleine Beamte aus Hass auf Hitler den Amerikanern angedient. Als Top-Quelle der Westalliierten schmuggelte der Konsulatssekretär 1. Klasse rund 1600 hoch brisante Geheimdokumente aus dem Machtzentrum der Nazis.
Nach dem Krieg jedoch galt Kolbe bei seinen Kollegen nicht als Held, sondern als Spion und Verräter; sein hehres Motiv interessierte nicht. Die Rückkehr in den Auswärtigen Dienst wurde ihm verwehrt, 1971 starb er vergessen in der Schweiz.
Seit diesem Monat trägt nun das Besucherzentrum in der Berliner AA-Zentrale seinen Namen - auf ausdrücklichen Wunsch des Außenministers. Die Würdigung des Widerständlers sei "seit langem überfällig" und seine Behandlung nach 1945 "kein Ruhmesblatt für unser Haus", schrieb Fischer seinen aus aller Welt nach Berlin einbestellten Spitzendiplomaten bei einer Gedenkfeier ins Stammbuch: "Fritz Kolbe hat Deutschland und seinem Auswärtigen Amt zur Ehre gereicht."
Mit der Erhebung des Verräters aus Vaterlandsliebe zum Vorbild für seine Beamten rührt der grüne Amtschef an einen empfindlichen Nerv im großen Haus am Werderschen Markt in Berlin.
Denn mit Hitler-Gegnern, denen das Odium der Spionage anhaftet, tat sich das AA von jeher schwer. Den Diplomaten Rudolf von Scheliha etwa, der vermutlich Hinweise auf den Holocaust an das Ausland gab und der 1942 in Plötzensee ermordet wurde, ehrte das AA erst über 50 Jahre nach seiner Hinrichtung auf einer Gedenktafel. Gelegentlich wird auf den Fluren heute noch geraunt, der schlesische Adlige sei ein Spieler gewesen und habe wohl Staatsgeheimnisse versilbert.
Überhaupt zeigte sich das Außenamt über Jahrzehnte erstaunlich desinteressiert, sooft es um die wenigen aktiven Nazi-Gegner im eigenen Haus ging. Stets mussten ein paar bekannte Namen wie Ulrich von Hassell oder Adam von Trott zu Solz herhalten, wenn sich die Ministerialen wegen der Verstrickung ihres Ressorts in den Nazi-Terror unter Rechtfertigungszwang sahen.
Dass es Widerstand nicht nur unter adligen oder großbürgerlichen Diplomaten, sondern auch unter den niederen Chargen gegeben haben könnte, entdeckten die AA-Bürokraten nun, 53 Jahre nach der Neugründung des Amts, durch die Urlaubslektüre ihres Chefs. "Einfallslos" sei man in der Pflege seiner besten Traditionen gewesen, konzedieren Diplomaten hinter vorgehaltener Hand.
Damit soll nun Schluss sein. "Außergewöhnlich" sei der geschichtspolitische Vorstoß Fischers im Fall Kolbe, lobt der Osnabrücker Historiker und AA-Kenner Hans-Jürgen Döscher: "Das ist ein Signal von oben, von alten Positionen abzurücken."
Schon diese Woche folgt das nächste Signal in Sachen Geschichtslektionen. Zum 100. Geburtstag von Georg Ferdinand Duckwitz am 29. September bringt das Außenministerium endlich eine gründlich recherchierte Schrift über den "Retter der dänischen Juden" heraus, der in Israel und den USA vielfach geehrt wurde, in Deutschland aber wenig bekannt ist.
Duckwitz, der im Krieg an der Kopenhagener Gesandtschaft Schiffe requirierte, hatte 1943 den dänischen Untergrund vor der bevorstehenden Judendeportation gewarnt; fast alle der rund 7000 im Land lebenden Juden konnten nach Schweden fliehen.
Schon Ende der siebziger Jahre hatte das Auswärtige Amt eine Jubelbroschüre über den Bremer Bürgersohn erstellt, der nach dem Krieg Botschafter in Kopenhagen wurde und später in Bonn als enger Vertrauter Willy Brandts die Ostpolitik mit vorantrieb.
Die deutsche Diplomatie sonnte sich gern im Glanz des einzigen "Gerechten unter den Völkern" aus dem alten AA, zu dem die Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem Duckwitz 1971 gekürt hatte. Noch eine Neuauflage der ersten Publikation von 1992 überging im abgedruckten Lebenslauf diskret Duckwitz' Parteimitgliedschaft und seine Funktionärstätigkeit im Außenpolitischen Amt der NSDAP. Derlei fehlgeleiteter Korpsgeist bei der öffentlichen Selbstbespiegelung gilt nun als verpönt.
In den Katakomben des Amts ist für Fischers Diplomaten noch viel zu entdecken. Personalakten jener Emigranten vor allem, die nach der Rückkehr von den im AA rasch wieder zu Ehren gekommenen Altnazis gemobbt wurden. Oder über Kolbes vergessene Komplizen - wie die Sekretärin aus der Kurierstelle, die ihm seine Treffen mit den Amerikanern erst ermöglichte. HANS MICHAEL KLOTH
Von Hans Michael Kloth

DER SPIEGEL 40/2004
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