27.09.2004

REISENTod im Krokodilsmaul

Sie radeln durch Krisengebiete, baden in Dschungelflüssen, segeln durch Stürme - und geraten immer öfter in Gefahr: Die Lust der Deutschen auf einen Risikourlaub treibt die Kosten der Versicherer in die Höhe. Selbst 90-Jährige und Hochschwangere zieht es in die Ferne.
Einen Lebenstraum wollten sich Lothar und Elisabeth E. erfüllen: einmal mit dem Fahrrad die Welt umrunden. Also nahm sich das Ehepaar Urlaub und strampelte los. Doch der Traum wurde schnell zur Quälerei. Vom ungewohnten Essen holten sich die Weltumradler einen Magen-Darm-Infekt nach dem anderen und rollten bald von Arzt zu Arzt.
In China angekommen, erlitt die 49-Jährige einen Herzinfarkt. Doch aufgeben? Das war für die willensstarken Rheinländer keine Lösung. Sie ließen sich von ihrer Versicherung einen Herzspezialisten aus Peking in die Provinz fliegen, wo die Frau im Krankenhaus war. Der Arzt legte einen Katheter, die Fahrradtour ging weiter. Sie endete erst in Sumatra - tragisch.
In einem Unruhegebiet legte sich das Paar an einem Strand zur Ruhe. Die zierliche Frau schaltete eine Kopflampe an, um zu lesen. Mit einem Mal kamen bewaffnete Männer auf sie zu, reguläre indonesische Soldaten. Sie hielten die Deutschen für Terroristen und eröffneten sofort das Feuer. Von den Kugeln getroffen, starb der 53-jährige Mann. Seiner Frau wurde eine Kugel aus dem Knie operiert.
Nicht selten enden leichtfertige Urlaubsabenteuer im Fiasko. Viele Deutsche möchten in den Ferien erleben, was der triste Alltag nicht hergibt: Sie sind süchtig nach Extrem-Spaß, sie wollen Nervenkitzel und Gefahr, den Rausch von Freiheit und Geschwindigkeit spüren, ein Risiko eingehen im sonst so eintönigen Vollkasko-Leben.
Gut vorbereitet jedoch sind die Wenigsten. Reiseversicherungen und Hilfsorganisationen registrieren einen veritablen Anstieg von Hilfeleistungen im In- und Ausland. Ob Reisende mit dem Rucksack oder in der Luxusklasse unterwegs sind, ob sie All-inclusive-Angebote oder Eventreisen gebucht haben: Immer häufiger müssen Helfer Medikamente und Ärzte hinterherschicken oder Verunglückte und Kranke in Spezialfliegern aus entlegensten Urwäldern zurückholen.
Es ist eine Melange aus Ausgelassenheit, Abenteuerlust, Selbstüberschätzung und Unkenntnis, die zur Bedrohung von Leib und Leben führt. Viele Deutsche, daheim auf TÜV-Siegel und DIN-Normen fixiert, entpuppen sich in ihrer Freizeit als Draufgänger mit bisweilen südländischem Temperament und indianischem Wagemut.
Dramatisch zugenommen haben die Unfälle in den Bergen. Im vergangenen Jahr starben allein 65 Mitglieder des Deutschen Alpenvereins (DAV), 50 Prozent mehr als in den zwölf Monaten zuvor. 2004 kamen schon über 150 Bergsteiger und Wanderer in den Alpen ums Leben. "Der Unfall kommt in der Regel nicht wie der Blitz aus heiterem Himmel", sagt Dieter Stopper, Sicherheitsfachmann im DAV. Dabei sind die Wanderer nicht unbedingt schlecht ausgerüstet. Viele haben bestes Material, dazu ein Handy für den Notfall im Rucksack, zu Hause eine Police der Reiseversicherung - und damit die Zuversicht, jederzeit kostenfrei gerettet zu werden. Also gehen sie volles Risiko.
Umfassend abgesichert, erliegen die Deutschen "leicht der Selbstüberschätzung", wie der Freizeitforscher Henning Allmer von der Kölner Sporthochschule feststellt. Der Wunsch, den Bergprofis nachzueifern, verbinde sich mit einer "allzu
optimistischen Einschätzung nach dem Motto: Es wird schon alles gut gehen".
Tut es aber nicht. Im Juli hatten Heiner L., 44, und sein Neffe Christoph, 18, fünf Tage Zeit, das Matterhorn in der Schweiz zu besteigen. Dann aber schlug das Wetter um, den Männern aus Sachsen wurde die Zeit knapp. Schließlich brachen sie trotz ungünstiger Bedingungen auf. Die Besteigung endete in einer dramatischen Rettungsaktion der Schweizer Bergwacht, die die Kletterer mit schweren Erfrierungen aus dem Fels barg.
Schlimmer erging es Rahel Maria L., wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni Tübingen. Im August wollte sie mit einem Bergsteiger aus Großbritannien den Montblanc erklimmen. Auf 4500 Metern überraschte sie ein Schneesturm, die Temperatur fiel auf minus 20 Grad. Drei Sturmtage, in denen kein Rettungshubschrauber aufsteigen konnte, überlebte die 34-Jährige in ihrem Schlafsack. Am Handy schilderte sie ihren Eltern, wie sie immer weiter auskühlte. Dann erfror sie; ihr Kollege wurde gerettet.
Schlechte Vorbereitung auf Gefahrensituationen und ungenügende Fähigkeiten fordern auch auf See die meisten Opfer. Die Hälfte aller Todesfälle in deutschen Seegebieten geht auf das Konto von Freizeitkapitänen.
Besonders gefährlich ist die traditionelle Machtverteilung an Bord: Der Ehemann segelt, seine Frau fährt mit. Fällt der Skipper aus, ist das Boot zumeist verloren. Am 31. Mai etwa wurde ein Schiffsführer in der Ostsee über Bord gespült. Seine Frau, allein, war hoffnungslos überfordert. Sie versuchte, mehrere so genannte Mannüber-Bord-Manöver zu segeln. Vergebens. Ihr Mann ertrank. 20 Tage später geschah eine ähnliche Tragödie vor der dänischen Küste bei Lolland. Eine Frau aus Hamburg war nicht in der Lage, ihren 64 Jahre alten Ehemann zu bergen.
Gespenstisch auch, was in der Nacht zum 4. August vergangenen Jahres zwischen Rügen und Bornholm passierte. Der Skipper der Segelyacht "Deern" saß gegen Mitternacht allein am Ruder, seine Frau ruhte in der Koje. Vermutlich, so die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) in ihrem Bericht, fiel der Mann in einen so genannten Sekundenschlaf und bemerkte deshalb nicht, wie sich ein großes Motorschiff näherte. Der Meeresriese überrollte die "Deern" förmlich. Die Ehefrau starb unter Deck, der Ehemann wurde elf Stunden später von einer Yacht aufgefischt.
Tragisch war auch das Ende eines Steuermanns vor der belgischen Küste. Durch eine Rollbewegung der zehn Meter langen Yacht ging der Skipper über Bord. Die Mannschaft wollte ihren Chef retten, konnte aber den Dieselmotor nicht starten: Der über Bord Gefallene hatte den Schlüssel bei sich.
Fast schon eine Legende unter Seglern ist die Geschichte einer Besatzung, die sich nach einer feuchtfröhlichen Feier im Mittelmeer abkühlen wollte. Alle sprangen über Bord - aber niemand hatte daran gedacht, die Strickleiter runterzulassen. Nur ein paar abgebrochene Fingernägel in der Bordwand zeugten später von dem vergeblichen Überlebenskampf der Partygesellschaft.
Für den Sport-Philosophen Henning Allmer ist es kein Zufall, dass viele deutsche Urlauber in den Ferien eine gewisse Leichtigkeit überfällt. Dann werde so richtig "über die Stränge geschlagen", Urlaub führe in eine verborgene "Erlebnis- und Erfahrungswelt".
So kann kein Ziel zu weit, kein Land zu fremd sein. Allein vor Ort wird manchem klar, dass ihm die 40 Grad Hitze in der Dominikanischen Republik nicht bekommt. Oder dass Ärzte in Kuba kein Deutsch sprechen. Erst wenn es ernst wird, erfahren sie, dass wohl nirgendwo auf der Welt die Diskrepanz zwischen den Luxushotels an den Traumständen und der Qualität der medizinischen Einrichtungen so eklatant ist wie auf den Malediven. "So mancher lernt erst in Nepal oder Argentinien, dass ihn in der Höhe die dünne Luft krank macht", sagt Gerhard Müller, ärztlicher Direktor der Firma Mondial Assistance, die Hilfestellung für Reisende anbietet.
Der Boom der Last-Minute-Reisen steigert die Sorglosigkeit zusätzlich, denn es bleibt immer weniger Zeit, sich auf die Besonderheiten des Urlaubsziels vorzubereiten.
Immer häufiger sind es ältere Menschen, die es in die Ferne zieht. Ein Ehepaar aus Garmisch buchte für Anfang 2004 eine Luxuskreuzfahrt in die Südsee. Auf dem Schiff stürzte die 90-Jährige und brach sich den Oberschenkelhals. Ihr 93-jähriger Gatte, geistig verwirrt und an den Rollstuhl gefesselt, konnte nicht helfen. Die beiden
wurden im tahitischen Papeete ausgeschifft. Eine Operation vor Ort war nicht möglich. Deshalb wurden die Senioren in einem Liegendtransporter, der in einem Linienflug installiert wurde, nach Hause geflogen. Der Rückweg dauerte 40 Stunden und kostete 50 000 Euro. 62 Gespräche waren notwendig, bis die komplizierte Heimreise organisiert war.
Hilfen bei einem Urlaubsdesaster sind längst zu einem einträglichen Geschäft geworden. Marktführer in Deutschland ist Mondial Assistance, ein weltweit operierendes Unternehmen, das unter anderem für Versicherungen, den Alpenverein und Reiseveranstalter im Einsatz ist. Das Team holt Kletterer vom Berg, Skifahrer von der Piste und organisiert Hilfe, wenn in Kenia ein Flusspferd zugestoßen hat.
Allein im vergangenen Jahr hat die Firma über 750 Verletzte oder schwer Erkrankte von missglückten Auslandsreisen heimgebracht. Besonders verblüfft die Mondial-Mitarbeiter, wie leichtsinnig die Deutschen im Urlaub Gas geben. Rund 40 schwere Unfälle mit Zweirädern werden alljährlich gemeldet. Wer sich zu Hause mit Lederkombi und Integralhelm vor Sturzverletzungen schützt, vertraut in Thailand auf Badelatschen, Sonnenbrille und Piratentuch.
Neuerdings werden die Etats der Reiseversicherer auch stark von Schwangeren belastet, die vor der Niederkunft ein letztes Mal ausbrechen wollen. Noch im siebten Monat reisen werdende Mütter nach Kuba, in die Türkei oder auf griechische Inseln - Ziele, die perfekt auf deutsche Touristen vorbereitet sind, nicht aber auf sturzgeborene Frühchen.
Männer dagegen führt eher der Glaube an die eigene Leistungskraft ins Verderben. Routine geworden sind nordböhmischen Rettungsmedizinern Einsätze für deutsche Sextouristen. Im Juli erwischte es wieder einmal einen Freier, der sich zu sehr verausgabt hatte. Der 73-jährige Mann aus Sachsen erlag in Teplice einem Infarkt, nach allzu heftigem Liebesspiel.
Unschön kann auch der männliche Drang enden, in freier Natur zu urinieren. Ranger des US-Nationalparks Grand Canyon berichten von tödlichen Stürzen, weil Männer beim Versuch, in die tiefe Schlucht zu pinkeln, das Gleichgewicht verloren. Auch Segler gehen schon mal über Bord, wenn sie sich ins Meer entleeren.
Selbstüberschätzung und Leichtsinn sind Ursache für die Todesursache Nummer eins in der Freizeit: Ertrinken. In Deutschland kamen im vergangenen Jahr 644 Menschen im Wasser zu Tode, 50 Prozent mehr als 2000. Grund ist der Trend zum Baden an unbewachten Seen und Flüssen. Zwei Drittel aller tödlichen Badeunfälle passieren dort, wo kein Schwimmmeister Aufsicht führt.
In Europas Urlaubsmetropolen ertrinken laut Fachleuten jährlich rund 30 000 Menschen. 50 bis 70 Deutsche kommen nach Schätzungen der Hilfsorganisation Blausand.de allein an der Küste Mallorcas ums Leben. Fröhlich ignorieren die Badewütigen alle Warnhinweise vor gefährlichen Unterströmungen und Riesenwellen. Im Mai ertrank ein 78-jähriger Deutscher am Famara-Strand von Lanzarote, von den Einheimischen "Killermeer" genannt. Jährlich sterben hier zwei Dutzend Schwimmer.
In vielen Fällen trübt Alkoholkonsum die Gefahreneinschätzung. So mancher Urlauber köpft sternhagelblau ins Kinderbecken und taucht querschnittsgelähmt wieder auf. Kampftrinker müssen mit Alkoholvergiftungen oder Entzündungen der Bauchspeicheldrüse in die Heimat geflogen werden. Und die Wasserschutzpolizeidirektion Rostock meldet, dass bei vielen der 70 Sportbootunfälle bis Mitte Juli dieses Jahres Alkoholmissbrauch die Ursache war. Fünf Menschen starben.
Um die Risiken einer exotischen Reise zu minimieren, buchen viele Urlauber teure Pauschalpakete, zur Rundumversorgung auf Safari oder den Mount Everest. Doch auch blindes Vertrauen hat seine Tücken: Ein Gericht im australischen Darwin verurteilte einen Reiseleiter zu drei Jahren Haft auf Bewährung. Obwohl Wildhütern bekannt war, dass es in einem Wasserloch des Kakadu-Nationalparks von Krokodilen nur so wimmelt, hinderte der Mann im Oktober 2002 Touristen nicht an einer nächtlichen Plantscherei.
Der Reiseleiter war furchtlos, weil auch australische Ureinwohner dort gebadet hatten. Einer 23-jährigen Urlauberin aus Tutzing wurde diese Fehleinschätzung zum grausamen Verhängnis: Sie wurde Opfer eines Krokodils. UDO LUDWIG
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 40/2004
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