27.09.2004

Leckere Luft

Für die Deutschen ist der Osten ihrer Republik ein trostloses Terrain voller Armut und Jammer, für Touristen aus dem Fernen Osten sind die neuen Bundesländer eine blühende Landschaft voll großer Kultur und die Heimat des wahren Deutschen. Von Ullrich Fichtner
Neuntausend Kilometer entfernt von seiner Heimatstadt Kobe in Südjapan wirft sich Yoshitaka Tanaka wie ohnmächtig rückwärts gegen die Lehne einer Parkbank am Weimarer Frauenplan und sagt: "Mehr Licht". Er hält einen kopierten Grundriss des Goethe-Hauses in der Hand, er zeigt im Plan auf die eingekreiste 4: "Schlafzimmer", wirft sich wieder zurück, schließt die Augen, und sagt: "Mehr Licht".
Dreimal macht er das, übermütig spielt der alte Mann, selbst Anfang siebzig, den sterbenden Goethe vor historischer Kulisse, es ist der achte Tag der Premium-Package-Tour "German Sachsen", Reisekatalognummer 8617 des World Air Service, Tokio. Zehn Tage, neun Nächte für 418 000 Yen inklusive Flug, macht knapp 3100 Euro.
Stürmische Böen gehen über den Osten hin, über die Tafelberge und Felsnadeln der Sächsischen Schweiz, über die Kämme des Erzgebirges, über die Leipziger Tieflandsbucht, die Elbauen, die Dübener Heide, die Zittauer Höhen, über die Zinnen von Augustus-, Albrechts-, Moritzburg. 22 Japaner halten ihre weichen Hüte fest und suchen Deutschland per Bus und mit der Seele. Das klassische Deutschland. Das große Deutschland. Ostdeutschland.
Im Tagesprogramm für Weimar steht: "English speaking guide meets group at hotel", das ist Jürgen Nitzsche. Er stößt am Morgen zur Gruppe in der verbauten Hotel-Lobby des Hilton. Wie jeden Tag seit ihrer Ankunft sind die Japaner angetreten wie zum Appell, haben sich im Kreis aufgestellt und unter vielen Verbeugungen begrüßt, als hätten sich gute Freunde lange Zeit nicht gesehen.
Die Damen tragen weiß gepuderte Gesichter unter bunten Hüten, Hermès-Schals und zierliche Sandalen aus Italien, die Herren stecken in praktischen Westen, an den Füßen weiche Schuhe, die auf glatten Böden kreischende Geräusche machen. Stadtführer Nitzsche, ein grauer, gemütlicher Mann mit Künstlerfrisur, beginnt seinen Vortrag mit dem Satz: "I like japanese tourists very much." Keine halbe Stunde später steht die Gruppe vor dem Liszt-Haus und singt gemeinsam "Freude, schöner Götterfunken".
Nitzsche hat die Ode angestimmt, er ist ein singender Stadtführer, und die Japaner, obwohl keiner von ihnen etwa Germanist wäre oder sonst die deutsche Sprache spräche, sie kennen die Melodien und Texte, sie sind deutsches Weltkulturerbe. Vor dem Hotel Elephant gibt Nitzsche das "Heidenröslein". Im Park an der Ilm, unter gewaltigen Linden, "Am Brunnen vor dem Tore". Die Japaner stehen still und summen und brummen gerührt. Träume von Deutschland werden wahr. Dichter, Denker, Sänger. Gutes, altes Europa.
Sie durchstreifen den Park an Goethes Gartenhaus vorbei wie fröhliche Kinder, sie bilden Menschenketten um dicke Baumstämme. Sie fotografieren Einheimische, die Hunde an der Leine führen, vor allem fotografieren sie sich mit den Hunden, dann lichten sie Studentinnen ab, die unter freiem Himmel, an Bronzedenkmäler gelehnt, in Büchern lesen. Im digitalen Fotoalbum
der Japaner wird Ostdeutschland sehr schön aussehen, befriedet, reich, zivil.
Es ist eine ungewöhnliche Gruppe und eine ungewöhnliche Tour. 22 Japaner, die meisten um die sechzig, allein stehende Frauen, Rentnerpaare, sie gehen ins ostdeutsche Detail. Rüdesheim und Loreley lassen sie unbeachtet weit links der Elbe liegen, Neuschwanstein, Wieskirche und Heidelberg tauchen im Programm nicht auf. Deutschland, das ist Ostdeutschland.
Yasuyuki Sakai, der Reiseleiter, gerade 25 geworden und dünn wie ein Strich, findet das nicht so ungewöhnlich, "vielleicht nur ein bisschen". Sein Deutsch stammt aus einem Jahr Studium in Göttingen, er trägt die ganze Tour über dunkle Anzüge und Schlips. Sein Körper ist ein einziges Warten auf den richtigen Zeitpunkt zur höflichen Verbeugung. Er sagt, um das Konzept der Tour zu erklären: "In Ostdeutschland haben sie viel Geld. In Westdeutschland nicht so viel." Wie bitte?
Wenn Japaner aus Gründen der Höflichkeit in Panik geraten, wie jetzt Yasuyuki Sakai, sagen sie schnell und gestoßen: "Ah! Ah! Ah!", wie um Zeit zu gewinnen für die Suche nach dem rettenden Wort. Nach der verwunderten Rückfrage "Wie bitte?" also sagt Sakai schnell und gestoßen: "Ah! Ah! Ah!" Und dann: "Nun, ich meine früher, ganz früher. In Ostdeutschland, früher, viel mehr Geld. 17., 18. Jahrhundert. Goethe, Bach. Die deutsche Kultur begann in Ostdeutschland, denke ich. Jetzt vielleicht ein bisschen anders."
Sakai begleitet sieben große Touren nach Deutschland pro Jahr. Er kennt das Geschäft. Er hat den Osten aufsteigen sehen in die erste Liga des interkontinentalen Tourismus. Sein Arbeitgeber, der World Air Service, hatte Berlin, Sachsen, Thüringen bis weit in die neunziger Jahre gar nicht im Programm. Ostdeutschland, das klang selbst eine halbe Welt entfernt nach DDR, Braunkohle, Neonazis, nach winterlichem Krisengebiet - und jedenfalls nicht nach Urlaub und Kultur.
So beschritten die Japaner noch ein Jahrzehnt nach dem Mauerfall allein die Trampelpfade entlang von Rhein und Neckar, Drosselgass' und Kuckucksuhren, dann München, Füssen, Bodensee und Schweizer Alpen. Deutschland, das war allein Westdeutschland. Aber mit Beginn des neuen Jahrhunderts hat sich das Bild stark verändert. Zwar gibt es noch die alten Knüppeltouren durch Deutschland inklusive halb Europa, zwei Wochen Rundreise wie auf der Flucht, aber nun kommen neue, ungewohnte Reisestrecken hinzu.
Viele Europa-Touren, die heute in Tokio beginnen, führen nach Leipzig, Dresden, Prag, Budapest. "Es wird langsam Osteuropa-Zeit", sagt Sakai. "Ein Zeichen für guten Wiederaufbau, denke ich." Und das ist nur einer von vielen Sätzen, die man sich aus dem Mund eines Deutschen kaum mehr vorstellen kann.
Wenn Japaner von "blühenden Landschaften" reden, sind damit Berge, Bäume und Blumen gemeint. Deutsche dagegen denken dabei in der Regel an Schornsteine und Fabriken. Fragt man Weimars Oberbürgermeister Volkhardt Germer danach, spult er die besten Versatzstücke aus seinen Reden ab, und bald fallen Begriffe wie Gebäudesanierungsstand, Kaufkraftverlust und Gewerbesteuereinbruch.
Germer sitzt in seinem Arbeitszimmer am Besuchertisch, es ist früher Morgen,
die 22 Japaner schlafen noch, der Oberbürgermeister erzählt von fast 17 Prozent Arbeitslosenquote in seiner Stadt und davon, dass die sozialen Probleme in Weimar so groß sind wie überall im Land.
Die hohen Fenster seines Chefbüros im Obergeschoss des Rathauses gehen auf den geputzten Markt, auf das Lucas-Cranach-Haus gegenüber, ringsum stehen leuchtende Fassaden, die aussehen, als röchen sie noch nach der Farbe. Ist alles nur falschgoldene Kulisse? Gehen die Japaner, die Amerikaner, all die Besucher aus aller Welt nur durch ein Potemkinsches Dorf mit Namen "Aufbau Ost"?
Germer erzählt einen Witz, den er zu Karnevalszeiten in Weimars Partnerstadt Trier gehört hat. "Frage: Warum kommen immer mehr Touristen aus Weimar nach Trier? Antwort: Weil die Brüder und Schwestern aus dem Osten sehen wollen, wie sie vor zehn Jahren gelebt haben."
Die Wirklichkeit Weimars liegt irgendwo dazwischen, zwischen gewaltigen Erfolgen und gewaltigen Problemen. Die Stadt zählt zu den fünf einkommensstärksten im Osten. Sie schrumpft nicht, sondern gewinnt Zuzügler. Weimar konnte Abermillionen in die Stadtsanierung investieren, Weimar war Europas Kulturhauptstadt, und in guten Jahren kommen vier Millionen Touristen aus aller Welt. Weimar fühlt sich gut an. Wohlhabend. Blühend.
Schering produziert mit 400 Leuten, Coca-Cola mit 350, es gibt viele kleine Handwerksbetriebe, über 200 Baufirmen, Autozulieferer, Künstlerateliers, es gibt die Musikhochschule, viele Kongresse, es gibt Hotels, Gasthäuser, Tourismusgewerbe. Aber bis 1990 hat es die DDR gegeben. Und ihr Untergang, so sehr einem diese Auskunft mittlerweile auf die Nerven gehen mag, wirkt noch immer nach.
Weimar ist keine große Stadt. Sie zählt 64 000 Einwohner. Im Jahr 1990 verlor diese kleine Stadt mit einem Schlag 8000 Arbeitsplätze in der Industrie, allein 5000 in der bis dahin volkseigenen Stahlproduktion. Davon erholt sich eine kleine Stadt nicht auf die Schnelle. Eher schon kann sie von Glück sagen, wenn sie nicht völlig zusammenbricht.
Die Öffnung nach Westen brachte Weimar zwar viele neue, konsumfreudige Touristen. Aber sie hielt gleichzeitig die angestammte Kundschaft aus ganz Osteuropa durch rasend steigende D-Mark-Preise fern. Der Einbau der Stadt in bundesdeutsche Gebietsstrukturen, nur scheinbar ein spröder Verwaltungsakt, brachte 1994 die Eingemeindung von Dörfern im Umland, die sich 60 Millionen Mark Schulden aufgeladen hatten, weil sie Gewerbeflächen in einem Ausmaß hergerichtet hatten, als sollte bald der ganze VW-Standort Wolfsburg verlegt werden. Weimar, sogar Weimar, hatte es trotz Goethe, Schiller, Herder und Liszt all die Jahre ziemlich schwer.
OB Germer, seit zehn Jahren im Amt, parteilos, ein gelernter Betonfacharbeiter, der es später zum Doktor in älterer Literatur brachte, redet seine Stadt nicht groß und nicht klein. Er schildert ihre Lage nüchtern, ausgewogen, in gesamtdeutscher Perspektive, nicht West gegen Ost oder umgekehrt, nicht Die-da-oben oder Dieda-drüben, das ist sehr angenehm.
Er sagt, mit Goethe: "Kommen Sie nach Weimar, von hier gehen viele Wege in alle Ecken der Welt." Das ist ein Satz, der 40 Jahre lang nicht galt. Dass er nun wieder Sinn bekommt, ist allein eine Nachricht. Man kann sogar sagen, dass die Lage Weimars 15 Jahre nach dem Mauerfall alles in allem gar nicht so schlecht ist. Und das ist, angesichts des Umbruchs, der hier stattfand und noch immer stattfindet, eine Sensation. Aber in einer deutschen Zeitung ist sie kaum je vermeldet worden.
Premium-Package-Tour "German Sachsen", über den Rathausmarkt von Weimar, Thüringen, gehen stürmische Böen, Stadtführer Nitzsche kommt auf Deutschlands dunkle Jahre zu sprechen. Buchenwald. "Concentration Camp". Nitzsche sagt:
"Hier in Weimar", beziehungsweise, "here in Weimar you can find the best and the worst of German history". Die Japaner nicken nicht. Sie treten von einem Bein aufs andere, den Blick zum Boden gerichtet. Dann kaufen sie Bratwürste, beißen mutig hinein und kauen, als hätten sie ein Stück Wellpappe im Mund.
Weimar-Tag. Die Fahrt zum ehemaligen KZ ist kein fester Programmpunkt der Tour. Sie ist, fast 60 Jahre nach dem Krieg, in dem Deutschland und Japan Verbündete waren, nur noch eine Ausflugsoption. Kaum die Hälfte der 22 Touristen nimmt sie wahr. 10 von ihnen, von Reiseleiter Sakai angeleitet, kaufen sich für 1,60 Euro einen Busfahrschein und nehmen die Linie 6 hinaus zum Großen Ettersberg. Die Fahrt zwischen "the best and the worst of German history" dauert keine 20 Minuten.
Unter dem Bogen des Tors des einstigen Lagers fragt Reiseleiter Sakai in ein Fenster hinein nach dem Weg, und eine Stimme, die zu einer Frau gehört, die nicht zu sehen ist, antwortet: "Wenn Sie hier durchgehen, sind Sie im Lager, nach rechts geht's zum Krematorium, drunten im Museum finden Sie dann die Ausstellung."
Die kleine Gruppe erreicht das weite, abfallende Gelände der einstigen Barackenstadt, dem die Grundrisse der Gebäude noch eingeschrieben sind. Die Japaner halten nicht inne, orientieren sich nicht lange, ihre Gesichter bilden keinen Kommentar ab angesichts des furchtbaren Widerspruchs vom Konzentrationslager inmitten deutsch-romantischer Landschaft.
Sie nehmen den direkten Weg zur Ausstellung, das heißt, eigentlich verlassen sie alle Wege. Unbekümmert gehen sie querfeldein, wie ohne Gedanken an Baracken, Mordplätze, Folterorte. Bald sind sie allein in der gewaltigen Fläche, auf diesem riesigen Spielfeld deutscher Schande, und sie sehen aus wie ein Grüppchen Gestrandeter. Kein Gefühl scheint ihnen einzugeben, dass dies der falsche Weg sein könnte. Zum ersten Mal auf dieser Tour sehen sie aus wie Fremde von sehr weit her.
Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle, wieder querfeldein, sagt Yasuyuki Sakai, schwarzer Anzug, Schlips, mehrmals gefragt nach seinen Eindrücken, denn niemals würde er ein so heikles, indezentes Thema von sich aus ansprechen, der Besuch sei sehr interessant gewesen. "Sehr interessant. Aber auch sehr traurig, natürlich." Die anderen Teilnehmer des Ausflugs sagen nichts. Sie kramen in bunten Plastiktüten und essen Aprikosen.
Stürmische Böen begleiten die Gruppe schon seit der Ankunft eine Woche zuvor. Sakai und die Seinen erreichten Berlin via Paris. In der deutschen Hauptstadt führte die Fotosafari zu Brandenburger Tor und Gemäldegalerie, nach Potsdam mit Sanssouci, und bei der Abfahrt nach Leipzig wurden zwei Mitreisende vor dem Hotel vergessen, was erst eine Stunde später auffiel, als der Bus schon auf der A 9 südwärts unterwegs war. Größere Abenteuer waren nicht zu bestehen.
Leipzig war Thomaskirche, Orgelkonzert und "Auerbachs Keller", Meißen war ganz Porzellan. Die Japaner durchstreiften Dresden mit Zwinger, gingen um die eben bekrönte Frauenkirche herum, sie fuhren Boot im Elbtal und bestiegen wieder den Bus zu Burgen und Schlössern und gemütvollen Legenden, wie sie zwischen Elbe und Oder zu Hause sind.
Deutschland gefällt ihnen gut. Es ist nicht mehr das Land Hitlers. Nicht mehr das Land Stalins. Nicht mehr DDR. Es ist "High Quality Kultur", Gemütlichkeit, Weihnachten, Natur. Auf der Fahrt durch das Erzgebirge, dort, wo die Wegweiser nach Deutscheinsiedel zeigen und die Mobiltelefone schon tschechische Netze finden, ließ Sakai einmal den Bus anhalten, auf freier Strecke, am Eingang der "Silbermannstadt" Frauenstein.
Auf der Höhe gegenüber einer Burgruine sah Deutschland aus wie eine zeitlose, traumschöne Postkarte. Die Japaner beklatschten die Landschaft mit vielen "Ahs" und "Ohs", als bestaunten sie ein Feuerwerk. Aber da waren nur grüne Hügel, feierlich in die Landschaft gestaffelt, von mächtigen Bäumen bekrönt, von aufschreckenden Rehen bevölkert. Deutschland war ein Bild wie aus Grimms Märchen, und die Japaner wirkten aufgeregt bei der Begegnung.
"Deutschland ist schön", sagte Sakai, das ist ein Satz, der für deutsche Ohren nur noch nach Bierreklame klingt. Für Japaner fasst er eine unumstößliche Wahrheit. "Alles ist grüner, viel grüner", sagte Sakai. "Viel schöner als bei uns. Zu viele Autos in Japan. Und ganz mehr Luftverschmutzung. Die Luft ist sehr lecker in Deutschland."
Deutschland fühlt sich anders an, wenn man es mit Japanern bereist. Der fremde Blick veredelt das Eigene. Das Schlechte relativiert sich und verdeckt nicht immerfort das Gute. Alles sieht besser aus. Reicher. Lässiger. Und vermutlich liegt auch hier die Wirklichkeit irgendwo dazwischen, zwischen japanischer Begeisterung und betriebsblindem, deutschem Missmut.
Sturmböen gehen über das Land, das 22 Japaner hochgestimmt bereisen, und in der Zeitung steht, dass Königstein an der Elbe eine Neonazi-Hochburg ist. Die Japaner waren da, zwei Tage vor Weimar. Sie besuchten die wuchtige Festung hoch über dem Städtchen, fast zehn Hektar groß, und sie ahnten von Neonazis nichts.
Sie schauten von den Wällen und Türmen in die Landschaft hinein und fotografierten sich vor Zeughäusern, Ziehbrücken, Hirschgeweihen und alten, tiefen Brunnen. Drunten lag die Elbe wie ein langer, ruhiger Fluss. Und im Rathaus saß Bürgermeister Frieder Haase am Computer und löschte die Hasstiraden aus dem elektronischen Gästebuch der Stadt. 21 Prozent NPD bei der Kommunalwahl. Seither ist hier der Teufel los.
Haase ist 43, parteilos, seit drei Jahren Bürgermeister, er trägt ein weißes Halbarmhemd,
Streifenkrawatte, im Rat wird er es künftig, bei 13 Leuten, mit zweien von der NPD zu tun haben. "Glauben Sie mir", sagt er, "ich stelle mich dieser Sache, wirklich, man darf das nicht runterspielen. Aber hochjubeln darf man's eben auch nicht."
Ins Gästebuch der Stadt tragen sich seit dem Wahltag Leute ein, die vor Ausflügen nach Königstein warnen und seine Einwohner als Nazis und braune Arschlöcher beschimpfen. Haases meistbenutztes Arbeitsgerät derzeit ist die Löschtaste. Eingebrockt hat ihm das die Popularität von "Uwe", wie es schlicht auf den NPD-Wahlplakaten stand. Uwe Leichsenring, das ist ein leutseliger Fahrlehrer, dessen örtliche Basis der Königsteiner Tischtennisverein ist. Ein Provinz-Nazi mit Ausstrahlung, dem am Ende 263 Leute ihre Stimme gaben, viele davon Tischtennisspieler. An Königsteins Lage aber wird mutmaßlich auch "Uwe" nicht viel ändern können, auch künftig nicht, wenn er für die NPD im neuen Landtag sitzt.
Die kleine Stadt war Hochwassergebiet 2002, rote Zone, vom Ufer weg bis weit hinauf in die Straßen rollte die Flut, und obwohl sich viele Opfer damals sanierten, steht der Ort noch immer nicht gut da. 18 Prozent Arbeitslosigkeit, kaum Gewerbesteuern, keine Kaufkraft, die Zuschüsse vom Land machen den größten Teil der städtischen Einkünfte aus.
Die wichtigsten Arbeitgeber sind eine Papierfabrik und die Wismut GmbH, die noch für ein paar Jahre mit 500 Leuten einen stillgelegten Uranschacht saniert. Dazu kommen jährlich 100 000 Übernachtungen, "das ist, grob abgestochen, die Wirtschaft von Königstein", sagt der Bürgermeister. Seine Stadt war vor der Wende in jeder Beziehung so marode, dass die SED Mitte der achtziger Jahre darüber nachdachte, sie komplett abzureißen.
Zwei Jahrzehnte später sitzen Leute vor sanierten Fachwerkhäusern und trinken unter Sonnenschirmen Eiskaffee. Es gibt in der Stadt eine Grund- und eine Mittelschule, alle Häuser haben Heizung und Bäder, Straßen und Brücken sind repariert, die Fassaden größtenteils frisch gestrichen, und das Leben geht seinen Gang. Haase trommelt mit den Fingern dynamisch auf die Schreibtischplatte. Er könnte jetzt, wie das "Uwe" gern tut, auf den Westen eindreschen. Die-dadrüben. Die-da-oben. Aber Haase macht das genaue Gegenteil.
Er erzählt von den hervorragenden Beziehungen zwischen allen Bürgermeistern, egal ob West, ob Ost. Von gesamtdeutscher Normalität. Von den Freundschaften, die entstanden, als die Feuerwehrzüge aus dem Westen zum Kampf gegen das Hochwasser anrückten. Vom ständigen Austausch mit den Amtskollegen aus Königstein im Taunus und Königstein in der Oberpfalz. "Und wissen Sie was? Denen geht's im Grunde genauso bescheiden wie uns hier."
In Weimar besteigen 22 Japaner den Bus nach Erfurt und Eisenach, bald geht es ab nach Hause, via Frankfurt. An den Fenstern zieht die Landschaft vorbei wie in einer Laterna magica deutschen Heimatgefühls. Große Bäume. Grüne Hügel. Sommerliche Landschaften. Vor dem Bus kreuzen Eichhörnchen die Straße.
Von den 22 Japanern fällt ein Dutzend in leichten Schlaf, im Kopf einen Bilderbogen aus Deutschland. Auerbachs Keller. Augustusburg. Die Höhe bei Frauenstein. Brandenburger Tor und Elbsandsteingebirge. Fachwerk. Eiskaffee unter Sonnenschirmen. Goethe-Haus. Deutschland ist schön? Das ist ein japanisches Gefühl. Eine Bierreklame, höchstens. Aber vielleicht ist es auch einfach die halbe Wahrheit, die in der Zeitung nie steht.
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 40/2004
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