27.09.2004

Wir Weltmeister

Ortstermin: Im Hotel Adlon blicken Industrie und Politik auf das Fußball-Jahr 2006 - und lassen ein neues Deutschland wachsen.
Eine rote Flügeltür fällt ins Schloss, dann ist alles still. Kein Geräusch von außen dringt noch ein, nichts, was irgendwie stören könnte. Zwei Herren in schwarzen Anzügen stehen vor dem Ballsaal im Hotel Adlon, man kommt an ihnen nur vorbei, wenn man sein Namensschild sichtbar trägt.
Hinter der Tür laufen gut gekleidete Menschen über schweren Teppichboden, Ledersohlen versinken darin. Die Kronleuchter sind etwas abgedimmt worden, es gibt viel Marmor. Vorn vor dem Podium liegen neun Fußbälle auf grünem Samt, wie Eier in einem Osternest.
Es tagt der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft e. V., Leute von der Lufthansa, von der Deutschen Bahn, vom Hotel- und Gaststättenverband, Autovermieter, Busfahrer. Der Präsident heißt Klaus Laepple, er trägt eine bunte Krawatte und sieht überhaupt fröhlich aus. Auch Otto Schily, der Innenminister, ist hier.
Sie sitzen da wie in einer Schmuckschatulle, es geht um die Frage, wie Deutschland im Jahr 2006 aussehen wird, wenn hier die Fußball-Weltmeisterschaft ist.
Laepple und Schily reden abwechselnd. Sie wissen schon, wie alles sein wird. Sie sind im Thema. Sie lassen Sätze wie Perlen durch die Schatulle rollen. Im Hotel Adlon entsteht ein neues Deutschland.
2006 werden mehr als drei Millionen Menschen kommen. Es wird keine Ladenschlusszeiten mehr geben, keine Sperrstunden. Die Touristen werden deutsches Bier trinken und deutsche Würste essen, so lange sie wollen. Es wird ein Umsatzplus von drei Milliarden geben.
Im ersten Halbjahr 2004 gab es elf Prozent mehr Übernachtungen von Ausländern als im Jahr davor. Vor allem aus Asien kommen immer mehr. Es ist noch nicht sicher, ob sich China für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Aber man kann davon ausgehen. Die Chinesen sind im Kommen. Wenn die Chinesen dabei sind, kommen noch mehr Asiaten.
Wissenschaftler haben ein Investitionspotenzial von 5,5 Milliarden Euro ausgerechnet, vorsichtig geschätzt. Wahrscheinlich sind es eher 8 Milliarden, vielleicht auch 10 Milliarden.
Bis 2010 wird es durch die Fußball-Weltmeisterschaft ein zusätzliches Bruttoinlandsprodukt von 8 Milliarden Euro gegeben. Es entstehen 3850 neue Arbeitsplätze pro Jahr, ganz von allein. Die Konjunktur wird brummen. Laepple und Schily lächeln.
Dann ist Kaffeepause. Es gibt Hotel-Adlon-Pralinen. Gestern Abend sind Demonstranten gegen Hartz IV draußen vor dem Hotel Adlon vorbeigezogen. Sie kommen erst nächste Woche wieder.
Jemand schüttelt eine silberne Glocke, drinnen geht es weiter. Die Flügeltür fällt ins Schloss.
Die Organisation wird perfekt sein. Sie ist schon jetzt perfekt. Die Stadien wachsen. Noch nie war ein Land so früh so weit wie Deutschland. Der Chef des Fußball-Weltverbands hat gesagt: Deutschland ist schon jetzt Weltmeister.
Es wird ein Land werden ohne Verspätungen, ohne Staus. Die ICE werden schneller fahren. Die A 66 wird zwischen dem Autobahndreieck Kriftel und dem Autobahnkreuz Wiesbaden sechsspurig befahrbar sein. Am Ende werden überall Straßenschilder mit lustigen, bunten Punkten stehen, für die getrennte Führung von Zuschauergruppen.
Durch die Fenster guckt man auf Baukräne. Ein Betonquader schwebt durch die Luft, er kreist über dem Holocaust-Mahnmal, zwischen dem Hotel Adlon und dem Potsdamer Platz. Man sieht es nicht von hier oben, man hört auch nichts, die Fenster sind geschlossen.
Das Motto der Weltmeisterschaft heißt: Die Welt zu Gast bei Freunden. Deutschland wird ein herzliches Land sein. Seine Menschen werden lächeln und freundlich sein. Das Nachtflugverbot wird aufgehoben. Die Mannschaften, die von weit her anreisen, sollen nicht erst landen dürfen, wenn es in Deutschland wieder hell ist.
Man wird eine Freundlichkeits- und Servicekampagne organisieren, wie man es noch nicht erlebt hat. Es wird freundliche Taxifahrer, freundliche Polizisten, freundliche Parkplatzwächter geben. Sie werden alle Englisch sprechen können. Es wird keinen Parkplatzwächter mehr geben, der sagt: voll. Die Parkplatzwächter werden sagen: How are you today? Oder: Can I help you?
Deutschland wird leicht sein, spielerisch, wienerisch. Otto Schilys Oberkörper tanzt bei dem Wort "wienerisch" Walzer durch die Luft.
Schily nimmt einen Fußball aus dem Nest. Er schießt ihn einmal in die Luft und fängt ihn wieder auf, spielerisch, gekonnt. Er klemmt ihn unter den Arm und geht. Er hat noch politische Geschäfte zu erledigen.
Klaus Laepple vom Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft e. V. geht ans Mikrofon. Freundlichkeit ist der Schlüssel zum Erfolg, sagt er noch mal. Dann möchte er wissen, ob noch irgendetwas unklar geblieben sei. Ob es vielleicht noch Fragen gebe.
Nur eine. Jemand fragt nach der Mannschaftsaufstellung.
Sonst ist eigentlich alles klar, alles ist geregelt. Es gibt eine neue Agenda. Agenda 2006. Das neue Deutschland. Spielerisch, wienerisch, ballverliebt. Agenda 2010? Erledigt. MATTHIAS GEYER
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 40/2004
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