27.09.2004

BAHN„Ein politisches Problem“

Norbert Hansen, 52, Chef der Bahn-Gewerkschaft Transnet, über die Probleme der Deutschen Bahn AG und die Zukunft ihres Chefs Hartmut Mehdorn
SPIEGEL: Herr Hansen, Bahn-Chef Hartmut Mehdorn steht seit Monaten in der Kritik. Jetzt wurde der von ihm forcierte Börsengang des Unternehmens 2006 gekippt. Ist Mehdorn noch zu halten?
Hansen: Darum geht es nicht. Wir haben kein Führungsproblem, wir haben ein politisches Problem. Die Kritiker schreien Mehdorn, und in Wahrheit erleben wir einen Generalangriff auf den Konzern. Die Industrie und die Verbände wollen mit ihren Forderungen lukrative Einzelgeschäfte aus der Bahn rausbrechen. Und die Verkehrspolitiker von Grünen und Opposition betreiben die entsprechende Klientelpolitik.
SPIEGEL: Aber auch Sie haben sich in einem Brief an den Bahn-Aufsichtsratschef Michael Frenzel gegen den Börsengang ausgesprochen und Mehdorn damit weiter geschwächt.
Hansen: Das zielte doch nicht auf den Bahn-Chef. Wir haben die Verschärfung des Klimas gesehen. Die Bahn hat mittlerweile ein negatives Image. In der Politik gibt es keine geschlossene Unterstützung für den Börsengang. In dieser Situation hat ein solches Unterfangen keinen Sinn. Es geht nicht darum, ob die Bahn 2006 oder 2008 an die Börse kommt. Es geht vielmehr darum, ob ein solcher Schritt Erfolg versprechend wäre - im Sinne der Beschäftigten und des Unternehmens.
SPIEGEL: Mehdorn hat zu dem schlechten Image beigetragen, zuletzt mit der Ankündigung einer saftigen Preiserhöhung, deren Berechtigung Kritiker anzweifeln.
Hansen: Derzeit wird vieles behauptet und nichts bewiesen: Die Bahn gebe Bundesmittel nicht aus, um die Kapitaldecke für den Börsengang zu erhöhen, der Ausgabenstopp und die Preiserhöhungen dienten dem gleichen Ziel. Deshalb wollen wir im Oktober eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung einberufen, um diese Fragen zu klären. Dann wissen wir, was Fakt ist und was politisches Spiel.
SPIEGEL: So lange hat Mehdorn Bewährung?
Hansen: Ich halte nichts von dieser Personifizierung. Dann müssten wir auch über die Fehler anderer reden. Sie können doch einen Menschen nicht feuern, weil er sich Ziele setzt. Dann hätte ich als Gewerkschaftschef schon mehrfach gehen müssen.

DER SPIEGEL 40/2004
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