27.09.2004

VERSICHERUNGENVon der Wiege bis zur Bahre

Lebensversicherer haben eine neue Zielgruppe entdeckt: Babys. Deren fürsorgliche Eltern sollen schon heute die Rente ihrer Kinder sichern.
Die Vertreter der Versicherungsbranche werben neuerdings um Kunden, die noch in Windeln unterwegs sind. "Das Geschäft mit den Kleinsten", so der Leiter des Produktmanagements bei Gerling Leben, Jürgen Schwarz, "läuft prächtig."
Angeheizt wird der Versicherungsboom in Deutschlands Kinderzimmern vom nahen Ende des Steuerprivilegs für Lebensversicherungen. Nur die Erträge von Policen, die bis zum 31. Dezember abgeschlossen werden, bleiben bei Fälligkeit zu 100 Prozent steuerfrei. Danach greift der Fiskus bei der Hälfte des Ertrages zu.
Vor allem aber verdanken die Versicherer ihren ungewöhnlichen Aufschwung im Kindergeschäft einem neuen Versicherungstypus, der bei geringen Beiträgen erstaunlichen Wohlstand im Alter verspricht.
Erst in jüngster Zeit haben die Lebensversicherer auch in Deutschland entdeckt, was in den angelsächsischen Ländern und in Skandinavien seit Jahrzehnten üblich ist: die "whole life"-Police, ein Vertrag, der die Kinder von der Wiege bis zur Bahre begleiten kann.
Das Besondere: Eltern oder Großeltern können die Police schon für das Neugeborene abschließen. Die über Jahrzehnte gezahlten geringen Beiträge werden in Fonds angelegt und flexibel gemanagt. Und: Anders als bei normalen Lebensversicherungen, die an einem Stichtag ausbezahlt und damit beendet sind, kann der Versicherte bei den fondsgebundenen Anlagen sein Vermögen auch nach Ende der Beitragsleistungen unbegrenzt stehen und sich vermehren lassen.
In eindrucksvollen Musterrechnungen führen die Versicherer vor, welche Dynamik eine derartige lebenslängliche Police vor allem in der fernen Zukunft entwickeln kann. So umwirbt etwa die Hamburger Aspecta die Eltern Neugeborener damit, ihr Kindergeld von monatlich 154 Euro ihrer fondsgebundenen Kinderversicherung "EinsteinJunior" auf lange Frist anzuvertrauen. Nach 60 Jahren hat der Junior, wenn er denn später selbst weiterzahlen will, 110 880 Euro investiert, bei einer Annahme einer sechsprozentigen Verzinsung sich aber einen - steuerfreien - Kapitalstock von rund 750 000 Euro erworben.
Lässt er das Geld danach nur weitere fünf Jahre stehen, so geht er mit einer stolzen Million Euro mit 65 in den Ruhestand. Braucht er das Geld erst mit 70, dann kann er schon 1,3 Millionen verprassen.
Aber auch mit kürzeren Beitragsleistungen können die Eltern dafür sorgen, dass ihr Kind im Alter nicht nur auf die schwächelnde Rentenversicherung angewiesen ist. Die deutsche Tochter der schwedischen Skandia wirbt etwa für ihre Kinderpolice "Teddy" damit, dass nach 35 Jahren Beitragsleistungen von 100 Euro pro Monat dem 60-Jährigen später über 600 000 Euro zur Verfügung stehen könnten - mit der Möglichkeit, diesen Betrag in den nächsten Jahren zu verdoppeln.
Auf den ersten Blick scheint alles für einen solchen "privaten Generationenvertrag", wie die Allianz ihren "Kinderplan Vorsorge" beschreibt, zu sprechen - zumal die Verträge flexibel dem Lebenslauf des versicherten Kindes angepasst werden können. So können Beiträge aufgestockt oder die Zahlungen schon nach 20 Jahren eingestellt werden, ohne dass der Vertrag endet. Wird Kapital benötigt - etwa für die Ausbildung oder für den Hausbau -, so lassen sich Teilbeträge entnehmen, ohne dass das Steuerprivileg gefährdet wird.
Andererseits basieren all die verheißungsvollen Rechnungen, die Millionen im Alter für geringe Beiträge in der Jugend versprechen, auf einer über Jahrzehnte gesehen günstigen Entwicklung der Fonds, in denen das angesparte Geld sich mehren soll.
Allerdings stellen die Anbieter der Kinderverträge den Versicherungsnehmern frei, beliebig zwischen Fonds zu wechseln oder aber ihr Versicherungsportefeuille managen zu lassen. So kann je nach Marktlage und Lebensalter zwischen riskant und sicher - etwa in Pensionsfonds - gewechselt werden. Eine durchschnittliche Rendite auch auf lange Sicht oberhalb von fünf Prozent, so beteuern die Versicherer, sei deshalb trotz der Erfahrungen der vergangenen Jahre höchst wahrscheinlich.
Billig indes sind die neuen Produkte der Versicherer nicht - zumal Kombinationen mit der Absicherung gegen Berufsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit angeboten werden.
"Die ersten 15 Jahre sind für die Katz", so Jochen Sturtzkopf von der Finanzberatung Loyas, "erst danach beginnt der interessante Teil." HEIKO MARTENS
Von Heiko Martens

DER SPIEGEL 40/2004
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