27.09.2004

HAITIVorbild Kuba

Die Flutkatastrophe auf Haiti, bei der bis Ende der Woche mindestens 1100 Menschen ums Leben kamen, hätte womöglich vermieden werden können, wenn die dort stationierte Uno-Friedenstruppe und die einheimischen Behörden ein Minimum an Katastrophenvorsorge betrieben hätten. Obwohl der Verlauf der Hurrikans von Meteorologen überwacht wird und relativ genau vorausberechnet werden kann, sind die meisten Karibikstaaten nur unzureichend auf die Killerstürme vorbereitet: Gefährdete Zonen werden nicht rechtzeitig evakuiert, die Behörden überlassen die Bevölkerung zumeist ihrem Schicksal.
Eine rühmliche Ausnahme ist Kuba. Die Vereinten Nationen preisen die Hurrikan-Vorsorge auf der Insel als vorbildlich. Auf Kuba herrsche eine "Kultur des Katastrophenschutzes", das Organisationsvermögen der Regierung sei außergewöhnlich, lobte jüngst der Direktor des zuständigen Uno-Programms Sálvano Briceño. Schon Tage vor der Ankunft der Wirbelstürme "Charley" und "Ivan" hatten Kubas staatliche Medien die Bevölkerung Tag und Nacht gewarnt und Tipps zur Vorsorge erteilt. Die Bevölkerung beschwerte die Dächer ihrer Häuser mit Sandsäcken, die bei Regen so schwer werden, dass sie zumeist auch Orkanböen widerstehen.
Vor der Ankunft von "Ivan" brachten die Behörden 1,9 Millionen Bewohner aus den gefährdeten Gebieten in Sicherheit, über 15 Prozent der kubanischen Gesamtbevölkerung. Wasser und Lebensmittel wurden vorsorglich gehortet. Staatschef Fidel Castro reiste selbst in die besonders gefährdete Provinz Pinar del Río, um die Vorbereitungen auf das Unwetter zu überprüfen. Stunden nach dem Sturm reparierten Hilfstrupps Strom- und Telefonverbindungen.
Die straffe staatliche Organisation der sozialistischen Inselrepublik erleichtert eine Hurrikan-Vorsorge: Nachbarschaftskomitees, die von der allmächtigen Kommunistischen Partei kontrolliert werden, können rasch überprüfen, ob alle Bewohner ihre Häuser verlassen haben; kaum jemand traut sich, Widerstand gegen die Evakuierung zu leisten. Streitkräfte und Parteiorganisationen managen die Verteilung von Hilfsgütern. In Haiti herrscht dagegen auch Tage nach dem Sturm "Jeanne" Chaos. Bewaffnete Banden plündern die Hilfslieferungen, in den Straßen der Stadt Gonaïves verwesen Leichen. Die Regierung fürchtet den Ausbruch von Epidemien. Mehr als 400 Ärzte und andere Hilfskräfte leisten unterdessen Erste Hilfe und helfen bei den Aufräumungsarbeiten.

DER SPIEGEL 40/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HAITI:
Vorbild Kuba

  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch