27.09.2004

IRAKSchauspiel des Schreckens

Die Serie von Hinrichtungen ausländischer Geiseln verschafft dem terroristischen Widerstand eine zunehmend bestialische Dimension. Hauptakteur ist offenbar der Islamist Sarkawi.
Kurz vor dem Irak-Krieg, der Angriff der Amerikaner war nur noch eine Frage von Tagen, haderte Bagdads Vizepräsident Taha Jassin Ramadan mit den Zeitläuften und der politischen Weitsicht der westlichen Führungsmacht. "Warum bloß machen die Amerikaner das neben Syrien einzige laizistische Regime im Nahen Osten kaputt", zeterte der Stellvertreter des Gewaltherrschers vor europäischen Besuchern in seinem pompösen Ministerratsgebäude am Tigris, "wenn Saddam Hussein fällt, dann kommt es hier zum Chaos und am Ende zum Triumph dieser verrückten Islamisten und Terroristen."
Heute gehört der kleinwüchsige General zu den zwölf inhaftierten Granden des untergegangenen Regimes, auf die, wie auf den Despoten, wohl der Galgen wartet. Doch auf seinem Weg zum Henker dürfte Saddams engster Vertrauter die Genugtuung mitnehmen, dass sich seine düstere Prognose weitgehend erfüllte: Zwar haben die "verrückten Islamisten" noch nicht gesiegt, aber sie sind drauf und dran, das Zweistromland mit einer unerbittlichen Eskalation von Gewalt in Anarchie und Bürgerkrieg zu stürzen. Längst ist den US-Besatzern die Kontrolle entglitten, obwohl Präsident George W. Bush vor der Uno-Generalversammlung erneut versicherte: "Die Lage im Irak wird besser."
Doch solche Worte sind fernab aller Realität. Die vergangene Woche war mit Anschlägen und der Enthauptung ausländischer Geiseln eine der bestialischsten seit dem offiziellen Kriegsende vor eineinhalb Jahren. Im Zentrum des grauenhaften Geschehens stand dabei die Terrortruppe des einstigen Bin-Laden-Vertrauten Abu Mussab al-Sarkawi, 37. Sie firmiert unter verschiedenen Filialnamen, meist aber als "Tawhid wa Dschihad" ("Göttliche Einheit und heiliger Krieg") und zelebriert geradezu vor laufender Kamera die Blutorgie von Geiselhinrichtungen.
Videoaufnahmen zeigten schwarz gekleidete, maskierte Männer, vor ihnen
einen schluchzenden Gefangenen, das Verlesen der Todesbotschaft, dann die Enthauptung. So grauenvoll kamen vorige Woche zwei im vornehmen Bagdader Wohnviertel Mansur entführte Amerikaner ums Leben, zivile Ingenieure der Baufirma Gulf Supplies and Commercial Services. Eugene Armstrong, 53, wurde nach CIA-Erkenntnissen von Sarkawi selbst die Kehle mit einem langen Messer durchgeschnitten, Jack Hensley erlitt kurz vor seinem 49. Geburtstag denselben entsetzlichen Tod. Eine ähnliche Bluttat hatte der Terroristenchef schon im Mai am US-Geschäftsmann Nicholas Berg vollzogen. Stolz meldete die islamistische Internet-Seite: "Abu Mussab beim Abschlachten eines Amerikaners".
Dasselbe Schicksal drohte dem mit den beiden Amerikanern entführten britischen Techniker Kenneth Bigley, 62. Die Geiselnehmer inszenierten ein Schauspiel des Schreckens und ließen ihn in einem elfminütigen Video an Großbritanniens Premier Tony Blair verzweifelt appellieren: "Bitte helfen Sie, ich will nicht sterben, ich habe das nicht verdient."
Der Fall sollte die Öffentlichkeit in England und Amerika gegen den Krieg im Irak mobilisieren, er spaltete Bagdads Übergangsregierung und zeigte die Grenzen ihrer vermeintlichen Souveränität. Denn einige Minister waren bereit, der Terroristenforderung nach Freilassung aller unter US-Aufsicht inhaftierten Frauen nachzukommen und vor allem die Wissenschaftlerinnen Rihab Taha
und Huda Salih Mahdi Ammasch auf freien Fuß zu setzen. Die in den USA und Großbritannien ausgebildeten Biologinnen, genannt "Doktor Virus" und "Doktor Milzbrand", werden verdächtigt, an den Programmen für Saddams Massenvernichtungswaffen beteiligt gewesen zu sein.
Doch dann torpedierte Washington jegliches Freilassungsarrangement. Wie die britische Regierung wies der amerikanische Präsident jedes Eingehen auf die vorgeschobenen oder tatsächlichen Forderungen der Sarkawi-Truppe weit von sich. Bush sagte auf einer Wahlkundgebung in Pennsylvania: "Die Aufständischen werden uns nicht besiegen. Sie können nur Menschen köpfen und damit versuchen, unseren Willen zu erschüttern. Sie sind darauf aus, uns Amerikaner davon zu überzeugen, dass wir keinen Erfolg haben werden. Sie haben nichts als diese Waffe."
Ganz anders als nach der Hinrichtung von Nicholas Berg blieb diesmal in Amerika ein öffentlicher Aufschrei aus. Die großen Tageszeitungen schrieben menschelnde Reportagen aus den Geburtsorten von Armstrong und Hensley. Aber weder Leitartikler noch berühmte Kolumnisten bemühten sich um die politische Bewertung der Entführungen.
Präsident Bush, der damals im Mai geschworen hatte, "man werde herausfinden, wer hinter dem brutalen Mord steht", hält sich ohnedies zurück. Das kann er mittlerweile auch ungestraft. Denn der Irak scheint seit der Machtübergabe an eine einheimische Regierung fern gerückt.
Es ist so, als ob Amerika dort nur noch am Rande beteiligt wäre und bedauerliche Erscheinungen wie die Ermordung amerikanischer Zivilisten als schiere Übergangsphänomene auf dem Weg zur Stabilisierung gesehen würden, die aber Sache der Iraker unter Interimspremier Ijad Alawi sind und nicht Folge der missratenen US-Besatzung. Diesen Perspektivwandel hatte sich die Regierung Bush vom Machttransfer erhofft. Premier Alawi schätzte die Lage ebenso ein wie der Präsident: "Wenn Regierungen mit Terroristen verhandeln", sagte Bagdads Regierungschef vor dem Kongress in Washington am vergangenen Donnerstag, "dann leidet die ganze freie Welt darunter."
Vor allem aber leidet der Irak, weil die Terrorfront sich ausweitet und mit ihr die Bombenanschläge, Selbstmordattentate und Geiselnahmen. Dabei trifft es nicht nur Einheimische oder Besatzer. Seit Anfang des Jahres wurden im Irak über 170 Ausländer entführt, wenigstens 29 Verschleppte ermordet, fast drei Dutzend gelten als vermisst. Dazu gehören zwei französische Journalisten und die Anfang September verschleppten Italienerinnen Simona Pari und Simona Torretta, beide 29 Jahre alt und Aufbauhelferinnen eines Schulprojekts. Ihr Schicksal ist ungewiss, angeblich wurden sie von ihren Kidnappern an die Sarkawi-Truppe "verkauft". Für Meldungen auf islamistischen Internet-Seiten, die Italienerinnen seien tot, gab es bis Ende letzter Woche keine Bestätigung.
Dass Sarkawi auch über die Brutalität verfügen würde, Frauen abzuschlachten, bezweifelte in Bagdad kaum jemand. Der Beduine aus Jordanien, auf den die Amerikaner ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar ausgesetzt haben, dirigiert im Irak eine Terroristentruppe, die nach dem Urteil des stellvertretenden US-Kommandeurs Generalleutnant
Thomas Metz unter Einsatz brutalster Mittel und Bluttaten "auf Katastrophenereignisse" getrimmt sei.
Terrorismusexperten sind sich nicht einig, ob Sarkawi noch als Gefolgsmann Bin Ladens gelten kann oder längst als ein Rivale agiert aus eigenem Recht. Gemäß seinem wahhabitischen Credo strebt er die Errichtung eines Taliban-artigen, panislamischen Kalifats im Nahen Osten und darüber hinaus an. Die Ermordung von Geiseln sieht er durch das islamische Recht der Scharia sanktioniert, da es "um ungläubige Spione" gehe.
Arabische Geheimdienste schätzen die Stärke seiner Truppe auf rund 1500 Mann, vorwiegend sunnitische Iraker sowie Mudschahidin-Veteranen aus Afghanistan, Algerier, Syrer, Sudanesen, Jemeniten und Saudi-Araber. Operationsbasis von "Tawhid wa Dschihad" war zunächst die Rebellenhochburg Falludscha. Doch inzwischen hat die Guerillaorganisation ihren Aktionsradius erheblich erweitert, teilweise im Bündnis mit Saddam-Loyalisten. Neun "Emire" leiten Einsatzgruppen in einem Streifen von Khanaqin an der Ostgrenze zu Iran quer durch das Sunniten-Dreieck nach Ramadi und bis Latifija südlich von Bagdad. Die schwarzen Banner dieser Islamisten werden inzwischen mitten in der Tigris-Metropole vor brennenden US-Panzern jubelnd geschwungen.
Vorige Woche alarmierte der irakische Geheimdienst westliche Botschaften in Bagdad mit einer Horrorwarnung: Es gebe Hinweise darauf, dass die Sarkawi-Truppe einen Großanschlag vorbereite vom Kaliber des 11. September. Entweder in Amerika oder einem anderen westlichen Staat.
Dass der Menschenschlächter Sarkawi in solch ungeheuren Terrordimensionen denkt, glauben jordanische Sicherheitsoffiziere beweisen zu können. Sie vereitelten Anfang des Jahres einen geplanten Anschlag im Zentrum Ammans. Die Explosion von vier Autobomben mit 20 Tonnen Sprengstoff und Giftgas hätte womöglich Tausende Opfer gefordert. Sarkawi wurde als mutmaßlicher Drahtzieher zum Tode verurteilt. OLAF IHLAU,
ALAA KHALID NASSER, GERHARD SPÖRL
* Am 12. September vor einem brennenden US-Panzer auf der Haifa Street. * Mit dem mutmaßlichen Terroristenchef beim Verlesen der Todesbotschaft.
Von Olaf Ihlau, Alaa Khalid Nasser und Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 40/2004
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