27.09.2004

USA„Dann gibt's eine Tragödie“

Der New Yorker Komiker und Regisseur Woody Allen über Präsident Bush und den Wahlkampf in den Vereinigten Staaten
SPIEGEL: Mister Allen, sehen Sie Ihren Präsidenten George W. Bush als komische oder als tragische Figur?
Allen: Bush selbst ist ziemlich komisch. Wenn man ihn reden hört, muss man oft laut loslachen. Sollte er aber wiedergewählt werden, dann gibt's eine Tragödie.
SPIEGEL: Ist das Leben der Amerikaner denn unter Bush so schrecklich geworden?
Allen: Präsident Bush liefert in seiner Person das perfekte Beispiel dafür, dass in einem Meer von Tragödie ab und zu plötzlich winzige Inseln von Komik auftauchen können, so dass wir uns mit Humor erfrischen. Das ist wie ein Glas kaltes Wasser trinken an einem glühend heißen Tag. Denn die Wirklichkeit, von der wir jeden Morgen in der Zeitung lesen, ist einfach schlecht und grausam. Da gibt's keine Schokoladenseite. Leiden erlöst niemanden, nichts können wir daraus lernen.
SPIEGEL: Hat sich das Lebensgefühl in New York seit den Anschlägen auf die Twin Towers dermaßen verändert, dass Sie jetzt alles schwarz in schwarz sehen?
Allen: Nein. Außer einer gewissen Paranoia, welche die Gespräche auf Partys prägt, läuft das Leben wie vorher. Die Leute gehen ins Theater, zum Baseball, füllen die Restaurants. Die meisten der neuen harschen Sicherheitsmaßnahmen spielen im Alltag keine Rolle.
SPIEGEL: Warum haben Sie als Chronist von Manhattan den 11. September bisher nicht in Ihre Filme einbezogen?
Allen: Ich finde einfach politische Themen nicht profund genug, um mich damit als Künstler auseinander zu setzen. Die ganze Menschheitsgeschichte besteht doch aus Morden, nur die Kosmetik, die Dekoration ändert sich: 2001 brachten einige Fanatiker Amerikaner um, und jetzt bringen Amerikaner ein paar Iraker um. Und in meiner Kindheit ermordeten die Nazis Juden. Jetzt schlachten Juden und Palästinenser sich gegenseitig ab. Politik ist auf die Jahrtausende gesehen eine zu flüchtige Angelegenheit, zu unbedeutend, denn alles wiederholt sich. Aber als Bürger gehe ich natürlich wählen.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich aufgerufen, im Präsidentschaftswahlkampf mitzumischen?
Allen: Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder Kampagnen für die unterschiedlichsten Kandidaten gemacht. Das würde ich gern auch für John Kerry tun.
SPIEGEL: Lassen sich die Wähler denn von prominenten Künstlern beeinflussen?
Allen: Wenn Showbusiness-Leute im amerikanischen Wahlkampf Stellung beziehen, scheint das nicht viel zu helfen. In Europa haben die Menschen wohl mehr Hochachtung vor den Künstlern. Wenn sich in den USA dagegen Autoren wie Norman Mailer oder Philip Roth äußern, nehmen nur die Leute das zur Kenntnis, die schon immer deren Ansichten teilten. Davon kommt keine einzige frische Stimme.
SPIEGEL: Auch Argumente - wie die Kriegslüge oder die Schulden aufhäufende Wirtschaftspolitik - zählen da nicht?
Allen: Wer für Bush ist, der will von guten Gründen gegen ihn nichts wissen. "Macht nichts, ich weiß schon", sagen seine Anhänger, "aber ich mag ihn halt." Dabei bleibt's. Ich persönlich mag halt Kerry.
Wenn ich mich auf Wahlveranstaltungen einmische, heißt es: "Na ja, der Woody Allen ist eben ein typischer New Yorker Intellektueller." Über das verrückte Hollywood-Völkchen lachen die Wähler der Republikaner nur.
SPIEGEL: Halten Sie es also für wirkungslos, wenn jemand wie Michael Moore einen Dokumentarfilm mit starker politischer Botschaft dreht?
Allen: Moore hat mit "Fahrenheit 9/11" eine sehr erfolgreiche und gute Dokumentation abgeliefert. Aber das Problem war, dass nur die den Streifen liebten, die wie er empfinden. Ich zum Beispiel. Aber auch Moore gelang es nicht, die Gegenseite zu beeinflussen. Das hat man mit Hilfe von Meinungsumfragen ausgetestet. Hoffnungsloser Fall. INTERVIEW: HELENE ZUBER
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 40/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

USA:
„Dann gibt's eine Tragödie“

  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor