27.09.2004

NAHOSTMusik gegen die Gewalt

Im jordanischen Exil gründeten palästinensische Musiker aus der ganzen Welt ein Symphonieorchester. Sie spielen für ein anderes Palästina - allen Realitäten zum Trotz.
Ein simpler Ausweis, eingeschweißt in Plastik, kennzeichnet Mohammed Nadschim wie ein modernes Brandmal. "Huwija-ID" nennt sich die Identitätskarte, die vor allem dokumentiert, was ihre Besitzer nicht sind: Sie sind keine israelischen Staatsbürger, denn die besitzen keinen Pass. Sie sind auch keine arabischen Einwohner Jerusalems, denn ihnen fehlt die blaue Kennkarte, die "Huwijat Kuds", mit der sie immerhin als Bürger zweiter Klasse ausgewiesen wären.
Mohammed Nadschim gehört vielmehr zur Kategorie der in Israel besonders unerwünschten Palästinenser aus dem Westjordanland. Wenn sie ins Ausland wollen, können sie ihre Heimat nur über die ewig verstopfte Jordanbrücke Allenby verlassen. Drei Bürokratien - die palästinensische, die israelische und die jordanische - scheinen hier miteinander um die schlechteste Behandlung der Reisenden zu wetteifern. Um fünf Uhr morgens steckt Nadschim, der junge Klarinettist, schon an der ersten der drei kafkaesken Hürden fest. Und mit ihm seine Freunde, Huwija-Kartenbesitzer wie er.
Bereits seit Stunden ist er mit 13 Musikern aus Betlehem und Ramallah auf dem Weg. Von Checkpoint zu Checkpoint sind sie durch das von Stacheldraht und Betonmauern zerteilte Land bis zur Grenze zwischen Israel und Jordanien gefahren. Mitgebracht haben sie ihre Instrumente und eine unerfüllbare Sehnsucht nach Normalität. Sie wollen ganz einfach mit anderen Palästinensern zusammen musizieren.
Erschöpft und zermürbt sitzen sie jetzt neben ihren Instrumentenkoffern auf einem kleinen Mauersims vor dem kahlen Gebäude der Passkontrolle. Nadschim wird als Platzhalter abgestellt, um die nächste Stunde vor der Glastür auf Einlass zu warten. Eingeklemmt steht er in der drängelnden Menge der Wartenden, die einander die Luft abschnüren und zunehmend verzweifelter reagieren. Ein säuerlich-muffiger Geruch liegt über den Menschen, die teilweise schon seit Tagen hier an der Durchreise nach Jordanien gehindert werden. Die Reisenden mussten im stickigen Auto auf dem Parkplatz oder unter knorrigen Olivenbäumen im Freien übernachten.
Ohnmacht und Demütigung sind eine alltägliche Erfahrung für Palästinenser, aber deswegen nicht weniger schmerzhaft. "Man sollte eigentlich annehmen, dass wir all das gewohnt sind", sagt Nadschim leise, "aber jedes Mal sticht es mir ins Herz. Wir wollen doch nur Musik machen. Sonst nichts."
Ein Traum hat die Nachwuchskünstler auf die beschwerliche Reise geschickt. Zum ersten Mal in der Geschichte wollen jugendliche Palästinenser aus der ganzen Welt ein Symphonieorchester gründen. Doch für eine solche Utopie gibt es keinen Platz in der besetzten Heimat: Palästinensische Musiker aus den nahöstlichen Nachbarstaaten erhalten keine Einreiseerlaubnis. Um die vertriebenen und zerstreuten Palästinenser aus allen Ländern zu einem Klangkörper zu vereinen, müssen alle ins Exil. 65 Musiker aus Syrien, Deutschland, Frankreich, Italien, Ägypten und aus dem Westjordanland treffen sich deshalb im jordanischen Dscharasch, in der Antike eine glänzende Römerstadt und heute zumeist von Flüchtlingen aus Palästina bewohnt.
Für die, die aus dem Westjordanland anreisen, soll die Musik ein Fluchthelfer sein: heraus aus der Hoffnungslosigkeit des endlosen Kreislaufs von Gewalt und Gegengewalt. Und heraus auch aus dem Stigma des Terrors, das jeden einzelnen Palästinenser mit einer Kollektivschuld zu belegen scheint. Gibt es ein besseres Zeichen des Friedenswillens als Musik? Predigt das nicht schon seit Ewigkeiten auch ein Mann von der anderen Seite, der israelische Dirigent Daniel Barenboim?
Auf den Hügeln oberhalb der römischen Ruinen von Dscharasch erhebt sich das weiß getünchte Olive Branch Resort. Das Hotel leuchtet im rötlichen Licht der untergehenden Sonne, als die erschöpften Gestalten aus dem Westjordanland endlich eintreffen. 15 Stunden haben sie gebraucht für eine Strecke von rund 50 Kilometern.
Die anderen Musiker haben die Unterkunft schon in einen quirligen Orchestergraben verwandelt. Aus den Drei- und Vierbettzimmern in den drei Stockwerken ertönen Melodiefetzen von Beethovens drittem Klavierkonzert in c-Moll. Der Billardraum im Erdgeschoss ist zum Probensaal für die Blechbläser umgewandelt worden, im neonbeleuchteten Konferenzraum des ersten Stocks beraten die Streicher über den richtigen Bogenstrich im Finale von Tschaikowskis zweiter Symphonie.
Die Teilnehmer haben an den Konservatorien von Amman, Damaskus, Kairo und Ramallah studiert: Violinisten wie Jenna, mit ihren elf Jahren eine hoch begabte Anfängerin, aber auch erfahrene Fagottspieler wie der Syrer Ijad Hafis, der zurzeit mit Auslandsstipendium an der Universität von Perugia studiert.
Palästinenser sind sie alle und doch einander zunächst fremd. Beim ersten Abendessen sitzen die jugendlichen Musiker noch nach Herkunft getrennt an den Tischen. Isolation ist in Zeiten der Intifada eine typische Erfahrung. "Auf der Straße lauerte stets Gefahr", sagt Nadschim, "meine Mutter sperrte mich ins Haus, damit ich nicht erschossen werde." Ihm blieb die
klassische Musik - im Westjordanland ein einsamer Zeitvertreib.
Auf einmal sollen sie nun zusammen spielen. Die Engländerin Heather McDonald hat ihre Querflöte abgesetzt und schaut in die Gesichter der Holzbläser hinter den Kopien der Bärenreiter-Partituren: "Ihr müsst wie ein Instrument klingen", sagt sie.
Seit sechs Jahren schon lebt McDonald in Ramallah. Für ein Jahr wollte die Arabisch sprechende Flötistin ursprünglich hierher kommen, um in den besetzten Gebieten am "National-Konservatorium" zu unterrichten. Sie kam nie wieder davon los.
"Noch einmal", fordert die Engländerin jetzt, doch der Einsatz der Bläser tröpfelt noch immer. George, ein pausbäckiger Brillenträger an der Oboe, hat gepatzt. "Auch wenn ihr denkt, es hört ja niemand zu", sagt McDonald, "jedes Instrument spielt eine Rolle."
Über Stunden arbeiten sie verbissen weiter an Intonation, Phrasierung und einheitlichem Klang. Fünf internationale Lehrer und die deutsche Dirigentin Anna-Sophie Brüning haben den Probenplan minutiös ausgearbeitet. Brüning unterrichtet die Streicher: "Hört auf euren Nachbarn", ruft sie, "ihr müsst lernen, aufeinander Acht zu geben."
Die Jugendlichen aus dem Westjordanland könnten der jungen Deutschen mit dem Taktstock erklären, was sie alles auf sich genommen haben für ihre Leidenschaft zur Musik. Dass sie die Ausgangssperren missachtet, die israelischen Panzer in den Straßen von Ramallah umgangen haben, alles nur, um zum Unterricht im Konservatorium nahe dem zerschossenen Amtssitz von Jassir Arafat zu gelangen. Sie haben eifrig studiert und geprobt - aber eben allein, nicht zusammen.
"Sie sind ausgehungert", sagt François Hetsch, ein Viola-Lehrer vom Konservatorium des französischen Angers, "für meine Schüler zu Hause ist klassische Musik nur ein Hobby. Aber für diese Jugendlichen hier ist sie eine Notwendigkeit."
Nach den Proben, spätabends am Swimmingpool, kommen langsam erste Gespräche in Gang, die über Musik hinausgehen. Rezepte werden ausgetauscht. Wie
macht man "Kinafa" in Amman? Wie in Betlehem?
Dann berichten sie einander, wie und wohin ihre Eltern und Großeltern geflohen sind. Und sie beklagen, dass sie ihre Familien nicht besuchen dürfen. Hafis' Mutter lebt in Damaskus. Für ein Wiedersehen fehlt ihm das Geld und ihr das Visum für Italien - seit zwei Jahren schon. Nadschims Großvater lebt in Jaffa. Doch junge palästinensische Männer stehen unter Generalverdacht. So wird Nadschim jedes Mal am israelischen Checkpoint abgewiesen, wenn er sich aufmacht, seinen Großvater zu besuchen.
Jeden Tag verlieren die Palästinenser ein Stück mehr ihres Landes, jeden Tag graben sich die Wut und die Verzweiflung tiefer in sie ein. Die jungen Musiker sagen, dass sie die Israelis nicht hassen, wohl aber deren Politik der Zerstörung und die Mauer, die ihnen den Lebensraum ständig weiter einschränkt. Doch sie wissen auch, dass der Feind siegt, wenn sie nur mit Militanz und Gewalt aufwarten.
"Musik ist unsere Form des Widerstands", sagen sie alle. "Wir wollen zeigen, dass wir leben", sagt der Oud-Spieler Ahmed al-Chatib aus Jordanien. "Ich bin nicht auf der Welt, um Steine zu werfen", stimmt Nadschim zu, "ich habe diese Gabe, und ich kann Trauer und Zorn in Musik ausdrücken."
Später, in der sternenklaren Nacht, formieren sich eine Geige, eine Klarinette, eine Laute und eine Zither zu einem kleinen Ensemble, das arabische Musik spielt. Es sind Melodien aus jenen Ländern, deren Herrscher das Schicksal der Palästinenser längst vergessen haben.
Spielend und mit Hilfe abendländischer Töne entsteht in Dscharasch während der folgenden Tage die Vision von einem anderen Palästina, das nicht von alltäglicher Gewalt erschüttert wird. So könnte es in Zukunft sein, sagen viele. "Hier geht es nicht um Politik", behauptet Chatib, der seine Laute wieder gegen das klassische Cello getauscht hat, "dafür proben wir hier zu hart. Wir sind Musiker."
Das andere Palästina, das sie hier darstellen, hat deshalb nichts gemein mit jenem Palästina der extremistischen Repräsentanten. Nicht Opfer oder Täter irgendeiner Seite wollen sie sein, sondern Musiker - einen politischeren Satz hätte Chatib gar nicht sagen können.
Das große Abschlusskonzert in der Hauptstadt - Beethoven, Grieg und Tschaikowski - erfüllt schließlich alle mit widerstreitenden Emotionen. Ein Triumph ist es geworden, ein gesellschaftliches Großereignis. Doch hat sie gleichzeitig die Wehmut des Abschieds befallen.
Mehr als alles andere wünschen sich die jungen Musiker, dass diese Reise nicht die Ausnahme, sondern der Anfang einer neuen Normalität sei. Dass sie sich verabschieden könnten mit den Worten: "Nächstes Jahr in Palästina." CAROLIN EMCKE
Von Carolin Emcke

DER SPIEGEL 40/2004
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