27.09.2004

TENNISVorteil Perestroika

Drei Grand-Slam-Siege in Folge, sechs Spielerinnen unter den ersten 13: Russlands Damen erobern die Tenniswelt. Die Konkurrenz vermutet einen Feldzug hungriger Post-Kommunistinnen. Die Russen selbst glauben an Talent, Fleiß und die Früchte der Freiheit. Von Walter Mayr
Alles deutet auf einen perfekt choreografierten Abend hin, im Arthur-Ashe-Stadion von Flushing Meadows. Die beiden russischen Finalistinnen tragen beim Einmarsch Baseballmützen mit den Initialen der New Yorker Feuerwehr und Polizei. Sie wollen so die Toten des 11. September 2001 ehren. Die 20 524 vorwiegend amerikanischen Fans wiederum gedenken mit einer Schweigeminute der Opfer des russischen Geiseldramas in Beslan.
Dann wird Tennis gespielt. Grand-Slam-Tennis, à la russe. Schnell und hart, 74 Minuten lang. Als der Matchball verwandelt ist, schreitet Alan Schwartz, der Präsident des US-Tennis-Verbands, zur Siegerehrung.
Da passiert es. Schwartz, angetreten, die Siegerin beim Namen zu nennen, scheitert. Er stottert, korrigiert sich, blamiert sich.
Die Leidtragende, die Unaussprechliche, sie heißt: Swetlana Kusnezowa. Sie ist 19 Jahre alt, klein, bullig und trägt Zahnspange. Sie hat gerade das Endspiel der U. S. Open 2004 gewonnen, gegen ihre Landsfrau Jelena Dementjewa. Sie könnte jetzt beleidigt sein. Doch Kusnezowa nimmt die Panne gelassen.
Nicht nur amerikanische Funktionäre haben derzeit Mühe, in Worte zu fassen, was im Welt-Damentennis geschieht. Bis Juni 2004 hatte keine Russin je ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Seit Juni 2004 hat keine Nichtrussin mehr ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Siegerin in Paris: Anastassija Myskina. Siegerin in Wimbledon: Marija Scharapowa. Siegerin in New York: Swetlana Kusnezowa.
Unter den ersten 13 der Weltrangliste befinden sich inzwischen 6 Russinnen, Tendenz steigend. 15 Russinnen standen im Hauptfeld der U. S. Open, 8 davon gesetzt. Zur Prime Time mussten Amerikas Fernsehsender am Ende ihrem Publikum erklären, warum Serena und Venus Williams, Jennifer Capriati und Lindsay Davenport nicht mehr dabei waren.
Die Standardgeschichte geht so: Hungrige Kommunistenkinder aus dem zerfallenen Riesenreich Sowjetunion sehen im Tennis den einzigen Weg zu sozialem Aufstieg und schinden sich entsprechend. Als Paradebeispiel für die Tellerwäscher-Theorie muss meistens Marija Scharapowa herhalten. Sie verließ im Alter von sieben Jahren ihre Heimat, um bei Nick Bollettieris Tennisakademie anzuheuern.
Scharapowa sei bei ihrer Ankunft in Florida so dünn gewesen, "dass man sie von der Seite gar nicht sah", zitiert die "New
York Times" den Erfolgscoach Bollettieri. "Verarmte russische Kids", schlussfolgert auch das "Time Magazine", strebten durch Tennis nach einem glücklichen Leben.
Dieses Erklärungsmuster hat viel mit dem amerikanischen Traum, aber weniger mit der russischen Wirklichkeit zu tun.
"Kusnezowa, Myskina, Dementjewa, die kommen alle aus guten Familien, die waren nicht hungrig", sagt Anna Dmitrijewa, die Grande Dame des russischen Tennis. Sie durfte 1958 als erste Russin nach Wimbledon und erreichte auf Anhieb das Junioren-Finale. Bis heute kommentiert sie im Fernsehen die großen Turniere. Das eigentliche Geheimnis der russischen Erfolge sei, sagt Dmitrijewa, "dass endlich keiner mehr stört - weder der Verband noch der Staat, weder das ZK noch das Politbüro der Partei".
Erst Gorbatschows Perestroika führte Mitte der Achtziger dazu, dass nicht mehr von oben entschieden wurde, wer zu welchem Turnier fährt, und dass das Preisgeld bei den Spielern blieb. Jahrelang war Dmitrijewa die einzige Sowjet-Tennisspielerin, die ins Ausland durfte. Später reisten je zwei Damen und Herren. Weil Tennis 64 Jahre lang, bis 1988, nicht olympisch war, sah die medaillenfixierte Sowjet-Führung wenig Anlass, den Sport gezielt zu fördern. Talente wählten damals medaillenträchtigere Sportarten.
In vielen Familien der heutigen Topspielerinnen ist deshalb zwar keine Tennistradition, aber ein Hochleistungs-Gen nachweisbar. Kusnezowas Bruder war 1996 Olympia-Zweiter mit dem Bahnrad-Vierer, die Mutter sechsfache Radsprint-Weltmeisterin und der Vater Trainer der Mutter. Nadja Petrowas Vater war Weltklasse-Diskuswerfer, die Mutter 1976 Olympia-Medaillengewinnerin in der 400-Meter-Staffel.
"Das Erfolgsrezept unserer Mädchen", sagt Dmitrijewa, "sieht so aus: vor dem Wettkampf motiviert bis an den Rand der Hysterie, und dann auf den Punkt konzentriert." Selbst abseits des Platzes zeigen die Russinnen Größe. Wenn, wie in New York geschehen, das Publikum ihre Doppelfehler frenetisch beklatscht, sagt eine wie Dementjewa höchstens: "Ich würde mich schämen, wenn so etwas daheim in Russland passieren würde."
Der straffe Tourkalender befördert Weltläufigkeit. Die kapriziöse Myskina, inzwischen auf Rang zwei der Weltrangliste, spricht fließend Englisch. Dementjewas Französisch genügt den Anforderungen an eine Danksagung fürs Publikum in Roland Garros. Und wenn Scharapowa mit sich zufrieden ist nach dem Spiel, klingt das so: "Ei-wos-däffnli-fiel'n-well-onkort."
Schön und launisch wie eine Perserkatze stolziert die 17-Jährige in Wimbledon zu ihrem ersten Grand-Slam-Sieg, das Kleidchen bis zum linken Beckenknochen geschlitzt, und wehrt sich gegen Vereinnahmungsversuche. "Nein, wir waren nicht arm, als wir zu Bollettieri fuhren", sagt sie, aber natürlich hätten ihre Eltern gewaltige Opfer gebracht. Ja, sie fühle sich noch als Russin, lebe aber gern in den USA.
Marija Scharapowa ist die Ausnahme von der Regel. Der
Großteil der heutigen Wunderkinder wuchs zusammen in und um Moskau auf, wo es die meisten Tennisplätze gab, auf den Anlagen von Armee, Geheimdienst oder Gewerkschaft. Wera Zwonarewa, inzwischen Nummer 11 der Welt, hat gegen Nadja Petrowa, heute Nummer 13, schon im Alter von acht Jahren 0:6 und 0:6 verloren - und diese Abreibung noch vor kurzem als ihr bisher denkwürdigstes Match bezeichnet.
Die Weltranglisten-Zweite, Anastassija Myskina, 23, inzwischen erfolgreich gecoacht vom Deutschen Jens Gerlach, und die -Sechste, Jelena Dementjewa, 22, kennen sich gleichfalls seit Kindertagen - auf dem Gelände von Spartak Moskau duellierten sie sich bisweilen um ein Stück Pizza.
Beide trainierten unter Rausa Islanowa, der Mutter der Weltranglistennummer 60 Dinara Safina. Bei Spartak im Moskauer Sokolniki-Park ist damals auch Anna Kurnikowa groß geworden, die mit sportlichem Erfolg und dem Glamour, den sie verströmte, vorübergehend Vorbild einer ganzen Generation russischer Tennisspielerinnen war, ehe sie in den Jet-Set-Spalten und im Ranglisten-Nirwana versank. Wer die ehrgeizige Scharapowa ärgern will, muss sie nur mit Kurnikowa vergleichen.
Larissa Preobraschenskaja, Kurnikowas ehemalige Trainerin, läuft noch heute, im 75. Lebensjahr, mit modischer Steppweste und dramatischer Sonnenbrille übers Spartak-Gelände und überwacht Schützlinge. Neben ihr steht wie ein Ausrufezeichen unterm Herbsthimmel Nadja Petrowas Vater, einst Leichtathlet, jetzt für körperliche Ertüchtigung im Verein zuständig.
Igor Wolkow, Cheftrainer für Kinder bei Spartak seit 33 Jahren, beobachtet derweil den ersten Trainingstag der Neuankömmlinge. Vor einer Wand mit Prada-Täschchen, DKNY-Lederjacken und Damenzigaretten bewaffneter schöner Mütter nehmen Mascha, Dascha und andere Fünfjährige an diesem Mittag die erste Hürde auf dem Weg zum Tennisstern.
Im Alter von 15 Jahren hat eine Russin im Schnitt etwa 1,5 Millionen Bälle mehr als eine Deutsche gespielt - schätzt der deutsche Trainer Markus Schur. Und tatsächlich lupfen bei Spartak die Kleinen schon dreimal wöchentlich den Ball unter strengen Augen der Tennislehrer übers Netz. Der Dank klingt dann so: "Streck die Arme nicht so nach hinten beim Schlagen, du siehst aus wie ein Pinguin."
Es sind keine Hungerleider, die hier ankommen, um Tennis zu erlernen - knapp 100 Dollar pro Monat kostet die Ausbildung. Finanziell am Stock geht höchstens der Verein. Er gehört dem Gewerkschaftsbund. Sogar an Platzmeistern fehlt es. "Vom Verband sehen wir keine Kopeke", sagt der Cheftrainer Wolkow.
Trotzdem versuchen er und seine Leute, mitten im Kommen und Gehen besorgter Eltern, die ihren feschen Kindern die Schläger nachtragen, Sowjet-Standards sportlicher Ausbildung in die Neuzeit zu retten. Dazu sind bisweilen schmerzliche Schritte nötig - ein Angebot des Pipeline-Multimillionärs Dmitrij Pumpjanski, für seinen in der Schweiz geparkten Sohn als Privattrainer einen der Spartak-Coaches abzuwerben, wurde gerade ausgeschlagen.
Mit der French-Open-Siegerin Myskina habe er vor fast zehn Jahren in Italien ein Nachwuchsturnier gewonnen, sagt Wolkow. Sie seien zum sofortigen Übersiedeln eingeladen und von TV-Kameras umschwirrt worden. "Trainer, wie soll ich nun nur weiterleben?", habe ihn die damals spindeldürre Nastja gefragt. "Wie von Lenin aufgetragen", hat Wolkow geantwortet: "Lernen, lernen, lernen."
Und so schwitzt die Myskina im Kraftraum des Moskauer Nobelclubs Valery auch jetzt wieder, kaum dass sie bei Olympia gegen Justine Henin-Hardenne eine 5:1-Führung im dritten Satz verspielt hat und damit, bis auf weiteres, ihren Lebenstraum: eine Medaille, möglichst eine goldene, für Russland zu holen.
Spitzensport und Patriotismus gehören eng zusammen in Putins Russland, in Zeiten anhaltend schlechter Nachrichten im Land umso mehr. Eine wie Myskina sagt, ihr Ziel sei von jeher gewesen, erst einmal beste Russin zu werden.
Anastassija Myskina gibt sich höflich entzückt, wenn Staatspräsident Putin ihr nach dem Sieg in Paris persönlich gratuliert. Und nachdem Vorgänger Jelzin sie in Moskau zum Essen ausgeführt hat, lässt die Diva, ansonsten dafür berühmt, Coach und Mutter bisweilen mit derbsten Verwünschungen zu belegen, allen Ernstes verlauten, sie sei beeindruckt - Boris Nikolajewitsch habe ihr geraten, am Aufschlag und an den Longline-Schlägen zu arbeiten.
Boris Nikolajewitsch Jelzin, erster Präsident Russlands, ist so etwas wie der oberste Pate des nationalen Tenniswunders. Jelzin, der sich Anfang der Neunziger samt Racket auf einem Tennisplatz fotografieren ließ, habe, so heißt es, die Wende mit diesem Symbolbild einleiten helfen: ein ehemaliger KP-Apparatschik aus Swerdlowsk im Ural, in kurzen weißen Hosen auf dem Weg in die kapitalistische Neuzeit.
Das Volk verstand diesen Fingerzeig der Obrigkeit, wie gewohnt, als Befehl zur Nachahmung. Im lange als bourgeois verschrienen Sport war ein beispielloser Boom die Folge. Die Zahl der Hallenplätze hat sich seit dem Ende der Sowjetunion vervierfacht, die Zahl der Profi-Turniere verzehnfacht, die Vereine können sich den Nachwuchs aussuchen.
Und Jelzin lässt es sich bis heute nicht nehmen, den Erfolg seiner Mission regelmäßig zu kontrollieren. Wenn, beispielsweise, im Moskauer Innenstadtbezirk Tschistyje prudy am Tag der Damen-Halbfinals von Roland Garros das Handy von Jelzins ehemaligem Tennislehrer klingelt, ist schon am unnachahmlichen Bass zu hören, wer dran ist.
"Boris Nikolajewitsch? Sdrawstwuitje!" - Brummen am anderen Ende. Zwei Russinnen stehen in den Halbfinals, Jelzin möchte wissen, wie die Chancen stehen, bei diesem Wetter, auf Sand. - "Nicht schlecht", antwortet Schamil Tarpischtschew, der Tennislehrer, "aber wir müssen abwarten. Um vier Uhr, Moskauer Zeit, Boris Nikolajewitsch, Fernseher einschalten."
- "Um vier Uhr kann ich nicht", brummt Jelzin. - "Sollen wir vielleicht in Paris anrufen und das Ganze verschieben lassen?"
Schamil Tarpischtschew, 56, grinst. Er ist - jenseits seiner Zuständigkeit für Jelzins Vorhand - Chef des russischen Tennisverbands, seit 30 Jahren Trainer der russischen Herrenmannschaft, IOC-Mitglied und treibende Kraft der Moskauer Olympia-Bewerbung. Er kennt seinen Jelzin. Gemeinsam haben sie damals die Sache mit dem nationalen Fonds durchgezogen, der auf der schönen Idee basierte, mit Alkohol und Nikotin den russischen Sport zu retten - zollfreier Import zu Gunsten der Athletenförderung.
Am Ende waren etwa zehn Milliarden Dollar verschwunden, und Tarpischtschew, inzwischen zum Sportminister aufgestiegen, wurde entlassen. Bis heute verweigern die USA ihm, dem IOC-Funktionär, immer wieder mal das Visum. Der Freundschaft zu Jelzin hat all das keinen Abbruch getan. Gemeinsam war man dieses Jahr wieder in Wimbledon, mit schönen Zimmern im Hotel Royal Garden.
Wenn Jelzin nicht selbst dabei sein kann, sieht er die Matches im Fernsehen. "Mindestens einen Zuschauer haben wir immer", heißt es beim abonnentenschwachen Pay-TV-Sender NTV plus mit bitterer Ironie. Wenn Boris Nikolajewitsch etwas verschlafe, könne es vorkommen, dass er später anrufe, und darum bitte, das Versäumte für ihn noch einmal zu senden.
Die erste Fernsehübertragung aus Wimbledon überhaupt hat 1984 der Sohn des damaligen Außenministers Gromyko, ein Tennisfan, durchsetzen helfen. Doch noch heute ist der Wiedererkennungswert russischer Stars in der Heimat so gering, sagt der Vermarktungsprofi Alexej Seliwanenko von der Firma Octagon, dass sich Werbung mit ihnen kaum lohne. Für die meisten bräuchte man "erst mal 'ne Love-Story", um sie verkaufen zu können.
Den Aufwärtstrend in der Damen-Weltrangliste wird das nicht bremsen. Das glauben die Trainer bei Spartak Moskau wie Igor Wolkow. Das vermuten die Leiter der spanischen Tennisakademien, wo russische Kinder für 2500 Euro pro Monat ausgebildet werden. Und das befürchtet auch Nick Bollettieri, dem unlängst im Angesicht einer neunjährigen Russin, die von ihren Eltern bei ihm abgegeben wurde, der Satz entfuhr: "Sie marschieren immer weiter auf dich zu, wie die russische Armee."
Swetlana Kusnezowa, die Gewinnerin der U. S. Open 2004, hat nach dem Matchball gar nicht erst gefeiert. Sie ging nachts noch einmal auf den Platz, Bälle schlagen bis kurz vor Mitternacht. Dann fuhr sie ins Hotel, suchte im US-Fernsehen vergebens nach Bildern von ihrem Sieg und packte ihre Taschen für den Abflug nach Bali.
Das Finale dort hat sie dann eine Woche später gewonnen.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 40/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TENNIS:
Vorteil Perestroika

  • Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll
  • Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen