27.09.2004

FILMPROJEKTE„Goebbels war unzufrieden“

Der bisher ausschließlich im Theater aktive Regisseur Armin Holz, 42, über seine gerade begonnene Neuverfilmung des berüchtigten Veit-Harlan-Werks „Opfergang“ (1944) unter dem Titel „Opfergang. Ein Durchhaltefilm“
SPIEGEL: Herr Holz, in Ihrem Film spielen die renommierten Darsteller Marc Hosemann, Jeanette Hain, Birgit Minichmayr, Ilse Ritter, Marlen Diekhoff, Lars Rudolph und Udo Kier mit. Hatte keiner von denen Angst, sich mit der Neuverfilmung des umstrittenen Nazi-Melodrams, in dem es um einen Mann zwischen zwei Frauen und huldhaftes Verzeihen der einen Liebenden geht, in eine politisch zweifelhafte Arbeit zu stürzen?
Holz: Nein, merkwürdigerweise keiner. Meine Erfahrung auch als Theatermacher ist, dass gerade gute Schauspieler neugierig sind. Ich halte Harlans Film, der nach dem Willen von Joseph Goebbels ein "Durchhaltefilm" werden sollte, für ein extremes, extrem faszinierendes Werk.
SPIEGEL: Heißt das, Sie wollen mit Ihrer Adaption des Harlan-Drehbuchs, das auf einer Novelle des Schriftstellers Rudolf G. Binding beruht, den Regisseur Harlan rehabilitieren, der den Hetzfilm "Jud Süß" verbrochen hat?
Holz: Ich bin kein Oberschiedsrichter über die Filmgeschichte. Aber der Film hatte ja eine interessante Rezeption. Goebbels war unzufrieden damit, nicht bloß weil er lieber Margot Hielscher statt Kristina Söderbaum in der Hauptrolle der Aels gesehen hätte, die bei Binding noch Joie heißt - nein, er fand diese Aels, die Sätze sagt wie "Wenn der Tod bei dir anklopft, lass ihn herein", zu todessüchtig. Und im nichtfaschistischen Ausland, in der Schweiz und in den USA, sah man "Opfergang" als Film, der den Untergang des Nazi-Reichs vorwegnahm.
SPIEGEL: Wie schwer war es, für Ihr Projekt Fördergeld zu bekommen?
Holz: Es war praktisch unmöglich. Die Widerstände haben mich angestachelt. Für ein Projekt, auf dem der Name Harlan draufsteht, kriegt man hier zu Lande kein Geld. Zum Glück haben wir von Arte, wo man sich leidenschaftlich für den Film eingesetzt hat, 180 000 Euro bekommen - und damit arbeiten wir jetzt. Alle Beteiligten verzichten erst mal auf ihr Honorar.
SPIEGEL: Wieso mussten Sie den Film denn so unbedingt drehen?
Holz: Für mich ist das ganze Leben ein Durchhaltefilm, gerade in Deutschland. Das Durchhalten gehörte zu den Gründungsmythen der Bundesrepublik, es ist eine tief in der Seelenlandschaft verankerte Tugend und Untugend. Auch ich spüre die in mir.

DER SPIEGEL 40/2004
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