27.09.2004

FILMEMACHERDer doppelte Almodóvar

Der schrecklichste und zugleich komischste Satz in Pedro Almodóvars neuem Film "La Mala Educación" lautet: "Gott ist auf unserer Seite." So spricht ein Priester, der sich anschickt, seine pädophilen Umtriebe durch einen Mord zu vertuschen. Dies sei, sagt der spanische Autor und Regisseur, sein persönlichster Film, im Kern basierend auf Kindheitserfahrungen in einem katholischen Internat. Hätte er diesen Film vor 20 Jahren gedreht, so wäre der Mord wohl zu einem blutigen Horrormoment der Wahrheit geworden. Heute jedoch gibt der reife Geschichtenerzähler Almodóvar, 55, gewissermaßen sich selbst in der Figur eines Jungregisseurs verdoppelnd, dem Moment einen weit raffinierteren, spannungsvolleren Dreh, indem er den Mord als Filmszene darstellt, zu deren Dreharbeit der angeblich wirkliche Täter als Augenzeuge hinzukommt und seine Version dagegensetzt. Jede der Hauptfiguren in diesem Psycho-Melodram, das drei Erzählungen virtuos ineinander schachtelt, hat zwei oder gar drei Darsteller. Almodóvars im Frühjahr in Cannes gefeierter Film, der endlich mit dem Titel "Schlechte Erziehung" auch in die deutschen Kinos kommt, erzählt mit seiner unvergleichlichen melancholischen Eleganz vom Begehren und Begehrtwerden als einer Sache auf Leben und Tod.

DER SPIEGEL 40/2004
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