27.09.2004

KINODicker als Fondue

Bernd Eichingers Hitler-Film „Der Untergang“ ist in Deutschland ein großer Kassenerfolg und verkauft sich auch weltweit - doch er spaltet die ausländische Presse.
Auf diese Gelegenheit hatten die Briten lange gewartet. Die Deutschen glaubten immer, es sei eine britische Spezialität, Hitler zu vermarkten, schrieb die Londoner "Times" in einem Artikel über den Film "Der Untergang". Jetzt zeige sich, dass der Diktator sich am besten in Deutschland selbst verkaufe. Eine "noch nie dagewesene Medienkampagne" sei dabei, dem Film mit einem "Hitler-Hype" zum Erfolg zu verhelfen.
Das mit dem Erfolg ist wohl nicht ganz falsch: Den mit gut 400 Kopien in der vorvergangenen Woche in Deutschland angelaufenen Film über Hitlers letzte Tage im Führerbunker sahen in einer Woche knapp 750 000 Zuschauer. Gewiss hat dieser gute Start auch mit dem enormen Medienecho auf den von Bernd Eichinger produzierten und geschriebenen und von Oliver Hirschbiegel inszenierten Film zu tun, der von Deutschland ins Rennen um den Oscar geschickt wird. Allerdings ist der Medienhype nur möglich, weil sich eben viele Leute für den größten Polit-Verbrecher aller Zeiten interessieren.
Die "Bild"-Zeitung bereitete den Start des Werks mit einer täglichen Hitler-Serie vor, "Frankfurter Allgemeine"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher stürzte sich in einen wahren "Untergangs"-Rausch und feierte den Film mit mehreren Leitartikeln. Der SPIEGEL druckte eine Titelgeschichte.
Angesichts des "Covermodels" Hitler ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") zeigt sich vor allem in England und Frankreich die Presse verschreckt: "Absurde Dimensionen" nehme, so die "Times", der neue Rummel um den "Führer" an, und die Pariser "Libération" befürchtet gar eine deutsche "Hitlermania". Gelassenheit demonstrieren von den ehemaligen Alliierten jene auf der anderen Seite des Atlantiks. "Dass Hitler Stoff für ein Stück Massenunterhaltung geworden ist, zeigt, wie weit es den Deutschen gelungen ist, ihre Geister zu bannen", schreibt die "New York Times".
Fest steht: "Der Untergang" verkauft sich auch ins Ausland gut. Verleiher aus 20 Ländern haben die Rechte bereits erworben oder verhandeln um sie. Unter anderem wird "Der Untergang" in italienischen, französischen, spanischen und sogar in polnischen und japanischen Kinos zu sehen sein. Auch mit Verleihern in Nordamerika und Großbritannien seien die Verhandlungen "weit fortgeschritten", heißt es beim Vertrieb EOS-Distribution aus München. Die Bayern sind sich sicher: "Es wird kein Nischenfilm sein."
Bei den Premieren in Berlin und Toronto äußerte ein Teil der prominenten Gäste überschwängliches Lob. So sagte Lord George Weidenfeld, der 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen musste und später
die Erinnerungen Albert Speers in Großbritannien verlegte: "Ich bin davon überzeugt, dass ,Der Untergang'' ein großes Kinowerk ist." Der britische Historiker und Hitler-Biograf Ian Kershaw hält Bruno Ganz'' Darstellung für das erste "zwingende" Leinwandporträt des Diktators.
Dieses Lob wird von vielen Rezensenten geteilt - auch wenn das US-Branchenblatt "Variety" mäkelt, der aufgetragene österreichische Akzent von Ganz sei dicker "als Fondue". Dem Schauspieler, so die spanische Zeitung "El País", gelinge es, Hitler nicht als Monster, sondern als Mensch "aus Fleisch und Blut" darzustellen, "der sich freundlich gegenüber seiner Entourage zeigt und kurz vor seinem Selbstmord noch einen Teller Spaghetti lobt".
Doch genau diese vermeintliche Vermenschlichung Hitlers reizt weltweit nicht wenige Journalisten zum Widerspruch. "Wen interessiert es, ob Hitler seinen Hund liebte?" - so fragt die australische "Canberra Times" und beklagt, es sei die "neumodische Manie", bekannte Personen an privaten, emotionalen Details ihres Lebens zu messen. Das Blatt befürchtet einen "biografischen Revisionismus".
In Frankreich sprechen sowohl die linke Zeitung "Libération" als auch der konservative "Figaro" den Deutschen die Reife ab, den Menschen Hitler darstellen zu können. Es sei ein "fataler Fehler" gewesen, einen fiktiven Film über den "Führer" zu drehen, meint "Libération". Zweieinhalb Stunden mit einem Hitler zu verbringen, der in seinem Bunker weint, weil er den Krieg verloren hat, sei "an der Grenze des Erträglichen" und bringe keine neuen Einblicke in diese Epoche.
Fast einhellig wird immerhin jene Szene als besonders intensiv hervorgehoben, in der Corinna Harfouch als Magda Goebbels nacheinander ihre sechs Kinder tötet - über die Grausamkeiten der Nazis ist eben leichter Einigkeit zu erzielen.
In Israel berichteten die Zeitungen schon über den "Untergang", als die Journalisten den Film noch gar nicht gesehen hatten. Auch sie thematisierten vor allem den Tabubruch, Hitler als Menschen zu zeigen. Eldad Beck, Deutschland-Korrespondent der größten israelischen Tageszeitung "Jediot Acharonot", ist "beeindruckt" und kann den Vorwurf, der Film verniedliche Hitler, nicht nachvollziehen. "Man muss verrückt sein, um Sympathie für Hitler zu empfinden. Dieser Film zeigt in großartiger Art und Weise den Wahnsinn dieser Zeit." Für Beck ist "Der Untergang" einer der besten deutschen Filme der vergangenen Jahre, er ist überzeugt, dass "nur Deutsche die Hauptfiguren und die Epoche so authentisch darstellen können".
Ob der Film tatsächlich in Israel gezeigt wird, steht noch nicht fest. Es gibt Interesse, aber noch keinen Vertragsabschluss, teilt der EOS-Vertrieb mit. LARS-OLAV BEIER,
RUTH REICHSTEIN
* In Berlin bei der Premiere am 12. September.
Von Lars-Olav Beier und Ruth Reichstein

DER SPIEGEL 40/2004
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