27.09.2004

THEATER„Eure aufgepumpten Lippen“

In Berlin wird jetzt Peter Handkes jüngstes Theaterstück uraufgeführt: „Untertagblues“ ist der Wutanfall eines Schönheits-Fans - und, so sagt der Regisseur Claus Peymann, sehr lustig.
Der Theaterdirektor hat eine tiefe Schramme am Kopf, brauner Schorf ziert seine Denkerstirn - doch Claus Peymann ist nicht, was einem in Berlin durchaus passieren kann, von einem Rowdy in der U-Bahn verprügelt worden. Er ist auf dem Weg zur Arbeit, "genau vor dem Palast der Republik", wie er sagt, vom Fahrrad gestürzt: "Im ersten Augenblick war ich mir fast sicher, dass ich mir das Genick gebrochen hatte, aber zum Glück war's dann nicht so schlimm."
Peymann, 67, stellt nun in seinem Haus, dem Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm, einen Helden auf die Bühne, den man getrost als U-Bahn-Pöbler bezeichnen darf: In "Untertagblues", dem jüngsten Theaterstück des sonderbaren Dichters Peter Handke, beschimpft ein Held namens "Der wilde Mann" eine ganze U-Bahn-Fahrt lang seine Mitreisenden - und angesichts all des Unflats, den der Kerl da von sich gibt, muss man sich wundern, dass die Sache nicht in einer Schlägerei endet.
Der Wüterich in der Metro, den in Berlin der zur Kraftmeierei begabte Schauspieler Michael Maertens spielt, erblickt beispielsweise ein ansehnliches junges Paar - und "fletscht" es "an", wie Handke formuliert: "Eure gelängten Wimpern ärgern mich. Eure auffrisierten Nasen ärgern mich. Eure aufgepumpten Lippen ärgern mich. Eure weißpolierten Zähne ärgern mich ... Schande über euch. Weg mit euch aus meiner Bahn."
20 Szenen lang rattert die U-Bahn, die in allen Großstädten der Welt unterwegs sein könnte (weshalb jede Station gleich mehrere Namen hat, zum Beispiel "Hoboken - Bir Hakeim - Schönheide"), in Handkes Stück von Station zu Station. Immerfort steigen Männer und Frauen zu oder aus, fast alle werden Zielscheibe der Hassattacken: "Macht euch ungeschehen!", fordert der Polterer von den einen. "Wem willst du da eine eben noch durchlebte Liebesnacht vortäuschen?", schnauzt er eine weibliche Mitpassagierin an.
"Hättest du das Spalten des Atoms verhindert, ja, das wäre preiswürdig gewesen", wettert er gegen einen Wissenschaftler. "Ich sehe in deinen Schädel hinein: leer, leer. Nichts als eine Klickmaus darin", beschimpft er einen "Sportzeitungsleser". Widerwärtig findet er auch das öffentliche Bücherlesen in der Metro mit "dünnen Lippen" und "unschön geknickten Brauen", schlimmer noch ist das Zurschaustellen einer fröhlichen Gemütsverfassung: "Vermaledeit sei eure gute Laune, oder der Spaß, den ihr scheint's habt", wütet er.
"Das ist ein unheimlich lustiges Stück, eine Farce, scharf und gnadenlos", schwärmt der Regisseur Peymann. "Ein Clown und seltsamer Traumtänzer" sei der Held, "der seine Zuhörer beschimpft und zugleich erlöst". Das ganze Stück dürfe man nicht zu ernst auffassen, zumal der Held am Ende auf eine Frau treffe, "die in Wahrheit eine Fee ist. Das ist wie in Ferdinand Raimunds Zaubertheater".
Auch der sonst oft magenbitterernste Dramatiker Handke scheint sich eine gewisse Lockerheit zu wünschen im Umgang mit seinem Werk. Er musste lange auf die Uraufführung des Stücks warten, weil eine Wiener Produktion unter Luc Bondys Regie im Spätsommer 2003 nach ersten Proben abgebrochen wurde. Nun gibt sich Handke oberlässig: Ihm sei bei den Inszenierungen seiner Stücke "im Lauf der Jahrzehnte aufgefallen, dass die Schauspieler eine Art Scheu vor dem Text hatten - als sei der eben Text, ziseliert, fein, etc.", schrieb der Dichter Ende Juni in einem Brief an den Regisseur Peymann und ermahnte ihn, nur ja nicht zu tiefgründelnd zu werden. Die Schauspieler sollten "ganz Spiel werden, wenn auch immer wieder und zuletzt einschneidendes, mehr oder weniger sanftes, weh- und wohltuendes, eben Spiel. Und das Epische - den großen Zug ins Weite - nicht vergessen!"
Ach, spricht nicht ein imposanter Hau, aber auch eine schöne Sprachkraft aus solchen Zeilen? Handkes tollkühne (und nur manchmal tollwütige) Selbstbegeisterung schlägt auch hier die wundersamsten Funken, wenn sein Held beispielsweise mit dem Elend der Frauenemanzipation abrechnet: "Einsamer bist du heute, Frau, als je eine Frau zuvor. Früher hast du noch zuzeiten Teil der Engel sein können, mit Salben für die Wunden."
Heimweh nach den Engelfrauen - natürlich kann man solche Ansichten bizarr finden. Aber der Theatermacher Peymann, seit je ein treuer Philologe und Poetenknappe vor dem Herrn, ermahnt alle Kritiker sogleich: "Es ist, verdammt noch mal, nicht Handke, der da spricht, sondern wir haben einen Menschen vor uns, der nicht mehr verzeihen kann, der in seinem absoluten Anspruch unfähig geworden ist zu lieben, der vollkommen im Abseits gelandet ist - bis die Fee kommt. So weit zum Frauenbild."
Peymann ist bestens in Form, die Stirnschramme trägt er wie einen Orden aus tapfer geschlagenen Schlachten, er verweist kurz auf die Ähnlichkeit des neuen Handke-Stücks zu berühmten alten Handke-Stücken wie "Publikumsbeschimpfung" (1966) und "Kaspar" (1968), die selbstredend niemand anderer als er, Peymann, uraufgeführt hat, damals.
Die U-Bahn-Fahrt versinnbildliche, meint Peymann, "den Traum von einer neuen Arche Noah, deren Bewohner mit der Moral dieser Welt nichts zu tun haben wollen". Nur im Lärm, in der Einsamkeit der Metro kämen die Menschen heutzutage noch zu sich, diesen "Schmerz der Welt, den Handke da erspürt" habe er in New York, Paris und anderswo so erlebt.
Peymann hat ja Recht: Das ganze Stück ist lustig und traurig zugleich; vielleicht sogar "führt es hin zu Tschechow", wie Peymann sagt, aber es bleibt noch viel Wegstrecke dorthin: Die Lebensklugheit und Menschenliebe Tschechows ist dem einsamen Misanthropen Handke eher fern. Sein Schönheitssucher spürt die Isolation, aber er kann sie nicht überwinden - bis er von der Fee erlöst wird.
Könnte nicht auch der Theatermacher Peymann so eine Fee ganz gut gebrauchen? Der "wilde Mann" bei Handke ruft: "Ihr Leute heute: so hässlich wie noch nie welche!" Der wilde Peymann ruft: "Ich will mit dieser Premiere ein Zeichen setzen gegen die Verstümmelung, Fragmentierung, Verkleinerung von Theater, wie sie heute von allen betrieben wird außer von Handke und Botho Strauß!"
Peymann findet es "idiotisch", dass auf vielen deutschen Bühnen Kino- und Romanstoffe aufgeführt würden. Er hält es für einen "Offenbarungseid", dass eine Mehrheit der deutschsprachigen Kritiker in der Umfrage der Zeitschrift "Theater heute" gerade erst eine Berliner Gastspielbühne (das Hebbel am Ufer, kurz HAU) zum "Theater des Jahres" gewählt hat. "Nur noch Beliebigkeit und Castorf-Agonie" sieht er rundum in Berlins Theatern.
Und wo bleibt der Autorennachwuchs? "Die jungen Dramatiker von heute sind noch Gestrüpp, eine Art Unterholz - möglicherweise mit Schösslingen, aber bis jetzt ist kein schöner Baum zu sehen. Ich halte mich dagegen gern in den Wipfeln auf bei Handke, Strauß, Jelinek und Thomas Bernhard."
Anders als der "wilde Mann" hat der Polterer Claus Peymann beim Schimpfen stets die allerbeste Laune. Man merkt: Der Theaterdirektor will gar nicht erlöst werden. Die Fee muss warten. WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 40/2004
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