27.09.2004

„Der Körper ist unser Kapital“

Verbraucherschutzministerin Renate Künast über dicke Kinder, die Chancen von Prävention und ihr Bündnis gegen Fett
SPIEGEL: Frau Künast, Sie waren nie ein kleines dickes Mädchen. Warum kümmern Sie sich so um übergewichtige Kinder?
Künast: Weil das Ernährungsverhalten in der Kindheit geprägt wird. Die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen verstehe ich als Warnhinweise. Aber auch die meisten Erwachsenen wissen gar nicht, dass sie ab dem 40. Lebensjahr weniger Kalorien brauchen. Und dann wundern sie sich, dass sie in die Breite wachsen. Da gibt es eine Menge Aufklärungsbedarf.
SPIEGEL: In dieser Woche laden Sie zu einer Plattform mit über tausend Teilnehmern: Eltern, Unternehmer, Ärzte, Krankenkassen. Lassen sich mit so vielen Personen überhaupt Beschlüsse fassen?
Künast: Es ist ein erster Schritt. Wir müssen erst einmal analysieren und vorhandene Ansätze bündeln. Wir brauchen einen breiten gesellschaftlichen Diskurs. Einzelmaßnahmen helfen noch nicht viel.
SPIEGEL: Sind die zahlreichen Präventionsprojekte in Deutschland also sinnlos?
Künast: Wenn man den wachsenden Umfang des Problems betrachtet, fragt man sich schon, ob sie nicht besser wirken könnten. Sie sind kaum wissenschaftlich ausgewertet. Jetzt sind von der Lebensmittelwirtschaft bis zu den Krankenkassen zum ersten Mal alle versammelt. Es macht wenig Sinn, wenn alle Projekte allein vor sich hin arbeiten. Das ist Geldvernichtung.
SPIEGEL: Dicke Kinder wären auch ein Thema für die Gesundheitsministerin - und endlich mal eines, das populär ist.
Künast: Wir ziehen hier an einem Strang. Ich bin Ernährungsministerin. Dazu gehört, über Ernährung und ihre Folgen aufzuklären.
SPIEGEL: Auch Ulla Schmidt will Präventionsprojekte für Kinder und Jugendliche anstoßen. Warum machen Sie nicht gemeinsame Sache? Da ließen sich doch Ressourcen und Fachleute viel besser nutzen.
Künast: Natürlich tauschen sich unsere Fachleute aus. Aber mit dem Thema müssen sich möglichst viele Ministerien befassen, alle, die sich um Kinder, Bildung, Gesundheit und Sport kümmern. Das weit verbreitete Übergewicht mindert die Chancen aller Kinder. Das geht jeden an.
SPIEGEL: Jahrelang haben Sie sich mit der Nahrungsmittelindustrie gestritten. Warum sollte die jetzt plötzlich weniger Fett und Zucker unters Volk bringen?
Künast: Der europäische Markt ist umkämpft. Wir werden eine öffentliche Debatte wie in den USA bekommen, wo Versicherungen bereits über Tarife für Risikopatienten diskutieren. Die ersten Hersteller haben es ja begriffen; die stellen jetzt zum Beispiel Riegel her, die nur ein Viertel so kalorienhaltig sind wie früher. Sie wollen sich Marktsegmente sichern und tragen deshalb zur Lösung des Problems bei.
SPIEGEL: Sie vertrauen darauf, dass Konzerne freiwillig ihre Strategie ändern?
Künast: Das Problem ist zu groß, als dass es sich mit Zwang lösen ließe. Wir müssen grundlegende Strukturen verändern. Wir legen wegen Pisa sowieso gerade neue Bildungsstandards fest. Da gehört zwingend auch Gesundheitswissen dazu. Mein Körper ist mein Kapital, jedes Kind sollte lernen, welche Bedeutung die Ernährung hat.
SPIEGEL: Bislang galt es als Privatsache, wie Eltern ihre Kinder ernähren.
Künast: Auch Politik muss dazu beitragen, dass Kinder nicht schon früh ihre Chancen einbüßen, weil sie falsch ernährt, massiv übergewichtig und damit krankheitsanfällig sind. Es gibt ja erste Ansätze: Die Bundesmittel für Ganztagsschulen sind auch für solche gedacht, in denen Kinder in Schulküchen das Kochen lernen.
SPIEGEL: Ein schlechtes Beispiel. Gerade unter den neuen Ganztagsschulen haben viele bislang keine Mensa, geschweige denn eine Lehrküche.
Künast: Ebendrum. Der Bund hat das Geld zur Verfügung gestellt. Wir können Landesminister aber nicht zwingen, keine Fehler zu machen.
SPIEGEL: Was halten Sie von einer Fettsteuer, wie sie in England diskutiert wird?
Künast: Gar nichts. Wir hätten sofort eine Debatte um die Summe, nicht aber um die Sache. Außerdem ist so etwas nicht praktikabel. Wären die Pommes an der Bude dann steuerpflichtig, die zu Hause frisch zubereiteten aber nicht? Wir können nicht die Bratpfannen bewachen.
SPIEGEL: Firmen wie Nestlé lassen Konzepte für Vollwertverpflegung in Ganztagsschulen erarbeiten. Am Zucker- und Fettgehalt ihrer Produkte ändert das nichts. Ist das nicht ein Ablasshandel?
Künast: Die Politik kann Unternehmern nicht verbieten, Imagepflege zu betreiben. Aber wir überlassen die Schulen nicht allein der Industrie, sondern finanzieren die kostenlose Beratung der Pädagogen durch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung.
SPIEGEL: Zum Essverhalten von Kindern existieren widersprüchlichste Studien. Warum sehen Sie die Industrie in der Verantwortung, wenn nicht einmal die Datenlage richtig geklärt ist?
Künast: Man muss die Umfragen genau angucken. Manchmal wurden Eltern befragt, was ihre Kinder essen; die Kinder jedoch erzählten etwas ganz anderes. Die Eltern beten das Problem teilweise gesund. Das Übergewichtsproblem ist Ergebnis eines Lebensstils. Wenn Bewegung und Energiezufuhr aus der Balance sind, also das Problem nicht nur eine Ursache hat, sollten alle Teil der Lösung sein.
SPIEGEL: Was wollen Sie also tun?
Künast: Wir brauchen einen anderen Lebensstil - und dazu muss zum Beispiel auch die Stadtplanung beitragen. Es ist absurd, Parks anzulegen und dann, wie in Berlin, darüber zu diskutieren, den Schlosspark eintrittspflichtig zu machen. Wir sollten dankbar sein, wenn Kinder durch Parks rennen. Die Städte und auch Unternehmen müssen sich überlegen, wie sie für gut qualifizierte Arbeitnehmer mit Kindern attraktiv werden. Die kommen nämlich lieber an einen spannenden Ort, der trotzdem grün ist und Kindern Bewegungsfreiheit lässt.
SPIEGEL: Woher soll das Geld kommen? Die Kommunen sind pleite, und die Krankenkassen sorgen sich schon, dass sie künftig für alle Prävention zahlen sollen.
Künast: An vielen Stellen ist doch Geld vorhanden. Außerdem ist vieles keine Frage von Finanzen - etwa wenn es in den neuen Schulbüchern um Ernährung geht. Geschrieben werden müssen die ja ohnehin. Wir stehen am Anfang. Irgendwann müssen wir dahin kommen, dass sich alle fragen, wie die gesunde Schule und die gesunde Stadt aussehen könnten.
INTERVIEW: CHRISTOPH SCHULT, KATJA THIMM
Von Christoph Schult und Katja Thimm

DER SPIEGEL 40/2004
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