27.09.2004

BERÜHMTHEITENDie Akte Goethe

Nur knapp entging der Sarg Goethes im Zweiten Weltkrieg der Vernichtung durch Sprengung. Anschließend beäugten neugierige Anthropologen immer wieder die Überbleibsel des Dichterfürsten - bis sie das verfaulte Fleisch schließlich ganz von den Gebeinen schälten.
Der Frühling nahte, vom Eis befreit waren Strom und Bäche, als der greise Dichter zu Bette lag. "Katarrhfieber" schüttelte ihn, zeitweilig verlor er das Bewusstsein. Am 22. März 1832 schrieb der Todkranke zittrig mit dem Finger etwas aufs Oberbett. Andere berichten, er habe verärgert nach "mehr Licht" gerufen, ehe er gegen 11.30 Uhr verschied.
Mit dem Tod des Poeten von Weltrang starb eine ganze Epoche, die Klassik. Seine Dramen, darunter der "Faust", aber auch der Werther-Roman, haben Goethes Ruf begründet.
Politisch blieb er stets indifferent. Als Dank schenkte ihm der Fürstenhof in Weimar, wo er 56 Jahre lang als Beamter unter anderem für Bergbau und Kultur zuständig war, ein Begräbnis der Extraklasse. Bekränzt mit Lorbeer und gehüllt in ein Totenhemd, ging er dahin.
"Auf dem Rücken ausgestreckt", wie ein Schlafender mit "erhaben-edlem Gesicht", so sah zuletzt der Vertraute Eckermann den am Main gebürtigen Poeten. Goethe, so schien es, war nicht gestorben, sondern entrückt.
Doch auch den Genius umfing Vergängnis. Seinen Korpus - am Ende kaum 70 Kilogramm schwer - griffen nach der Leichenstarre Schimmelpilze und Aaskäfer an. "Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!", schrieb er. Doch damit lag der Dichter ähnlich falsch wie mit seiner Farbenlehre.
Immerhin waren die Weimarer Bestatter um eine langsame Fäulnis bemüht. Anders als Schiller, der 1805 in einer schlichten Tannenkiste in die Tiefe sank (aus der man ihn 21 Jahre später heraushob und in die Weimarer Fürstengruft umbettete), glitt Goethe nobel ins Jenseits, fast wie ein Pharao.
Sein Sarg, gefertigt aus massiver Eiche, enthielt innen einen luftdicht verlöteten Bleikasten, in dem der Tote ruhte. So sollte er gedeihlich mumifizieren.
Jahrzehntelang stand dieser Schrein in dem von Clemens Coudray errichteten Mausoleum von Weimar, direkt neben dem von Schiller, mit "der Ansicht gegen Sonnenaufgang". Thomas Mann wallfahrte zum großen Dichterduo. Der Germanist Julius Petersen nannte die Stätte im Jahr 1932 den "magnetischen Pol allen Menschengedenkens".
Dann, im blutigen Endkampf des Zweiten Weltkriegs, brach Ungemach über die Überreste der Nationalpoeten herein. Der Berliner Anthropologe Herbert Ullrich hat aus dem Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar Unterlagen zu Tage gefördert, die zeigen, dass die Leiche des deutschen Jambenschmieds um ein Haar in die Luft gesprengt worden wäre.
Das kam so: Aus Furcht vor Zerstörung durch Bomben sollten die beiden Dichter-Sarkophage ausgelagert werden. Am 11. Dezember 1944 fuhr auf Anordnung des Thüringer Gauleiters Fritz Sauckel ein Lkw zur Fürstengruft. Uniformierte hoben die Särge auf die Ladefläche. Dann brausten sie zum Sanitätsbunker nach Jena und stellten die Toten in Gewölben aus meterdickem Beton ab.
Alles schien gut zu gehen, bis der Bunkerleiter Werner Knye in den Schlusstagen des Kriegs einen fatalen Befehl erhielt. Auf Geheiß des Jenaer Polizeipräsidiums sollte er die schweren Eichensärge für ihre Vernichtung durch Sprengung und Verbrennung bereitstellen. Doch Knye entschloss sich zum Widerstand und versteckte die Dichterkisten hinter Bergen aus Verbandsmaterial.
Am 11. April 1945 spitzte sich die Lage dramatisch zu. Der Mutige wurde wegen "Befehlsverweigerung und Sabotage" zum Tode verurteilt, konnte aber fliehen. Zur selben Zeit eilte ein Sprengkommando herbei und suchte die Särge.
Am Tag danach - endlich - erreichte eine amerikanische Vorhut die Stadt und vereitelte den Plan. Die Schreckensvision eines in die Troposphäre gejagten Materialgemischs, bestehend aus den verwesten Leichen von Goethe und Schiller, war gebannt.
Ruhe kehrte trotzdem nicht ein. Am 12. Mai brachten die US-Trupps, unter Obhut von Major William Brown, die Leichname nach Weimar zurück und bahrten sie in der oberen Halle des Mausoleums auf - allerdings nicht ohne den Goethe-Sarkophag vorher zu öffnen und einige Knochen zu stehlen. "Die Bleiauskleidung weist am oberen Rand deutlich Schneideabsätze auf", heißt es im DDR-Protokoll. Im Klartext: Der Schrein wurde aufgeschlitzt wie eine Konservendose.
Kurz danach überließen die Amerikaner den Russen das Feld, die mit ihren Truppen nun Thüringen besetzten und sogleich den Poesiestars der Feinde Respekt zollten. Am 5. August 1945 erklang in der Gruft wahrscheinlich die Internationale, die rote Fahne schwebte empor.
Unter DDR-Herrschaft wurde dann der Deckel des Goethe-Sargs eifrig auf- und zugeklappt. 1961, 1963 und 1970 öffneten Ostexperten die innere Bleikiste, deren Inhalt bei so viel Frischluft immer mehr zu stinken begann. Die Haut des Dichters löste sich laut Protokoll zu einer "schmierigen Masse" auf.
Um diesem Prozess zu begegnen, lief im November 1970 die große Geheimaktion "Mazeration Goethe". Sieben Personen, darunter ein Pathologe und ein Gerichtsmediziner, sahen sich den Leichnam an. Man entnahm ihn der Gruft, verbrannte seine Weichteile und reinigte die Knochen mit "Wofasept und Alkohol".
Nur das bröckelige Totenhemd des großen Nationalpoeten entging damals den Flammen. Es wurde in Berlin restauriert und Insidern zufolge dem Klassiker pietätvoll übers Gebein gelegt. MATTHIAS SCHULZ
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 40/2004
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