27.09.2004

ANTIKEBeistand von Herakles

Hannibal war mehr als nur ein Schlachtenlenker. Eine einzigartige Karthago-Schau in Karlsruhe stellt den Feldherrn nun auch als politischen Visionär vor.
Der römische Konsul Aemilius Paullus war sich seines Sieges gewiss. Fast 90 000 Soldaten standen am 2. August des Jahres 216 vor Christus an der Adriaküste bei Cannae bereit. Der Gegner, geführt von dem Karthager Hannibal, zählte kaum 50 000 Mann.
Einen Tag später gab es das römische Heer nicht mehr. Dank der genialen Umklammerungstaktik des damals gerade 31 Jahre alten Hannibals waren mindestens 50 000 Legionäre gefallen, knapp 20 000 weitere gefangen. Die Karthager büßten gerade einmal 6000 Mann ein.
Der Weg der Invasoren auf Rom schien frei. "Hannibal ad portas" (Hannibal vor den Toren) - der Schreckensruf wurde zum zentralen Trauma des Römischen Reiches.
Hätte Hannibal Rom einnehmen können? Würden dann heutige Schulkinder phönizische Vokabeln büffeln?
Der Feldherr entschied sich gegen eine Stürmung der Stadt. Schon die Zeitgenossen rätselten, warum. "Zu siegen verstehst du, Hannibal, den Sieg zu nutzen verstehst
du nicht", so soll der karthagische Kavallerie-Chef Maharbal gemault haben.
So ging Hannibal als wohl tragischster Held der Antike in die Geschichtsbücher ein: Rom lehnte Verhandlungen ab, zwang den Rivalen nach 14 weiteren Kriegsjahren in die Knie und machte schließlich die nordafrikanische Metropole Karthago dem Erdboden gleich - aus Angst vor einem weiteren Cannae.
Mit der Vernichtung der Stadt ging nicht nur die Kultur, sondern auch die Geschichtsschreibung Karthagos verloren: Von den sieben Büchern, die Hannibals griechischer Lehrer und Biograf Sosylos verfasste, ist keine einzige Zeile erhalten. Die Römer dagegen zeichneten ein "bisweilen bis zur Unkenntlichkeit verzerrtes Karthago- und Hannibal-Bild", klagt der Potsdamer Althistoriker Pedro Barceló.
Jetzt versucht sich das Badische Landesmuseum in Karlsruhe an der "weltweit ersten umfassenden Darstellung" der phönizischen Kultur bis zum Untergang Karthagos**. Gestützt auf rund 500 Exponate setzt Ausstellungsleiter Michael Maaß der römischen Tradition "ein vielschichtiges Bild" der karthagischen Hochkultur entgegen. Passend dazu präsentiert Barceló im Ausstellungskatalog wie auch in seinem soeben erschienenen Buch*** neuere Deutungen, die Hannibals Verhalten im historischen Schlüsselmoment von Cannae besser erklären könnten.
Die Römer hatten Hannibals Alpenüberquerung stets als Rachefeldzug für die Niederlage im ersten römisch-karthagischen Krieg gedeutet. Barceló dagegen glaubt, hinter Hannibals Strategie ein weitsichtiges politisches Konzept erkennen zu können. Als Vorbild habe ihm "das politische System der hellenistischen Staaten" gedient, "das durch die Herstellung eines Gleichgewichts der Kräfte die Bildung eines allmächtigen Hegemons verhindern konnte".
Im östlichen Mittelmeerraum hätten sich etwa gleich große Territorialstaaten gegenseitig in Schach gehalten. In ein ähnliches "System kollektiver Sicherheit" habe Hannibal auch Rom einbinden wollen.
Zwar sei Hannibal im westlichen Mittelmeerraum aufgewachsen, argumentiert Barceló. Geprägt habe ihn aber die phönizische Tradition und die griechische Kultur des östlichen Mittelmeers.
Im Jahre 814 vor Christus hatten phönizische Händler am Golf von Tunis die Kolonie Qart Hadasht ("neue Stadt") gegründet - die spätere Bezeichnung Karthago geht auf die Römer zurück. Dank ihrer günstigen Lage stieg die Stadt bald zur bedeutendsten See- und Handelsmacht des Mittelmeers auf. Die afrikanische Nord- und die spanische Südküste, Madeira, die Balearen, Sardinien, Malta und mehrere Städte Siziliens gehörten zum Reich.
Vor allem in der Navigation zeigte sich die Überlegenheit der Karthager. Bereits im 6. Jahrhundert vor Christus tauchten ihre Schiffe vor Britannien und Westafrika auf; für die Römer endete damals die Welt an der Meerenge von Gibraltar.
Die Stadt Karthago wurde derweil zum Schmelztiegel, in dem sich phönizische Tradition mit orientalischen, ägyptischen und griechischen Einflüssen zu einer "kosmopolitischen, multikulturellen Mischung" (Maaß) verbanden. Durch die Handelsbeziehungen trugen die Karthager entscheidend zur Verbreitung des von den Phöniziern erfundenen Alphabets bei. Das Luxusgut Glas machten sie zur Massenware, im Schiffsbau entwickelten sie als Erste eine serielle Bauweise. Lobend heben die Griechen zudem die demokratischen Züge des politischen Systems in Karthago hervor.
Bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts vor Christus beherrschten die wendigen karthagischen Schiffe unangefochten das westliche Mittelmeer. Das jedoch änderte sich im ersten römisch-karthagischen Krieg: Die Landmacht Rom forderte die Seemacht im Süden heraus. Am Ende mussten die Karthager
Sizilien ihren Feinden überlassen und zudem hohe Tribute leisten.
Nach der Niederlage wurde Hannibals Vater zum Sufeten, zum karthagischen Staatsoberhaupt, gewählt. Er suchte nach Ausgleich für die verlorenen Gebiete und fand ihn in Spanien; schon bald hatte er den ganzen Süden der Halbinsel mitsamt ihrer reichen Silberminen erobert. Dabei stets an seiner Seite: der junge Hannibal.
Doch die argwöhnischen Römer wollten dem karthagischen Wiedererstarken nicht tatenlos zusehen. Sie planten eine Invasion in Nordafrika - woraufhin sich Hannibal 218 vor Christus zum Präventiv-
schlag entschloss: dem Zug über Pyrenäen und Alpen.
Hannibal verließ sich dabei nicht nur auf militärische Stärke, er setzte auch "ideologische Kriegsführung" ein. So jedenfalls interpretiert Barceló, dass Hannibal, als sein Heer bereits im Norden Spaniens stand, noch rasch in das weit im Süden gelegene Gades (heute: Cádiz) reiste, um dort im Heiligtum des Herakles um Beistand zu bitten. Schließlich hatte Herakles der Sage nach selbst die Alpen gequert, als er einen Dieb zur Rechenschaft ziehen wollte. "Jeder kannte damals diese Sage", erklärt Barceló. "Hannibal richtete damit einen unmissverständlichen Appell an alle Rom-Gegner, sich im Namen des Herakles unter seiner Führung gegen den gemeinsamen Feind zu erheben."
Die Hoffnung, eine starke antirömische Koalition zu schmieden, erklärt Barceló zufolge auch Hannibals Verhalten nach seinem Sieg in Cannae. "Von Anfang an war Hannibals Armee für eine Eroberung Roms viel zu schwach", glaubt der Forscher.
Intensiv - und vorübergehend erfolgreich - warb Hannibal um Partner. Barceló sieht darin einen Beleg für seine staatsmännische Begabung. Dass sich Rom allerdings kategorisch gegen jede politische Lösung sträubte, hatte er nicht vorhergesehen: Rom, so stellte sich heraus, wollte alles oder nichts. "Die Situation nach Cannae war paradox", stellt Barceló fest: "Niemals zuvor stand Rom so sehr am Abgrund und gleichzeitig Hannibal so meilenweit von einem Sieg entfernt."
Die Römer änderten ihre Taktik und vermieden nun die offene Schlacht. Als der Feldherr Scipio im Gegenzug erst Hannibals Machtbasis in Spanien eroberte und dann mit seinen Legionen Karthago direkt bedrohte, musste Hannibal seinen Italienfeldzug abbrechen.
Vor den Toren Karthagos wurde Hannibal schließlich - das erste und einzige Mal - auch militärisch geschlagen. Die Zerstörung der Stadt erlebte er nicht mehr. Von den römischen Häschern bis ans östliche Ende des Mittelmeerraums gehetzt, schritt er schließlich in Libyssa, nahe dem heutigen Istanbul, mit Gift zu seiner letzten Befreiungstat. DIETMAR HIPP
* Schlacht von Zama, in der Scipio 202 vor Christus Hannibal besiegt (Gemälde von 1521). ** Sonderausstellung "Hannibal ad portas. Macht und Reichtum Karthagos", vom 25. September bis 30. Januar. Katalog: Theiss Verlag, Stuttgart; 400 Seiten; 39,90 Euro. *** Pedro Barceló: "Hannibal. Stratege und Staatsmann". Klett-Cotta Verlag, Stuttgart; 320 Seiten; 22,50 Euro. * Computerrekonstruktion aus der ZDF-Dokumentation "Karthago - Die Stadt der Seefahrer".
Von Dietmar Hipp

DER SPIEGEL 40/2004
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