04.11.1959

Die Brücke am Regen

Im Morgengrauen des 27. April stockt die amerikanische Panzerspitze unerwartet vor den Toren einer süddeutschen Kleinstadt. Beiderseits der Brücke, über die der Weg in die Stadt führt, haben sich sieben deutsche Soldaten eingenistet - Sechzehnjährige und Siebzehnjährige, die erst zwei Tage zuvor aus der örtlichen Oberschule heraus einberufen wurden. Mit dem Kriegsspieleifer von Pimpfen attackieren sie, ungeführt und dilettantisch, die amerikanische Vorhut und knacken zwei Panzer.
Als vier der Kindersoldaten zerschossen und verblutet in der Vormittagssonne liegen, springt ein amerikanischer Soldat hinter einem Panzer-Wrack hervor und ruft den Überlebenden zu: "We don't fight kids. Go home, kids! Go home!"
Sekunden später windet er sich, von einer Maschinengewehrgarbe der Brückenverteidiger in den Bauch getroffen, mit herausquellenden Därmen brüllend am Boden. "Mach ihn tot, mach ihn tot", winselt einer der Jungen im MG-Loch. Als er erkennt, daß sein Klassenkamerad mit durchlöchertem Schädel hinter dem MG liegt, springt er in einem Hysterieanfall aus der Deckung und taumelt in das amerikanische Gewehrfeuer.
"Stumm, betreten, ja erschreckt" verließen die Zuschauer nach diesen Kampfszenen das Kino, wie die Deutsche Presse-Agentur von der Münchner Uraufführung des deutschen Kriegsfilms "Die Brücke" in der vorletzten Woche berichtete.
In den Tagen danach, als der Film auch in Mannheim, Frankfurt und Hannover gezeigt wurde, überschütteten die bundesdeutschen Kritiker das Kino-Opus mit Lob, wie keinen deutschen Film in den letzten Jahren. So schrieb der Kritiker der "Süddeutschen Zeitung": "... einer der härtesten, schonungslosesten, bittersten Antikriegsfilme, die je über die Leinwand liefen", und dem Hamburger Filmjournalisten Klaus Hebecker erschienen "deutsche
Kriegsfilme fürderhin sinnlos: 'Die Brücke' ist nicht zu übertreffen". Der Rezensent der "Welt" klassifizierte "Die Brücke" gar als "einen der besten Filme, die in den letzten 25 Jahren in Deutschland gedreht wurden", und notierte: "Sein Regisseur heißt Bernhard Wicki. Wer hätte das gedacht ..."
Zweifellos: Der Film des Schauspielers, preisgekrönten Amateur-Photographen und Regie-Debütanten Bernhard Wicki, 40, ist das bundesdeutsche Kino-Evenement der neuen Spielzeit (und nach "Unter den Brücken", "Die letzte Brücke", "Brücke am Kwai" der vierte Brückenfilm, der sich als zugkräftiges Kinoprodukt erwies)
Im Gegensatz zu Hollywoods Regie-Routinier Raoul Walsh, der den literarischen Weltbestseller "Die Nackten und die Toten" zu einer mediokren Breitwandknallerei verarbeitete, gelang es dem Regie-Neuling Wicki, nach einem belanglosen Buch (dem Roman "Die Brücke" des 30jährigen Journalisten Manfred Gregor) einen bestechenden Film zu drehen. Erstaunte sich der Hamburger Kritiker Manfred Delling: "Staudte und Käutner, die beiden deutschen Parade-Regisseure, begannen einst mit Etüden. Wicki bricht sogleich vital und virtuos in die Phalanx der Regisseure ein."
Tatsächlich beweist Wicki mit seiner ersten Spielfilm-Regie, daß er ein Bild bedeutsam machen kann. Eine Stunde und 40 Minuten lang läßt er die Kamera das Geschehen derart anvisieren, daß die Bilder nicht nur bloße Effekte vermitteln, sondern über das vordergründig Sichtbare hinaus dem Zuschauer das Sinnfällige der Handlung suggeriere. Und "Die Brücke" macht deutlich, daß Wicki ein Gefühl dafür hat, wie lange eine Szene dauern darf und dauern muß.
Schon in der Aufmachung unterscheidet sich sein Opus von den gängigen deutschen Kinoprodukten: Der Film läuft ohne Vorspann und ohne das Wort Ende, so daß die Deutsche Film Hansa, die den Film in der Bundesrepublik vertreibt, in den Kinos nach der Vorstellung Handzettel verteilen lassen muß, auf denen die Namen der Mitwirkenden verzeichnet sind. Die Darstellerliste enthält freilich keine Publikumsieblinge: Wicki drehte nach dem Vorbild neoveristischer italienischer Filme ohne Stars - auch ohne Atelier und fast ohne Musik. Er verschaffte seinen eindringlichen Kamera-Tableaus damit eine nicht durch vorgeprägte Startypen gefährdete Authentizität.
In der Manier der italienischen Regisseure verwandte er Geräusche - das Dröhnen von Soldatenstiefeln auf Kasernentreppen oder das zermürbende Rasseln von Panzerketten - als Mittel der Dramaturgie. Diese Technik und die eindrucksvolle Photographie bewirkten, daß beispielsweise die Szene, in der die Jungsoldaten stumm das Auftauchen der amerikanischen Panzerspitze erwarten, nervenzerreibender und spannungsreicher ist als Frank Wisbars Stalingrad-Opus "Hunde, wollt ihr ewig leben" insgesamt. Schrieb die "Frankfurter Allgemeine": "Wer einmal die höllische Angst verspürt hat, die Panzer, diese Riesen-Kriechtiere, einem Soldaten einjagen, der wird sie hier noch einmal beklemmend nacherleben."
Gegenüber diesen Meriten sind die Mängel, die Wicki in seinem Film nicht vermied, bedeutungslos - etwa die Einblendung eines überflüssigen Pubertätserlebnisses oder der für Kriegsfilme obligaten Anklage (die hier von einem Studienrat ausgesprochen wird), daß alle Ideale der Jugend Falschmünzern in die Hände gefallen seien. Die deutschen Filmbewerter in Wiesbaden jedenfalls verliehen dem Film das höchste Prädikat ("Besonders wertvoll") und kündeten dem Produzenten: "Wenn wir ein noch höheres Prädikat hätten, so würden wir es diesem Film geben."
Dabei hatte sich selbst der Verleih ursprünglich nur zögernd für das Brücken-Thema erwärmt. Die finanziellen Mißerfolge deutscher Kriegsfilme wie "Kinder, Mütter und ein General", "Es geschah am 20. Juli" und "Unruhige Nacht" (alle drei mit dem Schauspieler Bernhard Wicki) hatten die Filmleute gründlich verschreckt. Lange Zeit bot der Münchner Verleger Kurt Desch den Brücken-Roman, der von den bundesdeutschen Kritikern als "bescheiden", "nicht besonders interessant", "ehrbar, wenn auch nicht sehr bedeutend" bewertet worden war, in der Filmbranche vergeblich an.
Die Regisseure Käutner und Staudte mochten sich für das Thema - "die beispielhafte Geschichte der verführten, mißbrauchten und verratenen Jugend" (Desch) - ebensowenig engagieren wie die beiden Berliner Produzenten Artur Brauner und Wenzel Lüdecke. Auch die Ufa gedachte nicht, diesen Anti-Kriegsfilm auf sich zu nehmen.
Es war ein Außenseiter der deutschen Filmherstellung, der dann schließlich die Filmrechte erwarb: der ehemalige Berliner Journalist Jochen Severin, der in den Presse-Abteilungen von Verleihern und Produzenten gearbeitet hatte. Severin vermittelte das Thema schließlich dem Berliner Filmproduzenten Dr. Hermann Schwerin, dem Mann der Film-Lustspielerin Grethe Weiser. Gerade zu jener Zeit hatte Bernhard Wicki, der als Darsteller nicht mehr sonderlich reüssierte, die Branchenkundigen mit einem 67-Minuten-Film verblüfft, den er im Auftrag des "Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht" verfertigen durfte. Es war ein Film über Jugendprobleme unter dem Titel: "Warum sind sie gegen uns?" Wicki, der unter Käutner in dem Romy-Schneider-Film "Monpti" als Regie-Volontär gearbeitet hat: "Ich drehte den Film, der ja eigentlich gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, als Lehr- und Gesellenstück."
Das Gesellenstück wurde freilich in diesem Jahr mit einem Bundes-Filmpreis ausgezeichnet. Es beeindruckte den Produzenten Schwerin und auch den Verleiher Osterwind von der Deutschen Film Hansa so sehr, daß sie beschlossen, Bernhard Wicki als Regisseur für ihren Kriegsfilm zu verpflichten.
Wickis Drehbuch-Autoren, Michael Mansfeld und der Lustspielschreiber Heinz Pauck aus dem Team des Regisseurs Kurt Hoffmann ("Wir Wunderkinder"), verzichteten auf die rückblendenreiche Erzähltechnik der Romanvorlage und zwängten das Geschehen in einen chronologischen Handlungsablauf:
In einer süddeutschen Kleinstadt werden im April 1945, kurz bevor die Amerikaner anrücken, sieben Jungen einberufen. Schon am nächsten Tag wird ihre Einheit den heranmarschierenden Panzerspitzen entgegengeworfen. Der Kompaniechef befürchtet, daß die sieben noch unausgebildeten Oberschüler bei den ersten Schüssen davonlaufen - "und dann hauen meine anderen Leute auch ab". Er erwirkt beim Bataillonskommandeur die Genehmigung, die Jungen vor der Stadt an einer kleinen, unwichtigen Brücke, die ohnehin gesprengt werden soll, unter Führung eines Unteroffiziers als Sicherung zurückzulassen. Der Unteroffizier soll dafür sorgen, daß die Jungen nicht noch sinnlos geopfert werden. Aber nachdem er seine Gruppe an der Brücke postiert hat, wird er im Dorf von zwei Feldgendarmen als mutmaßlicher Deserteur erschossen.
Im Morgengrauen eröffnen die Jungsoldaten das Feuer auf die anrollenden US-Panzer. In einem kurzen Scharmützel fallen alle - bis auf einen, der verwundet und hysterisch kreischend in die Stadt zurücktaumelt.
In dem bayrischen Örtchen Cham glaubte das Filmteam eine geeignete Brücke für die Aufnahmen entdeckt zu haben. Der Bürgermeister des Ortes ließ bereitwillig eine Straße anlegen und einige Häuser errichten. Wicki: "Er zeigte sich auch einsichtsvoll, als er erfuhr, daß wir alle Bäume seiner Prachtallee entlauben und die Brücke über den Regen mehrere Stunden täglich für den Verkehr sperren mußten."
Die Filmleute verfertigten für 50 000 Mark die Blech-Attrappen von drei Sherman-Panzern, bastelten Panzerfäuste (350 Mark das Stück) und besorgten sich von der Polizei in München, Hessen und Göttingen zwei MG und 108 Gewehre.
76 Tage lang kurbelte Wicki in Cham. Die Szenen mit den Jungen, die allesamt noch nie gefilmt hatten: drehte er stumm: "Ich stand neben der Kamera und schrie ihnen ins Gesicht." Der Ton wurde den Szenen später im Synchron-Atelier unterlegt. Am 60. Drehtag drohte der Filmtruppe das Geld auszugehen. Der Verleih war nicht bereit, über den ausgemachten Etat von 1 175 000 Mark hinauszugehen: "Von uns keinen Pfennig mehr für dieses Experiment!" (Und als "Experiment" war "Die Brücke" in einigen bundesdeutschen Verleihbezirken auch schon an zweitklassige Lichtburgen vermietet worden.)
Wicki konnte erst weiterdrehen, als der Exporteur Badal, der den Film ins Ausland vertreibt, ihm noch einmal eine stattliche Summe (200 000 Mark) nach Cham schickte. Besonders bei den Kampfszenen hatte sich Wicki Zugeständnisse an das ästhetische Empfinden der Kinogeher versagt: "In jedem Wildwest- und Kriegsfilm sterben die Männer kurz und schmerzlos. Sie werden getroffen, fallen um und sind tot ... Ich wollte zeigen, wie man tatsächlich stirbt - nicht schnell und heldisch, sondern elend und schreiend." Die "Süddeutsche Zeitung" bestätigte dem gebürtigen Schweizer Wicki, der als ungedienter Mann keine Fronterfahrungen hat, nach der Premiere tatsächlich "brüllende Agonie in Großaufnahme".
Die Filmbranche reagierte in den vergangenen Tagen hurtig auf den unerwarteten Regie-Erfolg des Darstellers: Mehrere Produzenten offerierten ihm die Regie in geplanten Kriegs- und Jugendfilmen. Wicki: "Ich lehne alle ab. Kriegsfilme kommen für mich auf Jahre nicht mehr in Frage."
Der nächste Film, den er als Regisseur drehen will: "Das Wunder des Malachias", nach einem Roman von Bruce Marshall. "Im Stile von 1984" will er die Frage stellen: "Wie reagiert die Welt im Raketenzeitalter, wenn plötzlich ein Wunder geschieht?"
* Mit Michael Hinz, dem Sohn des Schauspielers Werner Hinz, bei den Dreharbeiten zu "Die Brücke".

DER SPIEGEL 45/1959
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