04.10.2004

ARBEITSMARKTBesser als nichts

Die ersten Ein-Euro-Jobber erscheinen zur Arbeit. Allein im Arbeitsagenturbezirk Neuruppin müssen jetzt 1500 Menschen wieder früh aufstehen.
Morgens, 6.37 Uhr in Rathenow, ein historischer Moment. Der Leiter des Städtischen Betriebshofs begrüßt die ersten fünf Arbeitslosen der Stadt, die so genannte Ein-Euro-Jobs machen sollen. Und weil dieser Vorgang von den Politikern als Zeitenwende im Sozialsystem angekündigt wurde, darf es in Rathenow, 60 Kilometer nordwestlich der Regierungszentrale, etwas feierlicher sein.
Der Vorgesetzte persönlich überreichte am vergangenen Freitag die Dienstkleidung: orangefarbene Verkehrswesten und zwei Paar gelbe Arbeitshandschuhe. Die Neuen sitzen um einen Resopaltisch, einige das Kinn aufgestützt, und starren vor sich hin. Da ist es mit der Unverbindlichkeit vorbei, der Chef sagt: "Wir gestalten unsere Zusammenarbeit natürlich pünktlich. Hier geht es ähnlich zu wie auf dem Bahnhof: Um fünf nach sieben ist der Zug weg."
Die Vorhut der wahren "Hartzer", wie sie im Betriebshof Rathenow genannt werden, sind ausgebildete Maurer, Traktoristen oder Straßenbauer, sie haben jahrelange Berufserfahrung. Man braucht ihnen nicht zu erklären, was Arbeit ist: Sie sind gern hier - da können die Gewerkschaften die Ein-Euro-Jobs noch so sehr als "Reichsarbeitsdienst" diffamieren und die Arbeitgeberverbände zetern, die Zusatzjobber würden reguläre Arbeitsplätze vernichten.
Seit wenigen Tagen säubern nun in der Bundesrepublik die ersten Hartz-Jobber Parkanlagen, reparieren Straßenschilder oder sortieren Museumsmaterialien. Im Eiltempo richten die Arbeitsämter zusammen mit den Kommunen und freien Trägern weitere Stellen ein, in denen Arbeitslose für einen bis zwei Euro die Stunde arbeiten können. Da es bereits ähnliche Arbeiten für Sozialhilfeempfänger gibt, konnte vielerorts auf alte Strukturen zurückgegriffen werden. Bundesweit sollen mit dem Projekt "Arbeitsmarkt im Aufbruch" in diesem Jahr etwa 50 000 Stellen entstehen. Es ist der Testlauf für die Hartz-IV-Reform, mit deren Umsetzung Wirtschaftsminister Wolfgang Clement etwa 600 000 Kleinstarbeitsplätze schaffen will.
Die erste Resonanz zeigt, dass das Konzept "Fördern und Fordern" bei Berücksichtigung beider Aspekte durchaus eine positive Wirkung entfalten kann. Interessenten hätten sich schnell gefunden, sagt Ellen Haagen von der Arbeitsagentur Neuruppin, man habe ja "einen recht hohen Bestand an Langzeitarbeitslosen". Die Kandidaten für die neuen Jobs kamen denn auch bereitwillig. Die Probe aufs Exempel - wenn die antreten sollen, die bisher wenig Lust aufs Arbeiten verspüren - steht demnach noch aus.
Unbegründet scheint aber die Schwarzmalerei von den regulären Arbeitsplätzen, die nun vernichtet würden. "Wir vergeben natürlich nur Aufgaben, die unter normalen Umständen hintanstehen würden", sagt der stellvertretende Bürgermeister von Rathenow, Norbert Heise. Keinem Unternehmen entgingen durch diese neuen Jobs Aufträge. Die Arbeitslosen werden - wie schon die Sozialhilfeempfänger vor ihnen - keine Straßen pflastern, sondern umgefahrene Schilder reparieren, sie werden nicht die Böden im Rathaus schrubben, sondern nach Hochzeiten das Konfetti von der Treppe fegen und nach einem Badewochenende die Bierflaschen am Seestrand aufsammeln.
Die Intentionen der Ein-Euro-Jobber sind unterschiedlich. Vivien Reepschläger, 23, bekam die Aufforderung des Arbeitsamts nur ein paar Tage vor dem Vorstellungsgespräch am vergangenen Montag in der Hennigsdorfer Gemeinnützigen Innovations- und Entwicklungsgesellschaft. Der freie Träger hatte 50 Ein-Euro-Stellen zu vergeben. Seit Herbst vergangenen Jahres ist die gelernte Bäckereifachverkäuferin arbeitslos gemeldet. Die niedrig bezahlte Arbeit konnte sie schon kurz nach dem Vorstellungsgespräch im Veltener Ofen- und Keramikmuseum antreten. Sie sei "erst einmal froh, dass ich was anderes zu tun habe, als nur den Haushalt zu machen und mich um meine Tochter zu kümmern". Die Ex-Verkäuferin soll im kommenden halben Jahr gemusterte Kacheln von alten Berliner Öfen katalogisieren. Und nebenbei will sie versuchen, eine richtige Stelle zu finden. Natürlich sei dies kein richtiger Job, "das ist einem auch jeden Tag klar - aber es ist besser als nichts".
Der Rathenower Andreas Mertens, ein 27-jähriger gelernter Straßenbauer, freut sich darüber, neben dem geringen Arbeitslosengeld ("das reicht vorn und hinten nicht") künftig noch rund 200 Euro im Monat extra zu haben. Mona Kröning, 41, hofft, über die Ein-Euro-Tätigkeit einen regulären Job zu finden. "Man kommt doch mit viel mehr Menschen zusammen, vielleicht hört man von denen, dass irgendwo was frei wird." Als sie noch als Traktoristin und als Putzfrau gearbeitet habe, habe sie stets in Gesprächen von freien Stellen erfahren.
Rolf Schallnaß, 50, der von 1968 bis 1989 als Maurer arbeitete und nach der Wende noch auf insgesamt zehn Arbeitsjahre kam, hat seit zwei Jahren keine Stelle mehr gefunden. In den Absagen stand, er sei schlicht zu alt. Jetzt will er das Gegenteil beweisen und sieht sich dabei nicht in seinem Stolz verletzt. "Es ist gut, dass die Arbeit gemeinnützig ist", sagt er, "da weiß man, für wen man das tut, und fühlt sich nicht ausgebeutet." CAROLINE SCHMIDT
Von Caroline Schmidt

DER SPIEGEL 41/2004
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