04.10.2004

KRIMINALITÄTRevolver im Koffer

Mit einer neuen Betrugsmasche legen ausländische Banden wohlhabende Deutsche aufs Kreuz: Wer etwa eine Villa, edle Pferde oder teure Yachten verkaufen will, muss damit rechnen, bündelweise Falschgeld angedreht zu bekommen. Fahnder sind nahezu machtlos.
Es sollte das Geschäft des Jahres werden. Wie schon oft hatten die Pferdezüchter Christiane und Eric Vogel aus dem niedersächsischen Rotenburg an der Wümme in den Fachblättern "Pferdemarkt" und "Pferdebörse" Annoncen aufgegeben - diesmal meldete sich ein Interessent, der einen geradezu traumhaften Deal anbot: Gleich zwölf Tiere wollte der Mann, der sich Sharmann nannte, erwerben, für 160 000 Euro. Reitpferde, Zuchtstuten, Zweijährige und Fohlen, angeblich für einen geplanten Reiterhof in der Schweiz.
Und Sharmann bot den Vogels noch ein weiteres Geschäft an: Nach dem Kauf sollten die Pferde ein paar Monate auf dem Hof der Vogels verpflegt und teils zugeritten werden, bis das Anwesen in der Schweiz fertig gestellt sei. "Dafür hätten wir zusätzlich pro Monat 5000 Euro bekommen", sagt Christiane Vogel. Das Risiko des Geschäfts sei anscheinend "null" gewesen, "die Pferde sollten ja zunächst bei uns bleiben".
Welches Unglück auf sie zurollte, ahnten die Vogels nicht. Auch nicht, als der angebliche Sharmann darauf bestand, einen Vermittler einzuschalten, den die Vogels mit 20 000 Euro entlohnen sollten. "Das ist bei Pferdegeschäften üblich", sagt Christiane Vogel, "man kalkuliert den Preis entsprechend." In Amsterdam müsse das Ehepaar das Vermittlerhonorar abliefern, beschied Sharmann, im Gegenzug wolle er dort eine Anzahlung von 75 000 Schweizer Franken auf die Pferde leisten.
Die Vogels wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass man besser die Finger von Geschäften lässt, bei denen Menschen, die man nicht kennt, mit großen Mengen Schweizer Franken hantieren.
Mit 20 000 Euro in bar fuhren sie nach Amsterdam, Christiane Vogel hatte bei ihrer Hausbank noch einen 15-minütigen Crashkursus zur Erkennung von Falschgeld absolviert. Aber das war gar nicht nötig, Sharmann selbst empfahl die Prüfung seiner Schweizer Franken bei einer Bank. Im Hotel öffnete er einen Aktenkoffer, in dem acht Bündel 500er-Scheine lagen.
"Suchen Sie sich eines aus, das lassen wir checken", sagte er. Christiane Vogel wies auf ein Bündel, der Betrüger steckte es in sein Jackett und machte sich mit Eric Vogel auf den Weg zu einer nahen Wechselstube. Dort zog Sharmann einen Schein
aus seinem Jackett. Anstandslos wurde er getauscht.
Zurück im Hotel, legte Sharmann das Bündel aus seinem Jackett wieder in die Aktentasche, kassierte die 20 000 Euro und verabschiedete sich "für zehn Minuten" - er müsse den Vermittler des Geschäfts nun hinzuholen, umgehend werde der den Kaufvertrag für die Pferde aufsetzen. Sharmann ging, ließ "zur Sicherheit" seinen Aktenkoffer mit den vermeintlich echten 75 000 Schweizer Franken da - und kam nie wieder.
Tatsächlich lagen in dem Koffer ausschließlich Falschgeldbündel. "Es kann nur so gewesen sein, dass Sharmann für den Besuch in der Wechselstube ein paar echte Franken-Scheine im Jackett hatte", sagt Eric Vogel.
"Rip-Deals" nennen Ermittler solche Delikte, sie leiten den Begriff aus dem Englischen ab: "to rip" bedeutet, jemandem etwas zu entreißen. Rund 500 wohlhabende Deutsche sind auf diese neue Spielart von Bandenkriminalität schon hereingefallen, sie wurden um mehr als 40 Millionen Euro Bargeld erleichtert. "Wir gehen von mehreren Dutzend Anbahnungsversuchen pro Woche aus, und jede Woche hören wir von neuen Fällen", sagt Werner Hüttner, Chefermittler im Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA).
Es ist stets derselbe Trick: Die Täter suchen im Internet, in Tageszeitungen und in Fachblättern nach Opfern. Ihr Kalkül: Wer eine teure Villa oder eine Yacht inseriert, müsste vermögend sein. Auch wer Antiquitäten, Schmuck oder Luxusautos versilbern will, läuft Gefahr, hereingelegt zu werden. "Die Täter gaukeln ihr Interesse nur vor, sie kaufen nie etwas", sagt Hüttner.
Der Kriminalbeamte kennt die Masche, mit der die Gangster etwa Hausbesitzer umwerben: Sofort akzeptieren sie den Kaufpreis, nie wollen sie das Gebäude vor dem Kauf besichtigen, nie interessieren sie sich dafür, ob die Fenster marode sind oder sich im Keller Schwamm ausgebreitet hat. "Wem das seltsam vorkommt, der wird mit immer denselben Märchen beruhigt", sagt Hüttner: Mal ist es ein schwerreicher Scheich aus Kuweit, mal ein vermögender Kaufmann aus Dubai, der in Deutschland Millionen anlegen und dabei nicht kleinlich sein will.
Wer das glaubt, ist schon fast hereingefallen. Der Scheich, lügen die Betrüger, habe leider viel zu viele Millionen Schweizer Franken in bar. Weil bei europäischen Banken ja nur maximal 15 000 Euro problemlos bar auf Konten eingezahlt werden könnten, müsse der Verkäufer vor dem eigentlichen Deal erst mal einen Batzen aus dem riesigen Barvermögen des Scheichs in Euro tauschen. Die Betrüger versprechen meistens gar noch, die kleine Gefälligkeit mit einem Wechselgewinn von 15 bis 25 Prozent zu belohnen. Stattfinden soll das Geldgeschäft stets im Ausland, zumeist in Italien. "Es gibt immer nur Falschgeld", sagt BLKA-Fahnder Hüttner.
Auf das simple Märchen aus Tausendundeinernacht fallen selbst Bankmanager herein. Der Münchner Hans Freundl, 71, einst Chef einer großen Bankfiliale, wollte ein Apartment im bayerischen Ferienort Bad Griesbach verkaufen. Er erklärte sich damit einverstanden, in Italien 75 000 Euro in Franken zu tauschen - und kehrte mit Falschgeld zurück.
Eine Hamburger Kauffrau hatte im Internet eine Gewerbeimmobilie für 1,1 Millionen Euro inseriert. Die Rip-Dealer heuchelten Interesse, koppelten den Kauf aber, wie immer, an einen Devisentausch und lockten die Deutsche am 19. Juli nach Mailand. 50 000 Euro hatte die Kauffrau wie verlangt in bar dabei - dafür gaben ihr die Täter falsche Schweizer Franken. Sie flüchteten in einem schwarzen Alfa Romeo mit gestohlenen Kennzeichen, als die Hamburgerin misstrauisch wurde.
Jeder zweite Rip-Deal findet in Italien statt. Auch das hat Methode: Dort sind Besitz und Verbreitung von Falschgeld, anders als in Deutschland, nicht strafbar - sofern es, erkennbar oder nicht, als solches gekennzeichnet ist. Also betrügen die Rip-Dealer ihre Opfer mit plumpen Farbkopien, auf jedem Schein stehen zudem Aufdrucke wie "Falso-falsificate" - aber immer werden sie durch eine Banderole verdeckt.
Deutsche Behörden wie das Generalkonsulat in Mailand warnen potenzielle Opfer ebenso wie die Internet-Börse Ebay oder die Zeitschrift "Yacht", die immer wieder Hinweise auf die Gefahr druckt. "Fast täglich rufen uns Leser an, die dubiose Angebote erhalten", sagt Vize-Chefredakteur Uwe Janßen.
Auch Flugzeugbesitzer zählen zur Zielgruppe der Kriminellen. Im Mai lockten Gangster einen Vermögensberater aus dem hessischen Höchst an den Comer See. Vor dem Kauf seiner Cessna, die er für 640 000 Euro im Internet angeboten hatte, verlangten sie den Tausch von 150 000 Euro - und gaben dem Mann nur falsche Franken.
Es sind stets Taschenspielertricks, mit denen die Betrüger ihren Opfern Falschgeld andrehen. Mittlerweile wissen Ermittler, dass die Täter fast immer zwei identische Aktentaschen bei sich haben: eine mit echtem Vorzeigegeld, eine voller Falschgeld. Lassen Opfer Geld in einer Bank checken, erhalten sie dafür echte Scheine - danach werden die Taschen getauscht.
Fahndungserfolge sind rar, die Täter sind kaum zu identifizieren, weil sie Anbahnungsgespräche, in denen sie Interesse am Kauf von Häusern, Booten oder Schmuck vorgeben, über Prepaid-Handys führen; nach fast jeder Tat werden die Nummern abgeschaltet und durch neue ersetzt. Zwar ist Strafverfolgern bekannt, dass spezialisierte Banden von Mailand, Turin, Rom, Barcelona und Amsterdam aus operieren. Bekannt ist auch, dass die Gangster "überwiegend Sinti- und Roma-Angehörige mit Herkunft Italien oder Jugoslawien" sind, wie das Bundeskriminalamt festhielt. Aber nur selten gelingt es Ermittlern, Täter festzunehmen.
"Rip-Deals sind eine schwer aufklärbare Kriminalitätsform", sagt Horst Hund,
Leitender Oberstaatsanwalt im rheinländischen Bad Kreuznach. Hunds Strafverfolger führen ein Ermittlungsverfahren gegen den mutmaßlichen Rip-Dealer Damir D., 36. Sie kennen seine Passnummer und fanden heraus, dass er in Aulnay-sous-Bois bei Paris gemeldet ist. "Aber wir wissen nicht, wo er ist, er tritt unter sechs AliasNamen auf", sagt Hund.
Damir D., der aus dem früheren Jugoslawien stammt, soll einen der größten bislang bekannt gewordenen Rip-Deals organisiert haben. Er wusste offenbar, dass das rheinland-pfälzische Idar-Oberstein das Zentrum der deutschen Edelsteinindustrie ist, und meldete sich beim Chef eines Schmuckproduzenten: "Im Auftrag einer großen italienischen Investmentfirma" wolle er Pretiosen für fünf Millionen Schweizer Franken erwerben. Der Geschäftsinhaber war bereit, 33 Diamanten im Gesamtwert von 775 000 Euro zu verkaufen, gezahlt werden sollte in Franken.
Zwei Tage später war der Firmenchef seine Diamanten los. Die Täter lockten ihn aus einem Mailänder Hotel, wo das Geschäft abgewickelt werden sollte, auf die Straße, angeblich, damit der Deutsche dort die Franken prüfen könne. Er hielt die Tasche mit den Steinen in der Hand, D. stieß ihn zur Seite, raubte die Juwelen und flüchtete in ein wartendes Auto.
"Die Täter werden zunehmend gewaltbereiter", sagt Roland Menter, Rip-Deal-Ermittler im BLKA. Wer sich den flüchtenden Betrügern in den Weg stellt, wird schon mal umgefahren - aus Scham oder aus Angst melden sich viele Opfer trotzdem nicht bei der Polizei. "Wir wissen, wo Sie wohnen, und wir wissen, dass Sie drei Kinder haben", drohten Mitglieder einer in Italien operierenden Bande etwa einem Kaufmann aus München, den sie im Frühjahr in Verona bei einem Tausch von Euro gegen Franken um 300 000 Euro betrogen hatten - auch in diesem Fall gab es nur Falschgeld-Franken.
Der Kaufmann stieß im Internet auf die Seite www.kapital-fahndung.com - den Dienst des in Italien arbeitenden Privatermittlers Josef Resch. Der Detektiv inserierte im Auftrag des Kaufmanns nun ein "Schloss im Herzen Polens" für 248 000 Euro mit einem Grundstück von 1,6 Hektar, dazu bot er eine Gastwirtschaft in Bayern für 2,5 Millionen Euro an.
Reschs Köder lockte, die Täter bissen an. In einer Hotelbar im italienischen Fano nahe Rimini traf der Ermittler im August einen vermeintlichen Kaufinteressenten, der sich "Müller" nannte. Nach gewohnter Rip-Dealer-Manier forderte Müller, vor dem Kauf des Schlosses und der Gastwirtschaft möge Resch doch bitte 340 000 Euro in 600 000 Schweizer Franken umtauschen - ein steinreicher Kaufmann aus Dubai sollte es diesmal sein, der zu viele Franken habe.
Beim nächsten Treffen zeigte Müller, dass er tatsächlich liquide ist. In einem Koffer lagen eine Million echte Schweizer Franken, daneben ruhte eine Magnum, ein großkalibriger Revolver. "Italien ist kein sicheres Land", sagte Müller. Es kam zu drei weiteren Treffen, und jedes Mal erfuhr der Privatermittler mehr über die Täter - und identifizierte sie als jene Männer, die seinen Auftraggeber hereingelegt hatten. Derzeit versucht er noch, sie dingfest zu machen.
Manchmal freilich werden auch Betrüger betrogen. Auf eine Internet-Anzeige der Hausbesitzerin Maren Boos aus dem schleswig-holsteinischen Kollmar meldete sich eine angebliche Lederfabrikantin aus Mailand. Boos solle doch bitte nach Italien kommen, um über den Verkauf ihres für 175 000 Euro annoncierten Hauses zu verhandeln. Spesen würden natürlich erstattet, ein Dr. Stern, Sekretär der Fabrikantin, werde alles Weitere regeln. In Mailand folgte das übliche Angebot, Devisen zu tauschen.
Maren Boos willigte zwar ein, bestand aber darauf, zunächst nur 10 000 Euro zu wechseln, "um zu sehen, ob es funktioniert, bevor ich Hunderttausende mitbringe". Mit ihrem Ehemann Mike fuhr Boos ein zweites Mal nach Mailand, erhielt von den Betrügern einen großen Strauß roter Rosen und für 10 000 Euro Bargeld echte 18 000 Schweizer Franken, inklusive Reisespesen.
Zurück in Deutschland, rief sie den angeblichen Dr. Stern dann jedoch an und lehnte weitere Geschäfte mit ihm ab. Er wurde sehr wütend, drohte mit einem Besuch in Kollmar und gab erst nach zwei Dutzend weiteren Versuchen auf. "Wir hatten zwei kostenlose Reisen nach Mailand", freut sich Boos, "aber uns war doch ziemlich mulmig." CARSTEN HOLM
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 41/2004
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