04.10.2004

Mission Deutsch

Ortstermin: Pop trifft Politik - in Berlin bei einer Anhörung des Bundestags zur Radioquote.
Enquetekommission. Schriftliche Stellungnahme. Sachverständige, Ausschussdrucksache, Expertenliste, Fragenkatalog. Das sind die Wörter, die zu benutzen sind, politische Wörter, Bundestagswörter, es ist Anhörung im deutschen Bundestag, es geht um Pop.
Heinz Rudolf Kunze, aktenblätternd, sitzt an einem Expertentisch und sieht aus, als ob er dort hingehörte, schwere Brille, dunkles Sakko, nur darunter blitzt etwas ein bisschen bunt.
Nike Wagner nimmt Platz neben Peter Gauweiler und schaut streng in den Raum. Inga Humpe von 2raumwohnung trägt goldene Löckchen und etwas Wuscheliges in Lila und schwatzt mit einem Herrn im guten Anzug, er ist Professor an der Pop-Akademie Baden-Württemberg.
Pop trifft Politik. Oben im Zuhörerraum verkriecht sich Udo Lindenberg unter seinem Hut und schweigt ausnahmsweise. Unten wird Kunze sprechen, bei der Anhörung "Eine Quote für Musik aus Deutschland? Medienanteil deutschsprachiger Musik / in Deutschland produzierter Musik".
Lindenberg muss jetzt schweigen, aber das Wesentliche hat er vor der Anhörung gesagt. Dass ein Land "voll dusselig" sei, sagte er, das "seine Dichter und Denker in den Arsch tritt". Gemeinsam sind sie vor die Presse getreten, Lindenberg und Inga Humpe und Peter Maffay und Xavier Naidoo und noch ein paar mehr "Musiker in eigener Sache", 9 von gut 500 Kollegen, die für die deutsche Quote im Radio kämpfen, und Heinz Rudolf Kunze saß als Zuhörer dabei und hatte vor acht Jahren schon dasselbe gefordert, er hatte Prügel bezogen, damals. Jetzt nickte er befriedigt und brummelnd: "Wenigstens wird man jetzt nicht mehr als Nazi diffamiert."
Er hat Alliierte. Man nimmt ihn ernst. Er ist jetzt Experte in der Enquetekommission "Kultur in Deutschland", die gemeinsam mit dem "Ausschuss für Kultur und Medien" des Bundestags zur Anhörung ins Marie-Elisabeth-Lüders-Haus geladen hat, einen lichten Prachtbau gleich beim Reichstag. Im Zuschauerraum reichlich Musiker und Freundeskreise, die klatschen manchmal und müssen verwarnt werden, draußen glitzert die Spree. Es sind Sachverständige zu befragen. Es gibt dafür drei Fragerunden zu je 15 Minuten für jede große Partei und fünf für jede kleine, das Sitzungspräsidium stoppt die Zeit.
Pop trifft Politik, und noch ist unklar, wer dieses Treffen besser übersteht.
Zu hören ist der Vorsitzende der ARD-Hörfunkkommission, der keine Quote will, und ein Privatradio-Vertreter, der ihn noch an Abscheu übertrifft.
Zu hören ist ein Vertreter der Plattenindustrie, das ist ein Alliierter, denn der Plattenindustrie und dem Musikstandort Deutschland geht es nicht gut. Zu hören ist Monsieur Toubon, Jacques Toubon, als Vorbild aus Frankreich, der war Kultusminister und hat seinem Land vor gut zehn Jahren eine Quote beschert. Ein flammender Redner, ein sehr französischer Redner, der "l'identité de votre peuple" beschwört, ein Volk wie das deutsche, spricht er, das seine Opern schütze und seine Philharmonien, müsse das nicht dasselbe tun für seine Jugend, für deren Musik?
Beifall. Verweis. Und Nike Wagner, die zum Leben erwacht und den ARD-Hörfunkchef mahnt, sich an "seine Mission" zu erinnern und "geschmacksbildend" zu wirken, diese Quote, könnte die dafür nicht "ein guter Einstieg" sein?
Mission. Es schwebt über dem Raum, dieses Wort, über Zuschauerbänken und Kommissionstischen, wo Kunze an seiner Brille rückt.
Politik ist, wenn man eine Mission hat und sie in Paragrafen gießt. Und da sitzen sie nun und kämpfen um Pop-Paragrafen, eisern, ernsthaft, fast beleidigt klagt Kunze über Künstler, die nicht unterschreiben wollten, aus Angst, glaubt er, man könne sie für "chauvinistisch" halten, "aber das kommt mir ziemlich hysterisch vor".
Pop trifft Politik, und die Politik ist wie immer. Der Pop ist es nicht.
Es gab einen leisen Moment vorhin, vor der Anhörung, einen traurigen Fragesteller gab es, der davon sprach, was Popmusik für ihn immer bedeutet habe, Trotz und Rebellion und Gegenkultur, politische Gegenkultur, und warum man sie jetzt umarmen wolle, die Politik. Kunze schwieg, und irgendwann sagte er leise: "Das stimmt doch alles schon lange nicht mehr."
Dann sprach er noch von "Don Quichotterie" und von seinen Zweifeln, nicht Zwang wünsche er sich, nicht einmal "Selbstverpflichtung", lieber "Selbstbesinnung" der Sender, so sagte er, aber jetzt sitzt er wieder da und hat eine Mission.
Es wird dunkel draußen, und wahrscheinlich wissen sie alle nicht so ganz genau, was für einen Sinn das alles haben mag. Günter Nooke jedenfalls will noch etwas wissen. Können wir uns sicher sein, fragt er, "dass wir uns nicht lächerlich machen" mit so einem Plan?
"Wir sind ergebnisoffen", sagt die Kommissionsvorsitzende, beendet die Anhörung und verschwindet in der Nacht.
Auch Heinz Rudolf Kunze bricht auf, und endlich kann man das bunte Porträt auf seinem T-Shirt unter dem Sakko sehen. Es ist David Bowie. Kunze schiebt das Sakko wieder zu. BARBARA SUPP
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 41/2004
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