04.10.2004

„Die Kosten drosseln“

Borussia Dortmunds Chef Gerd Niebaum, 55, über Fehleinschätzungen, interne Kritiker und neue Ziele
SPIEGEL: Herr Niebaum, hohe Verluste im vergangenen Geschäftsjahr haben der Führung der Borussia Dortmund KGaA heftige Kritik von Analysten, Aktionärsschützern und Medien eingetragen. Welche Fehler müssen Sie sich ankreiden lassen?
Niebaum: Wir haben aus der jeweiligen Situation heraus stets nach bestem Gewissen gehandelt. Wir haben ohne öffentliche Subventionen unseren Stadionausbau gestemmt, dabei hatten wir unsere Erwartungen auf bestimmte Einnahmen ausgerichtet. Wesentliche Pfeiler sind jedoch weggebrochen. Durch die Kirch-Insolvenz fehlen Borussia etliche Millionen Euro. Dann fehlen die Erlöse aus der Champions League, und drittens hat sich der Transfermarkt deutlich verschlankt. Bei allen Positionen sind wir weitaus mehr betroffen als andere, weil wir ambitioniert in Steine und Beine investiert haben.
SPIEGEL: Zu ambitioniert?
Niebaum: Darüber kann man lange diskutieren. Ohne eine ambitionierte Politik wäre Dortmund in meiner Amtszeit nicht dreimal Deutscher Meister geworden, hätte nicht den höchsten Zuschauerdurchschnitt in ganz Europa und wäre nicht Champions-League-Sieger geworden. Dabei haben wir mindestens 15 Jahre lang stabile Gewinne ausgewiesen. Wer hätte es verstanden, wenn wir nach dem Cottbus-Spiel, als wir die direkte Qualifikation für die Champions League verpassten, Tomás Rosický, Jan Koller und Ewerthon verkauft hätten? Wichtig ist, dass wir unsere Ziele jetzt moderater stecken.
SPIEGEL: Können Sie verstehen, dass Ihnen manchmal ein Mangel an Glaubwürdigkeit und Transparenz vorgeworfen wird?
Niebaum: Wir sind doch einer der transparentesten Clubs der Liga, weil wir unsere Geschäftsberichte sehr detailliert veröffentlichen. Gerade diese Transparenz führt doch auch zu überzogener Kritik. Im Übrigen habe ich diesen Club nicht nur in guten, sondern auch in schwierigen Zeiten geführt.
SPIEGEL: Brechen diese Zeiten wieder an?
Niebaum: Wir haben mit einer neuen Herausforderung zu leben. Das bedeutet, dass wir die Personal- und Sachkosten gewaltig drosseln und unsere Bilanzstruktur reformieren. Reformen brauchen Zeit, was man auch aus der Politik lernen kann.
SPIEGEL: Hinter der Kritik an Ihrer Amtsführung soll eine clubinterne Opposition stehen. Will man Sie stürzen?
Niebaum: Man kann in einer so exponierten Position nicht davon ausgehen, dass man alle zufrieden stellt. Sicherlich gibt es auch berechtigte Kritik, wenn man einen hohen Verlust ausweist. Sicher ist allerdings, dass die Vereinsgremien hinter der Geschäftsführung und vor allem hinter dem gemeinsam beschlossenen Konsolidierungskonzept stehen.
SPIEGEL: Sie bleiben also mindestens bis zum Ende Ihrer Amtsperiode Vereinspräsident, bis Ende 2006?
Niebaum: Jeder weiß, dass ich nicht an einem Amt klebe. Verantwortungsbereitschaft zeigt sich aber vor allem in schwierigen Phasen, in denen es manchmal leichter wäre, die Kommandobrücke zu verlassen. Viele Fans und Freunde von Borussia erwarten allerdings von Michael Meier und mir, dass wir das Schiff wieder in ruhiges Fahrwasser bringen. Genau das ist unser Ziel.

DER SPIEGEL 41/2004
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