04.10.2004

RADRENNENDeckel drauf

Olympiasieger Tyler Hamilton will seinen positiven Dopingbefund anfechten. Sein Sponsor steht ihm bei - ein Lehrbeispiel für den Zynismus der Branche.
Andreas Rihs hatte erwartet, den Mythos Tour de France sterben zu sehen, 1999, im Jahr nach dem großen Dopingskandal. Doch kaum angereist, bot sich dem Schweizer ein ganz anderes Bild: Am Straßenrand streckte das johlende Publikum den Rennfahrern seine Hände wie zur Vergebung entgegen, der Asphalt war wieder bunt mit den Namen der Pedaleure bemalt, und das Fernsehen hatte keine einzige Kamera weniger aufgestellt. Die Tour erwies sich als quicklebendig.
Seitdem weiß der Unternehmer vom Zürichsee, worum es sich im Radsport dreht: "Die Leute wollen Spektakel, Helden, Gewinner", sagt Rihs. "Ich hatte damals den Eindruck, es ist ihnen gleich, was im Hintergrund so abläuft."
Die Erkenntnis, wie skandalresistent das weltgrößte Radrennen ist, ließ Rihs kurz nach seinem Frankreich-Besuch als Teamsponsor einsteigen. Heute besitzt der 61-Jährige eine Profimannschaft, die mit einem Jahresetat von über acht Millionen Euro zu den Bestfinanzierten der Branche gehört. Etwa die Hälfte davon zahlt der Hörgerätekonzern Phonak; weitere vier Millionen steuert Großaktionär, Aufsichtsratspräsident und Hobbyradler Rihs aus seinem Privatvermögen bei. "Ich mache", sagt er, "zum Schluss den Deckel drauf." Er kann es sich problemlos leisten: Sein Phonak-Anteil von rund 13 Prozent ist an der Börse gut 200 Millionen Euro wert.
Seit der vorvergangenen Woche ist Rihs selbst Teil eines Radsportskandals. Der Amerikaner Tyler Hamilton, der mit 1,2 Millionen Euro jährlich entlohnte Kapitän des Phonak-Teams, wurde bei der Spanien-Rundfahrt positiv auf Doping mit fremdem Blut getestet. Schon drei Wochen zuvor, bei den Olympischen Spielen in Athen, war der Goldmedaillengewinner im Einzelzeitfahren auffällig geworden, doch weil die B-Probe fälschlicherweise eingefroren wurde und unbrauchbar geworden war, entging er einer möglichen Disqualifikation.
Hamilton ist der erste Athlet, dem Fremdblut-Doping nachgewiesen werden konnte. Seit diesem Sommer nutzen die Fahnder ein neues Verfahren, das körpereigene von fremden roten Blutkörperchen unterscheidet. Die Nachweismethode wird in der Humanmedizin seit zehn Jahren angewandt; 2002 begannen Hämatologen in Sydney damit, es zum ordentlich zugelassenen Dopingtest weiterzuentwickeln. Trotzdem will Hamilton juristisch gegen den Befund vorgehen. Auch sein Boss hält das Verfahren für nicht valid, weil die Fehlerquote zu hoch und der mögliche Einfluss von Medikamenten auf das Ergebnis nicht berücksichtigt worden sei.
Wie ein Lehrbeispiel für die Fänge und Gepflogenheiten des Profiradgeschäfts mutet nun Andreas Rihs' Wandel vom klar denkenden Unternehmer zum Anhänger wilder Verschwörungstheorien an. Es gebe einige Mediziner, denen gehe es "ordentlich auf den Wecker", wie überhastet der Test durchgeboxt worden sei. Ein Stab von Wissenschaftlern werde in seinem Auftrag bis Ende Oktober "die Grundlagen noch mal analysieren". Wer dazugehören soll? "Ich gebe die Namen noch nicht bekannt", raunt Rihs, "sonst werden diese Leute von morgens bis abends bestürmt. Sie können sicher sein: Es sind namhafte Kapazitäten."
Es ist, als sei Rihs in der Realität des dopingbelasteten Radsports angekommen. In einer Welt, die Ursache und Wirkung gern verdreht. Warum im Radsport überhaupt so viele Betrüger erwischt werden, das ist für ihn "ganz einfach zu erklären: Weil man hundertmal mehr Kontrollen hat als in anderen Sportarten". Als ob die Menge der Dopingsünder belegt, wie sauber es im Peloton zugeht.
Rihs hat nicht immer so gedacht. Für das Phonak-Team ist Hamilton bereits der vierte Dopingfall binnen zwei Jahren. Als zuletzt im August Ex-Weltmeister Oscar Camenzind, 33, die Einnahme von Epo gestand und freiwillig zurücktrat, hielt sich sein Arbeitgeber bedeckt. Von Camenzind waren ohnehin nicht mehr viele Erfolge zu erwarten.
Tyler Hamilton jedoch spielt eine zentrale Rolle: Vor einem Jahr hatte Rihs den Viertplatzierten der Tour de France von 2003 verpflichtet und sich damit faktisch einen Startplatz bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt gekauft. Bis dahin hatten die Tour-Organisatoren stets auf Phonak verzichtet, und Rihs wollte endlich seine in grelles Grün-Gelb gekleidete Equipe am Start sehen. 2004 debütierte sie, und für 2005 konnten bereits Weltklassehelfer wie Floyd Landis und Victor Hugo Peña aus dem Team des Tour-Dominators Lance Armstrong abgeworben werden - eigentlich, um künftig Hamilton zu dienen.
Ohne den Star gerät nun die ambitionierte Planung in Schieflage, Hamilton droht eine Sperre von zwei Jahren, was für den 33-Jährigen einem Karriereende gleichkäme. Und Rihs fürchtet, dass die Phonak-Werbestrategie ins Stocken gerät, für die er sich sogar einen Slogan ("Wir fahren für besseres Hören") hat einfallen lassen. Denn das Image seiner Produkte
ist das größte Manko des Konzerns. Mitte der sechziger Jahre hatte Rihs die Firma übernommen und "innerhalb weniger Jahre vom Krauter zum Technologieunternehmen" ("manager magazin") mit 2100 Beschäftigten ausgebaut. Längst sind aus den Hörgeräten Hochleistungscomputer geworden, doch immer noch scheinen sie bloß der fleischfarbene Klotz hinter Opas Ohr zu sein.
Durch die drei Wochen Tour de France sei der Bekanntheitsgrad der Marke in Ländern wie Deutschland, Belgien oder Italien "von null auf 12 bis 16 Prozent gestiegen", frohlockt Rihs. Und dass eine Dopingaffäre der Popularität schaden könnte, gilt in der Branche längst als widerlegt. Der Radrennstall des Uhrenfabrikanten Festina durfte 1998 wegen der Entdeckung unerlaubter Medikamente nur wenige Tage bei der Tour mitfahren, behielt aber trotzdem die Schlagzeilenhoheit. "Wir sind über Nacht zur bekanntesten Uhrenmarke geworden", jubelte Festinas Deutschland-Chef Thomas Körner damals, "die Leute rennen uns die Bude ein."
Rihs kennt den Fall und nennt ihn mit einem Schmunzeln "interessant", schließlich sei Festina dadurch "weltberühmt" geworden. Er baut auf den gleichen Effekt: Negative Werbung ist auch Werbung, Hauptsache, der Firmenname wird richtig geschrieben.
Gestützt wird Rihs' zynischer Umgang mit dem Sportbetrug durch eine repräsentative Studie des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen. 2003 wurden Fernsehzuschauer befragt, was sie bei den Übertragungen der Tour interessiere. Informationen über Doping oder gedopte Sportler waren ihnen weniger wichtig als etwa "regionale Besonderheiten der Etappen". Zwei Drittel kannten den Begriff Epo nicht. "Dopingfälle", resümierten die Forscher schlicht, "wirken sich kaum auf die Lust am Tour-de-France-Schauen aus." Auftraggeber der Studie war der Sponsor eines Radteams: die Mineralwasserfirma Gerolsteiner.
Da scheint es nur konsequent, dass Rihs dem Radsport treu bleiben will - wie auch immer Hamiltons Fall enden mag. "Das Team wird überleben", versichert er, "es geht weiter."
Also fliegt Rihs in dieser Woche nach Amerika, um Hamilton anlässlich der Bike-Show in Las Vegas zu treffen. Auf der Fachmesse soll der Olympiasieger den Stand des noblen schweizerischen Radfabrikanten BMC zieren, denn teure Hightech-Rennmaschinen lassen sich vor allem auf dem US-Markt ausgezeichnet verkaufen. BMC wurde vor vier Jahren von einem Investor übernommen, der die marode Firma sanierte und einen Ausrüstervertrag mit dem Phonak-Team abschloss. Auch für den BMC-Eigner bleibt Hamilton die wichtigste Werbefigur: Er heißt Andreas Rihs. DETLEF HACKE
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 41/2004
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