04.10.2004

DER PREIS DER WAHRHEIT

Der Schauspieler Armin Mueller-Stahl erzählt eine vertrackte Geschichte über Betrug unter Freunden.
Als der Allmächtige die Talente verteilte, da muss Armin Mueller-Stahl, 73, weit vorn gestanden und öfter als alle anderen "Hier!" gerufen haben. Der Mann ist ein großer Schauspieler, er spielt Geige, er malt und zeichnet, und er schreibt. In einem Alter, in dem andere nur noch an ihre Rente denken, wagte er einen Neuanfang, zog in die USA, lernte Englisch und spricht es inzwischen so gut, dass er in amerikanischen Produktionen spielen kann, ohne dass man ihn synchronisieren muss. Eine Naturbegabung, wie man sie selten findet, gepaart mit Disziplin.
Und weil Mueller-Stahl gar nicht anders kann, als immerzu arbeiten, hat er wieder eine Erzählung geschrieben, eine kurze Geschichte von knapp 140 Seiten, über Arnold und Hermann, zwei alte Freunde, die eines Tages zusammenkommen, um einander die Wahrheit zu sagen. Man ahnt, zwischen den beiden Männern gibt es ein Geheimnis, das sie verbindet - oder ihnen im Wege steht.
Es heißt Hannah, ist eine junge Geigerin und die Tochter von Hermann und Helen. Denkt Arnold. Bis er erfährt, dass er der Vater von Hannah ist. Er hatte eine kurze Affäre mit Helen, hinter Hermanns Rücken. Denkt Arnold. Bis er erfährt, dass Hermann alles arrangiert hat. "Du soll-test der Vater unseres Kindes werden." Es ist der klassische Plot vom betrogenen Betrüger und von der Liebe alter Väter - Hermann ist 69, Hanna ist 19 - zu ihren Töchtern.
Anfangs kommt die Geschichte ein wenig schwer in Fahrt, Mueller-Stahl kann es sich nicht verkneifen, nebenher auch über den Kosovo-Krieg zu reflektieren ("Man kann doch keinen Krieg für den Frieden führen und dabei Unschuldige töten"), aber dann wird sie dichter und dichter, kreist um die Frage aller Fragen: Wie viel Wahrheit kann der Mensch vertragen? "In der Wahrheit steckt unberechenbares, zerstörerisches Potenzial", sagt Arnold am Ende. Es ist Hannah, die den Preis der Wahrheit bezahlt, zurück bleiben zwei Väter, die sich ausgesprochen haben. HENRYK M. BRODER
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 41/2004
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