04.10.2004

KINOSlapstick in der Warteschleife

In Steven Spielbergs neuem Film „Terminal“ spielt Tom Hanks einen staatenlosen Osteuropäer, der den New Yorker Flughafen JFK nicht verlassen darf.
Viktor Navorski kommt vom Land, und da lernt man schon als Kind, dass Kleinvieh ganz besonders viel Mist macht. So stromert er rund um die Uhr über den New Yorker Flughafen JFK, sammelt verlassene Kofferkulis ein, bringt sie zurück und steckt das Pfand, das er hierfür erhält, in die eigene Tasche. Schon wenige Wochen später läuft Viktor im Designeranzug durch die Gegend.
Steven Spielbergs Film "Terminal" erzählt also eine typisch amerikanische Erfolgsgeschichte. Dabei ist weder Viktor Navorski ein Amerikaner, auch wenn er von Tom Hanks verkörpert wird, noch spielt der Film in den USA. "Terminal" erzählt von einem staatenlosen Osteuropäer, der keine Einreiseerlaubnis in die USA erhält und sich monatelang im Niemandsland des Flughafens JFK durchschlagen muss.
Der Film "Terminal" beruht auf der wahren Geschichte des iranischen Flüchtlings Merhan Karimi Nassiri, der seit 16 Jahren auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle lebt, weil ihm kein europäisches Land eine Aufenthaltserlaubnis erteilen wollte. Spielberg machte Nassiri zum Medienstar - und wurstelte dessen Story komplett um.
Auf dem Flughafen ist der Boden der Tatsachen nur dazu da, schnell von ihm abzuheben, sagte sich Spielberg. Wer einmal mit Dreitagebart in die USA eingereist ist und bei der Passkontrolle fixiert wurde, als hätte er die Bauanleitung für einen Atomsprengsatz im Gepäck, ist beglückt über die ausgesuchte Höflichkeit, die Viktor auf dem Airport zuteil wird. Mag sein, dass die Wirklichkeit die Mutter aller Storys ist; doch hier wurde das Wunschdenken zum Vater der Geschichte.
"Terminal" ist ein Gegenstück zu Spielbergs brillanter Hochstaplerkomödie "Catch Me If You Can" (2002). Erklärt sich dort ein Betrüger durch gefälschte Papiere selbst zum Flugkapitän, so wird hier eine ehrliche Haut ohne gültigen Pass zur Warteschleife auf dem Boden verurteilt. In beiden Filmen feiert Spielberg vor allem den Einfallsreichtum und die Gewitztheit seiner Helden.
Wenn Viktor am Anfang aus mehreren Schichten kostenloser Cracker, aus Ketchup und Senf einen Mini-Burger für den gänzlich leeren Geldbeutel bastelt, zeigt sich darin genau jener Erfindergeist, aus dem Amerika gemacht ist. Und wenn der Held später zur Kelle greift, um noch nicht fertig gestellte Sanitäranlagen in Kunst am Bau zu verwandeln, gesellt sich die Tatkraft hinzu.
Der Film ist wie sein Held: Pfiffig und phantasievoll greift er noch das scheinbar banalste Detail auf und verwandelt es in ein kleines Kunststück. Spielberg nutzt den Flughafen als filmischen Ort bis in den letzten Winkel und lässt für die Regisseure nach ihm kaum noch was übrig.
Gut gelaunt nimmt sich der Film alle Freiheiten, baut lustvoll Slapstick-Einlagen ein und lässt eine kapriziöse Stewardess (gespielt von Catherine Zeta-Jones) Viktors schlichtem Charme verfallen. Wenn eine Schönheit wie sie plötzlich auf einen Kerl wie ihn fliegt, gibt es keinen Zweifel mehr: Der Flughafen ist das wahre Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
"So nah an den Vereinigten Staaten, so fern von Gott" lautet ein mexikanisches Sprichwort. Spielberg dagegen, der seinen Helden in "Terminal" immer wieder durch Fenster und Glastüren auf das schier unerreichbare Land seiner Träume blicken lässt, ist anderer Ansicht: Viktor befindet sich im Vorhof des Himmels. LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 41/2004
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