11.10.2004

VERBRECHENKugeln in den Hinterkopf

Ein junger Russlanddeutscher soll als Chef einer Bande sieben Menschen auf dem Gewissen haben. Selbst hartgesottene Fahnder sind erschrocken über seine Kaltblütigkeit.
Seit zehn Jahren bearbeitet der Staatsanwalt aus Bochum nun schon Kapitalverbrechen. Er hat Mörder angeklagt, Triebtäter, Totschläger. "Aber so etwas", sagt Michael Nogaj, "habe ich noch nie erlebt." Und so jemanden wie Eugen N. hat er auch noch nie gesehen.
Den ersten der vielen Morde soll N. befohlen haben, als er 20 Jahre alt war: Ein Freund von ihm schuldete dem türkischen Immobilienmakler Kemal Turan Geld, hatte aber keins. Eugen N. soll seinem Freund gesagt haben, er müsse handeln - und den Türken aus dem Weg räumen.
Sein Freund rief den Makler an, erzählte ihm wohl, er könne das ausstehende Geld bekommen - er müsse es sich allerdings holen. Also setzte Makler Turan sich am 12. Dezember vergangenen Jahres in seinen Porsche und fuhr von seiner Wohnung in Düsseldorf aus nach Herne.
Hier traf er vier Männer: Eugen N., dessen Freund und noch zwei Gangster aus N.s Bande. Sie zwangen Turan, in einen Jeep zu steigen. Erst fuhren sie nach Düsseldorf zurück, durchwühlten Turans Wohnung nach Brauchbarem, dann ging es zurück ins Ruhrgebiet.
Auf einem tristen Stück Brachland bei Herne hielten sie an. Es war dunkel, kein Mensch weit und breit zu sehen. Dort soll N. nach Erkenntnissen der Ermittler eine Waffe gezogen haben, Halbautomatik, Kaliber 7,65 Millimeter. Klein, unauffällig, ein Profi-Werkzeug.
Er soll die Pistole seinem Freund in die Hand gedrückt haben. Dann habe er ihn gedrängt, den Makler zu erschießen. Am nächsten Tag fanden Spaziergänger Turans Leiche - mit drei Kugeln im Kopf.
Am Donnerstag beginnt vor dem Landgericht Bochum der Prozess gegen Eugen N. und fünf seiner Komplizen. Als Chef einer Bande von Dealern und Gewalttätern soll N. sieben Menschen auf dem Gewissen haben, allesamt getötet innerhalb weniger Monate. Und selbst hartgesottene Fahnder erschreckt die Kälte, mit der der junge Bursche getötet haben soll.
Polizisten, die N. gejagt und dann vernommen haben, sagen, er handle extrem geradlinig, planvoll, professionell. "Er überlegt sich ganz genau, was er tut", so einer der Beamten.
N. habe leidenschaftslos getötet, sagt ein anderer. Wie ein Kind, das am Videoschirm virtuelle Feinde erschießt.
In dem Prozess wird es wohl auch um das Milieu gehen, aus dem N. stammt. Er ist einer der inzwischen über zwei Millionen Russlanddeutschen in der Bundesrepublik. Er wuchs auf in einem jener Ghettos, in die sich die Verlierer aus dieser Einwanderergruppe vielerorts zurückziehen, in denen vor allem Russisch gesprochen wird und in denen Jugendliche nur dann etwas gelten, wenn sie sich unter ihresgleichen auch mit Gewalt Respekt verschaffen können.
Herne im Ruhrgebiet, ein trister Straßenzug im Südwesten. Hier leben die Zuwanderer aus dem Raum der ehemaligen Sowjetunion. 1996 kam Eugen N. als Zwölfjähriger mit seinen Eltern aus der kasachischen Stadt Karaganda hierher. Die anderen jungen Männer, mit denen er sich später zusammentun wird, stammen aus Städten mit Namen wie Nowotroizkoje, Laisch oder Duschanbe.
Die Welt, in die sie gerieten, war für sie überwältigend - und im höchsten Maße fremd. "Das Leben hier und das Leben dort", sagt ein junger Aussiedler, "ist wie Tag und Nacht." Tag war zu Hause, und Nacht ist die neue Heimat. Eine Heimat, in der Russlanddeutsche oft nichts gelten, weil sie die Sprache nicht sprechen, weil sie nichts gelernt haben oder zumindest nichts, mit dem man in der Bundesrepublik etwas anfangen könnte. Und weil sie deren Regeln auch nicht immer akzeptieren wollen.
N.s kriminelle Karriere beginnt in der Hauptschule. Einer Lehrerin klaut er das Portemonnaie mit 500 Mark, ansonsten fällt er nicht sonderlich auf. "Der Eugen", sagt ein Freund, "war nicht so stark. Es gab Stärkere auf der Schule. Aber er gehörte zu denen, die auf Macker gemacht haben."
Er schmeißt die Schule, einfach weil er keine Lust mehr hat. Einen Lehrplatz findet Eugen N. nicht. Doch das macht ihm nichts, denn bald schon lebt er in einer Parallelwelt, in der die Ideale und Regeln der anderen Welt nicht mehr gelten.
Nur dass die Welten jetzt immer häufiger kollidieren: Er fährt Auto, obwohl er keinen Führerschein hat - zehn Tage Jugendarrest. Ein Verfahren wegen Hehlerei
- Freizeitarrest. Dann gerät er in eine Clique, die mit Heroin und Haschisch dealt.
Im April 2000, da ist er 16, verurteilt ihn das Amtsgericht Bochum vor allem wegen Rauschgifthandels "in 80 Fällen" zu einer Jugendstrafe auf Bewährung. "Das hat er locker genommen", berichtet der Freund, "ganz easy." Mit 19 überfällt er ein Lottogeschäft, bedroht den Besitzer mit einer Pistole und flieht mit 2000 Euro Beute. N. wird geschnappt, des schweren Raubes angeklagt, der Prozess beginnt am 28. November letzten Jahres. Doch der junge Gangster bleibt derweil auf freiem Fuß.
Denn was zu diesem Zeitpunkt noch kein Polizist ahnt, was erst später einer seiner Kumpane als Kronzeuge der Anklage erzählen wird: N. hat sich längst zum Chef der Bande aufgeschwungen. Regelmäßig versammelt er seine Truppe im Hauptquartier, seiner Wohnung in der Herner Haydnstraße. Dort hüten sie auch ihr bestens sortiertes Waffenarsenal - Pistolen, Revolver, Gewehre und was man sonst noch so braucht, Schalldämpfer etwa.
N. ist der Jüngste von allen. Aber die anderen respektieren ihn, fürchten ihn vielleicht. Er ist kein Muskelprotz, sondern eher schmal und drahtig. Er redet nicht viel. Keiner hat Nerven wie er. Am Tag nach der Exekution des Immobilienmaklers Turan etwa setzt N. sich seelenruhig ins Landgericht, wo wegen des Raubüberfalls weiter gegen ihn verhandelt wird.
Dass er zu weit mehr noch fähig ist, demonstriert er seinen Kumpanen nur vier Wochen später: Am 16. Januar dieses Jahres fahren N. und ein Komplize nach Rotterdam. Dort, in der Krabbestraat, sitzen drei Drogenhändler, die ihn und seine Bande mit Heroin beliefern. Doch beim letzten Deal haben die drei Holländer N.s Leute offenbar betrogen und ihnen gestrecktes Heroin verkauft - auf jeden Fall klagen N.s Kunden über die miese Qualität.
Noch im Auto schraubt N. laut Staatsanwaltschaft den Schalldämpfer auf die Mündung einer Baikal und steckt die Waffe ein. Dann gehen die Russlanddeutschen hoch in die Wohnung der Dealer.
Dort, so die Ermittler, hätten die Männer zunächst geplaudert, dann sei N. auf der Toilette verschwunden. Als er zurückkam ins Wohnzimmer, habe er die Pistole im Anschlag gehalten. Er habe die drei Dealer gezwungen, sich bäuchlings auf den Boden zu legen. Sein Kumpan fesselte sie mit Kabelbindern. Dann habe Eugen N. ganz ruhig dem ersten der Dealer die Pistole auf den Hinterkopf gerichtet und abgedrückt. Dann dem zweiten.
Dann dem dritten. Der Fernseher lief in voller Lautstärke.
"Warum hast du das getan?", will der Kumpel gefragt haben. N.s angebliche Antwort: "Das musste sein."
Düren, der nächste Tatort, nur sechs Tage später. Das Heroingeschäft in der Stadt zwischen Aachen und Köln kontrolliert ein Dealer namens Roman L. - aber einer aus N.s Bekanntenkreis will dessen Revier übernehmen.
N. geht, sagen Ermittler, gewohnt brutal vor: Das Opfer wird, angeblich zu Gesprächen, in eine Dürener Wohnung gelockt. N. lässt einen seiner Leute auf ihn schießen. Mit drei Kugeln im Rücken, stark blutend, schafft es L. noch, sich in sein Auto zu ziehen. Er drückt aufs Gaspedal, kracht gegen einen Laternenmast und stirbt wenig später im Krankenhaus.
Das sind die Fälle, für die N. jetzt vor Gericht steht. Durch einen Tipp des Kronzeugen fanden Polizisten aber noch die Leichen zweier Brüder aus Georgien, verscharrt in einem Wäldchen bei Herne. Die beiden haben jeweils eine Kugel im Kopf. N. gilt als tatverdächtig, aber die Staatsanwaltschaft ermittelt noch.
N. ist erst in der Untersuchungshaft 21 Jahre alt geworden, war zur Tatzeit noch Heranwachsender. Sein Glück, denn somit kann er bei einem Schuldspruch nur zehn Jahre Freiheitsstrafe bekommen.
Der Angeklagte schweigt bislang zu allen Tatvorwürfen, sein Anwalt will sich öffentlich nicht äußern. Das Beweismaterial jedoch ist umfangreich. Bei ihm haben Fahnder die Tatwaffen gefunden. Es gibt DNA-Spuren, es gibt den Kronzeugen.
Es gibt auch noch 16 Aktenbände voller Telefonprotokolle. Denn schon beim ersten Fall, dem Mord an Turan, hatten Ermittler die Bande ins Visier genommen: Turans Telefon wurde überwacht, weil er kurz zuvor von einem Milieu-Boss bedroht worden war. Auch N. geriet in die Lauschaktion, fortan wurden die Telefonate seiner Truppe mitgeschnitten. Doch die Gangster redeten so unauffällig, dass die Beamten nicht ahnten, worum es ging. Ein Ermittler: "Es gab für uns keine Chance, das zu erkennen." GEORG BÖNISCH
* Auf einer Pressekonferenz am 4. Februar in Bochum.
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 42/2004
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