11.10.2004

„Die missbrauchte Frau“

Marcel Reich-Ranicki über Elfriede Jelinek
Diese Autorin, Elfriede Jelinek, ist außergewöhnlich, dieser Fall ist unvergleichbar. Alle ihre Arbeiten sind wütende Provokationen, sie wird seit Jahren und Jahrzehnten immer wieder beschimpft. Aber sie hat 23 oder 24 Literaturpreise erhalten, darunter den höchsten deutschen Preis, der im Namen Büchners vergeben wird, und jetzt auch noch jenen (nach wie vor) höchsten auf Erden, den Alfred Nobel gestiftet hat.
Das literarische Talent der Elfriede Jelinek ist, um es vorsichtig auszudrücken, eher bescheiden. Dennoch hat ihr enormer Erfolg gute Gründe. Ihre Dramen sind unaufführbar. Gleichwohl wurden sie auf vielen Bühnen gespielt und fanden, jedenfalls einige, neben empörter Ablehnung auch bemerkenswerte, ja heftige Zustimmung.
Ein guter Roman ist ihr nie gelungen, beinahe alle sind mehr oder weniger banal oder oberflächlich. Gleichzeitig ist in manchen hier und da beachtliche stilistische Kunstfertigkeit nicht zu übersehen - und bisweilen sogar erstaunliche Virtuosität. Also sind es vielleicht Bücher für Kritiker? Nein, manchen wurde auch Bestsellerruhm zuteil. Wie ist das alles zu verstehen?
Als 1989 im "Literarischen Quartett" Jelineks Roman "Lust" besprochen wurde, sagte meine hochverehrte Kollegin Sigrid Löffler, im Grunde handle das Buch davon, "dass männliche Körper expandieren und in andere Körper eindringen, wohingegen weibliche Körper diejenigen sind, in die eingedrungen wird". Das war, wird man zugeben, eine so überraschende wie erleuchtende Entdeckung. Und sie gilt für einen großen Teil des Werks der Jelinek. Es denunziert die Sexualität auf simple, doch gelegentlich auch suggestive Weise als etwas höchst Widerliches - für Frauen natürlich.
Nun behauptet die Weltliteratur, spezialisiert auf die Freuden und Leiden der Menschen, dass der Geschlechtsverkehr vielen Leuten, Frauen keineswegs ausgeschlossen, zumindest hin und wieder, auch Spaß bereite. Elfriede Jelinek indes stellt in allen ihren Büchern, auch in ihrem wohl besten Roman, "Die Klavierspielerin" (1983), das Sexuelle als ein widerliches und abstoßendes Herrschaftsinstrument der Männer dar: Was die Poesie so gern besingt, erweist sich als grausamer Unterwerfungsakt.
Unserem Weimarer Klassiker verdanken wir ein Theaterstück über einen pensionierten Gelehrten, der ein unmündiges Mädchen verführt, schwängert und verlässt. Zumindest seit diesem nicht ohne Talent verfertigten Stück ist das Elend der missbrauchten und gedemütigten Frau ein zentrales Motiv der Literatur. Aber die Jelinek zeigt es, simpel und ganz ohne Umstände, vor dem Hintergrund der von ihr aufs Schärfste angeklagten Wohlstandsgesellschaft gegen Ende des 20. Jahrhunderts - und sie zeigt es so, dass die Zukurzgekommenen und Benachteiligten, Frauen zumal, ihr Leben wieder erkennen können.
Das, immerhin, ist eine Leistung - und es gilt zum Teil auch für die Bühnenwerke. Sie sind, offen gesagt, unlesbar, doch als Vorlage für ehrgeizige und rücksichtslose Regisseure mit viel Phantasie hervorragend geeignet: Sie entfernen sich ohne Reue von dem, was die Autorin geliefert hat und machen aus den Texten, was sie wollen. Wenn es gut geht, entstehen effektvolle Shows, die nicht immer langweilig sind.
Doch ob Roman oder Drama - Elfriede Jelinek ist stets eine gesellschaftskritische Schriftstellerin, die der, wie viele meinten, längst überlebten oder überwundenen engagierten Literatur zu neuen Ehren verholfen hat. Ihr Mut und ihre Entschiedenheit, ihre Radikalität und ihre Konsequenz lassen sich kaum überschätzen. Und ihre Gesinnung? Als ich einst Böll für die Anschauungen in seinem neuen Manuskript lobte, unterbrach er mich sofort: "Gute Gesinnung gibt es bei uns gratis." Auch bei der Jelinek.
Mag sein, dass ihr Talent von ihrem (imponierenden) Charakter übertroffen wird. Wie auch immer: Sie ist schon eine dolle Frau, diese Elfriede Jelinek.
* 2003 im Akademietheater Wien.

DER SPIEGEL 42/2004
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