25.10.2004

„Wir bedienen den Stammtisch“

Jürgen Klopp, Trainer des Bundesliga-Aufsteigers Mainz 05, über leidenschaftlichen Erlebnisfußball, Survival-Touren mit der Mannschaft und den Kriegstanz neuseeländischer Ureinwohner
SPIEGEL: Herr Klopp, warum fasziniert der Kollektiv-Fußball Ihrer Mannschaft das Publikum auch außerhalb von Mainz?
Klopp: Wir haben den kleinsten Etat, wir haben nur ein zusammengebasteltes Stadion, wir spielen praktisch mit einer Zweitligamannschaft in der ersten Liga. Dazu wissen die Leute, dass wir zweimal hintereinander dramatisch knapp am Aufstieg in die Bundesliga gescheitert waren und es im dritten Anlauf doch gepackt haben. Solche Dinge machen sympathisch.
SPIEGEL: Mit den vermeintlich Intellektuellen vom SC Freiburg hielt einst die Alternativkultur Einzug in die Bundesliga. Wofür steht Mainz: für die Auflösung des Innovationsstaus im Land?
Klopp: Für den Erlebnisfaktor. Ich weiß nicht, ob das innovativ ist, aber: Wir spielen Erlebnisfußball. Ich lasse wirklich genau die Art von Fußball spielen, der ich gern zuschaue. Ich sehe bestimmt zehn Spiele pro Woche, und glauben Sie mir: Da sind viele dabei, bei denen ich vor dem Bildschirm fast einschlafe. Wir dagegen bedienen die Stammtischparolen.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Klopp: Die Leute sagen so oft, die Fußballer sollten rennen und kämpfen. Genau das schreiben wir uns auf die Fahnen. Wir sind die Speerspitze des Otto Normalverbraucher. Die Eintrittskarte der Spieler für diese Mannschaft ist Woche für Woche klar definiert: Leidenschaft, Laufbereitschaft, Wille.
SPIEGEL: Die einzelnen Profis kennt - von den Mainzer Fans abgesehen - kaum jemand. Benutzen die eigentlich auch Haargel?
Klopp: Natürlich. Ich übrigens auch. Und ich fand es nicht richtig von Felix Magath, dass er seine Kritik an Egoismen auf dem Fußballplatz verknüpft hat mit
dieser Bemerkung über die Art, wie sich junge Menschen für die Straße präparieren.
SPIEGEL: Der Bayern-Trainer wollte mit der Metapher vom Gel, das sich die Spieler in die Haare schmieren, doch nur eine Gefahr anschaulich machen: Im Bemühen, als Individuum möglichst gut auszusehen, hätten die Profis heute Schwierigkeiten, sich ins Mannschaftsspiel zu integrieren. Solche Stars haben Sie wohl nicht?
Klopp: Das glauben Sie. Ob einer bundesweit ein Star ist oder nur regional, macht nämlich im Ergebnis keinen Unterschied. Mehr Star als meine Jungs hier in Mainz kann man nicht sein.
SPIEGEL: Sie lassen einen Fußball aufführen, bei dem Geschlossenheit wesentlich ist. Inwiefern hat Ihr sommerlicher Ausflug nach Skandinavien - eine mehrtägige Kanutour durch schwedische Gewässer - bei der Teambildung geholfen?
Klopp: Ähnliches haben wir schon vor zwei Jahren gemacht, nur hat es da niemanden interessiert. Damals, als Zweitligist, waren wir in einer Schwarzwaldhütte, in der wir selbst kochen und die Toilette putzen mussten. Jetzt in Schweden war die Intention die gleiche: Es geht mir um dieses gemeinsame Erlebnis. Je extremer diese Erfahrungen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir als Mannschaft enger zusammenwachsen.
SPIEGEL: Wie extrem war denn der Trip?
Klopp: Als zum Beispiel mal ein Boot umkippte, dachten wir schon, da saufen welche ab. Dann waren sie aber ganz schnell wieder oben, und schon packten alle an, um die Lebensmittel zu retten. Von Boot zu Boot wurden da die Nudeln übers Wasser gefeuert. Und dann dieses Sauwetter. Es gab einen Punkt, da wollten die Jungs die ganze Expedition abbrechen.
SPIEGEL: Wie haben Sie die Truppe zusammengehalten?
Klopp: Ich habe selbst gedacht: Kloppo, du bist so ein Idiot, dass du dieses Lager gemacht hast. Du steigst aus dem Boot, das Wasser steht dir bis zu den Knien. Die Klamotten nass, die Wechselklamotten nass, und du musst noch das Zelt aufbauen. Da
kommt unser Torwart Dimo Wache zu mir und sagt: Die Jungs explodieren gleich. Sie sagen: Privatjet, Helikopter, egal wie, wir zahlen selbst - nur raus hier. Okay, Dimo, habe ich gesagt: Klär das mit den anderen, und wenn sie alle wollen, hauen wir ab. Er kam zurück aus dem Zelt und sagte: Sie wollen bleiben. Von dem Moment an war ein neues Feuer entfacht.
SPIEGEL: Auch auf dem Platz wirkt Ihr Team bisweilen wie in einem Survivalkurs, wenn in letzter Minute verloren geglaubte Spiele noch in Siege umgewandelt werden. Wie lange geht das gut?
Klopp: Von der Tendenz geht das so weiter. Vom Bäcker bis zum Metzger wollen uns alle einreden: Genießt es, es kommen wieder andere Zeiten. Ich aber habe den Spielern gesagt: Wenn ihr weiter so viel ins Spiel investiert und wir die richtigen Entscheidungen treffen, bleiben wir auf diesem Niveau. Dass es zwischendurch mal Niederlagen geben kann, ist auch klar.
SPIEGEL: Ist das Spiel Ihrer Mannschaft nicht auf Dauer etwas Kraft raubend?
Klopp: Ach was. Ihr tut doch immer alle so, als würden unsere Jungs nur deshalb so viel kämpfen, weil sie nicht kicken könn-
ten. Das sind aber alles extrem talentierte Fußballer.
SPIEGEL: Talentiert genug für die erste Liga?
Klopp: Ich sage Ihnen, was der grundlegende Unterschied zwischen zweiter und erster Liga ist. In Liga zwei will der Stürmer den Gegner umdribbeln, will also zum Beispiel links vorbei, bleibt hängen, verliert den Ball - und sagt sich: Okay, gehe ich beim nächsten Mal rechts vorbei. In der Bundesliga passiert dem Stürmer des Aufsteigers der gleiche Ballverlust, und er sagt sich: Boah, ist der Gegner stark. Und versucht beim nächsten Mal gar nicht erst wieder, vorbeizukommen. Genau das habe ich meinen Jungs erklärt. Sie sind stark genug, und wir geben ihnen einen Plan mit.
SPIEGEL: Wie lautet der Plan?
Klopp: Wir wollen das Spiel dominieren. Und zwar vor allem auch dann, wenn wir den Ball nicht haben. Wir wollen, dass der Gegner den Ball nur dorthin spielt, wo wir es erlauben. Wir versuchen, mit unseren Mitteln ein bisschen zu zocken.
SPIEGEL: Sie versperren mit viel Laufarbeit den Etablierten den Raum zur Entfaltung. Ist das nicht destruktiv?
Klopp: Nein, destruktiv wäre es, wenn wir einen Abwehrriegel vor dem eigenen Tor aufbauen würden. Was wir machen, ist Torvorbereitung, während der Gegner noch den Ball hat. Wir wollen den Ball so früh erobern, dass wir nur noch einen Pass brauchen, um vor der Kiste zu stehen. Wir laufen auch gar nicht mehr als andere.
SPIEGEL: Ach nein?
Klopp: Wir schalten nur zwischendurch nicht ab. Denn warum sollen wir Pausen machen? Wir trainieren doch die ganze Woche, um dann 90 Minuten fit zu sein. Und wir haben ein klares System. Wir stechen nicht einfach durch die Gegend wie die Hornissen. Wir locken den Gegner und stechen dann zu.
SPIEGEL: Ist der Vergleich mit der Mannschaft Südkoreas, die bei der letzten Weltmeisterschaft immerhin ins Halbfinale kam, zulässig?
Klopp: Absolut. Ich selbst bin allerdings Fan des englischen Fußballs. Wegen der Leidenschaft.
SPIEGEL: Chelsea Londons Trainer José Mourinho sagt, gerade wegen dieser Leidenschaft hätten englische Teams - außer Manchester United 1999 - in der Champions League nichts gewonnen.
Klopp: Sein Siegeszug mit Porto letztes Jahr in allen Ehren. Aber er hält sich wohl mittlerweile zu sehr für den Erfinder des Flachpasses. Seine Meinung kann ich nicht teilen.
SPIEGEL: Sie wollen also englischen Teams wie Arsenal London nacheifern?
Klopp: Arsenal spielt im Prinzip wie wir, nur dass sie den Ball häufiger haben. Aber natürlich wollen auch wir, wenn wir den Ball erobert haben, intelligent und schnell in die Spitze spielen. Wir werden nur immer auf die Spielsituationen bei gegnerischem Ballbesitz reduziert. Aber das macht nichts. Der Reiz des Fußballs liegt darin, dass man dieses Spiel immer gewinnen kann - egal, wie gut der Gegner ist.
SPIEGEL: Sind Sie sicher?
Klopp: Für uns ist das ein Gesetz: An einem bestimmten Tag ist jeder Gegner zu schlagen. Und diesen Tag wollen wir bestimmen.
SPIEGEL: Oft wird der Mainzer Stil irrtümlich als Spaßfußball bezeichnet. Er ist wohl eher hart erarbeitet - eine ernste Angelegenheit wie der örtliche Karneval.
Klopp: Als Schwarzwälder kenne ich mich mit der Fastnacht nicht so aus. Aber natürlich spielen wir Fußball nicht nur zum Spaß. Wir üben das Positionsspiel die ganze Woche.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie schon als Student Trainer werden wollten?
Klopp: Ja. Mit 20 habe ich bei Eintracht Frankfurt die D-Jugend übernommen. Es hat riesig Spaß gemacht. Dabei konnte ich es zeitlich kaum stemmen, weil ich selbst in der Oberliga gekickt habe, nebenbei noch Sportwissenschaft studierte und gerade Vater geworden war. Ein Riesenleben war das.
SPIEGEL: Wie viele Ihrer Ideale aus Ihrer Anfangszeit als Trainer haben Sie mittlerweile über Bord geworfen?
Klopp: Zuerst wollte ich jedem Einzelnen, der nicht aufgestellt werden sollte, auf dessen Hotelzimmer erklären, warum er nicht spielt. Beim zweiten Zimmer habe ich das Experiment abgebrochen. Denn ich sah in den Augen der Spieler: Sie würden es sowieso nicht verstehen.
SPIEGEL: Würde der Trainer Klopp heute den Spieler Klopp aufstellen?
Klopp: Manchmal ja. Ich war kopfballstark und torgefährlich. Aber sonst: Über dem Hals war ich halt immer besser als drunter. Um richtig gut zu kicken, haben mir ein paar Gelenke gefehlt.
SPIEGEL: Sehen Sie sich als den Trainer, den Sie selbst gern gehabt hätten?
Klopp: Ja, schon. Viele hier haben es ja nicht verstanden, dass unser Mittelfeldspieler Fabian Gerber im Sommer einen Tag frei bekam, weil seine Mutter Geburtstag hatte. Ich konnte mich da gut an meine Profizeit erinnern. Vor zehn Jahren durfte ich nicht mal zur Einschulung meines Sohnes. Heute frage ich mich, wie ich so bescheuert sein konnte, dass ich mich diesem Verbot des Trainers nicht widersetzte und hingegangen bin.
SPIEGEL: Sehen Sie sich als Motivator?
Klopp: Meine Spieler spielen nicht nur beim FSV Mainz 05, sondern sie spielen im geilsten Team der ganzen Welt. Das wissen sie. Und unsere Vorbilder sind seit einiger Zeit die ruhmreichen All Blacks.
SPIEGEL: Sie meinen die neuseeländische Rugby-Nationalmannschaft?
Klopp: Ja. Ich habe einen Dokumentarfilm auf Video, der den Mythos dieses Teams erklärt. Spieler erzählen, warum sie so stolz sind, All Blacks zu sein. Sie sagen: In dem Augenblick, in dem sie ihr Trikot überziehen, seien sie verpflichtet, alles zu geben, sonst seien sie dieses Trikots nicht würdig. Vor dem Spiel tanzen sie den Haka, den traditionellen Kriegstanz der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Die Spieler stampfen dabei mit den Füßen auf den Boden, starren ihre Gegner an und zitieren schreiend einen Stammeshäuptling. Man sieht, dass sich die Gegner da förmlich in die Hose machen.
SPIEGEL: Sie wollen doch Ihre Mannschaft nicht etwa tanzen lassen?
Klopp: Ich habe meinen Spielern diesen Film gezeigt. Danach habe ich gefragt: Können wir nicht einfach für uns entscheiden, dass wir die All Reds sind? Muss uns das peinlich sein? Oder können wir unser Trikot überziehen und sagen: Sobald ich das Ding anhabe, gehe ich bis ans Limit? Die Jungs waren fasziniert von dem Gedanken, und seither sind wir die All Reds. Wenn wir vor einem Stadion vorfahren, läuft in unserem Bus jetzt immer die Musik des Haka-Tanzes.
SPIEGEL: Gibt es weitere Psychotricks?
Klopp: Einmal habe ich den Spielern gesagt: Stellt euch vor, ihr hättet euch 20 Jahre auf ein Spiel vorbereitet, ihr habt nur dieses eine und dann wieder 20 Jahre Zeit. Wie viel würdet ihr in dieses Spiel investieren? Außerdem steht bei jeder Teambesprechung vor einer Partie am Wochenende auf unserer Tafel: das Wochen-Endspiel. Ein Wortspiel.
SPIEGEL: Schon verstanden.
Klopp: Es soll noch einmal den Finalcharakter unterstreichen, den jedes Bundesligaspiel für uns hat. Ich habe nie eine Meisterschale oder einen lebendigen Adler in die Kabine getragen, wie das andere Trainer gemacht haben. Aber mit Worten kann man einiges erreichen.
SPIEGEL: Für einen Bundesliganeuling gerieren Sie sich ganz schön selbstbewusst. Über den Nationalcoach der USA sagten Sie neulich, der habe nicht alle Tassen im Schrank - nur weil er Ihren Stürmer Conor Casey nominierte und dann nicht spielen ließ. Sind Sie immer so frech?
Klopp: Das war unüberlegt von mir. Ich hätte sagen sollen: Da muss ich mal mit Coach Bruce Arena drüber reden. Ich weiß aber nicht, ob ich mir diese Diplomatie angewöhnen kann. Man kann mich da leicht auf dem falschen Fuß erwischen.
SPIEGEL: Ist Ihnen klar, dass Ihr Bundesligaabenteuer trotz Anfangseuphorie in einem Fiasko enden könnte? Sie könnten in Abstiegsnot geraten, sogar entlassen werden.
Klopp: Ich entwickle da keine Gegenmaßnahmen, ich habe kein Fangnetz. Ich lebe im Hier und Jetzt. Und ich bin ja gleich am Anfang meiner Trainerlaufbahn ein großes Risiko eingegangen, als ich - erst mal übergangsweise - die Mainzer Mannschaft übernommen habe, die kurz vor dem Abstieg in die Regionalliga stand. Hätten wir da gleich mal vier Spiele verloren, würden nun alle sagen: Na, du hast es doch schon mal als Trainer versucht, hat ja klasse geklappt - also lass es.
SPIEGEL: Herr Klopp, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Jörg Kramer und Michael Wulzinger. * Fabian Gerber (l.) und Mimoun Azaouagh gegen Fabian Ernst im Bundesligaspiel gegen Werder Bremen (2:1) am 16. Oktober in Mainz.
Von Jörg Kramer und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 44/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Wir bedienen den Stammtisch“

  • Filmstarts: Kinder mit Kanonen
  • Zu viele Verletzungen: NFL-Star Andrew Luck beendet mit 29 Karriere
  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"