30.10.2004

NAHOSTArafats Erben

Kaum war Palästinenser-Präsident Jassir Arafat nach längerem Kränkeln am Mittwoch ins Koma gefallen, brach sofort die lang unterdrückte Führungsdebatte wieder auf. Die Chefs seiner Fatah-Fraktion, die sich bei PLO-Generalsekretär Mahmud Abbas zum Krisenrat versammelten, berieten über die schwierige Frage, ob und wie die internationale Symbolfigur des palästinensischen Volks zu ersetzen sei. Nun rächte sich, dass Arafat, entgegen dem Rat von Vertrauten, es stets abgelehnt hatte, einen Erben zu küren - aus Furcht vor der Konkurrenz eines politischen Kronprinzen. Obwohl intern die Kritik an seiner Amtsführung wuchs, hatte er noch unlängst erklärt, ein Rücktritt zu Gunsten eines Jüngeren komme für ihn allenfalls nach der Gründung eines palästinensischen Staates in Frage.
Wie heikel die Machtfrage ist, bewies die Nachricht, ein dreiköpfiges Team bestehend aus Abbas, Premierminister Ahmed Kurei und dem Vorsitzenden des Palästinensischen Nationalrates, Salim Saanun, solle vorübergehend die Aufgaben des Präsidenten wahrnehmen. Dies wurde umgehend dementiert.
Dabei ist die Nachfolge im Prinzip geregelt: Nach dem palästinensischen Grundgesetz übernimmt der Sprecher des Parlaments, Ruhi Fatuh, für 60 Tage die Amtsgeschäfte, um Neuwahlen vorzubereiten. Tatsächlich läuft ohnehin die Registrierung der Wähler - für die lange überfälligen allgemeinen Wahlen. Fatah-Mann Fatuh aus dem Gaza-Streifen gilt jedoch als schwach; größere Autorität wird dem früheren Premier Abbas zugeschrieben, als PLO-Generalsekretär in der palästinensischen Hierarchie ohnehin die Nummer zwei hinter Jassir Arafat. Neben Abbas könnte außerdem der ehrgeizige frühere Sicherheitschef Mohammed Dahlan, der als starker Mann des Gaza-Streifens und Liebling der Amerikaner gilt, wieder aufsteigen und dafür sorgen, Chaos und Anarchie in den Palästinenser-Gebieten in den Griff zu bekommen. Der beliebteste Palästinenser nach Arafat hat indes keine Chancen auf die Nachfolge: Der Intifada-Anführer Marwan Barghuti sitzt lebenslänglich in einem israelischen Gefängnis.

DER SPIEGEL 45/2004
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