30.10.2004

„Stratege, Freund, Bruder“

Der US-amerikanische Tenniscoach Brad Gilbert, Trainer des Weltranglisten-Zweiten Andy Roddick, über Geduldsproben mit seinem enthusiastischen Spieler, psychologische Tricks auf dem Court, den Sexismus der Profis und seinen Hang zur Farbe Schwarz
SPIEGEL: Mister Gilbert, der Schweizer Roger Federer steht auf Platz eins der Weltrangliste, hat drei von vier Grand-Slam-Turnieren dieser Saison gewonnen - und das, obwohl er sich im vergangenen Dezember von seinem Coach getrennt hat. Sind Tennistrainer wie Sie überflüssig?
Gilbert: Dass ein Spieler ohne Coach besser ist als mit, ist die absolute Ausnahme. Und Federer? Jesus, der Bengel spielt im Moment wirklich erstklassiges Tennis. Vielleicht genießt er es, eigene Entscheidungen zu treffen. Aber auch er hat ja ständig Leute um sich: jemanden, der mit ihm reist und Bälle mit ihm schlägt, auch seine Freundin ist immer dabei.
SPIEGEL: Warum braucht Andy Roddick, die Nummer zwei der Weltrangliste, einen Coach?
Gilbert: Sein Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft. Er kann noch viel lernen, und ich will ihm dabei helfen.
SPIEGEL: Sie arbeiten seit anderthalb Jahren zusammen. Mit dem Masters Cup in Houston, Texas, endet übernächste Woche die erste komplette Saison, die Sie mit Roddick auf der Tour sind. Was konnten Sie ihm bislang beibringen?
Gilbert: Es geht mir weniger um seine Technik, ich arbeite viel an Andys Einstellung zum Spiel. Er soll es besser verstehen, das braucht Zeit. Der Weg ist steinig, und Tennis ist Langstrecke. Du kannst nicht immer mit Tempo 220 über die Autobahn rasen, du musst lernen, dass manchmal 110 reichen.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Gilbert: Er muss ruhiger werden und variabler spielen. Nicht nur auf den Ball eindreschen wie ein Baseballer, der mit jedem Schlag einen Home-Run erzielen will. Ich wünsche mir, dass er mehr so spielt wie früher Ivan Lendl.
SPIEGEL: Wieso das? Lendl war ein eher uninspirierter Grundlinienspieler, eine Ballmaschine.
Gilbert: Das sagen Sie. Vor allem war Lendl ein großartiger Taktiker. Und er ist der einzige Weltklassespieler, gegen den ich nie gewonnen habe: 16 Matches, kein Sieg.
SPIEGEL: Wie wollen Sie Roddick dazu bringen, geduldiger zu werden?
Gilbert: Der Tennisplatz ist eine Landkarte, und man muss die richtigen Stellen kennen, von denen aus man den Punkt macht, oder wie ich es nenne: den Ball tötet. Es ist egal, ob es der zweite oder der zehnte Ball ist, die Stelle muss stimmen. Es kann fatal sein, 40 Gewinnpunkte in einem Match zu schlagen, weil einem dann womöglich auch 50 unerzwungene Fehler passieren; hin und wieder ist es besser, nur zehn Winner und zehn eigene Fehler zu produzieren. Für Andy gilt: Such dir deine Stellen!
SPIEGEL: Ist Roddick ein guter Schüler?
Gilbert: Ich war acht Jahre lang Coach von Andre Agassi, mit ihm sind meine Haare grau geworden. Mit Andy werden sie mir wohl ausfallen. Aber er ist ein prima Junge. Sein Aufschlag ist variabler geworden, und er geht jetzt häufiger ans Netz. Ich mag seinen jugendlichen Enthusiasmus, seine Energie.
SPIEGEL: Sie haben Agassi von Platz 141 der Weltrangliste auf Platz 1 befördert. Wie haben Sie das hinbekommen?
Gilbert: Das war nicht schwer. Andre hatte einfach nur die Liebe zum Spiel verloren. Er hatte damals Brooke Shields geheiratet und war nicht mehr auf Tennis konzentriert. Ich hätte es schlimmer gefunden, wenn er abgestürzt wäre, weil seine Vorhand schauerlich war und die Rückhand furchtbar. So musste er nur seine Einstellung ändern.
SPIEGEL: Wie ging das?
Gilbert: Er dachte wohl, ich hätte 100 Fehler an seinem Spiel auszusetzen, aber da gab es gar nichts. Es ging nur darum, die Arbeit wieder aufzunehmen. Wenn jemand nur zehn Cent investiert, sind seine Ergebnisse auch nur zehn Cent wert.
SPIEGEL: Als Spieler haben Sie gern mit unfairen Mitteln die Konzentration Ihrer Gegner gestört. Einmal sagten Sie, es sei für Sie ein Genuss, wenn Boris Becker über sich flucht.
Gilbert: Es war herrlich, ihn greinen zu hören. Ich wusste dann, dass ich gewinnen würde.
SPIEGEL: Sie haben die Kunst des Psychoterrors in Ihrem Buch "Winning Ugly" beschrieben. Geben Sie Roddick Nachhilfe darin, wie er "hässlich gewinnt"?
Gilbert: Das ist nicht nötig. Andy hat genau wie Agassi die Fähigkeit,
den Gegner zu überrollen. Ihr Spiel ist völlig anders, als meines war. Ich konnte keine 30 Asse schlagen, ich hatte keine harten Grundschläge. Hätte ich eine Vorhand gehabt wie Andy, hätte ich nicht so viel rumpöbeln müssen; hätte ich so eine Rückhand gehabt wie Andre, hätte ich nicht so viele Verletzungen simulieren müssen. Aber nur weil ich das gemacht habe, heißt das nicht, dass ich auch so coache. Als Trainer muss ich mich meinem Schützling anpassen, ich muss durch seine Augen sehen.
SPIEGEL: Wie haben wir uns das vorzustellen?
Gilbert: Ich muss meine Hausaufgaben machen und lernen, Andy zu verstehen. Manche Coachs haben ihre Philosophie, die sie unterschiedslos jedem Spieler überstülpen. Ich beobachte das oft bei Fußballtrainern: Ein Coach wechselt zu einem neuen Team, lässt aber dasselbe System wie mit der alten Mannschaft spielen. Das ist dumm. Du musst coachen, was die Spieler können, nicht das, was du willst. Ich habe kein System, keinen Stil. Meine Philosophie lautet lediglich: Verlieren ist Mist, gewinnen ist spitze.
SPIEGEL: Wie bereiten Sie Roddick auf den nächsten Gegner vor?
Gilbert: Am liebsten sitze ich auf der Tribüne, schaue mir ein Spiel von dem Typen an und mache mir ein paar Notizen. Die beste Zeit, um die Strategie zu besprechen, ist das Dinner am Abend vor dem Match, weil man beim Essen entspannt ist. Ich mache dann Anmerkungen wie: Das ist von dem Kerl zu erwarten, er schlägt gute Returns, aber auf der Rückhandseite ist er verwundbar.
SPIEGEL: Als Profi haben Sie eine Art Tagebuch über die Stärken und Schwächen Ihrer Gegner geführt. Macht Roddick das auch?
Gilbert: Nein, er hat ja mich. Als ich noch jung war, habe ich vor einem Match in meinen Aufzeichnungen gelesen, weil ich damals noch ohne richtigen Coach unterwegs war. Das Buch war mein Coach. Es hat mir geholfen, die Erinnerung aufzufrischen und mich aufzulockern.
SPIEGEL: Kann ein Tenniscoach von anderen Sportarten lernen?
Gilbert: Unbedingt. Nehmen Sie Boxen: Es ist zwar gewalttätig, aber es funktioniert nach demselben Prinzip wie Tennis - zwei Mann, eins gegen eins, und der eine versucht, den anderen zu zermürben. Das gefällt mir. Auch Fußball finde ich interessant, wie der Angriff von Team A die Abwehr von Team B überlisten will. Ich achte immer auf die Taktik und bilde mich weiter.
SPIEGEL: Sie suchen nach dem kleinen Unterschied, der zwischen Sieg und Niederlage entscheidet?
Gilbert: Genau. Beim Basketball sind fünf Spieler auf dem Feld, die die richtige Position suchen, um kurz vor Ablauf der Uhr einen Korb zu erzielen. Beim Tennis ist es genauso: Wo ist der eine Schlag, den Andy platzieren kann, wenn er unter Druck steht?
SPIEGEL: Einstige Spitzenspieler sind nicht automatisch gute Trainer. Woran liegt das?
Gilbert: Einem Coach muss bewusst sein, dass er sich um jemand anders kümmern muss. Ein Altstar kann kein guter Betreuer sein, wenn er sich benimmt wie ein Altstar.
SPIEGEL: Ein erfolgreicher Coach muss sein Ego hintanstellen?
Gilbert: Spieler dürfen egoistisch sein, Trainer nicht. Was ich brauche, ist egal. Es geht darum, was Andy braucht.
SPIEGEL: Würden Sie alles für Ihren Spieler machen?
Gilbert: Klar, solange es nicht illegal ist. Ich würde ihm sein Frühstück aufs Zimmer bringen, einen Kaffee besorgen, seine Wäsche in die Reinigung geben. Wenn Andy morgens um vier an meine Tür klopft und mit mir reden will, dann muss es wichtig sein. Natürlich bin ich dann für ihn da.
SPIEGEL: Ist es möglich, dass Sie Roddick während des Spiels Tipps geben?
Gilbert: Nein. Es ist ein Jammer, dass es bei den Turnieren keinen direkten Kontakt mit den Spielern gibt wie im Daviscup. Ich sitze
auf der Tribüne und bin cool. Ich klatsche nicht wie verrückt, wenn er einen guten Ball spielt, und ich rege mich nicht auf, wenn es bei ihm nicht läuft. Wenn er zu mir herübersieht, will ich Zuversicht ausstrahlen. Ich trage deswegen auch immer Schwarz.
SPIEGEL: Schwarz ist die Farbe der Trauer.
Gilbert: Nicht für mich. Es ist die Farbe der wahren Größe. Die Farbe der Gelassenheit, meine Power-Farbe. Tiger Woods trägt gerne Rot, ich trage Schwarz.
SPIEGEL: Analysieren Sie hinterher jedes Match?
Gilbert: Ja. Ich gucke es mir möglichst noch einmal auf Video an und rede mit meinem Schützling anschließend darüber. Agassi konnte drei Stunden lang über ein Match debattieren, er erinnerte sich an jeden Punkt. Nach einem Fünf-Satz-Match sagt er Sachen wie: "Bei 3:3 und 15:30 im dritten Satz, da flog der Ball achtmal übers Netz, und als er eine Vorhand cross gespielt hat, habe ich dummerweise die Linie lang gespielt." Andy ist da anders. Er erinnert die Punkte nicht. Er will mitunter auch erst nach drei Tagen über eine Niederlage reden und dann auch nur für fünf Minuten. Diese fünf Minuten müssen dann passen.
SPIEGEL: Mal abgesehen von Lendl - welchen Tennisprofi halten Sie für intelligent?
Gilbert: Steffi Graf war phantastisch. Auch Agassi ist ein cleverer Kerl. Ansonsten schätze ich Spieler, die mit wenigen Möglichkeiten viel erreichen.
SPIEGEL: Demnach müssten Sie ein Fan des Deutschen Rainer Schüttler sein.
Gilbert: Wenn ich Schüttler sehe, sehe ich mehr von mir als von Andy oder Andre. Ich kann mich mit seinem Spiel identifizieren, er hat viel Herz und einen großen Willen.
SPIEGEL: Könnten Sie sich vorstellen, eine Frau zu coachen?
Gilbert: Ich würde lieber eine sympathische und ehrgeizige Spielerin mit weniger Talent trainieren als einen Klassespieler, der, mit Verlaub, ein Arschloch ist. Als Spieler mochte ich Frauentennis nicht besonders, als Coach denke ich anders.
SPIEGEL: Was hat Ihnen als Profi am Damentennis missfallen?
Gilbert: Als Spieler waren wir alle darauf programmiert, zu denken, ihr Tennis sei armselig. Wir waren alle sexistisch. Ich bin inzwischen Vater von drei Kindern, jetzt denke ich: Tennis ist Tennis. Die Damen arbeiten genauso hart wie die Männer.
SPIEGEL: Gehört es zum Job eines Trainers, auch jenseits des Courts Einfluss auf den Spieler zu nehmen?
Gilbert: Ich habe mir angehört, welche Lieder Andy auf seinem iPod gespeichert hat und ihm gesagt: "Man nennt es Geschmack, Andy, sieh zu, dass du welchen kriegst." Im Ernst: Ich bin nicht Andys Vater, ich muss den Burschen nicht erziehen.
Ich bin sein Coach, sein Stratege, sein Freund, vielleicht wie sein großer Bruder.
SPIEGEL: Müssen Sie ab und zu den Entertainer für ihn spielen?
Gilbert: Wenn wir beim Dinner sitzen, und mein Gerede über das Spiel macht ihn nervös, dann wechsle ich das Thema. Wenn ich ihm zum falschen Zeitpunkt meinen Willen aufzwinge, bringt das gar nichts. Wir reden dann lieber über Mädchen, Basketball oder Politik.
SPIEGEL: Haben Sie auch mal über den Irak-Krieg diskutiert?
Gilbert: Natürlich. Es ist eine Katastrophe, was dort passiert. Ein zweites Vietnam für unser Land. Jeden Tag sterben dort 20jährige Jungs. Das ist furchtbar.
SPIEGEL: Hört sich an, als würden Sie bei der Präsidentschaftswahl am Dienstag den Demokraten John Kerry wählen.
Gilbert: Nein, meine Stimme gehört George W. Bush. Ich komme aus einer republikanischen Familie. Bei der Gouverneurswahl in Kalifornien habe ich übrigens Arnold Schwarzenegger gewählt. Ich vertraue ihm, weil er kein Polit-Profi ist.
SPIEGEL: Sie scheinen Gefallen zu finden an unorthodoxem Auftreten. Gilt das auch für die Methoden, mit denen Sie Ihren Spieler motivieren?
Gilbert: Ich wette oft mit Andy, das habe ich mit Agassi auch schon gemacht. Als Andre die Australian Open gewonnen hat, musste ich in den South Yarra River springen; als er den Titel in Flushing Meadows geholt hat, musste ich mir die Brust rasieren. Einmal musste ich mir ein Ohrloch stechen lassen. Hey, Mann, das Letzte, was ich wollte, war ein Ohrring. Aber ich musste Wort halten, sonst hätte Andre kein Vertrauen mehr zu mir gehabt.
SPIEGEL: Was hat Ihre Frau gesagt?
Gilbert: Dass ich dämlich aussehe.
SPIEGEL: Und was haben Ihnen Roddicks Erfolge bisher eingebrockt?
Gilbert: Letztes Jahr, vor dem Masters-Turnier in Montreal, hat mich Andy gefragt, wovor ich mich am meisten fürchte. Ich antwortete: "Ich hasse den Gedanken, aus einem Flugzeug springen zu müssen. Absolut grauenhaft." Andy aber liebt Fallschirmspringen, also hat er gesagt: "Sollte ich das Turnier gewinnen, musst du springen." Andy hatte bis dahin noch kein Masters-Turnier gewonnen, aber nun siegte er Runde um Runde, und das Einzige, woran ich jedes Mal dachte, war: Wieder bist du deinem Alptraum einen Tag näher gekommen. Im Finale hat er brillant gespielt.
SPIEGEL: Wie hat Ihnen der Fallschirmsprung gefallen?
Gilbert: Es war die Hölle. Als wir wieder am Boden waren, ist Andy fast gestorben vor Lachen, denn mir war speiübel. Ich habe mich dreimal übergeben. Nie zuvor fühlte ich mich so mies. Ich musste es tun, aber ich mache es ganz bestimmt nie wieder.
SPIEGEL: Mister Gilbert, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Brad Gilbert
brachte es als Tennisprofi trotz eher bescheidener Fähigkeiten bis auf Rang vier der Weltrangliste. Wie kein Zweiter bekämpfte der lebenslustige und wortgewandte US-Amerikaner seine Gegner auf dem Platz mit psychologischen Tricks. Sein Buch "Winning Ugly" ("Hässliche Siege") wurde ein Bestseller. Bevor der Vater von drei Kindern im Juni 2003 als Trainer des derzeitigen Weltranglisten-Zweiten Andy Roddick (r.) anheuerte, betreute Gilbert, 43, acht Jahre lang mit großem Erfolg Andre Agassi.
Das Gespräch führten die Redakteure Maik Großekathöfer und Michael Wulzinger. * Mit Tochter Jaz Elle (vorn) und Sohn Jaden Gil.
Von Maik Großekathöfer und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 45/2004
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