30.10.2004

DIGITAL-TVSehen mit Stäbchen

Lange galt die Antenne als zukunftsloses Relikt aus der Frühzeit des Fernsehens. Doch mit der bundesweit geplanten Umstellung auf die digitale TV-Übertragung wird die Empfangstechnik plötzlich wieder zur preisgünstigen Alternative - zum Ärger der aufgeschreckten Kabelanbieter.
Es waren Szenen wie aus einem Agententhriller, die sich unlängst rund um den Hamburger Fernsehturm abspielten. Mit einem russischen Schwerlasthubschrauber, Typ Kamov Ka 32 A, tauschten Spezialisten einer Schweizer Firma in 279 Meter Höhe und siebenstündiger Arbeit die rot-weiße, rund 30 Meter lange Antennenspitze des so genannten Telemichels aus. Sechs Anflüge waren nötig, dann war zumindest Hamburg für die digitale Fernsehzukunft gerüstet.
Was das bedeutet, kann man in einem nüchternen Büro gleich hinter dem Rathaus der Hansestadt bereits besichtigen: Glasklar laufen dort die ersten vier digitalen Testprogramme über einen Minifernseher im Reich von Lothar Jene, dem Chef der Hamburgischen Anstalt für neue Medien (HAM) - meistens jedenfalls. Gelegentlich friert das laufende NDR-Regionalprogramm plötzlich zu kleinen Klötzchen ein, gefolgt von einem kleinen, roten Warnhinweis: "Kein Signal". Dann geht nichts mehr, das Bild bleibt stehen.
"Kinderkrankheiten", betont Jene. "Zum offiziellen Start am 8. November wird es das nicht mehr geben." Noch kommen die ersten Bilder des neuen digitalen Antennenfernsehens (DVB-T) von einem Testsender, der nur einen Bruchteil der Fernsehturmleistung abstrahlt.
So wie in Hamburg werden in diesen Tagen auch in Kiel, Lübeck und in weiten Teilen des Ruhrgebiets letzte Vorbereitungen für den Start in ein neues TV-Zeitalter getroffen. Auch in Frankfurt, Köln und Dortmund schwirrte der Hubschrauber schon um die Fernsehtürme. Für Hessen und Rheinland-Pfalz erfolgte der DVB-T-Startschuss Anfang Oktober, Berlin-Brandenburg stellte vor gut einem Jahr um.
Bis Ende 2004 soll knapp die Hälfte aller Bundesbürger digitales Fernsehen mit einer gewöhnlichen Antenne empfangen können. "Damit haben wir europaweit die größten Fortschritte bei der Digitalisierung des Fernsehens erreicht", jubelt Matthias Kurth, Präsident der Regulierungsbehörde für Telekommunikation.
Am heftigsten trifft dieser jähe Hightech-Sprung diejenigen Zuschauer, die weder Kabel noch Satellit haben und sich bislang mit dem kargen und mitunter empfangsgestörten Senderangebot begnügten, das sie per Zimmer- oder Hausantenne einfangen konnten - in Ballungsräumen wie Hamburg immerhin noch rund neun Prozent der Fernsehhaushalte.
Vom 8. November an werden sie in der Hansestadt nur noch ein Rumpfprogramm von drei öffentlich-rechtlichen Sendern zu sehen bekommen - und gucken im Frühjahr endgültig in die Röhre. Dann bleibt der Bildschirm schwarz, denn in allen DVB-T-Regionen (siehe Grafik) gilt: digital oder gar nicht. Die analoge terrestrische Übertragung wird nach einer kurzen Übergangszeit rigoros ausgeknipst.
Wer indes die Zwangsumstellung in die digitale Fernsehwelt mitmacht, dem versprechen HAM-Chef Jene und seine Medienwächter-Kollegen in den beteiligten Bundesländern ein völlig neues Antennen-TV-Erlebnis: statt maximal 10 plötzlich 24 bis 32 digitale Programme, frei empfangbar ganz ohne Schnee und Gekrissel - und das auch portabel und sogar mobil. Ob auf dem Campingplatz an der Elbe oder mit dem Laptop im Flughafen - wer nicht ohne kann, braucht auf Berieselung in digitaler Qualität künftig auch unterwegs nicht mehr zu verzichten.
Dazu werden die bisherigen Free-TV-Nutzer allerdings erst einmal zur Kasse gebeten: Ihre alten analogen Fernsehgeräte müssen von einem Zusatzgerät unterstützt werden, um den digitalen Zahlensalat zu entschlüsseln.
Im Handel gibt es bereits rund 40 Ausführungen der so genannten Settop-Boxen zu Preisen um die 100 Euro. Sonderangebote liegen auch schon mal deutlich darunter, Edelversionen mit digitalen Festplattenspeichern sind ab etwa 300 Euro zu haben, Computer-Steckkarten ab 89 Euro.
Die große Dachantenne hat dabei ausgedient: Ein kleines Stäbchen in der Größe eines Bleistifts soll zum Empfang ausreichen. Berliner Technik-Freaks berichten auch schon über ein klares Bild mit Hilfe schnöder Büroklammern.
Hintergrund für den groß angelegten Antennenwechsel ist ein Beschluss aus den letzten Tagen des Kabinetts von Helmut Kohl im Jahre 1998: Bis 2010 sollen Fernsehen und Radio auf allen Übertragungswegen nur noch digital ausgestrahlt werden - vor allem wegen der dann deutlich besseren Frequenzauslastung. So ist auf einer alten analogen Antennenfrequenz Platz für einen Kanal, digital dagegen für vier.
Die neue Technik unterscheidet sich von früheren, oft milliardenschweren vermeintlichen Medien-Innovationen wie den gescheiterten europäischen Plänen für hochauflösendes Analogfernsehen und der gefloppten digitalen Hörfunknorm DAB vor allem durch eines: Sie kann den Zuschauern für relativ wenig Geld tatsächlich einen Mehrwert bringen - und deshalb letztlich sogar erfolgreich sein.
Gegenüber den konkurrierenden TV-Übertragungswegen Kabel und Satellit hat DVB-T einige Vorteile: Wer erst mal einen Decoder besitzt, braucht anders als beim Kabel keine weiteren monatlichen Gebühren zu zahlen - bei einem derzeit noch ähnlichen Programmangebot.
Und anders als beim Satelliten, der das digitale Antennenfernsehen in Sachen Programmvielfalt deutlich schlägt, bedarf es keiner hässlichen Schüsseln auf Dach oder Balkon, die ja auch Geld kosten und nicht
von jedem Vermieter erlaubt werden. "Der Wettbewerb wird richtig aufgemischt", glaubt HAM-Chef Jene.
Der Handel will bis Ende des Jahres rund eine Million Settop-Boxen verkauft haben - viel mehr, als nötig wären, um lediglich alle von der Zwangsumstellung betroffenen Haushalte abzudecken.
Längst haben die Kabel- und Satellitenanbieter die Konkurrenz aus dem Äther erkannt und schlagen Alarm: Von einer "klaren Herausforderung" spricht Roland Steindorf, Chef der Kabel Deutschland GmbH.
Was ihn aber "wirklich aufregt", so Steindorf, sei die Subventionierung von DVB-T. Eine "klare Wettbewerbsverzerrung" sei das, wettert Ralf Heublein vom Deutschen Kabelverband. "Ohne Subventionen würde DVB-T nicht überleben." Und auch Ferdinand Kayser, Chef des weltgrößten Satelliten-Betreibers SES Astra, ist sauer und unterstützt die Proteste der Kabelbetreiber: "Das ganze Projekt DVB-T ist für mich wirtschaftlich nicht nachvollziehbar."
Tatsächlich wird das digitale Überallfernsehen vor allem durch die aus Rundfunkgebühren finanzierten Landesmedienanstalten kräftig gefördert: So erhalten die teilnehmenden Privatsender etwa in Berlin-Brandenburg bis 2008 Zuschüsse von jeweils 60 000 bis 70 000 Euro jährlich. Für die Informations- und Werbekampagne flossen dort 1,1 Millionen Euro. In Nordrhein-Westfalen etwa bekommen Sender, die am DVB-T-Projekt teilnehmen, zudem einen Platz im Fernsehkabel - was die Strippen-Branche noch mehr auf die Palme bringt.
Inzwischen haben die Kabelanbieter, deren eigene Infrastruktur übrigens einst selbst hauptsächlich aus Telefoneinkünften des damaligen Monopolisten Bundespost quersubventioniert wurde, Beschwerde in Brüssel eingelegt. Die EU-Kommission hat eine formale Prüfung eingeleitet und die Zuschüsse erst einmal auf Eis gelegt - zum großen Ärger der Privatsender.
Sollten die Wettbewerbshüter den Kabelvertretern beipflichten, könnte das für den neuen digitalen Antennenzauber einen schweren Rückschlag bedeuten: So hat etwa die ProSiebenSat.1-Gruppe für ihre Kanäle ein vertragliches Rückzugsrecht ausgehandelt, sollte die Förderung von insgesamt einer halben Million Euro ausfallen.
Dass die Angst vor fahnenflüchtigen Kunden und die Aufregung über Subventionen begründet sind, zeigt das Beispiel Berlin-Brandenburg, wo die Renaissance des Antennenfernsehens bereits begonnen hat. Rund 260 000 Decoder sind dort bislang verkauft worden. "Die Umstellung lief erstaunlich glatt", sagt Hans Hege, Chef der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, "einige hatten bei der bekannten Berliner Mecker-Mentalität mit einer Art Volksaufstand gerechnet." Erste Begleiterhebungen zeigten, dass viele Berliner DVB-T für ihr Zweitgerät nutzten, sagt Hege - der das aus der eigenen Wohnung kennt: Er hat im Wohnzimmer Kabel, im Schlafzimmer vertraut er der Digitalantenne.
Auch bei Berliner Normalnutzern ist das Echo nach einem Jahr Digitalfernsehen eher positiv: "Ich bin sehr zufrieden", sagt etwa Ingo Hentschel, der mit seiner Frau Christina Munoz zu den DVB-T-Pionieren gehörte. Zuerst hatte der durchaus Technik-affine Hentschel zwar einige Installationsprobleme. Dann war der erste Decoder
bald defekt. Doch inzwischen sei all das kein Thema mehr. "Die Decoder sind in der kurzen Zeit viel billiger und bedienerfreundlicher geworden."
Nach einer Studie des Rundfunks Berlin-Brandenburg interessieren sich 22 Prozent der Kabelhaushalte für einen Wechsel zum digitalen Antennen-TV. Die ebenfalls untersuchten Verkäufe der Decoder lassen die gleiche Richtung erahnen: Laut einer Emnid-Studie waren 40 Prozent der Käufer vormals Satelliten- oder Kabelkunden.
Dass dennoch längst nicht alle Kabelanbieter Amok laufen und kleinere Betreiber sogar Chancen sehen, zeigt das Beispiel von Heinz-Peter Labonte, dessen Kabelcom Rheinhessen - wo DVB-T seit Anfang Oktober ausgestrahlt wird - rund 15 000 Haushalte versorgt. Er will bisherige Analogantennenempfänger mit aggressivem Marketing in sein Kabel locken. "DVB-T ist bislang eben kein Überall-, sondern nur ein Hier-und-da-Fernsehen", so Labonte. "Der Kabelanschluss bleibt bei Bequemlichkeit und Programmfülle deutlich überlegen."
Sogar im Ausland hat das zunächst nur auf Ballungsräume beschränkte deutsche Antennen-Umstiegsszenario Interesse geweckt. Entwickelt in einem zunächst rein europäischen Konsortium, ist DVB-T längst eine internationale Technologie geworden.
Eingeführt ist sie etwa in Schweden, Spanien, Australien und Japan, am weitesten sind die Briten: Allein die BBC/BSkyB-Variante "Freeview" zählt nach nicht einmal zwei Jahren mehr als 4,5 Millionen Nutzer.
Die Entwicklung sei "phänomenal", das Interesse "riesig", freut sich Ulrich Reimers vom Institut für Nachrichtentechnik in Braunschweig, einer der Väter der Technologie. Unlängst hatte Reimers eine 15köpfige Delegation aus Brasilien zu einem DVB-T-Workshop zu Gast. Sogar der amerikanische Rechnungshof hat sich auf Geheiß des Repräsentantenhauses schon hier zu Lande umgesehen: In einem Bericht vom Juli wird die "schnelle Umstellung" in Berlin gelobt und als "hilfreiches Beispiel" für die Digitalstrategie in den USA bezeichnet.
Reimers schwärmt derweil schon von neuen Anwendungen - etwa von DVB-H, das Fernsehen zum Beispiel auf Handys ermöglichen soll und gerade in Berlin erprobt wird. Zur Fußball-WM 2006, träumt Reimers, könnten die Zuschauer im Olympiastadion sich auf ihrem Handy vielleicht schon die Zeitlupen zum laufenden Spiel ansehen.
Doch bis dahin ist es noch ein ziemlich weiter Weg - und ob der am Ende wirklich zum Ziel führt, könnte auch von einigen einflussreichen Testkunden abhängen: Immer mehr Politiker lassen sich in ihre Dienstwagen die modernen Digitalempfänger installieren.
So ist Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit längst auf Empfang, Außenminister Joschka Fischer und Angela Merkel gucken in ihren Limousinen ebenfalls digital. Auch der Kanzler kann in mindestens einem seiner Fahrzeuge, einem Mercedes 600, DVB-T empfangen - und das problemlos, berichten Berliner Chauffeure. Zumindest bis etwa Tempo 100 sei ein gutes Bild gewährleistet.
MARCEL ROSENBACH, THOMAS SCHULZ
* ARD-Vorsitzender Jobst Plog, ZDF-Intendant Markus Schächter, HR-Chef Helmut Reitzle, SWR-Intendant Peter Voss bei der Vertragsunterzeichnung für das DVB-T-Projekt am 8. März in Wiesbaden.
Von Marcel Rosenbach und Thomas Schulz

DER SPIEGEL 45/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DIGITAL-TV:
Sehen mit Stäbchen

  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen
  • Deutsches Flugtaxi Volocopter: Erster bemannter Flug in Singapur
  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Pläne der Bundesregierung: Landwirte demonstrieren gegen neue Gesetze