30.10.2004

TV-ÄSTHETIKDie Netzhaut soll zittern

Kommissarinnen, bestrahlt wie Königinnen der Nacht, Quizsäle wie bunte Raumschiffe, News-Studios als blaue Grotten - eine neue Art von Lichtmagie poliert das Fernsehen auf.
Regensburg - Gotik, Domspatzen, Steinerne Brücke, aber an diesem Samstag auch Schauplatz eines für die künftige Fernsehästhetik wichtigen Turniers. Kommissarin Lucas (Ulrike Kriener) hat den zweiten Krimiauftritt des Jahres. Wie immer streitet das Böse mit dem Guten, aber der Zuschauer wird Zeuge einer weiteren bedeutsamen Auseinandersetzung: Optik gegen Inhalt, Lichtzauber gegen Wirklichkeit, die Sprache der Symbole gegen die realistische Darstellung einer weiblichen Figur.
Die Frage: Wie erreicht das Fernsehen den Zuschauer besser, wenn es erzählt, wie eine Frau um ihren komatösen Mann kämpft und sich gleichzeitig im anstrengenden Polizeijob zu behaupten hat? Im Pathos von Licht und Schatten oder durch hergebrachte Inszenierung und Beleuchtung, deren Wirkung auf Zusammenspiel und Dialog baut?
Forcierte Lichtregie, spannende Spiele mit Hell und Finster - das war bisher eher etwas für die Leinwand, für Film-Expressionismus im Geiste Murnaus, für Bogart-Filme oder Ingmar-Bergman-Magie. Als Rainer Werner Fassbinder 1980 in 14 Folgen "Berlin Alexanderplatz" als unterbelichtetes Schwulendrama präsentierte, fingerte das Fernsehvolk vergeblich am Knopf für Helligkeit herum: "Verdunkelungsübung", höhnte die Kritik.
Denn von den grauen Bergen kommen wir. Altes Fernsehen, was warst du einst so trüb. Am lieben Tierprofessor Grzimek waren das Einzige, das den Sprung über die Netzhaut in die Erinnerung schaffte, seine traurigen Augen. Das gedeckt gekleidete Sprecherfräulein, das die nachmittägliche Kinderstunde ankündigte, hätte auch gleich "Gute Nacht, liebe Kinder" sagen können.
Und selbst als Willy Brandt per Knopfdruck (Funkausstellung 1967) Farbe auf die Schirme gebracht hatte, wollte die Neonkälte aus Derricks Amtsstube nicht weichen. Kein Harry nirgends, der schon mal eine erträgliche Lampe geholt hätte. Das Bunte der ersten Farbjahre war bloß bunt, aber nicht aufregend. Mag ja sein, dass damals dafür das Licht der Aufklärung heller als heute brannte, aber das alte Fernsehen war wahrlich eine Zeit der Arm-Leuchter.
Doch dann, vor gut einem Jahrzehnt, sprachen die Fernsehgötter der Privaten: Es werde Licht. Und es ward Licht. Kühle Bläue legte sich über die Nachrichtensendungen, puffiges Rot illuminierte noch die dämlichste Soft-Sex-Sendung. "Heißer Stuhl", "Einspruch!" und ähnliche Pöbelveranstaltungen gerieten erst im Flackerglanz in Wallung. Kameras, wie von der Tarantel gestochen, umkreisten in rasender Fahrt Talkrunden und geierten per Großaufnahme auf die Hände der Diskutanten, als wäre dort mehr an Bedeutendem zu finden als in den Sprechblasen aus den Mündern.
Gierig und virtuos verleibte sich das moderne Fernsehen das Quiz ein. Einst war es ein Hörfunkkind gewesen und kaum mehr als Hirnsex für den Oberlehrer im Menschen. Aber heute: Ob Jörg Pilawa oder Günther Jauch, das Frage-Antwort-Spiel hat abgehoben als knallbonbonbuntes Raumschiff. Da blinkt es, da zoomt es, da blendet es theatralisch. Auch sportliche Großereignisse geraten zu reinen Lichtorgien.
Das Licht hat im Fernsehen seine Skrupel verloren. Nach dem Siegeszug in der Information und in der Unterhaltung bekommt die theatralische Illumination eine weitere Chance - sie wird Statussymbol für die Qualität eines TV-Movies.
Hochkunst im fiktiven Fernsehen erfand schon immer ein eigenes Signalsystem. Wenn früher viel geraucht wurde, hieß das: Achtung, Anspruch. Ließen es Jazz-Ikonen wie Mangelsdorff im Filmhintergrund dröhnen, wusste der Zuschauer: Verworfenheit, ich hör dir strapsen.
Und heute sagen Fernsehmacher mit Licht und Schatten: Mann, was sind wir gut und modern. Regisseure wie Dominik Graf ("Kalter Frühling", "Deine besten Jahre"), Friedemann Fromm ("Unter Verdacht", "K3 - Kripo Hamburg") und Thomas Berger ("Kommissarin Lucas"), allesamt zur TV-Elite gehörend und zum Teil mit Preisen überhäuft, lassen es gern gleißnerisch glitzern, funzeln und flirren. Die Netzhaut soll zittern.
Leiber werden zu Ikonen, Amtsstuben zu Lichtdomen. Wie auf den Werken des Barockmalers Caravaggio (1573 bis 1610)
erstrahlen die Helden vor schwarzen Flächen. Das Licht, das die Szenen illuminiert, entstammt keinen für die Zuschauer sichtbaren Quellen. Es flutet durch imaginäre Fenster oder steigt, wie im Fall Lucas, von Dia-Leinwänden herab, auf denen geschändete Mordopfer gezeigt werden. Die neue imaginäre Strahlewelt versetzt Akteure und Zuschauer in Platons Höhle: Die Wahrheit vollzieht sich irgendwo hinten im göttlichen Licht, uns Sterblichen bleiben für die Erkenntnis der Zusammenhänge nur die Schatten und Reflexe. Ob beabsichtigt oder nicht: Die überbetonte Benutzung von Licht wirkt sakral und einschüchternd.
Der "Lucas"-Film hat bisweilen Züge einer Lichtoper. Die Regensburger Ermittlerin wird in manchen Szenen zu einer Art Königin der Nacht. Der Zauber des Gelichters verleiht ganz banalen Sätzen wie "Überprüft den Zeugen" eine pathetische Wucht.
Was Dialog und Logik oft nicht zu Stande bringen, leistet die Licht-und-Schatten-Wirtschaft: den Anschein von Bedeutung zu erzeugen, selbst wenn die Handlung gerade durch eine dunkle Ebene geht.
Die Ursachen für den Angriff der Optik auf die Filme sind vielfältig. Das Wort und der Dialog sind nicht mehr für alle die oberste Instanz. Die Welt ist mehr als Logozentrismus. Sie ist auch Emotion, Geheimnis, Wahn, da sprechen Bilder mit.
Miguel Alexandre, 36, erfolgreicher TV-Regisseur ("Nana", "Für immer im Herzen") und in seinen Stücken kein Beleuchtungsfetischist, sieht einen weiteren Grund für den Triumph der optischen Aufrüstung: neue digitale Techniken. Besonders gefährlich - so Alexandre - seien die Verführungsmöglichkeiten im Schneideraum. "Wenn man anfängt, Löcher in der Geschichte, besonders emotionale, optisch zuzudecken, hat man schnell ein Problem." Der Zuschauer werde dann zum Betrachter einer Geschichte, aber er sei nicht mehr mittendrin.
Sein Kollege Fromm, der mit dem Senta-Berger-Krimi "Unter Verdacht" Grimme-Preise gewonnen hat und für die "K3"-Reihe gefeiert wurde, ist im Gegensatz zu Alexandre ein großer Lichtmagier. Er gibt zu, dass ein TV-Regisseur immer den Traum vom großen Kino im Kopf hat: "Ich fühle mich als Künstler der Filmsprache verpflichtet, aber wer fürs Fernsehen arbeitet, kann nicht so extrem arbeiten wie fürs Kino. Es gibt eine Grenze, von der an man das realistische Sehempfinden verlässt. Da sieht der Zuschauer: Das ist abgehoben."
Fromm hat die Erfahrung gemacht, dass das Reden über Licht mit seinen Kamerakollegen eine Bauchsache ist, wie ein Austausch über Musik. Er ist ein Fan der alten Produktionsweise, nämlich Lichteffekte möglichst in der Kamera zu erzeugen und nicht in der Postproduktion. Doch das entbindet ihn nicht von der Notwendigkeit der Nachbearbeitung: Das Fernsehen hat einen geringeren Kontrastumfang als der Film. Aufnahmen eines hellen Fensters, durch das auf dem Filmnegativ noch Bäume erkennbar sind, erscheinen auf dem TV-Video lediglich konturlos weiß. Wenn ein Regisseur diese Bäume retten will, muss er das Fenster dunkler ziehen, und schon steckt er mitten in den Problemen der Licht- und Farbregie - ein "natürliches" Hellsein gibt es im TV-Movie nicht.
Das mit dem Licht ist eine Gratwanderung zwischen L'art pour l'art und treffendem dramatischem Mittel. Gelungen, wenn starkes Hell/Dunkel im Raum ausdrückt, worum es in der von Fromm entwickelten Krimireihe geht: um die Einsamkeit zwischen Männern.
Vernebelnd, wenn es zum modischen Schwelgen wird, zur Feier farblicher Fettheit und optischer Tricks. Dann entsteht der Eindruck, als sollten die Geschichten und ihre Schauspieler vor der Beobachtung geschützt werden, als sähe man nicht mehr den Inhalten und Figuren zu, sondern dem Sehen selbst.
Eine Schauspielerin aber wie die Kriener, das ist im ZDF zu besichtigen, lässt sich optisch nicht kaltstellen. So sehr die neue Hell-Dunkel-Mode ihr auch zusetzt und ihr Gesicht in Großaufnahme wie einen hellen Trabanten auf den von der Regie ausgeklügelten Bahnen über die Szene wandert lässt, die Darstellerin behält doch die künstlerische Deutungshoheit und prägt mit ihrer herb-melancholischen Präzision den Film. NIKOLAUS VON FESTENBERG
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 45/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TV-ÄSTHETIK:
Die Netzhaut soll zittern