28.02.1962

Wonderful

Bitte, beten Sie", tönte es aus den
Bahnhofslautsprechern. "Bitte, beten Sie für ihn."
Die Bahnhofsuhren zeigten 9.47 Uhr. Zum erstenmal in der Geschichte der New Yorker U-Bahn wurden die Lautsprecher auf den Bahnhöfen und in den rollenden Zügen am Dienstag letzter Woche zur Durchgabe betriebsfremder Botschaften benutzt. Auf 75 Zentralstationen hallte es: "Oberstleutnant Glenn ist soeben mit seiner Rakete zu erdumkreisendem Flug gestartet. Bitte, beten Sie für ihn."
Alle zehn Minuten wurde die Aufforderung zur Andacht wiederholt - den ganzen Vormittag über, bis Amerikas erster Weltumsegler, der grünäugige Presbyterianer John Herschel Glenn, nach dreimaligem Flug um den Erdball mit seiner Raumkapsel "Friendship 7" planmäßig in den Atlantik plumpste.
Der Flug dauerte vier Stunden, 50 Minuten und 34 Sekunden. "Aber eigentlich", schrieb anderntags die "New York Times", "stand die Zeit still, als ungezählte Millionen (an den Fernsehgeräten) zuschauten und einem der größten dramatischen Ereignisse moderner Zeitläufte beiwohnten."
Prestige und Hoffnung der Millionen hingen an, den Nerven eines Mannes, dessen Offizierskameraden berichten, er könne sowohl "dieselbe Art von Moralpredigten wie Präsident Eisenhower halten" - als auch "einen Ofen durchs All steuern, wenn die Raketenleute so ein Ding nur hochzuschießen vermöchten".
Der 40jährige Glenn, Oberstleutnant der US-Marine-Luftwaffe, gilt als ebenso fromm wie hartgesotten. Als Kriegsheld und Familienvater verkörpert er den Archetypus amerikanischen Pioniergeistes: technisch begabt und moralisch gefestigt, athletisch, unkompliziert und nervenstark. Präsident Kennedy: "Er gehört zu jenen Amerikanern, auf die wir besonders stolz sein können.".
Als Glenn, der älteste der sieben US Astronauten, im Morgengrauen des vergangenen Dienstags in die Weltraumkapsel kletterte, hatte er bereits schier unglaubliche Strapazen hinter sich. Nach der "härtesten medizinischen Untersuchung der Geschichte" (so ein US-Raumfahrtmediziner) hatte er ein nicht minder hartes Training aufgenommen: Er harrte in Dunkelkammern, Hitzekammern und im Eiswasserbad, er wurde in Zentrifugen geschleudert und von Rüttelmaschinen durchgewalkt.
Fit für den Flug ins All, hatte er den Raketen-Vorsprung der russischen Kosmonauten Gagarin (einmal um die Erde) und Titow (17mal um die Erde) genauso zu verwinden wie die, eigenen Raketen-Schlappen. Er erlebte, wie eine USRakete nach der anderen in Cape Canaveral zerplatzte, wie der ihm auf erdumkreisendem Flug vorauseilende Weltraum-Affe Enos einen Nervenschock erlitt, wie einem ebenfalls ins All geschickten Robotermenschen wegen eines Defektes in der Sauerstoffversorgung die Luft knapp wurde, wie der amerikanische Astronaut Virgil Grissom nach geglücktem Weltraum-Hopser im Atlantik abzusacken drohte.
Und er mußte verkraften, daß die für seinen Raumflug ausersehene Raumrakete, eine von 120 Tonnen hochexplosiven Treibstoffs beschleunigte "Atlas 109 D", nur mit 80prozentiger Sicherheit funktioniert.
Die letzte Phase der Zerreißprobe begann, als Glenns Raumstart für den 20. Dezember 1961 angekündigt wurde. Kaum stand die Atlas-Rakete in Cape Canaveral auf dem Abschußtisch, wurde der Start zum erstenmal verschoben: Es waren Befürchtungen aufgekommen, die Raketentechniker könnten sich in dem all-amerikanischen Verlangen, den russischen Weltraum-Vorsprung noch im Jahre 1961 aufzuholen, zu allzu hektischen und damit gefährlichen Startvorbereitungen verlocken lassen.
Im Januar wurde der Start fünfmal abgeblasen. Erst stellten die Wissenschaftler ein Treibstoffleck in der Atlas -Rakete, später Defekte an der Raketensteuerung fest. Dann funktionierte die Sauerstoffversorgung in der Kapsel nicht. War die Rakete wieder hergerichtet, zogen Wolken über Cape Canaveral auf und verhinderten den Abflug. Das zermürbende Spiel nahm kein Ende.
Am 27. Januar endlich schien der Start zu gelingen: Im frühen Morgengrauen verzehrte Glenn ein Diätfrühstück (Orangensaft, Ei, Filet mignon), schlüpfte in seinen silberweißen Raumanzug und kletterte um 5.12 Uhr in die Weltraumkapsel. Er blieb genau fünf Stunden und 13 Minuten drin, dann 18 Minuten vor dem Start - wurde das Count-down (die mühselige, auf Sekunden abgestimmte Prüfprozedur, die jedem Raketenstart voraufgeht) wiederum abgebrochen.
"Wenn der Astronaut", schrieb damals der Londoner "Observer", "ein gewöhnlicher Mensch wäre, hätte er nach dem heutigen Ausfall wie ein Piano reagieren müssen, in das warmes Wasser geschüttet worden ist. Seine Nervenstränge müßten schlaff und verstimmt sein." Doch Glenn sagte nur, was seine 14jährige Tochter Carolyn später vor Reportern nachbetete: "Dann das nächste Mal."
Als in der vorletzten Woche der Start an drei aufeinanderfolgenden Tagen wiederum abgeblasen wurde, begannen selbst Experten an Glenns Stehvermögen zu zweifeln. Der New Yorker Raumfahrtmediziner Dr. Constantine Generales erklärte, Glenn habe während der strapaziösen Wartefrist in seinem Unterbewußtsein unzweifelhaft einen Angstkomplex entwickelt.
Die Londoner Fachzeitschrift "New Scientist" bescheinigte dem Astronauten zwar, er sei augenscheinlich eine "psychisch unverwundbare Person", warnte aber dennoch: "Andauernder
Stress führt häufig zum neurotischen Zusammenbruch." Und auf Zypern ließ sich Rußlands weltreisender Raum-Primus Gagarin vernehmen: "Der Mann tut mir leid."
Zehnmal insgesamt wurde der Start verschoben. Doch als am Dienstagmorgen letzter Woche begann, was James Reston von der "New York Times" später als "eine Americana von Anfang bis Ende" bezeichnete ("teils Hollywood-Spektakel, teils Zirkus, teils Schützenfest - dreimal um die Erde in leuchtenden Farben, mit Direktübertragung aus dem Himmel"), erwies sich John Glenn stärker als alle Zweifler. Er erledigte sein Raumflugpensum so selbstverständlich, daß die Mediziner an ihren Kontrollgeräten, die aus der in 200 Kilometer Höhe dahineilenden Weltraumkapsel automatisch mit Meßdaten gefüttert wurden, keinerlei physiologische oder psychische Veränderungen feststellen konnten.
Dreimal hätte der Raumpilot versagen können. Um 11.28 Uhr, kurz nachdem "Friendship 7" die Erde zum erstenmal umrundet hatte, meldete Glenn "geringfügige Schwierigkeiten" in der Handhabung des Stabilisierungssystems. Es stellte sich heraus, daß die Kapsel infolge versagender Automatik um ihre vertikale Achse schlingerte. Glenn: "Steuere jetzt mit der Hand." Fortan hielt er die Kapsel durch eigenes Geschick im Lot.
Sachlich, aber eher beiläufig unterhielt er sich mit dem in Australien stationierten Astronauten Hauptmann Cooper über die Panne. Die Raumfahrer plauderten "beinahe wie zwei Männer, die die Vorteile eines neuen Autos bei einem Glas Bier besprechen" ("New York Herald Tribune").
Während des Fluges um den Erdball stieg die Temperatur in der Kapsel auf über 40 Grad. Seinen Kommentar dazu gab Glenn dem Raumfahrtkontrollpunkt Kano in Nigeria: "Ein bißchen warm hier oben."
Die kritischste Situation aber stellte sich ein, als kurz vor der Zündung der Bremsraketen, die Glenns Kapsel aus erdumkreisender Bahn wieder erdwärts werfen mußten, in den Bodenstationen ein Warnlicht aufflammte: Der Hitzeschild, der die Kapsel beim Wiedereintauchen in die Atmosphäre vor dem Verglühen bewahren soll, schien sich zu lösen. "Das Dilemma schockte die Kontrolleure in Cape Canaveral derart", schrieb die "New York Herald Tribune", "daß Kontrollchef Walter M. Williams noch drei Stunden später auf einer Pressekonferenz zerrüttet schien. Seine Stimme zitterte"
In Sekundenschnelle aber hatten die Flugüberwacher in der Kontrollstation eine Sicherheitsvorkehrung improvisiert: Im Gegensatz zur Standardprozedur sollten die ausgebrannten Bremsraketen, die normalerweise sofort abgestoßen werden, zunächst vor dem Hitzeschild haftenbleiben und ihn dadurch festhalten.
"Was ist der Grund?" erkundigte sich Glenn, als das Kommando ihn - über Hawaii - erreichte. Cape Canaveral: "Wir glauben, das ist sicherer."
Glenn hielt sich strikt an die Anweisungen. Als die Kapsel in die Atmosphäre eintauchte, begannen die Reste der Bremsraketen zu zerschmelzen. Rotglühendes Metall fetzte an seinem Kabinenfenster vorbei. Glenn reagierte, als erlebe er einen Sonnenaufgang am,
Gestade von Florida: "Boy, was für ein Feuerball."
Dann hatte ihn Amerika wieder. Und die Nation fand es wundervoll. Präsident Kennedy: "A wonderful job." Astronaut Glenn: "A wonderful trip." Seine Frau: "I feel wonderful."

DER SPIEGEL 9/1962
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