08.11.2004

ZEITGESCHICHTEDie Gnade der zweiten Reihe

Die Protagonisten der deutschen Revolution machen allmählich ihren Frieden mit der neuen Bundesrepublik und ihren pragmatischeren Mitstreitern. 15 Jahre nach dem Mauerfall entsteht so eine neue, gemeinsame Erinnerung an den Herbst 1989.
Klemens Koschig ist geblieben. Der Mitbegründer des Neuen Forums im sachsen-anhaltischen Roßlau sitzt genau dort, wo ihn sich die Menschen bei den Demos im Herbst 1989 hingewünscht hatten: in der einstigen SED-Kreisleitung.
Koschig residiert im Dienstzimmer des letzten 1. Sekretärs der DDR-Staatspartei. Dessen rotes Telefon steht noch immer voll funktionstüchtig auf dem Schreibtisch - es ist heute die Direktleitung zu Koschigs Familie. An der Wand leuchtet eine rote Steckdose. Aus der kam zu SED-Zeiten noch Strom, wenn sonst alles in der Stadt dunkel war: Sie hing an einem Notstromaggregat. Niemand darf das heute nutzlose Teil entfernen, es ist ein Stück Erinnerung.
Klemens Koschig, 46, ist Bürgermeister der 14 000-Seelen-Stadt Roßlau, und die einstige Kreisleitung ist sein Rathaus. Das Neue Forum holt hier bei den Kommunalwahlen zwischen 14 und 22 Prozent der Stimmen, Immer-noch-Forum-Mitglied Koschig wird von den Roßlauern bei der Wahl zum Bürgermeister regelmäßig mit DDR-Ergebnissen bedacht: zuletzt 83 Prozent.
Als alles anfing 1989, war Koschig Maschinenbau-Ingenieur in einem Hydrierwerk, engagierte sich in einer katholischen Studentengemeinde und war ehrenamtlicher Denkmalpfleger. Während einer Weiterbildung in Halle lief er bei den ersten Demonstrationen eher zufällig auf dem Weg nach Hause den Vopos in die Arme. Er wurde verhaftet, vernommen und laufen gelassen - "am nächsten Tag habe ich mich beim Neuen Forum eingetragen".
Für die erste Demo in Roßlau Ende Oktober 1989 nominierte das Neue Forum den Laienprediger, und Koschig begeisterte die Protestierer, die sich vor der Kreisleitung versammelt hatten. Das tat er von nun an jeden Dienstag, gleich nach der Friedensandacht. Einmal machte er dem Politbüro nach den Strafgesetzen der DDR den Prozess - für Honecker kamen 120 Jahre heraus; die Menge tobte.
Wenig später wurden die Botschaften des Forum-Mannes, der beim Mauerfall "geweint hat vor Glück", unpopulärer. "Die Arbeiter wollten mich fast lynchen", erinnert sich Koschig, als er, statt ein klares Bekenntnis zur Wiedervereinigung abzugeben, von einem Neuaufbau der DDR mit sozialer Marktwirtschaft gesprochen habe. Dennoch erzielte er bei der ersten freien Kommunalwahl mit mehr als 1200 Stimmen das beste Einzelergebnis. Bürgermeister wurde allerdings ein Christdemokrat, der aber schon nach 120 Tagen im Rathaus aufgab und am 25. Oktober 1990 für Klemens Koschig vom Neuen Forum Platz machte.
Dort sitzt er nun, eine Nickelbrille im offenen Gesicht, lächelnd, im blauen Hemd mit einer Stars-and-Stripes-Krawatte um den Hals, denkt über die vergangenen Jahre nach und sagt: "Die schnelle Einheit war wohl doch erforderlich." Der Mann in der alten SED-Kreisleitung wurde von CDU und SPD umworben, blieb sich aber bisher treu. "Man wechselt die Gesinnung nicht wie das Hemd."
Was im kleinen Roßlau als Standfestigkeit honoriert wird, ist in der großen Politik längst undenkbar. Koschig ist einer der letzten ersten Männer der Wendezeit, jener Bürgerbewegten, die aktiv und an vorderster Front die friedliche Revolution vorangetrieben haben.
Andernorts, von Schwerin bis Dresden, von Berlin bis Erfurt, ist das Neue Forum, die im Herbst 1989 gegründete politische Plattform, nicht viel mehr als ein Verein, eine Erinnerungsgemeinschaft. In den Handbüchern des Bundestags und der Landtage markieren jedoch bei fast jedem ostdeutschen Politiker Organisationen aus dem deutschen Herbst ''89 wie das Neue Forum, Demokratie Jetzt, die neu gegründete Sozialdemokratische Partei SDP oder der Demokratische Aufbruch den Beginn der Karriere. Das gilt für Wolfgang Thierse, als Bundestagspräsident heute der ranghöchste Ossi, für Angela Merkel, die inzwischen darum kämpft, die Geschicke des vereinten Deutschland lenken zu können, und für viele einfache Abgeordnete.
Ohne Leute wie sie, so viel steht fest, wäre die Wende kaum vollendet worden. Nur: Viele von ihnen haben den Revolutionszug erst bestiegen, als er schon rollte. Die Mauer zu Fall gebracht und damit den Zweiten Weltkrieg beendet haben nicht sie. Dafür stehen Namen wie Wolfgang Templin, Bärbel Bohley, Werner Fischer oder Joachim Gauck. Namen, über die jetzt, nach 15 Jahren, langsam der Mantel des Vergessens fällt.
Nichts wäre falscher, als die Mitreisenden des Zuges in die Freiheit allesamt Opportunisten oder gar Trittbrettfahrer zu nennen. Manche hatten einfach Glück. Während die deutsche Revolution ihre Väter und Mütter fraß, genießen sie, um es ähnlich platt wie Helmut Kohl zu sagen, die Gnade der zweiten Reihe.
Dieter Althaus, Matthias Platzeck oder Angela Merkel hatten sich nicht im jahrelangen Kampf mit der Stasi wund gerieben. Sie verstanden Anpassungsfähigkeit nicht nur als Schande. Sie waren einfach bereit für die neue Zeit.
Die Leute der ersten Stunde, sagt Richard Schröder, Theologe und Vorsitzender der SPD-Fraktion in der Volkskammer, "passten nicht ins Schema". Sie wussten sich nicht in der Parteienlandschaft West zurechtzufinden, fühlten sich von Kohl platt gemacht, von Oskar Lafontaine im Stich gelassen und vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl beleidigt, als der erklärte, man werde dem Osten erst helfen, wenn sich "die Laienspieler" wieder in ihre angestammten Berufe zurückgezogen hätten.
Nicht jeder konnte sofort, wie Richard Schröder, Trost bei einem alten Zitat suchen. Der hatte 1990 erklärt: "Ich betrachte meine politische Tätigkeit als vorübergehende Nothilfe für die Zeit der Festigung des demokratischen Rechtstaats."
Jetzt, fast 15 Jahre später, haben viele der friedlichen Revolutionäre offensichtlich ihren Frieden mit der neuen Bundesrepublik gemacht. Gelassen, fast schon
gelöst, blicken sie auf die aufregendste Zeit der deutschen Demokratie zurück - jeder aus unterschiedlichem Blickwinkel und jeder auf seine Weise.
*
Steffen Reiche ist ganz unten angekommen, im Keller seines Hauses in Potsdam-Rehbrücke, seinem Arbeitszimmer. Hier sitzt er jetzt öfter.
Ganz hinten, in der Ecke am Bücherregal, hängt ein Foto: ein junger Mann mit Brille, Bart, einem scheuen Lächeln, einer "Lederjacke aus Polen", wie er erklärt. Das Foto entstand in Bonn, im Herbst 1989. Reiche war 29, als er in die Politik geriet.
Wenige Tage nach Gründung der SDP hatte der Pfarrer in den Westen reisen dürfen, seine Großmutter hatte 84. Geburtstag. Er schaute in der SPD-Zentrale vorbei, Hans-Jochen Vogel bot ihm das Genossen-Du an, eine Sekretärin zwei Anzüge ihres Mannes, damit das junge Gesicht der Ostpartei auch im Westen vorgezeigt werden konnte. Als Willy Brandt und Vogel dann am 11. November die neuen Genossen im Osten aufsuchten, saß Reiche neben Brandt in der schwarzen Limousine.
Heute, mit 44 Jahren, liegt seine Geschichte in kleinen Stapeln auf dem Kellerboden. "Bildung" steht auf einem, "Sozialdemokratie" auf einem anderen. "Ich sortiere gerade die letzten 14 Jahre." Er hat Zeit genug, im neuen Kabinett Brandenburgs wurde er nicht mehr gebraucht.
Er hat Wege geebnet, die immer wieder andere beschritten. Er war zu jung, um 1989 Chef der Ost-SPD zu werden, musste sich mit dem Landesvorsitz in Brandenburg begnügen. Dort ließ er Manfred Stolpe den Vortritt, Reiche war klar, "mit 30 kann man nicht Ministerpräsident werden". Als er alt genug gewesen wäre, war ein anderer, den er selbst einst von den Grünen in die SPD mitgelotst hatte, locker an ihm vorbeigezogen - Matthias Platzeck. Reiche wurde nie Spitzenkandidat, er wurde erst Wissenschaftsminister, dann Bildungsminister.
Im Unterschied zu anderen hat Reiche nie auf einem Revolutionsbonus beharrt. Er wollte keine Zukunft nur wegen seiner Vergangenheit. Und so muss sich der Ex-Minister heute abfinden mit seiner Herabstufung zum europapolitischen Sprecher der Landtagsfraktion - und sucht die Gründe auch bei sich. "Vielleicht bin ich etwas zu unkonventionell."
Rolf Schwanitz dagegen kämpft. Obwohl er eigentlich kein Kämpfertyp ist. Er ist Staatsminister im Kanzleramt. Er trägt gern Aktenmappen. Er wirkt im Stillen, manche sagen: Er wirkt gar nicht. Wenn ihm der Kanzler sagt, er möge auf der Regierungsbank bleiben, damit die nicht unbesetzt ist, dann sitzt er da, als wäre er mit Sekundenkleber festgeleimt worden.
So soll er auch früher gewesen sein, als Lehrer an der Fachschule für Ökonomie in Plauen. Er hat Wirtschaft und Jura studiert, er wurde Dozent. Weil das nicht gerade nach Widerstand klingt, nannte ihn ein Plauener Anzeigenblatt einen "systemkonformen Lehrer".
Doch was heute als Überlebensgarantie gilt, darf in der Biografie nicht sein. Also sprach der Staatsminister wie einst die SED-Funktionäre in der Redaktion vor und ließ seine Rolle im Herbst ''89 nachträglich würdigen: Er habe in der "Arbeitsgruppe gegen Korruption und Amtsmissbrauch" gearbeitet. Daran kann sich in Plauen nicht
jeder erinnern, doch Schwanitz ist es "schon wichtig", dass die Menschen in Plauen seine Wahrheit erfahren: "Immerhin leben da meine Wähler."
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Dieter Althaus, 46, hat immer funktioniert - und ist immer in Führungspositionen gelandet. Er war Pionier und FDJler, CDU-Mitglied in der Blockpartei. Noch im August 1989 suchte er nach Wegen, "unsere Schüler die Werte des Sozialismus als moralisch erstrebenswert erkennen und erleben zu lassen".
Ende Oktober demonstrierte er nach einer Missionspredigt in Heiligenstadt für Reformen, ein Jahr später zog er für die Union in den Thüringer Landtag ein. Heute ist der Mann, dem das Landesarbeitsgericht 1994 in einem Verfahren um die Kündigung einer Lehrerin bescheinigte, er habe in der DDR "die Bundesrepublik mit ideologischen Hetzparolen" bekämpft, Ministerpräsident des Freistaates. Im Blick zurück wird die Erinnerung ein wenig aufgehübscht. Althaus präsentiert sich gern als Mitinitiator der Heiligenstädter Montagsdemos und behauptet, nie Karrierepläne gehabt zu haben, nachdem er "auf meinen Doktortitel in Physik verzichten musste, weil ich nichts mit der SED zu tun haben wollte".
Noch lieber richtet er den Blick nach vorn, ganz im Sinne seines dynamischen Credos im neuen System: "Nachdem wir bereits tausend Probleme gelöst haben, werden wir die restlichen hundert auch noch lösen." In dieser Woche wird Althaus mit seinem Kollegen Roland Koch und den ehemaligen DDR-Oppositionellen Vera Lengsfeld, Günter Nooke und Stephan Hilsberg eine wegweisende Diskussion
führen: "9. November 1989 bis 9. November 2004: Was war? Was bleibt?"
Darauf hätte ein Kollege von der CDU, Arnold Vaatz, 49, bestimmt eine eigene Antwort. Noch immer steuert der einstige Bürgerbewegte, der 1990 in die CDU eintrat, "weil die Union die Einheit wollte", in Lokalen den dunkelsten und kleinsten Tisch an - wohl damit keiner mithören kann. Er fühlt sich noch Jahre nach der Wende verfolgt und gemobbt wie einst in der DDR, wo er mehrere Monate als Zwangsarbeiter hatte schuften müssen. Die Union von Blockflöten zu säubern war ihm zur Obsession geworden. Die Christdemokraten waren ihm in einer "Sternstunde der Vernunft" noch gefolgt, als er Kurt Biedenkopf zur Ministerpräsidenten-Kandidatur überredete, mochten es aber irgendwann nicht mehr hören.
Nun ist Vaatz im Bundestag vor allem für Entwicklungshilfe zuständig. Und auch in dieser Mission leistet der Mann, der in den kritischen Herbsttagen zwischen Demonstranten und Staatsmacht vermittelte, unbürokratische Hilfe für Untergrundaktivisten, wie er einer war.
Manchmal trägt Arnold Vaatz unter der Lederjacke ein blaues T-Shirt mit einem gelben Löwenkopf - Werbung für einen afrikanischen Piratensender.
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Joachim Gauck, 64, sieht ein bisschen gehetzt aus, als er das Restaurant am Berliner Bahnhof Zoo betritt. Der Mann, nach dem eine Riesenbehörde benannt wurde, ist als Handlungsreisender in Sachen Freiheit unterwegs, in einer Stunde geht sein Zug nach Erfurt, zum Vortrag. Einst erschreckte er als "Revolutionspfarrer von Rostock" die Herrschenden der DDR mit Sätzen wie "Wir sagen unserer Angst ,Auf Wiedersehen''". Später sorgte er mit Sätzen wie diesem für Aufsehen: "Sie hatten das Paradies erträumt und wachten auf in Nordrhein-Westfalen." Jetzt trägt er seinen Koffer wieder selbst.
Die ihm nach zehn Jahren Gauck-Behörde angebotene Leitung der Bundeszentrale für politische Bildung schien ihm zu wenig. Als Kanzler Gerhard Schröder ihm anbot, sich für ein Bundestagsmandat stark zu machen, fragte er sich: "Geht das denn als Parteiloser?" Er hätte es gern mit Schröder diskutiert, aber es kam kein Anruf mehr.
Der "freischaffende Redner" Gauck nennt sich heute einen "linken, liberalen Konservativen". Er passt in keine Partei. Er hat keine Funktion mehr, außer Joachim Gauck zu sein. Aber das ist nicht wenig. Vor kurzem hat ihn Bundespräsident Horst Köhler ins Präsidialamt eingeladen. Bei Gebäck und Kaffee sollte er ihm die Ossis erklären.
Matthias Gabriel dagegen, in der DDR Verwaltungsleiter einer kirchlichen Sozialeinrichtung, hat sich gar nicht erst die Zeit genommen für philosophische Gedanken bei seiner Blitzkarriere. Ihm hat der Herbst ''89 Türen geöffnet, von deren Existenz er vorher gar nichts wusste. "Es ging alles gewaltig schnell." Gabriel, 51, einst Mitglied des Neuen Forums, heute Mann der Wirtschaft, ist das, was man einen Genussmenschen nennt. Ein schicker Dienstwagen, ein erstklassiger Wein, er findet sich
und sein Leben gut. Er hat rote Wangen und ist etwas runder als früher, als er noch Minister war.
Er nutzte die Chancen, wie sie kamen: Friedensgebete, Demonstrationen, Neues Forum - und weil ihm das "zu chaotisch" war, wurde er Sozialdemokrat. Als solcher frei gewählter Bürgermeister von Halberstadt, später Staatssekretär im Magdeburger Kabinett. Auch als Wirtschaftsminister hatte er noch eine eigene Meinung, lästerte über seine Landsleute, die "ihre Kissen in die Fensterbank legen und zuschauen, wie andere ihre Autos einparken". Prompt musste er den Kabinettstisch verlassen.
Jetzt ist er Geschäftsführer im Chemiepark Bitterfeld und fühlt sich "viel freier als in der Politik". Hier könne er "noch was bewirken" - und ist ganz pragmatisch Mitglied bei der FDP geworden.
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Die Akazienstraße im Berliner Stadtteil Schöneberg war und ist alternatives Yuppie-Land - mit einem Laden für Rioja-Weine, einem für Spezialitäten aus der Provence, Esoterik-Boutiquen für Besserverdiener und einem Café, das "Bilderbuch" heißt. Hierher hat Wolfgang Templin "rübergemacht", wie es einst hieß. Er konnte das "beinharte Ostmilieu" rund um den Treptower Park nicht mehr aushalten.
Auch wenn er die jüngsten Montagsdemonstrationen begrüßte, mit der "Benachteiligungsfixierung" seiner einstigen Mitbürger will der Mann, über den die Stasi rund 40 Aktenordner anlegte, der 1985 die Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) mitgründete und zu den meistgehassten Staatsfeinden der DDR zählte, nichts mehr zu tun haben.
Templin, 55, hat sich weiter nach Osten orientiert. Nach Polen vor allem und in die Ukraine, wo Dissidenten noch Teil des politischen Lebens sind, wo noch die Chance besteht, dass Neues entsteht und das Alte nicht einfach eingemeindet wird. Dorthin organisiert er Gruppenreisen, gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung und anderen Organisationen. "Dort entscheidet sich die Zukunft Europas."
Bis Mitte der neunziger Jahre hat Templin gebraucht, um zu begreifen, "dass der Westen die Unangepassten in der DDR weder gesucht noch gewollt" hat. Zu lange seien er und andere Oppositionelle in der "hochgestochen-historischen Arroganz verharrt, eine Revolution geschafft zu haben". Dies habe zu einem Realitätsverlust und dann in die politische Bedeutungslosigkeit geführt.
Sie als Oppositionelle hätten "so lange die Zähne zusammengebissen, dass wir kompromissunfähig waren". Heute habe er begriffen, dass es vor allem in puncto Vergangenheit "wichtig gewesen wäre, elastisch zu sein. Platzeck hat sich mit Stolpe arrangiert und ist heute an der Macht".
Matthias Platzeck, der Ministerpräsident von Brandenburg, hatte das, was Templin heute "Unwillen zur Macht" nennt, nie. Auch er begann bürgerbewegt, bei einer Umweltgruppe in Potsdam, später saß er am Runden Tisch, wurde Minister ohne Geschäftsbereich, dann grüner Umweltminister bei Stolpe in Brandenburg. Als die Oder-Flut ihn 1997 bundesweit bekannt machte, war er bereits aus der Ökopartei ausgetreten. Das damals geprägte Bild vom handfesten Macher löste er jetzt, nach seiner Wiederwahl, ein. Er bestellte seinen langjährigen Mitstreiter Reiche ein und erklärte ihm kühl: "Steffen, ich werde dich nicht wieder als Minister berufen." Viel mehr sagte er nicht.
Als Templin begann, so pragmatisch wie Platzeck zu denken, saß er längst zwischen allen Stühlen. Also bringt er nun als eine Art Ich-AG für politische Bildung "Biografien und Positionen zusammen". Davon kann er leben, nicht nur materiell. Schließlich gibt es noch Hoffnung, tief im Osten.
Aber er versucht es auch im neuen Deutschland. Zum Jahrestag hat er über seinen früheren Mitkämpfer Reinhard Schult den Ex-SED-Funktionär Günter Schabowski, der mit der Bekanntgabe der neuen Reisebestimmungen für DDR-Bürger eher versehentlich die Mauer öffnete, zu einer Dissidentenparty eingeladen. "Mal sehen, ob er den Mut hat zu kommen."
*
In der Fußgängerzone der Kleinstadt im Oderbruch ist das Schild "Ingrid Köppe, Rechtsanwältin" nicht zu übersehen.
Hier gibt es für eine Rechtsanwältin viel zu tun. Das Leben der Menschen dieses ausgebluteten Landstrichs entlang der polnischen Grenze ist voller Spannungen. Ehe- und Verkehrssachen, nachbarliche Streitigkeiten, häusliche Gewalt - Ingrid Köppe nimmt, "was eben so kommt".
Vor 15 Jahren war sie das Gesicht der Wende, sprach selbstbewusst in Kameras und Mikrofone, was andere am Runden Tisch nur dachten. Vier Jahre war sie im Bundestag, arbeitete in einem Untersuchungsausschuss
die DDR-Organisation "Kommerzielle Koordinierung" auf, entlarvte das geheime Zusammenspiel zwischen Ost und West. Dann verschwand sie von der politischen Bühne, als hätte es sie nie gegeben. Selbst viele ihrer ehemaligen Mitstreiter wissen nicht, wo sie zu finden ist. Sie habe sich nicht zurückgezogen, sagt Köppe, 46, "sondern ins Leben hineinbegeben".
Auch Bärbel Bohley, 59, will nicht als Aussteigerin gelten, allenfalls als Umsteigerin. Mit ihrem Verein "Seestern" ermöglicht sie in dem kleinen Dorf Celina nahe der kroatischen Hafenstadt Split Kindern, sich ohne Angst vom Krieg zu erholen. Damit mache sie ("Ich wollte doch nicht Frau Honecker ersetzen") das, "was ich immer getan habe - Politik von unten". Ihr neues Leben in Kroatien ist das alte Leben, nur an einem anderen Ort.
Ingrid Köppe will dagegen ihr Leben nachholen, wollte nach fünf Jahren als öffentliche Frau die 1989 erkämpften Freiheiten für sich nutzen. Sie studierte Jura an der Viadrina in Frankfurt (Oder), in der DDR hatte sie als 18-Jährige ihr Studium abbrechen müssen. Sie reiste durch die Welt - durch Guatemala, nach New York, Istanbul, Spanien und Frankreich.
Dann schien ihr die Zeit reif für den Oderbruch. Eine halbe Stunde Autofahrt von der Kanzlei entfernt steht ihr Haus, mitten auf dem Land, mit einem Gemüsefeld, das sie in der Freizeit beackert.
Ihr Aussehen hat sich kaum verändert, ihre stahlblauen Augen, ihr Tempo beim Denken, Sprechen und Handeln, alles wie früher. Doch das Damals ist abgeschlossen. Ingrid Köppe will "selbst bestimmen, wie mein Leben verläuft". Das müsse, hatte sie am selbst gewählten Ende ihrer Polit-Karriere gehofft, "ein wunderbares Gefühl" sein. Davon hat sie heute nichts zurückzunehmen.
Bärbel Bohley kommt manchmal zurück. Vor wenigen Wochen stand sie plötzlich mit Manfred Stolpe, dem sie stets seine Stasi-Kontakte vorgehalten hatte, im Friedrichstadtpalast. Sie wurde vom Ostblatt "Super Illu" für ihren Mut im Herbst 1989 mit der "Goldenen Henne" ausgezeichnet. Früher hätte sie die Gelegenheit genutzt, ihren Erzfeind einen Stasi-Mann zu nennen, heute kommt sie lachend auf die Bühne, schwarzes Kostüm, roter Schal. Nur die Henne nennt sie versehentlich eine Ente.
Am 9. November ist sie wieder in der Heimat, diskutiert im "Tränenpalast" unter dem Motto: "Der Mauerfall und was wir daraus gemacht haben. Ein öffentliches Nachdenken mit Bärbel Bohley und Helmut Kohl". Die Kosten trägt die CDU. Das treffe sich gut, sagt sie, "ich musste sowieso nach Berlin". Das Haus am Prenzlauer Berg, in dem sie bis heute eine Wohnung hat, ist fertig saniert. Sie kann ihre Sachen wieder auspacken.
*
Der Mann, der als "Stasi-Auflöser" zu einem Helden der Wende wurde, hat vor kurzem seinen Hartz-IV-Antragsbogen ausgefüllt, "in nur 15 Minuten". Ein Haus habe er nicht, und "mit dem Familienschmuck hielt sich das auch in Grenzen". Es sei "schon krass", mit wie wenig er demnächst auskommen müsse, aber "wer sich mit den Zahlen beschäftigt, muss einsehen, dass das System erneuert werden muss".
Der Langzeitarbeitslose Werner Fischer ("Ich kann doch keinen Vorgesetzten mehr ertragen") als Musterklient des Sozialreformers Wolfgang Clement - der Revolutionär von damals mag nichts dabei finden. Wichtig ist ihm nur, dass es "keine gravierenden Probleme" mehr gibt. Zwar kann er in Berlin noch immer nicht aus dem Haus gehen, ohne alle Notizzettel zu vernichten, "aber die Angst ist weg, keiner steht mehr vor der Tür". Seine Tochter hat studiert, was ihm damals undenkbar schien. Deshalb will Fischer, 54, nicht jammern: "Die Emotionen sind abgearbeitet, ausgelebt. Sie sind jetzt Erinnerung."
Selbst die Renaissance der PDS ist ihm "wurscht", auch wenn er die von ihr beanspruchte Interpretationshoheit über die DDR "ekelhaft" findet. Aber das sei letztlich wohl auch "nur eine Stilfrage".
Deshalb kann die neue Zeitrechnung der SPD im Osten ihn auch nicht mehr aufregen. Während noch gegen den letzten Mauerschützen vor Gericht verhandelt wird, haben die Sozialdemokraten in Sachsen-Anhalt ein ehemaliges SED-Mitglied zu ihrem Landeschef gewählt, Holger Hövelmann, 37.
Dabei hat er all das nicht, was bisher Voraussetzung war, um im Osten als Politiker voranzukommen: "In Bürgerrechtskreisen habe ich nicht verkehrt." Den Mauerfall erlebte er als Offiziersanwärter in Zittau, das DDR-Fernsehen war eingeschaltet. Erst 1993 ging er in die SPD, "um Karriere zu machen", wie Skeptiker vermuten.
"Ich habe kein schlechtes Gewissen, und ich schäme mich nicht", sagt Hövelmann. "Ich habe einen Prozess durchgemacht, wie viele DDR-Bürger." STEFAN BERG,
GUNTHER LATSCH, HEINER SCHIMMÖLLER, PETER WENSIERSKI, STEFFEN WINTER
* Oben: mit DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière, Rainer Eppelmann und Peter-Michael Diestel (alle CDU) 1990 in der DDR-Volkskammer; unten: bei der Großdemonstration am 4. November 1989 in Berlin (linkes Bild M.) und bei der Verleihung der "Goldenen Henne" am 22. September in Berlin (rechtes Bild). * Oben: bei einer Sitzung des Zentralen Runden Tisches in Berlin; unten: bei einer Pressekonferenz zur Auflösung der Staatssicherheit am 27. März 1990 in Berlin.
Von Stefan Berg, Gunther Latsch, Heiner Schimmöller, Peter Wensierski und Steffen Winter

DER SPIEGEL 46/2004
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