08.11.2004

NAHOSTEnde der Schonfrist

In Ramallah hat die Zeitrechnung nach Jassir Arafat begonnen. Stürzt der Abgang ihrer nationalen Ikone die Palästinenser ins Chaos? Die internationale Gemeinschaft hofft auf eine neue Chance für den Frieden.
Jassir Arafat ist tot. Aufgeputschte Anhänger versuchen, israelische Militärposten zu überrennen. Die Trauerkundgebungen schlagen in Gewalt um. Jerusalem brennt. In den besetzten Gebieten greifen palästinensische Kommandos isolierte Siedlungen an. Die Siedler schlagen zurück. Und im Gaza-Streifen bereitet sich die Hamas darauf vor, mit Waffengewalt die Führung an sich zu reißen: Dieses dramatische Drehbuch bestimmte die Simulation, mit der israelische Sicherheitskräfte bereits vor Monaten für den Ernstfall - Arafats Ableben - trainierten.
Der Polit-GAU ist nicht eingetreten, bisher jedenfalls nicht. Aber das israelische Alptraumszenario könnte wahr werden, wenn nach dem Hinscheiden der die Palästinenser einigenden Symbolfigur ein Machtvakuum entsteht, in dem militante Gruppen das Gesetz in ihre Hände nehmen.
Doch während Arafat im Pariser Militärkrankenhaus Percy Ende vergangener Woche "zwischen Leben und Tod schwebte", wie es eine Palästinensersprecherin formulierte, wuchs neben der Sorge vor Unruhen auch die Hoffnung: Das Ende der Ära Arafat könnte den Weg zurück zu einem neuen Friedensanlauf ebnen.
Unüberhörbare Erleichterung lag jedenfalls in George W. Bushs Stimme, als der frisch wiedergewählte US-Präsident am Donnerstag auf die Falschmeldung hin, Arafat sei tot, flapsig kundtat: "Gott sei seiner Seele gnädig!" Endlich erledigte sich das Problem Arafat, den die USA im Schulterschluss mit Israel als "größtes Hindernis auf dem Weg zum Frieden" betrachteten, quasi von selbst.
Der Präsident werde sich wieder stärker um den Nahost-Konflikt kümmern, ließ ein Sprecher wissen. Und sein Bündnispartner, der britische Premier Tony Blair, nannte den israelisch-palästinensischen Konflikt die "größte Herausforderung" der politischen Tagesordnung.
Eine neue palästinensische Führung, so das Kalkül in Washington und London, könnte von Jerusalem wieder als Verhandlungspartner akzeptiert werden. Selbst der israelische Militärgeheimdienst sieht nach dem Ableben Arafats die Chance für "ein Ende der gegenwärtigen Konfrontation". Mit Mahmud Abbas, derzeit wichtigste Figur neben Premier Ahmed Kurei, hatte sich Israels Premier Ariel Scharon bereits früher getroffen. Der bisherige PLO-Vize und erste palästinensische Regierungschef gilt als Mann des Ausgleichs, der die militante Intifada ablehnt und für politische Reformen eintritt. Schon deshalb genießt er die Wertschätzung von George W. Bush.
Auch Europa steht bereit, mit einer neuen Friedensinitiative endlich die "Roadmap" für einen Ausgleich in Nahost wieder hervorzuholen. Ein Einstieg in Gespräche könnte der Abzug aus dem Gaza-Streifen sein, den Scharon bisher einseitig durchziehen wollte. Selbst europäische Staatschefs, die auf Arafats Autorität gesetzt hatten, sahen ein, dass kein Fortschritt möglich war, solange der autokratische Palästinenserchef in Ramallah die Regie führte.
Auf dem Weg in die Zukunft nach Arafat sind jedoch beträchtliche Hürden zu überwinden. Zu welchen Zugeständnissen sind etwa Arafats Erben überhaupt in der Lage, sollte Scharon über seinen Schatten springen und tatsächlich wieder Friedensgespräche aufnehmen? Können die Gefolgsleute des Raïs (Führers) Kompromisse eingehen, wo Arafat sich so hartleibig gezeigt hatte? Der nämlich beharrte stets auf Maximalforderungen: kein Abweichen von den
Grenzen von 1967, kein Einlenken beim Rückkehrrecht für Vertriebene, kein Entgegenkommen bei Israels Anspruch über Jerusalem.
Gleichzeitig müssen die palästinensischen Führer verhindern, dass es zu einem Bruderkampf kommt. Schlüssel dafür ist die Kontrolle über die rivalisierenden Gruppen des palästinensischen Sicherheitsapparats. Sowohl Kurei als auch Abbas sind eher Salonpolitiker, die über keine bewaffnete Hausmacht verfügen. Der im Guerillakampf erprobte Arafat hatte seinem Premier stets den Zugriff auf Milizen, Polizei und Geheimdienste verwehrt.
Und: Werden die Nachfolger die rebellischen Terrormilizen der Fatah-nahen "Aksa-Märtyrerbrigaden" an die Zügel nehmen können? Wie halten sie die radikal-islamistische Hamas in Schach, die vergangene Woche bereits unumwunden nach Mitsprache in einer "nationalen Führung" verlangte?
Der als nationales Symbol und Vaterfigur verehrte Palästinenserchef hinterlässt sein Haus unbestellt. Als er vor zehn Tagen die Heimat in Richtung Paris per Hubschrauber verließ, winkend und Hände küssend wie immer, hinterließ er traurige, verwirrte Anhänger: "Wir fühlen uns wie verlorene Kinder", sagte ein hoher Fatah-Funktionär. "Ich kann mir ein Leben ohne Arafat gar nicht vorstellen", klagte auch
die palästinensische Vertreterin in Paris, Leila Schahid.
Solange Arafat bei Bewusstsein war, klammerte er sich an die Macht. Als sein Vize Abbas und Premier Kurei nach dem Kollaps in Ramallah um Übertragung gewisser Vollmachten baten, ließ der 75-Jährige sie abblitzen. "Das Gespräch hat sein Ende erreicht", bedeutete er kühl.
"Arafat hat das Heimatland verlassen und uns hier mit einer Menge Fragen zurückgelassen", kritisierte die Hamasnahe Wochenzeitung "al-Risala" im Gaza-Streifen. Er habe alles mit nach Paris genommen, höhnte das israelische Blatt "Jediot Acharonot": "Die geheimen Fonds, die Bankkonten, die Zugangscodes, seine Versprechungen".
Die Palästinenser müssen nun beweisen, dass ihr Traum von der nationalen Unabhängigkeit auch ohne ihre Ikone überleben wird. Arafat hatte sie "aus der Wüste der Vergessenheit in das Gelobte Land der besten Sendezeiten" geführt, wie der amerikanische Journalist Thomas Friedman 1990 feststellte.
Arafat brachte die Guerilleros der PLO dazu, den Staat Israel anzuerkennen. Er selbst, der den bewaffneten Kampf zum einzigen Weg für die Befreiung Palästinas erklärt hatte, schwor offenbar in einer Kehrtwende der Gewalt ab. Ermuntert von Bill Clinton, reichte er 1993 Jizchak Rabin in Washington die Hand - was ihm und dem israelischen Premier den Friedensnobelpreis eintrug.
Eine Schwemme von Biografien erschien damals, die den überraschenden Wandel "vom Guerillakämpfer zum Staatsmann" würdigten. Tatsächlich schaffte Arafat nie den Wechsel in eine politische Führungsrolle. "Arafat hielt die Autonomieregierung für eine Fortsetzung des Kampfes im Untergrund", urteilte erst kürzlich der frühere israelische Außenminister Schimon Peres.
Tatsächlich glich Arafats Amtsführung in Gaza-Stadt und Ramallah dem Gebaren eines Großwesirs: Nach Gutdünken verteilte er Ämter und Pfründen an Vettern, Günstlinge, Bedürftige und versorgte auch mordende Milizen oder Fatah-Genossen mit Stellen im Öffentlichen Dienst. Als levantinischer Sonnenkönig regierte er nach dem Prinzip: Palästina, c''est moi! Seine historischen Verdienste im Friedensprozess machte er zunichte, als er nach Ausbruch der zweiten Intifada 2000 zuließ, dass andere bombten und mordeten.
"Am Ende war er ein kleiner Mann, der nicht mit seiner Aufgabe wuchs", resümierte ein saudi-arabischer Kommentator das Scheitern des Nationalhelden: "Die Prüfung für einen wirklich großen Führer bestand er nicht - es fehlte ihm das Gespür, über den Rand der Gegenwart in die Zukunft zu schauen."
Dabei mangelte es dem gewieften Taktiker und großen Träumer nie an Vermessenheit. Er betrachtete sich noch als feurigen Kämpfer, als eine Art Fidel Castro von Beirut, als er längst auf der Flucht ins Exil nach Tunis war; er hörte nie auf, sich als standhaften Dulder nach seinem Vorbild Nelson Mandela zu stilisieren, obgleich er auf dem internationalen Parkett fast jeden Kredit als Friedensfürst verspielt hatte.
Die Kunst, Hoffnungen zu wecken, um sie dann schwer zu enttäuschen, kennzeichnet Arafats Leben ebenso wie seine Strategie des Tarnens und Täuschens. Mit dem Ziel der Mythenbildung verschleierte der Partisanenführer bereits seine Herkunft. Jerusalem gab er als seine "geistige" Geburtsstätte an - wahrscheinlich wurde er 1929 in Kairo geboren.
Vom Studenten zum Kämpfer graduierte der Nationalist im Suez-Krieg 1956. Arafat, der gerade in Kairo sein Diplom erworben hatte, beteiligte sich als Leutnant der ägyptischen Armee an dem Konflikt mit Briten, Franzosen und Israelis.
Mit Geld, das er als Bauunternehmer in Kuweit verdiente, und Spenden mobilisierte
er seine in alle Welt verstreuten Landsleute; 1958 gründete er mit der "Fatah" die Mutter aller Palästinenserorganisationen. Von einem gefallenen muslimischen Helden lieh er sich den Kampfnamen Abu Ammar.
Nach der Niederlage der Araber gegen Israel im Sechs-Tage-Krieg 1967 sah Arafat seine Stunde gekommen, die Schmach der Araber zu tilgen. Er stieg zum Vorsitzenden der Palästinensischen Befreiungsorganisation auf, die bald mit spektakulären Flugzeugentführungen die Welt aufschreckte. Dank seiner Kämpfer, die nachts durch den Jordan schwammen und in den besetzten Gebieten den Feind angriffen, entwickelte sich seine Gruppe zur mächtigsten Organisation im Dachverband. In jener Zeit des erbitterten Terrorkampfes erhob die PLO die "Eliminierung des Zionismus in Palästina" zu einer "nationalen Pflicht". Obwohl die Charta später geändert wurde, glauben viele Israelis noch immer, die Palästinenser wollten sie ins Meer treiben.
Arafats Selbstüberschätzung führte ihn zu schweren Niederlagen. So forderte der Befreiungskämpfer 1970 sogar den jordanischen König Hussein heraus, als er versuchte, sein Gastland unter Kontrolle zu bringen. Er scheiterte dort ebenso kläglich wie über zehn Jahre später im Libanon, wo er mit seiner Miliz im Bürgerkrieg zündelte. Tief gedemütigt vom israelischen Kriegsherrn Ariel Scharon, musste er 1982 mit Tausenden seiner Kämpfer unter französischem Beistand nach Tunis fliehen.
"Ich bin der Phönix, der aus der Asche steigt", orakelte er danach. Obwohl 1987 der Aufstand im besetzten Gaza-Streifen und Westjordanland ohne Zutun der Exilführung entflammt war, verstand es das palästinensische Stehaufmännchen, die Revolte für sich zu nutzen. Mit feinem Gespür erkannte Arafat die Bereitschaft Israels zum Pakt mit der Exilführung, um die Gebiete zu befrieden.
Doch obwohl der Prozess der Annäherung mit den Friedensverträgen von Oslo zur Gründung der palästinensischen Autonomiebehörde und zu Milliardenzahlungen an die Palästinenser führte, betrog Arafat seine Landsleute um Demokratie und Wohlstand. Arafat habe sein Volk "mit falschen Versprechungen in die Irre geführt", rügte der palästinensische Intellektuelle Edward Saïd. Dass heute die Palästinenser in ihren Patchwork-Gebieten zwischen Westjordanland und Gaza-Streifen unter Willkür und Verelendung leiden, das schreiben Oppositionelle nicht nur Israels Militär- und Knebelpolitik zu, sondern auch Arafats Verschulden.
Wie heikel vor allem die Lage im überbevölkerten und zerbombten Gaza-Streifen ist, zeigten kürzlich schwere Unruhen unter den Fatah-Milizen. Mit Entführungen, Überfällen und Plünderungen stürzten sie den Gaza-Streifen in chaotische Zustände.
Abbas und Kurei brauchen deshalb Helfer wie etwa den früheren Sicherheitschef Mohammed Dahlan, der als starker Mann des Gaza-Streifens gilt. Dahlan, ein Liebling der USA, hatte sich mit Arafat überworfen. Um seine Karriere zu sichern, bemühte er sich um eine Aussöhnung und reiste zum todkranken Arafat nach Paris. Im Westjordanland allerdings hören die bewaffneten Sicherheitskräfte eher auf den raubeinigen Dschibril Radschub, der ebenfalls zeitweise in Ungnade gefallen war.
Vor allem von islamistischer Seite droht einer neuen palästinensischen Führung Konkurrenz. Die Hamas drängt an die Macht. Im Dezember will der politische Arm der Terrororganisation erstmals bei den geplanten Kommunalwahlen antreten.
Doch Abbas, der mit Ministerpräsident Kurei ein Übergangsregime unter Einbindung aller PLO-Gruppen anführen soll, möchte die mächtige Muslim-Organisation vorerst nicht mit ans Ruder lassen. Er fürchtet um sein Friedenskonzept, für das er sich bereits die Unterstützung Jordaniens und Ägyptens sicherte. Die Hardliner unter den Islamisten wollen es ohnehin auf eine militärische Konfrontation mit der Fatah ankommen lassen. "Ab heute", so ein palästinensischer Insider, "hat jeder vor jedem Angst."
Auch die junge Garde der Fatah-Anführer, die durch die Intifada Popularität erwarben, will beteiligt werden. Zwar sitzt ihr Vorbild, Marwan Barghuti, der beliebteste Palästinenser nach Jassir Arafat, in einem israelischen Gefängnis. Von dort zieht er indes weiter die Fäden. Arafats Nachfolger bedürfen somit auch der Unterstützung des inhaftierten Intifada-Idols.
Eindringlich rief die provisorische palästinensische Führung das Volk zu "Einheit und Besonnenheit" auf. Zunächst blieb die Lage in den Palästinensergebieten erstaunlich ruhig, selbst radikale Wortführer hielten sich zurück. "Die Palästinenser respektieren die Hierarchie und die legitim eingesetzten Führer", glaubt der Gaza-Abgeordnete Siad Abu Amr.
Dies sei nur eine "vorübergehende Windstille", warnte die israelische Tageszeitung "Haaretz". Tatsächlich kommt für die neue Führung der Moment der Wahrheit erst nach der Beerdigung Arafats. Sind Schock und Trauer abgeklungen, geht die Schonfrist für die Erben Arafats zu Ende.
Dessen Wunsch, in Jerusalem unweit jener Stelle begraben zu werden, wo der Prophet Mohammed der Überlieferung nach auf einem weißen Schimmel zum Himmel hinaufritt, hat ihm Ariel Scharon schon verwehrt. Seinen Justizminister ließ der israelische Premier erklären: "In Jerusalem sind jüdische Könige begraben, aber keine arabischen Terroristen." DIETER BEDNARZ,
ANNETTE GROßBONGARDT
* Auf dem Weg in ein Pariser Militärhospital bei der Zwischenlandung in Amman am 29. Oktober.
Von Dieter Bednarz und Annette Großbongardt

DER SPIEGEL 46/2004
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