15.11.2004

BANKENKölner Klüngelmeister

Die Superreichen der Republik lassen ihr Vermögen gern von Sal. Oppenheim steuerschonend mehren. Jetzt steigt das Institut mit einem Schlag zur größten Privatbank Europas auf.
Zum 100. Firmenjubiläum von Gerling drängte im Mai die Wirtschaftsprominenz in die Konzernzentrale des Kölner Versicherers. Emil Underberg brachte als Gastgeschenk eine Pyramide mit kleinen grünen Flaschen seines Kräuterschnapses mit.
Stefan Quandt, einer der Miteigentümer von BMW, feierte ebenso mit wie Wendelin von Boch, Mitinhaber von Villeroy & Boch, oder Schraubenfabrikant Reinhold Würth - Superreiche unter sich.
Auf dem Ehrenplatz neben Rolf Gerling saß während der Festansprachen allerdings ein anderer: Matthias Graf von Krockow, 55. Der Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter von Sal. Oppenheim hatte bei Unternehmen wie Lufthansa, Bayer und Oetker eine Kapitalinfusion für den angeschlagenen Versicherer organisiert.
Wenn es um Gerling, die Sicherung des Medienstandorts oder andere existenzielle Fragen Kölns geht: Immer ist Krockow mit Geld und guten Kontakten zur Stelle. "Wir bringen Hunderte von Millionen in unsere Vaterstadt", sagt er.
Das Engagement ist nicht ganz uneigennützig. Immer wieder gelingt es ihm, dass
dabei ein paar Millionen zurück in die Kassen von Oppenheim fließen.
Seit Krockow 1998 zum Sprecher der Gesellschafter aufrückte, ist die Traditionsbank zu einem aggressiven Mitspieler auf dem eher schrumpfenden Markt der Privatbanken geworden. Der Graf geht im Gegensatz zu manchen vor allem am Vermögenserhalt interessierten Familienmitgliedern keinem Risiko aus dem Weg.
Das größte hat er gerade vor sich: Diese Woche soll in Verhandlungen mit der niederländischen Großbank ING in Amsterdam die Übernahme der Frankfurter BHF-Bank für rund 600 Millionen Euro perfekt gemacht werden. Damit würde Oppenheim noch vor renommierten Adressen wie Rothschild oder Cazenove, der Privatbank der Queen, auf einen Schlag zur größten Privatbank Europas.
"Die ganze Transaktion wird aus eigener Kraft gestemmt", sagt Krockow. Die Familienmitglieder sollen einer Kapitalerhöhung von 200 Millionen Euro zustimmen. Die Finanzierung sei unter Wahrung der kompletten Unabhängigkeit der Bank gewährleistet.
Offenbar haben die Oppenheims noch einiges Geld in der Kriegskasse. Sie hatten 1989, rechtzeitig vor der Krise der Versicherungswirtschaft, ihre Anteile an der Colonia für viel Geld nach Frankreich verkauft und sind auch bei einer Hypothekenbank rechtzeitig ausgestiegen.
Die Feierlichkeiten für den Deal, mit dem die Bank die Bilanzsumme und die Zahl ihrer Mitarbeiter auf einen Schlag mehr als verdoppelt, sind schon fest eingeplant. Am 2. Dezember sollen die Details bekannt gegeben werden.
Schon der ehemalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl, Vorgänger von Krockow als Sprecher der Bank, hatte Mitte der neunziger Jahre versucht, mit der BHF-Bank im Fondsgeschäft zu kooperieren. Doch die damalige Hausbank der Bundesbank zeigte wenig Interesse. "Die waren zehnmal so groß wie wir, das waren Vorbilder", sagt Krockow.
Das hat sich geändert. Die BHF-Bank verrannte sich, setzte Hunderte von Millionen bei Krediten im Ausland in den Sand. Der jetzige Besitzer ING zahlte vor fünf Jahren immerhin 3,6 Milliarden Euro, wurde aber nie glücklich damit.
Diskret schaute sich der Vorstand der BHF-Bank nach einem Interessenten für die eigene Bank um, als klar war, dass die Holländer aussteigen wollten. Louis Graf von Zech, der für das Private Banking zuständige Vorstand, kontaktierte seinen Freund Graf Krockow. Der war interessiert, winkte aber ab: zu teuer.
Die Holländer stiegen im Sommer mit der Commerzbank, die immerhin rund eine Milliarde Euro bot, in exklusive Verhandlungen ein. Doch der BHF-Vorstand, der um seinen Job fürchtete, inszenierte eine Abwehrschlacht, bis die Commerzbank
entnervt aufgab. "Dank dieses öffentlichen Schauspiels verlor die BHF-Bank enorm an Wert", sagt ein erfahrener Investmentbanker. Graf Krockow griff zu.
Oppenheim übernimmt nur das profitable Geschäft mit den 10 000 sehr vermögenden Privatkunden sowie das Handels- und Vermögensverwaltungsgeschäft der BHF-Bank. "Die schneiden sich das Fleisch, wie sie es gerade wollen", sagt ein Frankfurter Konkurrent neidisch.
Im Büro des Grafen, der zuerst als Banker in New York Karriere machte, hängt ein großes Gemälde. Es zeigt einen gewaltigen Löwen, der eine blutende Gazelle im Maul trägt. Krockow, dessen Familie 1945 aus Pommern fliehen musste, hat allerdings nur einmal in Afrika gejagt.
"Ich war das Kind von Flüchtlingen", sagt Krockow. Sein Vater kam in der Nähe von Trier als Gutsverwalter unter. Krockow gelang der Aufstieg in die High Society durch die Heirat mit der Baronin Ilona von Ullmann. Pferde von deren Bruder Georg Baron von Ullmann gewinnen regelmäßig bedeutende Galopprennen. Durch seine Frau gehört Krockow einem der Familienstämme an, die das Bankhaus Sal. Oppenheim dominieren.
Einst finanzierten die jüdischen Bankiers den Hofstaat des Bonner Kurfürsten, später die ersten Eisenbahn- und Versicherungsgesellschaften.
Obwohl die Oppenheims zum Christentum konvertiert waren, wurden sie im Dritten Reich von Hitlers Schergen verfolgt. Auch dank der Mithilfe von Robert Pferdmenges, dem späteren Berater Konrad Adenauers, überstand die Familie und ihre Bank die üble Zeit ausgebombt, aber sonst halbwegs unbeschadet.
Das Geschäftsprinzip der mittlerweile auf die Vermögensverwaltung und das Investmentbanking spezialisierten Bank hat sich in all den Jahren nur wenig verändert. Sie besitzt das Vertrauen vieler sehr reicher Familien und nutzt deren Milliardenvermögen zu manchmal sehr lukrativen Geschäften.
Kunden wie der Verleger Alfred Neven DuMont, der Essener Schuhhändler Heinrich Deichmann oder die Familie Riegel (Haribo) schätzen die Diskretion und Loyalität des Bankhauses. Im Keller gibt es wie in alten Zeiten noch eine Couponkasse mit 400 Schließfächern. Sie ist durch eine Panzerschranktür, "Reichspatent S. J. Arnheim", gesichert.
Krockow schwört darauf, dass es viele legale und steuerlich lukrative Möglichkeiten der Vermögensmehrung in Deutschland gibt. Er hat sich mit dem undurchsichtigen Bauunternehmer Josef Esch zusammengetan, laut "Manager Magazin" ein "Genie in Sachen steuersparende Geldanlagen".
Die Oppenheim-Esch-Holding (OEH) hat knapp vier Milliarden Euro bei Familien wie den Werhahns, dem kürzlich verstorbenen Wilhelm von Finck, aber auch gut verdienenden Gerling-, Lufthansa- oder KarstadtQuelle-Managern eingesammelt und in geschlossene Immobilienfonds investiert.
Das Prinzip ist einfach: Die öffentliche Hand, allen voran die Stadt Köln, übernimmt oft die Risiken. Die meisten Investoren kassieren zweistellige Nachsteuerergebnisse für ihren Einsatz.
Beispiel Köln-Ossendorf: Mitten in einem Industriegebiet weitab vom Zentrum entstand auf einem Grundstück der OEH für insgesamt 239 Millionen Euro ein völlig überdimensioniertes Medienzentrum. Zwar haben sich hier die Fernsehsender Super RTL und Vox angesiedelt. Doch viele Studios und Büros stehen leer.
Die Medienkrise muss die Oppenheims und ihre 32 Co-Investoren nicht stören. Sie schützt eine zehnjährige Mietgarantie des Studiobetreibers, hinter dem auch die Stadtsparkasse Köln steht. Die Rendite liegt nach eigenen Angaben im zweistelligen Bereich.
Aktuell finanziert die OEH vier Ausstellungshallen für die Koelnmesse. Auch da kann nichts schief gehen, weil die Stadt eine langjährige Mietgarantie gibt.
Einer der Geschäftsführer der Holding ist Lothar Ruschmeier, der frühere Oberstadtdirektor von Köln. Der alte Spezi von Esch erhielt 1998, direkt nach dem Ausscheiden bei der Stadt, einen hoch dotierten Vertrag bei der OEH. Ruschmeier trieb als Oberstadtdirektor nicht nur die Entwicklung des Medienzentrums voran, sondern setzte sich dafür ein, dass die Kölnarena bei der OEH landete. Die Oppenheims bauten mit dem Kapital von 74 Anlegern die größte Mehrzweckhalle Europas und gleichzeitig das Technische Rathaus für 3000 Angestellte der Stadt, verbunden mit einem 30-jährigen Mietvertrag mit der Stadt.
Trotzdem kam das Geschäft ins Rutschen, nachdem der Baukonzern Holzmann in Richtung Insolvenz trudelte. Innerhalb weniger Tage präsentierte Krockow eine neue Betreiberin für die Halle. An der Gesellschaft, die mit einem günstigen Mietvertrag ausgestattet wurde, sind vor allem die eigenen Familienmitglieder beteiligt. So viel Geschäftssinn führte zu einem imageschädigenden Prozess, bei dem Krockow und Co. allerdings freigesprochen wurden.
In Köln läuft jedenfalls kein Deal an "Sal. Oppenheim, Privatbankiers seit 1789", vorbei. Es bleibt allerdings die Frage, ob die Kölner Klüngelmeister sich nicht in Frankfurt übernehmen.
Vielleicht ist die beste Überlebensgarantie für Sal. Oppenheim der Blick, den Graf Krockow jeden Tag aus seinem Bürofenster hat. Auf der anderen Straßenseite versuchte im Juni 1974 Bernhard Graf von der Goltz, der Generalbevollmächtigte der Herstatt-Bank, eine aufgebrachte Menge mit dem Megafon zu beruhigen.
Die Kunden wollten an ihr Geld, kurz darauf war die Herstatt-Bank pleite. "Das werde ich nie vergessen", verspricht Krockow. CHRISTOPH PAULY
* Sal.-Oppenheim-Gesellschafter Friedrich Carl Janssen, Christopher Freiherr von Oppenheim bei einer Pressekonferenz am 31. März in Köln.
Von Christoph Pauly

DER SPIEGEL 47/2004
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