15.11.2004

ARAFATDas Mausoleum von Ramallah

Der Amtssitz des palästinensischen Präsidenten in Ramallah, die Mukataa, war einst gedacht als imposante Schaltzentrale für Jassir Arafat. Von hier sollte der "Vater der Palästinenser" die Geschicke seines Volkes bestimmen - bis er eines wohl nicht allzu fernen Tages im nahen Jerusalem, dann die Hauptstadt Palästinas, residieren würde.
Doch wie so oft im Leben des großen Wortführers zerstoben die Träume schnell. Israel ließ die Mukataa zerschießen, der Palast wurde zum Bunker, der Präsident für irrelevant erklärt - die internationale politische Gemeinschaft hatte eine ihrer schillerndsten Figuren durch anhaltenden Hausarrest verloren. Bis zum letzten Freitag.
Im Tod wurde Jassir Arafat, der sich so oft rühmte, ein Phönix aus der Asche zu sein, noch einmal jene weltweite Aufmerksamkeit zuteil, nach der er sich in den vergangenen Jahren so verzehrt hatte. Ein letztes Mal demonstrierte der inzwischen selbst von arabischen Bruderstaaten gemiedene Raïs, dass die historische Bedeutung seiner Person weit über die seiner Politik hinausragte.
In Arafat fanden sich nicht nur die Flüchtlinge und die Gefangenen seines Volkes wieder, sondern auch Geschäftsleute oder Intellektuelle. Seine Suggestivkraft brachte Menschen dazu, in rhythmischen Chören zu rufen: "Unser Blut, unsere Seele geben wir für dich."
Zu Zehntausenden feierten sie ihn, jubelnd und verzweifelt zugleich, vorigen Freitag in Ramallah. Arafats Beisetzung inmitten des Trümmergrundstücks seiner Mukataa geriet zu einem chaotischen, aber einzigartigen Schauspiel der öffentlichen Solidarisierung eines Volkes mit seinem Führer. So werden keine Präsidenten, so werden Nationalhelden bestattet. "Arafat hätte diese Beerdigung gefallen", kommentierte die Palästinensersprecherin Hanan Aschrawi den Tumult.
Je ärger Israels Premier Ariel Scharon - der Arafat schon als Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber beim Einmarsch in den Libanon 1982 vernichten wollte - dem Autonomieführer zusetzte, desto beliebter wurde der bei seinem Volk. Doch in der internationalen Gemeinschaft stieg der einst gefeierte Friedenspartner, dessen Gesicht nicht nur jedes Palästinenserkind kennt, schon fast wieder zu einer Art Paria ab.
In seinem Gefängnis, das nun zu seinem Mausoleum wurde, hatten ihn am Ende nur noch wenige internationale Politiker besucht, während sie zuvor für den zum Friedensnobelpreisträger gewendeten Guerillakämpfer den roten Teppich ausgerollt hatten.
Die schleichende Entfremdung der westlichen Politiker von Jassir Arafat lässt sich am deutschen Außenminister Joschka Fischer nachzeichnen. Je mehr sich der Berliner Spitzendiplomat für den Friedensprozess engagierte, umso mehr distanzierte er sich vom PLO-Führer Arafat, der dem bewaffneten Kampf, durch den er groß geworden war, nie wirklich abschwören wollte. Vor anderthalb Jahren besuchte Fischer dann Arafat zum letzten Mal in dessen einsamer Festung - einen gemeinsamen Presseauftritt gab es damals nicht.
Mit dem Ableben Arafats aber suchte auch Fischer wieder dessen Nähe ("Ich bin einer der Außenminister, die am meisten mit ihm zu tun hatten") und rühmte ihn als
"historischen Führer des palästinensischen Volkes", der doch immerhin für eine gewisse Stabilität gesorgt habe.
Offenbar von Herzen kommende Solidarität hatte zuvor Frankreichs Staatschef Jacques Chirac gezeigt. Er hatte Arafat mit einer Präsidentenmaschine nach Frankreich bringen lassen, persönlich den siechen Palästinenserchef am Krankenbett in Paris aufgesucht und ihm 20 Minuten lang die Hand gehalten. Und Chirac sorgte auch dafür, dass der tote Jassir Arafat mit allen Ehren aus Paris verabschiedet wurde.
In Kairo wiederum organisierte der ägyptische Staatschef Husni Mubarak einen würdevollen Abschied Arafats von der politischen Bühne - und inszenierte ein Gipfeltreffen der Bruderstaaten, wie es die arabische Welt lange nicht gesehen hatte.
Und schon gar nicht hatte sich je zuvor eine vergleichbar illustre Trauergesellschaft zur letzten Ehre eines Staatschefs eingefunden, der eigentlich keinen Staat sein Eigen nennen konnte.
Das eindringlichste Bild des offiziellen Aktes war das Gesicht eines weinenden, verstörten kleinen Mädchens - der neunjährigen Arafat-Tochter Sahwa, die sich an der Seite ihrer Mutter Suha zum ersten Mal der Weltöffentlichkeit zeigte.
Ob es ohne Arafat besser gelingt, "den Friedensprozess neu zu beleben", wie der britische Premier Tony Blair hofft, ist fraglich. Zwar kündigte die Europäische Union noch für Ende des Monats eine neue Initiative an. Doch nicht nur Arafat-Freunde wie der israelische Friedensaktivist Uri Avnery befürchten, dass den politischen Erben dazu die Statur fehlt. Allein Arafat habe die "monumentale moralische und politische Macht gehabt, Frieden zu schließen und das gegenüber seinen Leuten zu vertreten". Der renommierte Meinungsforscher Chalil Schikaki befürchtet Generationskämpfe in der Autonomieführung (siehe Seite 124).
Ganz im Sinne des nationalen Träumers Arafat, der noch glaubte, das Meer teilen zu können, obwohl ihm das Wasser schon bis zum Halse stand, soll der erste Präsident der Palästinenser in der Mukataa nur ein "provisorisches Grab" finden - um eines Tages nach Jerusalem, dann die Hauptstadt Palästinas, umgebettet zu werden.
* Am vergangenen Freitag mit Prinz Ali und König Abdullah von Jordanien, dem jemenitischen Präsidenten Salih, Kronprinz Abdullah von Saudi-Arabien und dem tunesischen Staatschef Ben Ali.

DER SPIEGEL 47/2004
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