15.11.2004

FUSSBALLDie Kunst der Verführung

Der FC Barcelona präsentiert sich mit modernem Management und einer Mannschaft, die in Europa Maßstäbe setzt. Während Erzrivale Real Madrid an Strahlkraft verliert, verzückt das Team aus Katalonien das Publikum mit seiner Spielkultur.
Ronaldo de Assis Moreira, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Ronaldinho, hat wenig geschlafen. Es war weit nach drei Uhr am Morgen, als er endlich ins Bett kam.
Schon ein paar Stunden später steht der Stürmerstar wieder auf dem Platz "La Masia", einem Rasen im Schatten des gigantischen Stadions Camp Nou, auf dem die Profis des FC Barcelona trainieren. Dort zeigt er, warum sein Mannschaftskapitän Carles Puyol Recht hat mit der Behauptung, das Spiel des Brasilianers erreiche eine "andere Dimension".
Trainer Frank Rijkaard, 42, lässt Fußballtennis spielen, eine Übungsform, bei der jeder Spieler den Ball nur einmal berühren darf und das Vier-Mann-Team die Kugel über ein auf anderthalb Meter Höhe gespanntes Netz ins gegnerische Feld kicken muss. Ronaldinho liebt dieses Spiel. Er beherrscht es wie kein anderer, weil ihm der Ball gehorcht wie keinem anderen.
Es steht unentschieden, 5:5, der nächste Ball gilt. Natürlich macht Ronaldinho den Punkt. Der Südamerikaner liegt mit dem Rücken zum Boden waagerecht in der Luft und fegt den Ball aus gut zwei Meter Höhe ins gegnerische Rechteck. Am Abend zeigt das katalanische Fernsehen die Szene in den Hauptnachrichten.
Es ist der Tag nach dem Rausch, der Tag nach dem 2:1-Sieg des FC Barcelona über den AC Mailand in der Champions League. Ronaldinho hat auch diese Partie in einem magischen Moment entschieden, eine Minute vor Schluss, und die bombastische Betonschüssel, in der 90 000 fiebrige Zuschauer saßen, schien zu bersten, als der Ball über die Linie flog. Es war ein Tor, an das sich die Fans in Barcelona noch in Jahren erinnern werden.
Nun trommeln die Zeitungen, und die Schlagzeilen sind so fett, dass nur kurze Worte wie "Colosal" auf die Titelseite passen. Der FC Barcelona des Herbstes 2004, so der euphorische Befund, sei so gut wie das legendäre "Dream Team", das der holländische Trainer Johan Cruyff vor zwölfeinhalb Jahren zum ersten und einzigen Triumph der Katalanen im europäischen Wettbewerb der Landesmeister geführt hatte. Mehr Lob geht nicht.
Der FC Barcelona, da sind sich die Experten einig, gilt derzeit in Europa als letzter Schrei - die Mannschaft spielt den aufregendsten Fußball des neuen Jahrhunderts. Während die Spielart des Erzrivalen Real Madrid mit seinen sündhaft teuer eingekauften Superstars bereits als Auslaufmodell eingestuft wird, zeigt "Barça" eine vollendete Mischung: filigrane Technik eleganter Einzelkönner einerseits, systematisches Teamwork andererseits.
Zurzeit diskutiert die Branche, welcher Spieler Ende des Jahres vom französischen Fachblatt "France Football" den "Ballon d'Or" erhalten soll, den goldenen Ball. Für die katalanischen Blätter kommen nur zwei Spieler in Frage: Ronaldinho oder dessen Mannschaftskollege Deco. Der Mittelfeldstratege, der im Sommer zum FC Barcelona wechselte, hatte mit dem FC Porto im Mai überraschend die Champions League gewonnen.
Die Kampagne um den weltweit besten Spieler 2004 wird auch deshalb mit einer solchen Verve geführt, weil die Prominenz von Real Madrid zuletzt serienweise begehrte Preise abgeräumt hat. Und so druckt "Mundo Deportivo", eine von mehreren täglich in Katalonien erscheinenden Sportzeitungen, nach dem Spiel gegen Mailand auf der Frontseite eine Fotomontage: Ronaldinho, wie er eine Weltkugel in der Hand hält. Darüber steht: "ET".
Die Anspielung auf den Außerirdischen versteht in Barcelona jeder. Real Madrid vermarktet seine Edelkicker als "Galácticos" (die Galaktischen) und muss nach einer Saison ohne Titel nun mit der Häme leben, dass von der Nobeltruppe um Zinedine Zidane, Luís Figo, David Beckham, Roberto Carlos und Ronaldo "nur noch Weltraumschrott" übrig geblieben sei. Der wahre Galaktische, lautet die Botschaft von "Mundo Deportivo", spiele für Barça. Seit fünf Jahren haben die Katalanen keine
Meisterschaft und keinen bedeutenden Pokal mehr gewonnen, eine Ewigkeit für den mit fast 130 000 Mitgliedern weltweit größten Fußballclub und sein Opernpublikum. Doch in dieser Saison scheint alles möglich. In der Primera División, Spaniens erster Liga, rangiert Barcelona mit klarem Vorsprung auf Platz eins. In der Champions League ist die Qualifikation für das Achtelfinale bereits so gut wie sicher.
Doch die Mannschaft liefert nicht nur prächtige Resultate ab. Sie zelebriert Fußball, sie erfüllt die Sehnsucht ihrer Anhänger nach ästhetischem, offensivem, dominantem Spiel. Das Team des Holländers Frank Rijkaard beherrscht die Kunst der Verführung: Wer einen dieser begeisternden Spielzüge erlebt hat, will mehr davon.
"Rijkaards Barça entzückt mich", schwärmte unlängst der italienische Startrainer Arrigo Sacchi, der Ende der achtziger Jahre als Coach des AC Mailand - damals mit Rijkaard als defensivem Mittelfeldspieler - den Fußballsport revolutionierte: "Rijkaard verfolgt eine von ihm definierte Idee, einen Stil. Ich erkenne seine Handschrift wieder."
Wer zu dem Mann gelangen will, dem Katalonien gerade zu Füßen liegt, muss in die unterste Etage der Haupttribüne des Camp Nou hinabsteigen. Rijkaards Büro ist ein schmuckloser Raum ohne Fenster. An der Wand hängen eine Taktiktafel und ein Zeitplaner, auf seinem Schreibtisch stehen leere Cola-Light-Dosen und mehrere bis an den Rand gefüllte Aschenbecher. In der Öffentlichkeit vermeidet es Rijkaard zu rauchen. Wenn er die Tür seines Arbeitszimmers geschlossen hat, qualmt er eine Barclay nach der anderen.
Der Mythos des Clubs wird in den Stockwerken über seinem Büro fühlbar, wo der FC Barcelona ein Museum eingerichtet hat, in dem täglich Hunderte an glanzvollen Pokalen vorbeidefilieren. Dort jedoch, wo Rijkaard sich Gedanken über die Aufstellung macht, wo er seine Spieler zu sich zitiert, wo er die Vereinsärzte konsultiert und wo er sich mit dem Sportdirektor Txiki Begiristain berät, ist der FC Barcelona ein Proficlub wie viele andere.
"Was zählt", sagt Rijkaard trocken, "ist die Arbeit an jedem einzelnen Tag." Anders als sein fast gleichaltriger Trainerkollege José Mourinho, der mit forschen Sprüchen beim neureichen FC Chelsea auf sich aufmerksam macht, hält sich der gebürtige Amsterdamer im Hintergrund. Er betont seine "Verantwortung gegenüber dem Präsidium und dem Team" und verweist darauf, wie wichtig es sei, "sich gegenseitig zu helfen und immer an den anderen zu denken".
Rijkaard hat klare Prinzipien. Als die Mannschaft
nach seinem Dienstantritt im Sommer 2003 vier Monate lang von einer Niederlage zur nächsten taumelte und in der Liga schließlich 18 Punkte hinter Real Madrid lag, nahm er seine Spieler öffentlich immer in Schutz. Nun, da das Team seine Ideen verinnerlicht hat und von Sieg zu Sieg eilt, überlässt der Mann mit den kurz geschnittenen Locken seinen Spielern die Bühne.
"Diese Loyalität hat Rijkaard Respekt eingebracht", sagt der katalanische Schriftsteller Sergi Pàmies, der seit Jahren ein intimer Kenner der Verhältnisse beim FC Barcelona ist und regelmäßig in der Tageszeitung "El País" Kolumnen über seinen Lieblingsclub publiziert. "Und Respekt ist die höchste Form der Anerkennung, die ein Fußballtrainer bekommen kann."
Dabei war die Verpflichtung Rijkaards bei den "Azulgranas", den Blau-Roten, zunächst heftig umstritten. Als Profi hatte der Holländer zwar so ziemlich jede Trophäe gewonnen. Als Trainer indes war seine Karriere bislang bescheiden verlaufen. Rijkaard war als Coach des niederländischen Nationalteams nach dem Aus bei der EM 2000 zurückgetreten und mit Sparta Rotterdam aus der holländischen Ehrendivision abgestiegen.
Dennoch hatte Rijkaard beim FC Barcelona einen gewichtigen Fürsprecher: seinen Landsmann Johan Cruyff, 57, der in Katalonien wie ein Nationalheiliger verehrt wird. Der Holländer hatte dem Club in den siebziger Jahren als Spieler Starappeal verpasst und in seinen acht Jahren als Trainer zu zahlreichen Titeln verholfen.
Die Empfehlung der grauen Eminenz gab den Ausschlag. Denn Cruyff gilt als einer der einflussreichsten Ratgeber des Rechtsanwalts Joan Laporta aus Barcelona, der im Juni 2003, kurz vor Rijkaards Verpflichtung, überraschend zum neuen Vereinspräsidenten gewählt worden war. Mit Laporta an der Spitze, einem begnadeten Volkstribunen, erlebt der größte Fußballclub der Welt so etwas wie eine Kulturrevolution. Eine sinistre Altherren-Clique, die 25 Jahre lang die Geschicke des FC Barcelona bestimmt und die zuletzt rund 200 Millionen Euro Schulden angehäuft hatte, wurde aus ihren Sesseln vertrieben.
An ihrer Stelle übernahmen karrierebewusste Typen die Macht, die als "Powerpoint-Generation" bezeichnet werden, weil sie für ihr vergleichsweise jugendliches Alter so verdammt schnittig auftreten: neben Clubboss Laporta, 42, Vizepräsident Sandro Rosell, 40, ein ehemaliger Spitzenmanager des Sportartikelkonzerns Nike, sowie zwei frühere Unternehmer aus der IT-Branche, der Finanzchef Ferran Soriano, 37, und der Marketingchef Marc Ingla, 38.
Plötzlich war von "Transparenz" die Rede, von "Modernisierung", von "Kostenbewusstsein" und von "Professionalisierung". Die Neuen versprachen den Clubmitgliedern einen radikalen Kurswechsel: den Abbau der Schulden, die den Club an den Rand der Insolvenz getrieben hatten, und den Aufbau einer neuen Mannschaft auf europäischem Spitzenniveau.
Die Jungdynamiker erkannten allerdings auch, wo die Grenzen ihres Reformeifers liegen. Die romantische Aura des "Barcelonismo", des speziellen Zusammengehörigkeitsgefühls der katalanischen Fußballfans aus allen gesellschaftlichen Schichten, gilt auch ihnen als sakrosankt. So wird im Club weiter ausschließlich Katalanisch gesprochen, regelmäßig bekommen die Fanclubs von Präsidiumsmitgliedern Besuch.
Nach anderthalb Jahren zeigen die ambitionierten Pläne erste Erfolge. Zwar liegen die Verbindlichkeiten noch immer bei 200 Millionen Euro, doch die Ertragslage hat sich entspannt: Die Club-Oberen senkten die Ausgaben um etwa 20 Prozent, vor allem, indem sie sich von den teuersten Spielern wie den Niederländern Edgar Davids, Phillip Cocu und Michael Reiziger trennten. Gleichzeitig steigerten sie die Einnahmen um rund 40 Prozent auf 170 Millionen Euro.
Um zu beweisen, wie ernst sie ihr Wahlversprechen von der neuen Offenheit nehmen, ließen sich die frisch gewählten Barça-Bosse ein Jahr lang von den Filmemachern Justin Webster und Daniel Hernández begleiten. Herausgekommen ist ein eindrucksvoller Dokumentarfilm ("FC Barcelona Confidencial"), der - mit noch unbekanntem Termin - auch in Deutschland auf Arte ausgestrahlt werden soll.
Niemals zuvor ließen sich Chefs eines Fußballclubs, die ihre Millionendeals ansonsten höchst diskret abwickeln, derart freimütig beobachten. Die Kamera war bei Vertragsgesprächen dabei, bei Debatten zur prekären Finanzlage oder bei Sitzungen mit Spielerberatern, bei denen die Präsiden klar machten, dass Kontrakte wie jener mit dem kapriziösen Stürmer Patrick Kluivert, der jährlich garantierte sechs Millionen Euro kassierte, zukünftig undenkbar seien. Der Holländer musste im Sommer, neben 13 weiteren Profis, gehen.
Der Film zeigt auch, dass die neue Barça-Crew jenen Fehler vermeidet, den Real Madrid in seinem Großmachtstreben beging. Bei den "Königlichen" dekretiert Florentino Pérez, der allmächtige Präsident und Bauunternehmer, ganz allein, welche Stars verpflichtet und welche verkauft werden. Beim FC Barcelona hingegen gilt die Regel: Nur die sportliche Leitung, also Vizepräsident Rosell, Manager Begiristain, ein ehemaliger Barça-Profi, und Trainer Rijkaard, bestimmt den Kurs. "Jeder soll das tun", sagt Präsident Laporta, "was er am besten kann."
Und so kommt es, dass der Club nicht mehr allein von den Geniestreichen Ronaldinhos lebt. Denn die sieben Zugänge, für die Barcelona in den nächsten Jahren 61 Millionen Euro an Ablöse abstottern muss, haben sich glänzend integriert.
Vor allem die Auftritte des Hochgeschwindigkeitsstürmers Samuel Eto'o, der aus Mallorca kam, beglücken die Barça-Fans. Schließlich besaß Real Madrid eine Option zur Verpflichtung des Kameruners. Doch statt den Prachtfußballer unter Vertrag zu nehmen, überließ Real-Präsident Pérez den Spieler dem FC Barcelona. Er schien ihm zu wenig glamourös.
Ein fataler Entschluss. Nach zehn Ligaspielen hatte Eto'o für Barça bereits neun Tore erzielt - nur eines weniger als die gesamte Mannschaft von Real Madrid.
MICHAEL WULZINGER
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 47/2004
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