15.11.2004

KUNSTDas verdoppelte MoMA

Am Samstag dieser Woche wird das spektakulär ausgebaute New Yorker Museum of Modern Art eröffnet. Die Chefs des Hauses, das in der Kunstwelt eine Supermacht verkörpert, haben 858 Millionen Dollar ausgegeben - vor allem, um auch allerneueste Schätze präsentieren zu können.
Der japanische Architekt Yoshio Taniguchi ist ein gelassener Mann. Ihn bringe eigentlich nichts aus der Ruhe, sagt er - auch nicht so eine spektakuläre Aufgabe wie die Erneuerung und Erweiterung des Museum of Modern Art, kurz MoMA, im Herzen Manhattans.
Vor vier Jahren ging's los, und es gab durchaus schon bald Probleme. Eine benachbarte Kirche machte Ärger. Die Gemeinde sorgte sich, Taniguchis Museumsbau rücke zu dicht an das Chorfenster und nehme ihr das ganze himmlische Licht weg. Also hat er in seine Gebäudelandschaft eine riesige Lücke eingeplant - und behauptet heute: "Es hat unseren Bau sogar schöner gemacht."
Am Ende dieser Woche wird das MoMA nun mit einer ziemlich rauschenden Feier mit viel Prominenz aus internationalen Künstler- und Societykreisen und in Anwesenheit zahlreicher Fernsehteams aus aller Welt eingeweiht - und das wundert Taniguchi, 67, dann doch. Denn das Gebäude ist längst nicht bis ins letzte Detail vollendet. "Ein unfertiges Museum zu eröffnen, das wäre in Japan undenkbar."
Zu den Dingen, an denen - durchaus zeitplangemäß - noch gearbeitet wird, gehören das Forschungszentrum und das Dach des Bürotrakts. Sei's drum: Das Wichtigste, der Ausstellungsbereich, ist bezugsfertig, und in New York lässt man keine Immobilie länger leer stehen als notwendig. Zudem gibt's einen stolzen Anlass: Die dank ihrer vielen van Goghs, Picassos, Mirós und Warhols weltweit berühmteste Institution der zeitgenössischen Kunst feiert ihr 75-jähriges Bestehen. Nur eben schon in diesem Jahr. Da wartet man nicht auf ein Stück Dachpappe.
Die Chefs des Museums brennen darauf, die Welt daran zu erinnern, dass ihr Haus mächtiger und großartiger ist denn je. An Selbstbewusstsein hat es dem MoMA nie gemangelt. Jetzt hat das Museum auch den Platz, es angemessen auszubreiten. Das neue MoMA ist doppelt so groß wie das alte. Man residiert auf über 58 000 Quadratmetern, allein die Schaufläche beträgt 11 600 Quadratmeter.
Alles an diesem Projekt ist ehrgeizig. Dass man die Ausgaben "bis in die Stratosphäre steigen ließ", wie die "New York Times" schrieb - auch das war Teil des munteren Größenwahns.
Insgesamt 858 Millionen Dollar verschlang das Vorhaben, inklusive Nebenkosten. So hatte man etliche Nachbarhäuser gekauft und abgerissen - und sich ein Ausweichquartier im Stadtteil Queens gebaut.
Dass die Herren des Hauses sich nun innerhalb der New Yorker Hochhauslandschaft eine eher maßvolle Architektur leisten, ist erstaunlich. Taniguchis aufge-lockerte Bauhausmoderne ragt nur bescheiden in den Himmel; sie dehnt sich lieber selbstbewusst in die Länge und in die Breite. Dieser Mut zur Bodenhaftung
ist in New York ein echter Luxus.
Taniguchi sollte ein paar Versatzstücke der Vorgängerarchitektur übernehmen und musste seinen Teil des MoMA um einen Apartment-Wolkenkratzer herumbauen. Der Baumeister hat aus dieser Not und aus dem Zwang zur Patchwork-Architektur ein ästhetisches Prinzip gemacht, seine Gebäudestrecke in eigenständige Einheiten zergliedert und diese hübsch verschachtelt. Innen wird's luftig monumental. Das Foyer ist so lang wie ein Kirchenschiff, das strahlend weiße Atrium so hoch wie ein Flugzeughangar.
Der Schriftsteller John Updike, der sich für das US-Magazin "New Yorker" im Gebäude umsah, geriet über die unaufdringliche Größe ins Schwärmen. Für ihn ist der Bau eine "unsichtbare Kathedrale" mit "geheimnisvoller Zen-Atmosphäre". Gestört hat ihn, dass es hier so übertrieben viel Kunst gibt. Der Charme von Museen moderner Kunst habe früher darin bestanden, "dass da nie zu viele Werke waren". Und nun: "Vier Ausstellungsetagen, dazu schalldichte Video-Galerien, es lauert von allen Seiten."
Mit der Kollektion kann es tatsächlich kein anderes Museum der Welt aufnehmen. Es gibt keinen Titanen der Kunst der frühen europäischen Moderne und ihrer US-Nachfolge, der nicht in der Sammlung vertreten ist. Das berühmteste Werk ist und bleibt Picassos Bild "Les Demoiselles d'Avignon" aus dem Jahr 1907, das als künstlerischer Durchbruch des Malers gilt.
Alt ist die Streitfrage, ob das Museum tatsächlich die allerwichtigsten Werke gesammelt hat, oder ob es nicht doch nur die eigenen Werke zu den bekanntesten gemacht hat: Wahrscheinlich trifft beides zu.
Unter den 100 000 Skulpturen und Bildern im Depot sind viele, die seit Jahrzehnten nicht mehr gezeigt wurden. Und Ellsworth Kellys kurz vor dem Umbau gekaufte Blechlawine "Skulptur für eine große Wand" aus den Fünfzigern hätte einfach zu bombastische Ausmaße fürs alte Haus gehabt.
Das meiste wird man nie zu sehen bekommen. Was dagegen in der Dauerschau hängt, gehört eigentlich schon automatisch zum Kanon der Kunstgeschichte. Künstler, denen das MoMA eine Sonderschau widmet, sind für alle Ewigkeit geadelt. Demnächst ehrt es den deutschen Fotografen Thomas Demand.
Was man künftig präsentiert, in welcher Reihenfolge und Zusammenstellung - die Spekulation darüber ist seit Wochen ein Aufreger in amerikanischen Feuilletons. Wie viel Expressionismus, welche Surrealisten, was an Pop-Art? Wie ausgiebig werden Matisse und Jackson Pollock gewürdigt, zwei Lieblinge des Hauses? Gibt man sich US-lastig, zu europäisch, wird auch mal der Rest der Welt berücksichtigt?
Mit seiner Ausstellungspolitik schreibt das MoMA zwar nicht die Geschichte der Kunst um - aber es erweitert sein Pflichtprogramm um Aktuelleres. Das Haus will offenbar auch die Deutungsmacht über die jüngere Kunst übernehmen. Der Verdacht, man hänge nur der Avantgarde von gestern nach, soll endgültig ausgeräumt werden.
Man habe der Gegenwartskunst mehr Platz geben wollen, das sei "eine der wichtigsten Motivationen für das Bauprojekt" gewesen, sagt Glenn Lowry, 50, seit zehn Jahren MoMA-Chef und die treibende Kraft beim Legendenlifting. Die Vergrößerung sei "eine Plattform für alles, was wir vorhaben. Und wir haben viel vor".
Zur neuen Selbstdarstellung gehört, dass Lowry eine ganze Etage mit der Kunst der vergangenen 25 bis 30 Jahre bestücken
ließ. Weil diese Gegenwart auf der ersten Ausstellungsebene versammelt wurde, kommt das Publikum auf dem Weg zum weiter oben im Haus angesiedelten Klassikerolymp auf jeden Fall an ihr vorbei. Es sei denn, es nimmt den Fahrstuhl.
Auf seiner Spielwiese der Jetztzeit behält das MoMA seine kostbaren Flächen meist Leuten vor, die es längst zu Weltruhm gebracht haben, ohne durch eine Radikal-Bildsprache zu erschrecken.
Der Kanadier Jeff Wall, 58, ist beispielsweise die unumstrittene Ikone der ästhetisch-sozialkritischen Fotografie - weshalb er schon häufiger zur Documenta nach Kassel eingeladen wurde.
Jeff Koons, 49, gilt als Pionier der Achtziger-Jahre-Kitschkunst. Hier ist er mit einem schlichten Werk vertreten: einer Vitrine mit zwei Staubsaugern.
Matthew Barney, 37, Videokünstler und Schöpfer elegant-bizarrer Skulpturen, war einer der Stars der neunziger Jahre. Von ihm hat man eine seiner Filmrequisiten ausgestellt, ein beigefarbenes Plastikobjekt, das Möbelstück, Sexspielzeug und Folterinstrument in einem zu sein scheint.
Zudem tauchen in der Zeitgeistetage Werke der deutschen Künstler Sigmar Polke, 63, und Gerhard Richter, 72, auf. Sie bilden seit Jahrzehnten die internationale Malerelite - und hätten einen Platz in der oberen Etage verdient gehabt.
Die Malerin Julie Mehretu immerhin kann als erfrischender Ausreißer gelten: Sie ist 34 Jahre alt und - nach MoMA-Maßstäben - eigentlich ein No-Name. Ihre bunt verwegene Abstraktion ist aber schon selbstbewusst wandfüllend.
Niemand kann behaupten, Lowry habe es bei der Verjüngung übertrieben. Doch vielleicht geht's ja tatsächlich erst noch richtig los. Zumindest wurde ein "Fonds für die Kunst des 21. Jahrhunderts" gegründet. Fleißig einzukaufen schadet ja nicht.
Dass das MoMA als private Institution auf großem Fuß leben kann, hat es seiner Vergangenheit zu verdanken. Gegründet wurde das Museum 1929 auf Initiative und vorwiegend mit dem Geld Abby Rockefellers, der Frau des Großerben John D. Rockefeller. Ihr Sohn Nelson amtierte später viele Jahre als Museumspräsident.
Bis heute fühlt sich die Familie dem MoMA verpflichtet, und wo diese legendäre US-Dynastie mitmischt, sind andere VIPs gern dabei: Im Aufsichtsgremium des Museums sitzen etliche Multimillionäre und Milliardäre. Sie haben die Modernisierung größtenteils finanziert. Der Kreis umfasst inklusive der Ehrenmitglieder etwa 70 Personen; der Kosmetikmilliardär Ronald Lauder gehört dazu und Richard Parsons, Chef des Medienkonzerns Time Warner. Ihre Spenden summieren sich auf über 500 Millionen Dollar. Staat und Stadt New York haben sich mit vergleichsweise mickrigen 75 Millionen beteiligt.
Das MoMA ist also mit Kapital gesegnet; trotzdem hat das Haus jüngst angekündigt, es werde die Eintrittspreise von 12 Dollar auf 20 Dollar erhöhen - ganz schön dreist. "Hey, wir wollen die Kunst doch nicht kaufen", lästerten die New Yorker "Daily News".
Lowry jedoch ist sich sicher, dass mindestens so viele Besucher wie früher kommen, also 1,8 Millionen pro Jahr, natürlich spekuliert er aber auf mehr.
Der Neid der Konkurrenz ist ihm gewiss, insbesondere der des nahen Guggenheim-Museums. Das ist ebenfalls auf Zeitgenössisches fixiert und ein direkter Kontrahent im Kampf um die Publikumsgunst.
Eigentlich wollte Guggenheim-Chef Thomas Krens ebenfalls mit einem Neubau in Manhattan für Furore sorgen und das MoMA übertrumpfen. Wäre seine Vision verwirklicht worden, würde jetzt gerade kräftig gebaut an einer von Expressiv-Architekt Frank O. Gehry gestalteten Aluminiumwolke über dem East River.
Krens sagte das Vorhaben wegen Geldmangels keinlaut ab, es war der erste von mehreren Flops - und noch heute lästern MoMA-Mitarbeiter über den zerplatzten Traum, ihnen eine "explodierte Blechdose" vor die Nase zu setzen. ULRIKE KNÖFEL
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 47/2004
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KUNST:
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