15.11.2004

AUTORENVerlorene Geliebte

Wolfgang Schömel überrascht in seinem ersten Roman „Ohne Maria“ mit einer spannenden, geheimnisvollen Story.
Was will man schon von einem Mann wissen, der sich selbst nicht leiden kann, nicht einmal in den Spiegel blicken mag, der sich "unattraktiv, bleich und irgendwie fleckig" fühlt? Von einem, der mit 39 in seiner "Kleinwohnung" in Hamburg-Eppendorf sitzt, um sich sein Liebesleid von der Seele zu schreiben - und zusätzlich auch noch die "Analysestube" von Dr. Morgan aufsucht, der attraktiven Therapeutin, um das alles noch einmal zu bereden.
Und dann diese Maria, um die es da geht: Christoph Madlé, so heißt der Held auf der Couch, hat sie auf einer einsamen Wanderung zum ersten Mal gesehen, später haben sie es miteinander probiert, ohne besonders gut zu harmonieren - nun ist sie offenbar endgültig aus seinem Leben verschwunden, und der gute Mann notiert im Jammerton: "Immer wieder habe ich mich gefragt, warum ich nicht aufhören kann mit diesem Nachtrauern."
Von dem wortreich Leidenden erzählt Wolfgang Schömel, 52, in seinem ersten Roman "Ohne Maria"*. Kann das denn wahr sein? Immerhin hat der Schriftsteller, der seit vielen Jahren als Referent für Literatur in der Hamburger Kulturbehörde arbeitet, vor zwei Jahren mit seinem späten Erzähldebüt "Die Schnecke" eine Sammlung höchst origineller und witziger Geschichten über den alltäglichen Liebesirrsinn präsentiert und dafür reichlich Anerkennung gefunden - bis hin zur "Tageszeitung", die sich voller Lob mit einer "männlich eingefärbten ,Sex and the City''-Welt" konfrontiert sah.
Der Maria-süchtige Romanheld aber passt weniger in das TV-Manhattan der sexlustigen Samantha und ihrer Freundinnen als in das melancholische Film-Manhattan von Woody Allen - und zeigt
auch bald seine eigenen komischen Seiten. Hinter dem vermeintlichen Jammerstück versteckt sich eine spannende Spurensuche, deren Titel im Kino so was in Richtung "Die Madlé-Verschwörung" wäre.
Nachdem Maria den Helden das erste Mal verlassen hat, wird dem gelegentlichen Radiomitarbeiter und Redenschreiber ein Auftrag angeboten, der unter komfortablen Bedingungen zu erledigen ist, gut dotiert zudem, dessen Ergebnis aber nicht an die Öffentlichkeit soll: Es geht um die Lebensgeschichte des wohlhabenden Unternehmers Jungmann, der von Madlé befragt und in einer umfangreichen Biografie beschrieben werden möchte.
Jungmann redet sich nun seinerseits ein Trauma von der Seele: wie er mit 37, schon als erfolgreicher Geschäftsmann, in New York die junge Malerin Sandra kennen lernt, die Tochter eines deutschen Emigrantenpaars (der Vater Jude), wie er sich verliebt, die Geliebte und spätere Mutter seiner Tochter aber nie völlig gewinnt, ihre schwere Depression erlebt, die während der Schwangerschaft beginnt und Jahre später, als die Tochter 14 ist, zum Selbstmord führt.
Dann taucht, während Biograf und Jungmann in dessen Haus in Portugal sitzen, unvermutet diese mittlerweile erwachsene Tochter auf - und, das muss noch verraten werden, sie ist niemand anderes als die verloren geglaubte Maria, die das Arrangement zwischen ihrem Vater und Madlé kennt.
Der Roman weitet sich zum Porträt dieser ebenfalls unerreichbaren jungen Frau, deren Geheimnis sich Stück für Stück enthüllt, parallel zur Erzählung des Vaters. Madlé und Maria ziehen zusammen, versuchen es erneut mit der Liebe, und alles wird noch eine Stufe dramatischer, von Schömel klug inszeniert und erzählt.
Im Sommer 1993 - der Autor lässt seinen Helden Madlé die ganze Geschichte fünf Jahre später erzählen - versuchen es die beiden mit einer gemeinsamen Bergtour. Doch: "Wir lagen nachts wie Geschwister nebeneinander, wenn denn Geschwister überhaupt nebeneinander im selben Bett liegen, und es gab in mir die Frage, wann und wie denn überhaupt zwischen uns je wieder etwas laufen sollte, wenn nicht in diesen Urlaubstagen."
Die eigentliche Katastrophe aber ist das noch nicht. Sie kommt wirklich überraschend und gibt dem ganzen Roman einen verblüffenden Dreh. VOLKER HAGE
* Wolfgang Schömel: "Ohne Maria". Verlag Klett-Cotta, Stuttgart; 304 Seiten; 19 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 47/2004
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