15.11.2004

LEGENDEN„Feuert eure Manager, Girls!“

Die amerikanische Sängerin Nancy Sinatra über ihre Karriere, ihre mit prominenter Hilfe eingespielte neue CD und was sie jungen Stars wie Britney Spears raten würde
SPIEGEL: Ms Sinatra, nachdem der Regisseur Quentin Tarantino Ihren alten Song "Bang Bang" zur Zugnummer des Films "Kill Bill Vol. 1" gemacht hat, singen Sie nun auf Ihrem Comeback-Album "Nancy Sinatra" zur Musik von jüngeren Popstars wie Morrissey oder Bands wie Calexico und Sonic Youth. Woher kennen Sie all die coolen Leute?
Sinatra: Durch meine Tochter A. J. - die treibt sich mit all den jungen Typen herum, die meine alten Platten toll finden. Eines Tages schlug sie vor, dass ich mit einigen von denen mal zusammenarbeite. So telefonierte sie mit den Jungs und bat um Lieder für mich.
SPIEGEL: Kannten Sie die Musik Ihrer Helfer, von denen die meisten ja eher Underground-Heroen sind?
Sinatra: Ja, ich hatte von den meisten sogar Platten. Ich habe zwei musikbegeisterte Teenager großgezogen, die lebensgroße Morrissey-Poster im Schlafzimmer hängen hatten. Glauben Sie mir: Mit Underground-Rock kenne ich mich besser aus als die meisten Menschen in meinem Alter.
SPIEGEL: Sie galten in Ihren knappen Miniröcken und Stiefeln als Sexsymbol der sechziger Jahre. Sie sind jetzt 64. Wie hart ist es, in der Popindustrie alt zu werden?
Sinatra: Man gewöhnt sich daran, dass die Menschen hässliche Dinge über einen sagen und schreiben, wenn man in die Jahre kommt. Über manches davon wäre ich noch vor zehn Jahren in Tränen ausgebrochen, aber heute nehme ich die Dinge sehr viel entspannter. Denn das Altwerden an sich ist wunderbar. Ich bin klüger und erfahrener als früher, und das beruhigt gewaltig. Nur manchmal bekomme ich einen Schreck, wenn ich daran zurückdenke, wie naiv und einfältig ich war, als meine Karriere losging. Ich könnte den jungen Popsternchen von heute eine Menge guter Ratschläge geben.
SPIEGEL: Was würden Sie Britney Spears oder Christina Aguilera raten?
Sinatra: Zuerst einmal würde ich ihnen empfehlen: Girls, feuert eure Manager! Und tut dann alles, um glücklicher zu werden, als ihr jetzt oft zu sein scheint. Es ist kein Spaß, das Produkt anderer Leute zu sein, glauben Sie mir. Und das Geschäft ist in den vergangenen Jahrzehnten unglaublich viel brutaler geworden. In den USA gibt es keine brauchbaren Radiosender mehr. Nur noch idiotische Talkshows und formatierte Programme mit Oldies oder Klassik. Der Nachwuchs ist heute arm dran.
SPIEGEL: Sie werden von Stars wie Madonna, Debbie Harry oder Gwen Stefani als Vorbild für weibliches Selbstbewusstsein verehrt. Wie viel hatten Sie in der Popwelt der Sechziger wirklich zu melden?
Sinatra: Ich habe meinen Kopf schon meistens durchgesetzt. Als ich mit einem Haufen von Miniröcken aus London zurück nach Amerika kam, waren viele Leute um mich herum ganz schön geschockt. So was Aufreizendes trug man damals in den USA einfach nicht. Aber ich fand, dass es die perfekte Kleidung für die Art von Bubblegum-Pop war, die ich damals sang - und das habe ich am Ende allen Beteiligten schon klar gemacht. Ich muss aber zugeben: Es war ganz schön schwierig, sich in einem dieser Miniröcke hinzusetzen, ohne den Leuten allzu tiefe Einblicke zu gewähren.
SPIEGEL: Konnten Sie nicht auch deshalb Ihren Willen gut durchsetzen, weil Sie die Tochter von Frank Sinatra sind?
Sinatra: Ja, der Name Sinatra hat das sehr erleichtert; es wäre verlogen, das abzustreiten. Andererseits hat er mich auch belastet, weil mit diesem Namen im Showgeschäft nun mal außergewöhnliche Ansprüche verknüpft sind. Mein Vater jedenfalls hat sich aus meiner Karriere meistens rausgehalten. Sein einziger Ratschlag war: Pass auf, was du tust, denn das Showgeschäft ist gnadenlos und brutal. Er hatte Recht.
SPIEGEL: Hat es Sie verletzt, dass Sie viele Jahre lang fast nur noch durch Ihren Sechziger-Jahre-Klassiker "These Boots Are Made for Walkin'" als so genanntes One Hit Wonder bekannt waren?
Sinatra: Ja. Es ist fürchterlich und in meinem Fall auch absolut falsch. Ich hatte in meiner Karriere mehr als 20 Hits, darunter den James-Bond-Titelsong "You Only Live Twice". Und ich mühe mich bis heute ab, dieses schreckliche One-Hit-Image zu korrigieren.
SPIEGEL: Der Songwriter Lee Hazlewood, der unter anderem "These Boots Are Made for Walkin'" verfasst hat, prahlt heute gern mit der Zweideutigkeit der Texte Ihrer vermeintlich harmlosen Popsongs. Hatten Sie eine Ahnung, was Sie da singen?
Sinatra: Ich verstehe manche seiner Texte bis heute nicht. Aber ich habe mir erklären lassen, dass es da oft um Sex und Drogen ging. Ich war damals total spießig und hatte absolut keine Ahnung von diesen Dingen. Ich hätte in einem Raum voller mit Drogen zugedröhnter Menschen stehen können und hätte keinen Schimmer gehabt, was da vor sich geht. Wahrscheinlich bin ich auch heute noch ziemlich spießig.
SPIEGEL: Haben Sie noch Ihre legendären, absolut unspießigen weißen Stiefel, mit denen Sie oft auftraten?
Sinatra: Ja. Aber ich habe sie rot angemalt und Lampen daraus gebastelt - fürs Büro. INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 47/2004
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