22.11.2004

MUSIKDonnerwetter im Elendsviertel

Kommunen und ARD-Sender wollen Chöre und Orchester auflösen, die Klassikszene reagiert mit schrillem Protest. Doch Deutschland ist immer noch ein philharmonisches Paradies.
Der Deutsche darbt, Deutschland klagt Weh und Ach. Einst gebenedeit, heute gebeutelt, siecht die Republik dahin: Gesundheitsreform, Arbeitslosengeld II, Hartz IV, Agenda null Komma nichts.
Alles schon sehr schlimm: dass Struck über hundert Garnisonen dichtmachen will, dass Karstadt die Quelle versiegt, Opel Sand im Getriebe hat und sogar den Kirchen der Zaster ausgeht. Nichts wie Heulen und Zähneklappern zwischen Aachen und Usedom - ein jammerläppisches Volk in Moll.
Doch wartet ab: Der richtige, der große Ernstfall steht noch aus. Denn jetzt sind Kunst und Kultur dran, und zwar das wahrhaft und wirklich Deutscheste an ihnen, das Ureigene, Echte und Gefühlstiefe in unser aller Wesen: die Musik. Nicht mal sie ist im Lande Bachs und Beethovens noch heilig.
Als jüngst ruchbar wurde, dass den ARD-Sendern nur eine um 21 Cent geringere als die erhoffte Gebührenerhöhung zugestanden werde und diverse Funkhäuser dieses Manko durch Einsparungen bei ihren Orchestern auffangen wollten, verbreitete sich in der Szene blankes Entsetzen.
Bei den Donaueschinger Musiktagen, dem immer noch wichtigsten Treff der Neutöner, stellte sich der Komponist Wolfgang Rihm nach einer Konzertpause demonstrativ vor Musiker und Hörer und rüffelte das Gebaren des Senders: "Wenn Geld fehlt, wird an der Kultur gespart."
Ins gleiche Horn schmetterte am gleichen Ort der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum: "Wir werden kämpfen für das, was wichtig ist in diesem Lande." Mit dem feurigen Elan seiner Brandrede wandte sich der FDP-Politiker auch an Bundespräsident Köhler mit der Bitte um vollen Einsatz. Köhler, so Baum, habe postwendend zugesagt, für die Kultur zu kämpfen. Damit war das Thema ganz oben.
Doch selbst die hoheitlichen Protestnoten erschienen dem alternden Neutöner Karlheinz Stockhausen offenbar zu lasch. In einem offenen Brief an seine "Landsleute" warnte er vor dem banausenhaften Südwestrundfunk, der das sendereigene Vokalensemble Stuttgart auflösen wolle: "Wer die Existenz dieser seltenen Chöre gefährdet", ließ sich der Guru aus dem Bergischen Land vernehmen, sei "ein gemeiner Verbrecher, weil er einen kostbaren Organismus tötet". Sodann brach der Komponist den Stab über sein Vaterland: "Ich bin besorgt, in dieser Zeit in Deutschland zu leben."
Die Turbulenzen in der Schwarzwald-Residenz Donaueschingen schäumten vor allem deshalb richtig auf, weil aus München kurz zuvor Kunde von ungleich dramatischerem
Kaliber gedrungen war: Der Bayerische Rundfunk werde unter dem Druck der verminderten Gebührenerhöhung übernächstes Jahr sein Rundfunkorchester auflösen.
Chefdirigent Marcello Viotti legte sein Amt aus Protest gegen die "radikale Liquidation" und die Entlassung des Orchestermanagers Gernot Rehrl mit sofortiger Wirkung nieder. Er wundere sich, schrieb der verbitterte Kapellmeister, "in welch rasender Geschwindigkeit sich die ,Ethik' des Bayerischen Rundfunks wandeln" könne.
Schließlich vergaloppierte sich Viotti in einer politischen Retrospektive: "Ich kann nicht verhindern", zürnte der Maestro, "Parallelen zu Zeiten zu ziehen, die ich als endgültig vergangen betrachtet habe - Zeiten, in denen man ebenso gnadenlos wie manisch ein Ziel verfolgte, in denen Menschen mundtot gemacht und eingeschüchtert wurden." Mit diesem Paukenschlag hatte der drohende bayerische Orchestertod seine angemessen welthistorische Gewichtung erfahren, und entsprechend heftig war die Resonanz.
Der Münchner Sender, wütete jedenfalls die Deutsche Orchestervereinigung unter gewerkschaftlichem Donnerwetter, sei dabei, das Orchester "auszulöschen"; bei dem "katastrophalen Szenario" werde "kalt liquidiert".
Der drohende Exitus, empörte sich Münchens Opernprinzipal Sir Peter Jonas, treffe die Funkmusiker als eine Art "Geiselnahme": Sie müssten dafür büßen, dass die Politiker die Gebühren kleingerechnet hätten.
"Nach noch lange nicht verkraftetem Pisa-Schock und nach der verkorksten Rechtschreibreform", so verdichtete der Komponist und Dirigent Hans Zender in der "FAZ" die jüngsten Missklänge des Musikbetriebs zu einem semantischen Cluster, sei "das durch das Defizit von 21 Cent monatlich fehlender Gebühr angedrohte Wegkürzen der Rundfunk-Klangkörper der nächste Skandal".
Auch für das gehobene Feuilleton war Deutschland nach alledem nur noch ein sang- und klangloser Schandfleck. Die "Berliner Zeitung" entsetzte sich über das "Orchesterschlachten". Der Münchner "Fall", schrieb die "Welt", sei "sicher in der Musikwelt einmalig". "Sind die Politiker von Sinnen?", fragte entgeistert die "Süddeutsche Zeitung" und beschwor nach dem "sinnlos unwürdigen Akt der Barbarei" bereits die definitive "Klassik-Apokalypse".
Nun mal halblang. Um was geht es denn? In Berlin und in München haben die Kommunen jeweils ihren Symphonikern, also zwei rechtschaffenen Klangkörpern zweiter Wahl, die Subventionen gestrichen. Damit sind beide Orchester praktisch am Ende. Auch die Hamburger Symphoniker haben mangels ausreichender Zuschüsse nur mit Mühe ihr Überleben gesichert. In Berlin, so
steht zu fürchten, wird möglicherweise 2005 ein weiterer Klangkörper dran glauben müssen. Schade, klar, ein harter Schlag für die Betroffenen und ein herber Verlust für das Publikum.
Das, keine Frage, gilt auch für die 36 Mitglieder des SWR Vokalensembles Stuttgart und die 71 Musiker des BR-Rundfunkorchesters. Und selbstredend ist es nicht eben gemütlich und beruhigend für deren Kollegen, wenn über die Existenz der Orchester von Stuttgart und Baden-Baden/Freiburg schon mal nachgedacht und über eine Fusion der Klangkörper in den Funkhäusern Saarbrücken und Kaiserslautern getuschelt wird. Alles komme auf den Prüfstand, lautet das toxische Versprechen in den Sendern.
Klar, wen immer es bei diesen Gelegenheiten trifft, dem stinkt es. Und es stimmt auch, dass die Aktivitäten der Kulturszene vielerorts immer noch als - mehr oder weniger entbehrliche - Accessoires der spätbürgerlichen Wohlstandsgesellschaft betrachtet werden. Bei den "Eroicas" und "Aidas", dröhnt es von vielen Stammtischen, könne gut und gern gespart und gestrichen werden.
Tatsächlich ist nicht auszuschließen, dass bei den Orchestern, immerhin den teuersten Kollektiven des Kulturbetriebs, noch manches Opfer fällig wird. Aber was sich die Kulturträger und Kämmerer in den Rat- und den Funkhäusern auch immer an Streicheinheiten noch einfallen lassen mögen - eine Brache der Musik, gar das Elendsviertel der Tonkunst ist Deutschland deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil: blühende Landschaften, so weit die Ohren reichen.
Der Deutsche Bühnenverein zählt in einer druckfrischen Studie zur Lage der Tonkunst 92 Orchester in deutschen Opernhäusern und 31 Ensembles, die ausschließlich oder überwiegend Konzerte geben. Dazu kommen 10 Sinfonieorchester, 4 Rundfunkorchester und 4 Big Bands, die bei den ARD-Sendern unter Vertrag sind und die Anstalten auf rund 150 Millionen Euro jährliche Personalkosten treiben. Insgesamt haben in der Bundesrepublik über 10 000 Musiker hauptberuflich mit klingendem Spiel zu tun. Kein Land der Welt leistet sich eine ähnlich luxuriöse Dichte qualifizierter Klangkörper.
Spitzenensembles wie die Berliner oder die Münchner Philharmoniker haben Jahresetats von bis zu 30 Millionen Euro, ihre Mitglieder werden entsprechend großzügig entlohnt. Dagegen sind Musiker, die bei den Kollektiven von - sagen wir - Hilchenbach oder Pirna/Riesa ihr Brot finden, kaum auf Rosen gebettet; halbwegs anständig bezahlt werden aber auch sie.
Darben muss jedenfalls keiner, der in einem deutschen Kulturorchester Dienst tut: Die soziale Hängematte zur existenziellen Absicherung von Geigern und Bläsern ist so tricky gehäkelt wie alle Wohlfahrt im Öffentlichen Dienst.
Zur Grundvergütung, so sieht es der "Tarifvertrag für die Musiker in Kulturorchestern" vor, summieren sich Ortszuschlag, "Instrumentengeld", häufig auch noch Tätigkeitszulage und besondere Vergütungen zu einem stattlichen Knäuel von Extras. In der Vergangenheit, bilanzierte DeutschlandRadio-Intendant Ernst Elitz, hätten sich die Orchester Vorteile erkämpft, "von denen die IG Metall in ihren besten Steinkühler-Tagen nur träumen konnte".
Der Berliner "Tagesspiegel" giftete, die Tarifverträge läsen sich "wie ein Auszug aus den allgemeinen Geschäftsbedingungen des Schlaraffenlandes". Da würden "Fräcke vom Staat finanziert", da gebe es "Geld für die ,Abnutzung' der Instrumente", und "zum Arbeitsbeginn nach den Ferien" werde "ein ,Einspieltag' gewährt".
Ob solcher Wonnen prangerte Staatsministerin Christina Weiss, die Kulturbeauftragte der Bundesregierung, das - nur geringfügig verrutschte - Bild von der "weltfremden Verwöhnlandschaft" an, in deren Wellness-Oasen sich die deutschen Musiker tummelten. Seit vorigem Monat feilschen der Deutsche Bühnenverein und die Orchestervereinigung nun um eine Kosten senkende Reform des Tarifsystems und damit, langfristig gesehen, um eine Art Arbeitsplatzgarantie in den Orchestergräben.
Danach sollen in Zukunft endlich auch bei deutschen Klangkörpern befristete Arbeitsverträge ohne Probleme möglich sein; festgeschrieben werden soll eine "Ausdehnung der Mitwirkungspflicht" für den einzelnen Musiker; die "Nichtanrechnung von Reisediensten auf die Höchstbelastungsgrenzen" wird zumindest zur Debatte gestellt, und die Streichung der Beihilfen könnte vielleicht einmal vorsichtig angedacht werden. Aber alles dolce und ganz piano, bitte. KLAUS UMBACH
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 48/2004
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