21.04.1997

SCHWIMMEN„Einfach nur ich selbst sein“

Franziska van Almsick hat ihr Leben neu geordnet. Das Glamour-Girl hat ausgedient, nüchtern verfolgt sie nur noch ein Ziel: die Goldmedaille bei Olympia 2000.
Am Frankfurter Tor steht die Ampel auf Rot. Das ist ungünstig, weil Franziska van Almsick, 19, die Danziger Straße herunter gerade so schön in Schwung war.
Als sei eine der Plakatwände lebendig geworden, auf denen der Opel-Konzern die Sportlerin für seine Autos werben läßt, steht die Berlinerin an der Kreuzung: grün der Tigra, weiß das T-Shirt und braun ihr Teint. Das Handy liegt griffbereit auf dem Beifahrersitz, durchs offene Schiebedach wummern Bässe hinaus in die Straßen von Berlin-Friedrichshain. Als es grün wird, biegt Franziska in die Karl-Marx-Allee, fädelt sich ganz links ein und gibt Gas. Am Strausberger Platz hat sie den zuckeligen Mittagsverkehr abgehängt, den Block bis zum Alexanderplatz nimmt sie mit 86 km/h. Ein Mädchen auf der Überholspur?
Zumindest eines, das jetzt Richtung und Tempo selbst bestimmt. Van Almsick hat das Gymnasium abgebrochen, den Trainer gefeuert, mit dem Lebensgefährten Steffen Zesner eine eigene Wohnung eingerichtet und sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie sagt, "erwachsen geworden" zu sein. Das fremdgesteuerte Leben soll ein Ende haben: "Ich will mir nicht mehr reinreden lassen."
Die neue Eigenständigkeit ist das Resultat der größten Niederlage ihrer Karriere.
In Atlanta war sie im vergangenen Sommer angetreten, olympisches Gold zu gewinnen. Endlich sollte sich das mit 14 Millionen Mark Werbehonoraren gespickte Beauty sportlich bedanken für die Zuwendung, die ihm zuvor in bisweilen hysterischen Zeiten zuteil wurde und der es zunehmend zickiger begegnete. Doch als Franziska anschlug im Finale über 200 Meter Freistil, war sie, wie die Süddeutsche Zeitung formulierte, "41 hundertstel Sekunden zu spät gekommen, um vier Jahren einen Sinn zu geben". Das Silber, das sie immerhin errang, hatte keinen Wert: In der öffentlichen Wahrnehmung war die ehemals kesse Berliner Göre eine bleierne Ente geworden.
Im nachhinein sieht Franziska van Almsick im Debakel von Atlanta "so etwas wie einen Glücksfall". Statt vom Leistungssport zurückzutreten, rang sie sich zu einem neuen Anfang durch: "Denn ich habe aus der Pleite dort jede Menge gelernt."
So trennte sie sich von ihrem altgedienten Trainer Dieter Lindemann, der Fran- ziska als Zwölfjährige in seine Obhut genommen hatte, deren Älterwerden er aber nie berücksichtigte.
Statt der Schwimmerin etwa bei der Wettkampf- und Trainingsgestaltung Mitsprache einzuräumen,war dem Coach vor allem daran gelegen, selbst im Rampenlicht zu stehen.Wenige Monate vor Atlanta hatte Lindemann seinen Schützling noch zu einem Wettbewerb nach Rio getrieben, wo sich eine formschwache Franziska van Almsick prompt blamierte. Der Trainer genoß derweil die touristischen Reize am Zuckerhut.
Bei der Wahl des Nachfolgers, sagt die Weltmeisterin, "habe ich vor allem eine menschliche Beziehung gesucht". Gerd Eßer, der Neue, ist ihr ehemaliger Sportlehrer aus der Schule in Berlin-Hohenschönhausen.
Ein Mann, der sie bei einem Termin in Südafrika "einfach mal so" anruft, um zu fragen, ob es ihr in der Frem- de gutgehe. "So was kannte ich noch nicht", sagt sie, "da bin ich gleich ein paar Kilometer mehr geschwommen."
Wenn Franziska van Almsick solche Episoden erzählt, spricht sie gelassen, mit klarem Blick.Wenn früher ihre Augen im Gespräch wild umherirrten und die Gedanken konfus mitsprangen, ist sie heute zur Selbstreflektion fähig. Sie erlebt, wie angenehm es ist, nicht ständig rotzig zu sein. Ungerührt nimmt sie davon Notiz,wenn die Medien in der Hamburgerin Sandra Völker, Silber- und Bronzemedaillengewinnerin von Atlanta, ein neues Schwimm- Girl feiern. Oder wenn die Bild-Zeitung ihr einstiges Lieblingskind nun als "aufgedunsen" beschreibt. Da zuckt sie die Schultern: "Kümmert mich nicht mehr." Und nichts an ihrer Haltung verrät, ob der Gleichmut nur gespielt ist.
So geduldig sie auf einem Schwimmfest in Dillenburg Autogramme schreibt, so selbstverständlich nimmt sie in einem Hamburger Kindergarten die Fünfjährigen auf den Schoß. Früher hätten ihre Mundwinkel deutlich signalisiert, was sie davon hält, im Auftrag eines Werbepartners den frühen Morgen mit Vorschulkids zu verbringen; früher hätte sie dem Wunsch der Fotografen, ihre 1,80 Meter in einen Bollerwagen zu falten, mit saurer Miene entsprochen.
Heute lehnt sie das Ansinnen offensiv und freundlich ab: "Da passe ich doch wirklich nicht mehr rein."
Daß ihr die öffentlichen Auftritte etwas leichter fallen, ist freilich auch eine Frage des Quantums. Als Lehre aus dem Scheitern bei Olympia reduzierte ihr Management die Sponsorentermine auf ein Minimum. Zudem wurden zuletzt 30 Anfragen diverser TV-Stationen abschlägig beschieden, nur einmal, auf Alfred Bioleks "Boulevard", zeigte sich Franziska van Almsick als nachdenkliche junge Frau, die vieles ernster sehe: "Ich bin scheuer geworden."
Galt sie den Werbern der Frankfurter Agentur Lowe in den Jahren ihres Aufstiegs als "aufgeschlossen, frech, null angepaßt einfach genial", so hatte Everybody s darling den Bogen im Vorjahr offenbar überspannt. "Sie war zerrissen", urteilt Manager Werner Köster.
Übel war dem Publikum aufgestoßen, wie sie 1994 bei der Weltmeisterschaft in Rom oder 1995 bei der Europameisterschaft in Wien mit einer Mischung aus Unsicherheit und Unschlagbarkeitsgefühl ihre Chancen schon in den Vorläufen verschleuderte. In Anspielung auf den Milka- Werbevertrag höhnten die Kollegen der Nationalmannschaft: "Die lila Kuh hat Rinderwahn." Daß junge Menschen in ihrer Entwicklung des öfteren Brüche erleben und Niederlagen erleiden, ist zwar so erschreckend nicht nur beim Produkt Franzi war es nicht vorgesehen. Sie hatte immer schön, schnell und spontan zu sein. "Der Rolle war ich nicht gewachsen", sagt sie.
Die Eckdaten ihrer heutigen Rolle liegen quasi gebündelt neben ihr in einem Terminplaner, der überquillt wie beim Topmanager einer Berliner Großbaustelle.
Hektisch sei ihr Leben immer noch zwischen Training, den Sprachkursen für Italienisch und Englisch und dem Aufbau des eigenen Haushaltes. Doch jetzt genießt sie ihren neuen Status, den sie etwas diffus definiert: "Einfach nur ich selbst sein."
Dazu gehört auch der Entschluß, die Schule zwei Jahre vor dem Abitur gegen familiären Widerstand zu verlassen. Den Versuch, mit den täglichen U-Bahn-Fahrten ins Gymnasium trotz allen Starrummels ein wenig Normalität zu bewahren, hat sie für gescheitert erklärt: "Lernen und trainieren ist nicht zu vereinbaren."
Die Vorwürfe der Berliner Schulsenatorin, Franzi verletze ihre Vorbildfunktion, lassen die Gescholtene unberührt. Ein von der SPD-Politikerin erbetenes Gespräch natürlich mit anschließender Pressekonferenz lehnte sie ab: "Ich brauche mich nicht mehr zu rechtfertigen."
Ihr Ziel, so hat sie beschlossen, sei eh nicht wie einst die bürgerliche Wohlanständigkeit einer Tierärztin.
Als Vorbild eines künftigen Lebensentwurfs nennt sie Boris Becker, der erhaben über den Dingen stehe und alles unter Kontrolle habe.
Mit ihm verbindet sie auch der Antrieb, die Sportkarriere fortzusetzen: So wie Becker davon träumt, ein letztes Mal Wimbledon zu gewinnen, glaubt Franziska van Almsick sich noch einen Höhepunkt schuldig zu sein.
Deshalb ignorierte sie die Kurzbahn-Weltmeisterschaft am vergangenen Wochenende, deshalb will sie bei den im August in Sevilla folgenden Europatitelkämpfen - wenn überhaupt - nur in der Staffel starten. Selbst die Weltmeisterschaft Anfang 1998 im australischen Perth sieht sie als Zwischenstation.
Wirkliche Bedeutung haben für sie nur die Olympischen Spiele 2000 in Sydney. Dort will sie jene Goldmedaille gewinnen, die ihr aus ihrer Sicht zum Aufstieg ins Pantheon deutscher Sporthelden fehlt: "Ich weiß, daß ich noch einmal in die Form meines Lebens kommen kann."
* Im August 1996 in Atlanta mit ihrem Lebensgefährten, dem Nationalmannschaftskollegen Steffen Zesner.

DER SPIEGEL 17/1997
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