29.11.2004

NAPOLEON„Der Vater Europas“

Den 200. Jahrestag der Kaiserkrönung ihres legendären Feldherrn begehen die Franzosen mit einer Flut geschichtsstolzer Gedenkveranstaltungen. Sie huldigen nicht nur dem Retter revolutionärer Ideale, sondern feiern auch den Mann, der von einem geeinten Kontinent träumte.
An jenem Morgen des 2. Dezember 1804, dem 11. Frimaire des Jahres XIII nach dem damals noch gültigen revolutionären Kalender, trieb ein eisiger Wind Schneeflocken durch die Straßen der französischen Hauptstadt. Die ersten Gäste hatten sich bereits um sechs Uhr auf den Weg zur Kathedrale von Notre-Dame gemacht. Dort waren die Kulissenschieber noch in einem chaotischen Wirrwarr mit den letzten Vorbereitungen für die Zeremonie beschäftigt, die nach dem Willen des neuen Herrschers einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen sollte.
Trotz des abschreckenden Wetters war ganz Paris auf den Beinen, an die 500 000 Schaulustige - ungefähr die gesamte Bevölkerung - drängten sich in den Straßen vor den Tuilerien am Louvre vorbei bis Notre-Dame. Pfiffige Anwohner hatten Fensterplätze und Balkone zu horrenden Preisen vermietet, bis zu 800 Francs wurden verlangt, wie ein Polizeibericht empört festhielt. Die Menge blieb ruhig, die Neugier schien größer als die Begeisterung.
Um neun Uhr verließ als Erster Papst Pius VII. seine Räume in den Tuilerien. Seiner Kutsche unter militärischer Eskorte ritt nach gewohnter Sitte ein Nuntius voraus - auf einer Eselin, was die Zuschauer zu Gelächter und Hohnrufen
animierte. Das revolutionäre Volk von Paris zeigte kein Verständnis für klerikale Demutsgesten.
In der Kathedrale nahm der Heilige Vater unter den Klängen von "Tu es Petrus" auf seinem Thron Platz und begann zu beten, unterstützt von 150 hohen geistlichen Würdenträgern. Auf eigens errichteten Tribünen im Kirchenschiff verharrten die 30 000 Geladenen regungslos, wie in der Kälte erstarrt. Marschälle, Diplomaten, Senatoren, Tribune, Abgeordnete, Staatsräte, Präfekten und Bürgermeister, hohe Staatsbeamte aus dem ganzen Land, warteten auf die Ankunft des kaiserlichen Paars.
Es dauerte noch zwei Stunden, bis Napoleon und Joséphine endlich in einem langen Zug von Karossen und Kutschen eintrafen. Draußen brach die Menge in Hochrufe aus, die Glocken läuteten ununterbrochen, und nach den Berichten der Augenzeugen schimmerte in diesem Augenblick sogar die Sonne durch. Die Krönung, die Frankreich und ganz Europa verwandeln sollte, konnte beginnen.
Zehn Jahre zuvor hätte sich kein Zeitgenosse der letzten Jahre des Ancien Régime und der Schreckensherrschaft nach der Revolution diesen Staatsakt von einmaliger Symbolkraft vorstellen können. Napoleon war gerade 35 Jahre alt. Allen Beteiligten war klar, dass eine neue Periode der Geschichte begann. Bonaparte, der kleine Korporal der Revolution, hatte sich zu ihrem letzten Vollstrecker gemacht - indem er ihre Errungenschaften und ihre Schwungkraft zugleich verwandelte und erhielt.
Die Kaiserkrönung, "le sacre", ist zweifellos eines der magischen Daten der französischen Geschichte geblieben. Zum 200. Jahrestag an diesem Donnerstag gedenkt die Grande Nation des unauslöschlichen Ereignisses mit einer Fülle von Ausstellungen, Kolloquien und Neuerscheinungen, darunter zahllosen Pracht- und Bildbänden. Nur einen offiziellen Staatsakt darf sich die Republik nicht leisten.
Doch die Faszination, die Napoleon ausstrahlt, ist ungebrochen. "Nein, er hört nicht auf, uns zum Träumen zu bringen", konstatiert der Historiker Jean Tulard, Ehrenpräsident des Institut Napoléon und eine der größten Fachautoritäten zur Kaiser-Saga. Seine Kollegin Natalie Petiteau von der Universität Poitiers bestätigt: "Frankreich liebt es, seinen Ruhm und seine Größe zu betrachten" - die ihm heute so schmerzlich fehlen.
Schon der einmalige korsische Name: Napoleon. Hätte er Pierre oder Paul oder Jacques geheißen, wäre die Wirkung dann noch dieselbe gewesen?
Wie nur Jeanne d''Arc vor ihm und Charles de Gaulle nach ihm ist Napoleon in die französische politische Mythologie eingegangen, wo er heller strahlt als selbst der große Sonnenkönig Ludwig XIV. Denn Napoleon, so Tulard, ist der "Archetyp der Retter der Nation, die Frankreichs Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert durchziehen".
Dreimal salbte der Papst das kaiserliche Paar. Die beiden, obwohl schon seit dem 9. März 1796 verheiratet, hatten sich noch in der Nacht zuvor überstürzt kirchlich trauen lassen - der Papst hätte sonst seine Teilnahme an der Krönungszeremonie verweigert. Vor der neuen Staatsräson stieß der Laizismus der Revolution und der Republik an seine Grenzen.
In seinem hermelinbesetzten Mantel aus purpurnem Samt, ausgestattet mit Zepter, Prunkschwert und goldenem Globus, der den universalen Anspruch seiner neuen Herrschaft bekräftigen sollte, wirkte Napoleon seltsam unsicher und steif, als drückte ihn die eigene Würde nieder.
Den eigentlichen Krönungsakt hat der Hofmaler Jacques-Louis David auf seinem
kolossalen, über sechs mal neun Meter großen Gemälde festgehalten, das heute im Louvre genauso viele Betrachter anzieht wie die Mona Lisa: Nachdem sich Napoleon eigenhändig den Lorbeerkranz - Erinnerung an die großen Feldherren der Antike - auf die Stirn gesetzt hatte, drückte er Joséphine, die vor ihm auf einem Kissen niederkniete, die Krone hinter dem funkelnden Diadem ins Haar. Pius VII. umarmte den Kaiser und verkündete feierlich: "Vivat Imperator in aeternum."
Dem aufmerksamen Polizeiminister Fouché war nicht entgangen, dass bei aller Entfaltung von Pracht und Herrlichkeit eine gewisse Beklemmung über den Versammelten lag. Würde das neue Regime wirklich nach den Wirren der Revolution die Stabilität bringen, die sich vor allem das Bürgertum so dringlich wünschte? War die Krönung nicht auch ein Akt des Verrats an der Republik und ihren noch jungen, ungefestigten Prinzipien? Begab sich die Grande Nation, die ihre Ideale schon in weite Teile Europas getragen hatte, nach der Befreiung vom königlichen Absolutismus in die Hand eines neuen Despoten?
Im fernen Wien zerriss Ludwig van Beethoven die Widmung an den Ersten Konsul Bonaparte, die er voller Bewunderung für den jungen General und Reformer seiner 3. Sinfonie, der "Eroica", vorangestellt hatte. Und auch in Frankreich schockierte die Wiedereinführung der Erbmonarchie in männlicher Linie viele alte Revolutionäre und Weggefährten.
Der neue Kaiser jedenfalls wusste genau, dass er einige Sicherungen zur Beschwichtigung der Republikaner in sein neues imperiales Hoheitssystem einfügen musste. Dass er sich die Krone selbst aufsetzte, war keineswegs Ausdruck der Arroganz und Selbstüberschätzung, sondern eine wohlüberlegte, kalkulierte und protokollarisch abgestimmte Geste, mit der vor aller Augen die Ablehnung des Gottesgnadentums bekräftigt werden sollte.
Der Papst erkannte den Affront. Indigniert zog sich Pius VII. in die Sakristei von Notre-Dame zurück, um nicht den höchst weltlichen Eid mit anhören zu müssen, den der frisch gekürte Imperator leistete - als unerlässliches Gegengewicht zu seiner Machtfülle, als Versöhnung von Thron und Revolution. "Ich schwöre", erklärte der Kaiser in der Kathedrale zum Abschluss der Feier, "die Gleichheit vor dem Gesetz, die politische und bürgerliche Freiheit zu respektieren und dafür zu sorgen, dass dies alles respektiert wird, Steuern nur kraft Gesetz zu erheben und nur unter dem Gesichtspunkt des Interesses, des Glücks und des Ruhmes des französischen Volkes zu herrschen."
Die Formel schmiedete die heilige Allianz zwischen Napoleon und den neuen Notabeln, welche die Republik hervorgebracht hatte. Der Eid bestätigte und band Napoleon als "gekrönten Vertreter der siegreichen Revolution" - ein Paradox, das wohl nur ein energiegeladener Emporkömmling wie der kleine Korse in sich aus-
gleichen konnte. Er verpflichtete sich, den Interessen der aufstrebenden Bourgeoisie zu dienen, die von der Abschaffung der feudalen Privilegien sowie vom Verkauf des Kirchen- und Adelsbesitzes kräftig profitiert hatte. Gut 100 000 neue Grundbesitzer waren in Frankreich entstanden, wohlhabende Bauern und Bürger, deren frisches Vermögen vom Code civil, dem neu erlassenen Bürgerlichen Gesetzbuch, als unverletzlich garantiert werden musste.
Darauf beruhte der Pakt zwischen dem Kaiser und den neuen Eliten; beide verband ein gemeinsames Interesse der Aufsteiger. Napoleon empfahl sich als Garant gegen die Rückkehr und die Restitutionsansprüche des alten Erbadels, aber auch als Bollwerk gegen den Radikalismus von Jakobinern und Sansculotten - Proletarier sagte man damals noch nicht -, die am liebsten die permanente Revolution weitergetrieben hätten. "Ich regiere nicht mit dem Pöbel", pflegte Napoleon zu sagen, wenn er in Versuchung geriet, die Volksmassen zu mobilisieren. Der Eroberer, der geniale Feldherr, der Modernisierer und Neugestalter Europas trat zuallererst als Bürger-Kaiser und nationaler Befreier auf; darin lag die Kraft seines Reformismus, aber auch die Grenze seiner politischen Vision. "Er erschien als der Mann", schrieb Balzac, "der den Besitz der Nationalgüter garantiert, seine Krönung wurde als Bestätigung dieser Ideen verstanden."
Schon einen Monat vor dem politischen und sakralen Akt in Notre-Dame hatte Napoleon das Prinzip der Erbmonarchie in einer Volksabstimmung billigen lassen. Das Instrument des Plebiszits ist - bis heute - in Frankreich das demokratische Bindeglied zwischen der Nation und einem starken Führer. Das Ergebnis wurde am 6. November 1804 bekannt gegeben: 3 572 329 Ja-Stimmen gegen 2569 Nein-Stimmen. Manche Gemeinden meldeten ein einhelliges Votum fürs Ja. Volksdichter reimten nach Herzenslust halb fröhlich, halb warnend: "Neuer Cäsar, regiere über das neue Rom, aber vergiss niemals, dass ein Kaiser ein Mensch ist."
Das neue Rom, das war das Stichwort, der universalistische Anspruch, der Napoleon
von den traditionellen Herrschern Europas unterschied. Er sah sich in der Nachfolge Karls des Großen, der in seinem karolingischen Reich Europa diesseits und jenseits des Rheins vereinigte - des einzigen Kaisers, den Franzosen und Deutsche gleichermaßen für sich vereinnahmen können. "Ich bin Charlemagne", behauptete Napoleon.
Aus der alten Kaiserstadt Aachen ließ er Reliquien nach Paris überführen, in Aachen akklamierten ihm die rheinischen Fürsten, an Aachen hatte er zeitweilig sogar als Stätte für seine eigene Krönung gedacht.
Für die Zeremonie in Notre-Dame lieferte zumindest teilweise die Kaiserweihe Karls des Großen am 25. Dezember 800 in Rom die Vorlage - mitsamt Krone, Schwert, Zepter, Reichsapfel und Richterhand. Die Zusammenbindung von Frankreich, Italien und Deutschland zu einem neuen römischkarolingischen Imperium, gestützt auf die modernen Institutionen der Republik, blieb Napoleons Initialtraum. Preußen und Österreich mussten dafür nach Osten zurückgedrängt werden.
In diese politische Konzeption gehört deshalb auch, dass Napoleon dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das fast tausend Jahre lang bestanden hatte, den Todesstoß versetzte. Er zwang den
Habsburger Kaiser Franz II. 1806, die Reichskrone niederzulegen. Nach der Niederlage von Austerlitz war sie nur noch Fiktion. In Deutschland wurde dieser Zusammenbruch eher desinteressiert zur Kenntnis genommen.
Nietzsche sah in Napoleon den "vollkommenen Europäer, den Heroen jenseits von Gut und Böse", Schopenhauer bezeichnete ihn als den "schönsten Ausdruck des menschlichen Willens". Und Hegel, der nach der Schlacht von Jena den Kaiser als "Weltgeist zu Pferde" erblickte, schrieb, am Vorbild Napoleon orientiert: "Eines Tages wird Deutschland durch die Macht eines Eroberers in einer Masse vereint sein."
Die Polen erwähnten Bonaparte gar in ihrer neuen Nationalhymne nach der Unabhängigkeit 1918. Napoleon sah sich selbst durchaus als Stifter einer neuen europäischen Ordnung. Zwischen Paris, Rom und Hamburg, meinte er, gebe es keine spürbaren Unterschiede. Er wollte den Kontinent in einer Staaten-Föderation vereinigen, einen einheitlichen Raum schaffen, mit gleichem Recht, einem Europäischen Gerichtshof, einer gemeinsamen Währung, freiem Waren- und Personenverkehr. "Jeder Reisende", so der Kaiser, "soll sich in Europa zu Hause fühlen, ganz gleich, wo er sich aufhält."
Napoleon sei mit Schwert und Gesetzbuch einer der Vorläufer des modernen Europa gewesen, urteilt der Spezialist Tulard, der in einem Vortrag kürzlich sogar die Behauptung wagte: "Ja, Napoleon ist der Vater Europas gewesen!" England allerdings,
diese "Nation von Händlern und Krämern", wollte der Kaiser, wie später de Gaulle, auf keinen Fall in dieses Europa aufnehmen. Natürlich schwebte ihm ein vereinigtes Europa nach französischem Vorbild und wohl auch unter französischer Hegemonie vor: "Die vereinigten Länder, von den Säulen des Herakles bis nach Kamtschatka, müssen nach den Gesetzen Frankreichs regiert werden." Und: "Eines schönen Morgens, davon bin ich überzeugt, wird das westliche Kaiserreich wieder auferstehen, weil die ermüdeten Völker sich freudig unter die Herrschaft der am besten regierten Nation begeben werden."
Vom heutigen Konzept einer politischen Union gleichberechtigter Staaten mit gemeinsamer Verfassung war diese Vorstellung weit entfernt, aber die Idee der Vereinigten Staaten von Europa wurde doch schon im Kern erkennbar. Alle Nationen des alten Kontinents sollten Schwestern werden, geschart um das Mutterland der Menschenrechte und der Freiheit.
Über Napoleon sind auf der ganzen Welt, bis hin nach China und Japan, mehr Bücher erschienen, als Tage seit seinem Tod am 5. Mai 1821 in englischer Gefangenschaft auf der nebligen Atlantik-Insel St. Helena verstrichen. Er ist einer der größten Kinohelden aller Zeiten; der erste Streifen wurde 1897 gedreht; die göttliche Greta Garbo spielte 1937 die polnische Geliebte Maria Walewska. Die Nazis missbrauchten Napoleon noch 1945 für das Durchhalte-Epos "Kolberg" des berüchtigten Regisseurs Veit Harlan mit Heinrich George in einer Hauptrolle.
Hitler verharrte 1940 bei seinem einzigen Blitzbesuch im eroberten Paris gebannt vor dem Grabmal des Kaisers im Invalidendom. In dem monumentalen Sarkophag aus rotem Porphyr, einem Werk des Architekten Visconti, ruhen die Überreste Napoleons in fünf ineinander gefügten Särgen. Kreisförmig drum herum sind die glorreichen Siege eingraviert: Rivoli, die Pyramiden, Marengo, Austerlitz, Jena, Wagram, Friedland, Moskwa.
Aber auch die Erinnerung an die zivilen Leistungen schmücken das Rund der Krypta: Befriedung der Nation, Zentralisierung der Verwaltung, Staatsrat, Code civil, Konkordat, Universität, Rechnungshof, Handels- und Gewerberecht, öffentliche Arbeiten wie der Straßenbau, Ehrenlegion.
Als Winston Churchill, immerhin politischer Nachfahre so erbitterter Napoleon-Bekämpfer wie Pitt, Fox und Castlereagh, sich nach der Befreiung von Paris im Invalidendom gemeinsam mit de Gaulle vor dem Grab des Weltkrieg-I-Marschalls Ferdinand Foch verneigte, wandte er sich auch Napoleons Sarg zu und sagte ehrfürchtig zu seinem Waffengefährten: "Es gibt nichts Größeres auf dieser Welt."
De Gaulle, selbst nicht frei von Anflügen der Hybris, des Verhängnisses aller Heldenfiguren, teilte diese Meinung nicht ganz. Als kundiger Militärhistoriker bewunderte er das strategische Genie Napoleons: "Die Feldzüge Napoleons sind für die Fachleute unsterbliche Vorbilder von Konzeptionen erhabener Einfachheit, von genauester Vorbereitung, wo nichts dem Zufall überlassen wird, von Ausführung des Geplanten mit einer gewaltigen Kraft, das Ganze umgeben von Prestige, Autorität und Energie, die dem Kaiser den Ruf eines Fabelwesens verschafft haben."
Aber am Politiker Napoleon bemängelte de Gaulle, dass er die Grenzen des Möglichen überschritt, dass er von Schlacht zu Schlacht, von Sieg zu Sieg eilte - bis zur finalen Niederlage bei Waterloo. Allerdings war die atemberaubende Größe des Sturzes der des Aufstiegs durchaus ebenbürtig: "Er hat es verstanden", zog der General eine Parallele zu sich selbst, "Frankreich eine gemeinsame Seele zu geben."
Dieser bleibende Glanz Napoleons scheint keineswegs selbstverständlich. Denn der Kaiser war ja nicht nur der Modernisierer, der Einiger Europas, sondern vor allem der Kriegsherr, der zwischen 1800 und 1815 hunderttausendfachen Tod und großes Leid über Europa brachte.
Es ist nicht ganz einfach, die Zahl der Opfer zu berechnen, die Napoleons Feldzüge kosteten, und sie in einen angemessenen Vergleich zu setzen. Theoretisch unterlagen alle jungen Männer zwischen 20 und 25 in Frankreich der Wehrpflicht. Doch da die Zahl der potenziellen Rekruten den Bedarf der Armee - zumindest am Anfang - bei weitem überstieg, entschied das Los über die Gezogenen. Bürger, die mindestens 50 Francs an Steuern entrichteten, konnten einen Ersatzmann stellen - zu einem Durchschnittspreis von 2000 Francs.
Das bedeutete: Das wohlhabende Bürgertum kaufte sich frei, die Bauernsöhne stellten das Gros des Heeres. In zehn Jahren wurden im Kaiserreich 2,5 Millionen Wehrpflichtige eingezogen, bei einer Gesamtbevölkerung von 30 Millionen. Die Zahl der Gefallenen dürfte für den gleichen Zeitraum 700 000 bis 800 000 betragen.
Überdies ging Napoleon im Lauf der Jahre immer mehr dazu über, den besiegten Gegnern, aber auch Verbündeten Hilfstruppen abzuverlangen, bis zu einem Viertel der Soldaten gegen Ende des Kaiserreichs. In der Grande Armée vor dem Russland-Feldzug 1812 dienten Männer aus 20 Nationen, ein Sechstel davon stellten allein die Polen. Diese Truppen konnten mit Fug und Recht als die erste europäische Streitmacht der Neuzeit bezeichnet werden.
Auch kosteten die Kriege die Franzosen lange kein Geld: Napoleon ließ die Geschlagenen zahlen, nach Austerlitz musste Österreich beispielsweise die stattliche Summe von acht Millionen in bar entrichten. Die Bürger daheim im friedlichen Frankreich spürten kaum eine Bürde.
Unter der Kontinentalsperre, die Frankreich von der englischen Konkurrenz befreite, blühte die Wirtschaft auf. Auch die annektierten linksrheinischen Gebiete erlebten einen anhaltenden Aufschwung. Das
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf stieg ununterbrochen von 1799 bis 1814. Der 1803 eingeführte Franc germinal behielt seinen Wert sogar bis 1914. Eine moderne Verwaltung, ein leistungsfähigeres Bildungswesen schufen die Basis für eine anhaltende Modernisierung. Napoleons Institutionen existieren zum größten Teil noch im heutigen Frankreich.
So blieb die nationale Opferlast trotz ununterbrochener Kriege lange halbwegs erträglich - bis zum Desaster in Russland 1812. Der Zar hatte gute Gründe, dem französischen Kaiser entgegenzutreten, aber die Feindseligkeiten gingen nicht direkt von ihm aus. Der französische Imperialismus traf das russische Reich in dessen Lebensnerven. Die Bildung des Großherzogtums Warschau unter napoleonischem Schutz kündigte die Wiedergründung des polnischen Königtums an - was Russland um keinen Preis zulassen wollte. Die Annexion der Hansestädte hatte Frankreich die Kontrolle des Seeverkehrs auf der Ostsee ermöglicht. Der russische Handel mit England brach unter der Kontinentalblockade zusammen. Die Russen muckten gegen die Sperre auf, Schmuggel und Sanktionsbrüche nahmen zu.
Da entschloss sich Napoleon, das Problem endgültig zu lösen - mit einem Schwertstreich, wie immer. Es wurde seine fatalste Entscheidung. Marschall Marmont berichtete von der dunklen Vorahnung eines Ministers: "Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen? Der Kaiser ist wahnsinnig, er wird uns alle kopfüber in den Abgrund reißen, und alles wird in einer schrecklichen Katastrophe enden."
Am 24. Juni 1812 überquerte die Grande Armée, 400 000 Mann, die Memel. Nie hatte Europa eine derartige Streitmacht gesehen. Der Zar konnte dem nichts Vergleichbares entgegensetzen. Die Russen wichen aus Angst vor der Niederlage zurück, Napoleon bekam sie nicht zu packen.
Russlands alter Feldmarschall Kutusow bekam den Auftrag, Napoleon den Weg zu verlegen. Endlich hatte der Kaiser Gelegenheit zu seiner Schlacht. Am 7. September 1812 morgens um 5.30 Uhr, als gerade die Sonne aufging, lasen die Offiziere den Regimentern die Proklamation Napoleons vor: "Soldaten, kämpft wie in Austerlitz, in Friedland, und möge noch in fernster Zukunft mit Stolz eure Tapferkeit an diesem Tag erwähnt werden."
Tolstoi hat die Schlacht von Borodino in "Krieg und Frieden" als großen vaterländischen Sieg gefeiert. Die französischen Geschichtsschreiber betrachten den Kampf an der Moskwa als ihren Erfolg. Denn der Weg nach Moskau war nun frei. Doch die russische Armee war nicht vernichtet, dazu hätte Napoleon am Abend der Schlacht die 18 000 Mann seiner Garde einsetzen müssen. Krank, von Fieber geschüttelt, konnte er sich dazu nicht entschließen: "800 Meilen von Frankreich entfernt, riskiert man nicht seine letzte Reserve."
Das Gemetzel war auch so fürchterlich. Die Russen hatten 45 000 Mann verloren, die Franzosen zählten 10 000 Tote und über 14 000 Verletzte; über 40 Generäle der Grande Armée waren gefallen.
Am 14. September rückten die Franzosen in die fast verlassene Stadt mit den goldenen Kuppeln ein. Die meisten Einwohner waren geflohen. Schon am Abend des nächsten Tages brachen die ersten Feuersbrünste aus. Napoleon verstand zuerst nicht, was vor sich ging. Wie hypnotisiert von den Flammen, wiederholte er immer wieder: "All diese Paläste, diese Kirchen! Die Barbaren, die Wilden!"
Der sonst so tatenfreudige Kaiser war wie gelähmt. Vergebens wartete er auf ein Friedensangebot des Zaren Alexander, dieses "Dickkopfs". Wochenlang versank Napoleon in Entschlusslosigkeit. Er lenkte sich ab, diktierte etwa neue Statuten für die Comédie-Française. Am 19. Oktober traten die Reste der Grande Armée den Rückzug an.
Der Übergang über die Beresina ist in das Gedächtnis der Franzosen eingegangen, so wie später Waterloo in den Wortschatz der ganzen Welt. Tausende ertranken in den eisigen Fluten, Tausende blieben am anderen Ufer zurück. Napoleon erlebte wieder einmal, wie schon in Spanien 1808, die neue Form des nationalen
Kriegs, in dem sich Patriotismus mit religiösem Fanatismus mischte, in dem ein ganzes Volk sich gegen den Eindringling erhob. Der Krieg, gedacht als Kräftemessen zwischen Edelleuten, wich einem Konflikt, in dem alle Schläge erlaubt waren und in dem keine Regeln mehr galten.
Am 16. Dezember überquerten nur noch 18 000 Mann die Memel an derselben Stelle, an der die Grande Armée ein halbes Jahr zuvor aufgebrochen war. Napoleon kommandierte eine Gespensterarmee.
In Paris wackelte Napoleons Thron. Ein eher obskurer General namens Malet versuchte einen Putsch, indem er die Nachricht verbreitete, der Kaiser sei ums Leben gekommen. Nacheinander gingen Deutschland und Holland verloren, das Königreich Italien brach zusammen, in Spanien mehrten sich die Niederlagen.
Ende 1813 setzten drei alliierte Armeen unter dem Zaren, dem Kaiser von Österreich und dem König von Preußen über den Rhein. In Deutschland hatte sich das Nationalbewusstsein gegen Frankreich gebildet - Grundlage für eine unnatürliche Erbfeindschaft, die fast anderthalb Jahrhunderte anhielt. Am 31. März 1814 rückten die Verbündeten in Paris ein.
Unter dem Druck seiner Marschälle diktierte und unterschrieb Napoleon die berühmte Urkunde: "Ich liebe Frankreich zu sehr! Ich habe nie etwas anderes als seinen Ruhm gewollt, ich werde nicht für sein Unglück sorgen! Man will, dass ich abdanke. Nun gut, ich werde abdanken!"
Stück für Stück, Etappe für Etappe bildete sich so auch im Niedergang der Mythos weiter. Tränenreich verabschiedete sich der gestürzte Kaiser von den Soldaten seiner alten Garde im Schloss Fontainebleau. "Adieu, meine Kinder! Ich möchte euch alle ans Herz drücken!" Aus den Reihen der Truppe stieg ein Seufzen auf, vermerkte der Unteroffizier Coignet.
Das kaum fassbare Nachspiel, das dann folgte, hätte leicht zur Farce werden können. Nach zehn Monaten als Souverän auf der Mittelmeerinsel Elba landete Napoleon in Golfe-Juan an der Côte d''Azur - er hatte nur 700 Soldaten bei sich -, um sein Reich wiederzuerobern.
Die "Hundert Tage" bis zur letzten Schlacht bei Waterloo trugen endgültig zur Legendenbildung bei. Die Romantik bemächtigte sich seiner Heldenfigur.
Der heutige Innenminister Dominique de Villepin hat über "Les Cent-Jours" ein Werk geschrieben, aus dem unverhohlene Bewunderung klingt. Damit reiht er sich ein in eine lange Liste von Autoren, die einen poetischen Bonapartismus erfanden und dem Mythos ein unsterbliches literarisches Fundament gaben. Victor Hugo und Honoré de Balzac, Alfred de Musset und Alfred de Vigny, Stendhal, Alexandre Dumas und Eugène Sue verwandelten sich in Herolde eines idealisierten Empire.
Mit dem "Mémorial de St. Hélène", das der Graf Las Cases aus seinen Gesprächen mit Napoleon im Exil verfertigte, hatte der abgesetzte und gefangene Kaiser selbst meisterhaft dafür gesorgt, dass er nicht in Vergessenheit geriet. Das elende Ende des Heroen unter kleinlicher britischer Bewachung beflügelte noch einmal die Phantasien und rührte die Gemüter.
In seinem Testament verfügte der Kaiser, "dass meine Überreste an den Ufern der Seine ruhen, inmitten dieses französischen Volkes, das ich so sehr geliebt habe".
Am 15. Dezember 1840 ging der Wunsch in Erfüllung. Victor Hugo hat die Szenerie beschrieben: "Plötzlich feuerten die Kanonen gleichzeitig von drei verschiedenen Punkten des Horizonts. In der Ferne rühren sich die Trommeln. Der Wagen des Kaisers erscheint. Die Sonne, bis zu diesem Augenblick verhüllt, bricht zur gleichen Zeit durch. Die Wirkung ist überwältigend." Noch heute erfasst die Touristen vor dem gewaltigen, leicht kitschigen Sarkophag ein Schauer angesichts so viel verflossener, umstrittener, aber unvergessener Größe. ROMAIN LEICK
* Am 29. Oktober im Festsaal des Kapitols in Rom. * Gemälde von Jean Auguste Dominique Ingres (1806). * Gemälde von Antoine-Jean Gros (1810). * Lithografie von Hippolyte Lalaisse (um 1860).
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 49/2004
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